U SECTION. 1 SHELF. 55 2 ER >= ns a — 1 * 1 a — % & > 15 * A 4 * * £ * 1 a," * — 1 — 4 * f 2 ’ ® > 2 Bi 4 * - * — * A 4 > * K * * 7 Pi | 1 0 1} ER 5 » — * . 4 . a * — * — “ „ „ *. & — N ö V | 74 Bl Ae. , ll, 2 Haile, 0 = % * Die Neckarſeite | der | | | Schwaͤbiſchen Alb, mit Andeutungen uͤber die Donauſeite, eingeſtreuten Romanzen und andern Zugaben. Wegweiſer und Reiſebeſchreibung as von Gufav Schwab | nebſt einem natur⸗hiſtoriſchen Anhang von f Profeſſor D. Schuͤb ler und einer Spezialcharte der Alb. | Stuttgart, in der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 4 8 2 38. ‚ana . ee Tae % N 1 . . i Vorrede. Ueber den Zweck und die Anlage dieſer Schrift habe ich in der Einleitung geſprochen. Hier bleibt mir nur noch uͤbrig zu ſagen, daß alles, was ich von ihr mein nennen kann, ſich auf Naturanſchauung und Poe ſie beſchraͤnkt; das uͤbrige beſteht aus Moſaikarbeit, und ich bin vollkommen zufrieden, wenn der Kenner mein Verfahren hierbei fleißig und umſichtig, und der Wandrer fi dadurch der Mühe uͤberhoben fin— det, eine gute Anzahl Schriftſteller, deren Anga⸗ ben ich ihm zuſammengeſtellt, vor ſeiner Reiſe zu leſen oder nachzuſchlagen. Dieſe find nach alphabes tiſcher Ordnung: Ammermuͤller, Cleß, Conz, Cruſius, Gottſchalk, Hoͤslin, Jaͤger, Memminger, Pfaff, Pfiſter, Rebſtock, Rink, Roͤsler, Sattler, Schnurrer, Schwelin, Stein hofer, Weckherlin, Werfer und manche andere. Oeffentlichen, innigen Dank fuͤr guͤtige Un⸗ terſtuͤtzung und zum Theil ſehr reichliche Beitraͤge ſage ich noch beſonders den Herren S. Boiſſe— rée, G. v. Cotta, Memminger, Seyffer, L. Uhland, in Stuttgart, Schuͤbler, G. \ Märklin und Chr. Wurm, in Tuͤbingen, Mo⸗ ſer und Veeſenmeyer, in Ulm, Dillenins . in Oberbebingen, Buſch in Steingebronn, Pfah⸗ ler in Wieſenſtaig und fuͤr einzelne Notizen manchem wackern und unterrichteten Wirth am Fuße der Alb. Hiermit verbinde ich die dringende Bitte um freundliche Mittheilung von Berichtigungen aller Art, welche ich beſonders an Freunde der Alb richte, die auf derſelben oder in ihrer Naͤhe anſaͤſſig ſind, und welcher mein Werk (wie faſt jedes dieſer Art) ohne Zweifel ſehr beduͤrftig ſeyn wird. Uebrigens uͤbergebe ich, troß der Ueberzeu⸗ gung von der vielfachen Mangelhaftigkeit dieſes Verſuchs, denſelben getroſt allen Freunden des geliebten Vaterlandes, allen, die noch Sinn fuͤr den edelſten und reinſten aller irdiſchen Genuͤſſe haben, fuͤr den Genuß, den uns die Anſchauung der Natur, die Bewundrung des Schoͤpfers, den wir in ihr ahnen, die Erinnerung an die merk wuͤrdigen Menſchen, die einſt in ihr gelebt und auf ſie eingewirkt haben, gewaͤhrt. | Stuttgart, den loten April 1825. Guſtav Schwab. Sn, Allgemeine Bemerkunges 0. 1 Erſter Reiſetag: auf die Lochen „ „ eee Zweiter: Durchs Lautlinger Thal uͤber Ebingen zum Fuße des Hohenzollern 3227 Dritter: Auf Zollern uͤber Belſen, den Farrenberg und die Salmandinger Capelle nach Moͤſſi ngen 141 Vierter: Ueber den Roßberg, Lichtenſtein, Nebelhoͤhle, Achalm nach Reutlingen 3 Fünfter: Ueber Rauh-Sankt-Johann nach Urach. . 85 Sechster: Ueber Hohenneufen durchs Lenninger Thal uͤber die Teck nach Kirchheim r Siebenter: Reiſe ins Neidlinger Thall . 155 Siebenter Abend und achter Reiſetag. Erſte Tour: Ueber Wieſenſtaig und Geißlingen nach Göppingen „ 170 Zweite Paralleltour des ſiebenten Abends. 190 Achter Tag, zweite Tour: Uber Boll und Göppingen nach Hohenſtienf enn „191 Neunter: Ueber den Rechberg nach Heubach auf den Roſen⸗ ſtein nach ſchwaͤb. Gmuͤennd 221 Zehnter: Gmünd und Lorch. Schluß der Albreiſe . 248 VI I. II. III. * V. 70 8 3. 1. BD. 6. 7. 8. 9. An hänge. Seite. Andeutungen uͤber die Donauſeite der Alb. (enthalten das Lau⸗, Lauhert-, Aach⸗, Blau-, Schmichen⸗, Brenz⸗ „„ / Gmuͤnd im Bauernkrieg und den Religionshaͤndeln aus ungedructen und bisher unbekannten Original-Ur⸗ Anden.: we Ueber die Alterthuͤmer der Belſener-Capelle Geognoſtiſches, Mineralogiſches, Botaniſches uͤber die Alb von Prof. D. Schuͤbler in Tuͤbingen Berichtigungen und Zuſaͤg ee rJuꝛIE : ß Romanzen und Lieder, die in dieſen Wegweiſer eingeſtreut ſind. SScn genoß, 20 0 „ Hans Koch von Ellingen 2% Meher (Belſ en) 92 RP: Die Steinlacherin und der Ruſſe ii ichtenſte ens Die Feien des Urſulenberg ess car Lm œh¶ Der Schwur (beim Uracher Waſſerfall) eng Nikod. Friſchlin, v. Juſtinus Kerner, 10, Meizog Uleich vor N-eufen 11. Minnelied von Gottfried v. Neufen 12. Die drei Brüder vom Wielandſtein 18; 14. 15. 16. Sage vom Lenninger Thal aus Hermann v. Sachenheims Mieses eee eee ee Der Bau des Reiſſenſte inne Der Geiſelſtein von Guſt. Hohb ach. Das Wunderbruͤnnlein von demſelben 1). Wilhelm von Rechberg und der paͤbſtliche Legat. * * . 0 — * — 9 * + + — — + 18. Der Klopfer auf Hohbenrehberg . 2 2 0... 269 283 292 302 311 224 227 19. Die Beißwanger Capelle 257 20. Gain Saunterburg zn wre En „ 265 Herausgekommene oder es erſcheinende Alb⸗ anſichten ſind: I. Lithographiſches Werk der Herrn E. Fries und Chr. Riſt. 16 Blaͤtter queer Folio. Subſcript. Preis für das Ganze 8 fl.: 1) Straßberg bei Ebingen. 2) Hohenzollern. 3) Belſener Capelle. 4) Schloß Lichtenſtein. 5) Reutlingen mit der Achalm. 6) Die Veſte Hohenneufen. 7) Stadt und Veſte Urach. 8) Hohenwittlingen im Seeburger Thal. 9) Blau⸗ beuren mit dem Blautopf. 10) Der Wielandſtein im Lenninger⸗ Thal. 11) Der Rauber und die Teck. 12) Der Reiſſenſtein bei Wieſenſtaig. 13) Geislingen mit dem Helfenſtein. 14) Stauf⸗ feneck bei Goͤppingen. 15) Schloß Hohenrechberg nebſt dem Hohenſtaufen. 16) Der Roſenſtein. II. Kupferſtiche von Herrn Hoftupferſtecher Seyffer: 1) Ho⸗ henſtaufen, gr. Imp. Fol. 5 fl. 30 kr. 2) Ruinen des Schloß ſes Roſenſtein (in einer Folge von 6 Anſichten aus Wuͤrtem⸗ berg. Queer 4. zuſammen 1 fl. 36 kr.). Erwartet werden von ebendemſelben: 1) Reiſſenſtein. 2) Lichtenſtein. 3) Reichenſtein. 4) Wart⸗ ſtein. 5) Schilzburg. 6) Wielandſtein. 7) Der Rauber. 8) Der Maͤdchenfelſen. 9) Gutenberg. 10) Urſprung der Lauter. 11) Sulzburg. 12) Teck. 153) Hohengerhauſen. 14) Klingenſtein. III. Kupferſtiche von Herrn Hoftupferſtecher Duttenhofer: Schloß Urach. 1 fl. 36 kr. — Der Waſſerfall bei Urach. 1 fl. 56 fr, VIII IV. 18 lithographirte Blätter, die maleriſchen und romantiſchen V. Anſichten und Ruinen des Lauterthals darſtellend, von Herrn Maler J. P. Grieſinger in Buttenhauſen: Offenhauſen, als Urſprungsort der Lauter; Marbach; das koͤnigliche Jagdſchloß Graveneck; die Ruine von Blankenſtein; Buttenhauſen; die Ruine Hunderſingen; die Ruine Bichishauſen; die Ruine Hohengundelfingen; die Ruine Niedergundelfingen: die Witt⸗ ſtaige; das alte Schloß Derneck; das Schloß Eee die Ruine Maiſenburg; die Ruine Altmannshauſen; die Ruine Reichenſtein; der Waſſerfall bei Laufenmuͤhle; Neuburg; das Kloſter Obermarchthal, der Ort der Muͤndung der Lauter in die Donau. — Der Subſcriptions-Preis fuͤr das ganze Werk in groß Queer⸗Folid iſt, auf fein Papier, 5 fl; colorirt g fl. Jedes Heft von 6 Anſichten, 2 fl. 30 kr; colorirt 3 fl 30 kr.; einzeln 36 kr.; colorirt 1 fl. Kleine Vignetten von faſt allen Hauptpunkten der Alb, beſon⸗ ders zu Stammblaͤttern brauchbar, ſind, ſchwarz und colorirt, bei Herrn Kunſthaͤndler Ebner in Stuttgart (Koͤnigsſtraße bei der Planie) zu haben; wo auch die obigen Artikel zu er⸗ fragen ſind. Allgemeine Bemerkungen. Die nordweſtliche Abdachung der Alb“) gegen den Neckar, ungleich ſchroffer und höher als die ſuͤdoͤſtliche gegen die Do⸗ nau, iſt faſt auf allen hoͤhern Punkten des diſſeitigen Wuͤrtem— bergs ſichtbar, und bildet eine Länge von 30 — 56 Stunden. Sie beginnt für das Auge ſuͤdweſtlich mit den Bergen bei Spaichingen, und zieht ſich nordoͤſtlich herab bis in die Ge— gend von Aalen, und weiter einwaͤrts bis Bopfingen. Aus der Ferne geſehen, hat dieſe Gebirgskette etwas Trauriges und Einfoͤrmiges, vielleicht ſchon darum, weil ſie uns hier die Schattenſeite zukehrt: die ganze ſchroffaufſteigende Berges— wand, ſchwarzblau von der Entfernung gefaͤrbt, bildet am Ho— rizont eine gerade Linie, die nur wenige, kaum über die Bergflaͤche ſich emporhebende Gipfel unterbrechen: dem ver— weilenden Blicke theilt fie ſich bald in eine Menge aneinan⸗ der gereihter Saͤrge, mit welchen hie und da eine Kegelform, noch ſeltner eine Halbkugel wechſelt; kein Fluß am Fuße be= lebt und mildert den Anblick, waldige Huͤgel bilden faſt allent— halben den Vorgrund des Gebirges, bis zum Neckar, der *) Alb, nicht Alp, iſt die Schreibart aller alten Urkunden und Buͤcher, wo dieſes Gebirge genannt iſt. Die erſte Spur des Namens findet ſich bei dem roͤm. Geſchichtſchreiber Vopiſcus, der im Leben des Kaiſers Probus (regierte vom J. 276 — 282 nach Chriſtus) erzaͤhlt, daß dieſer die Deutſchen, die ſich Galliens bemaͤchtigt hatten, und ins roͤmiſche Gebiet einge⸗ drungen waren, geſchlagen und ihre Ueberbleibſel ultra Ni- crum fluvium et Albam (er ſagt nicht Alpes suevicas), uͤber den Neckar und die Alb, zuruͤckgebraͤngt. G. Schwab, ſchwäb. Alb. 1 2 wiederum von Hügeln bedeckt iſt, die hinanſteigend ſich her— waͤrts bald in eine Flaͤche von Feld oder Wald verlieren, je nachdem der Beſchauer einen Standpunkt gewaͤhlt hat. Aber wenn die Luft nicht duͤnſtig, der Horizont an den Bergen blau iſt, und die Abendſonne einen Strahl auf dieſe Ferne wirft, ſo erheitert und belebt ſich bald das Gemaͤlde. Die dunkle Farbe des Gebirgs wird in ein durchſichtiges Blau verklaͤrt, uͤber das der Sonnenſchein eine leichte Roͤthe gießt, in der bald mehr Wechſel der Formen hervortritt, als das Auge früher geahnet. Sie halt uns die reichen Buchenwaͤlder, von welchen dieſe Berge bis zu ihren oberſten Hoͤhen umklei— det ſind, ſchimmernd entgegen, zeigt dem Blicke den Anfang mannigfaltiger Thaͤler, die ſich zwiſchen den mehr und mehr vom ganzen Bergeszug abgelösten Maſſen eroͤffnen, beſcheint, wo die Vorhuͤgel einen Durchblick gewähren, die ſchmucken Staͤdte und Doͤrfer, die uͤppigen Obſtwaͤlder, die ſich am Fuß der Alb hin, und in die Thaͤler bergein ziehn, beglaͤnzt die Kalkfelſen, mit welchen die Höhen uͤberſaͤet find, und vergol- det die wenigen Gipfel des Gebirges, auf welchen ſte uns vorher unbemerkte Schloͤſſer und Burgen zeigt. Bei dieſem letztern Anblicke geſellt ſich nun zu dem lautern Naturintereſſe auch noch das alterthuͤmliche und gefhichtlihe; und wenn dem Betrachtenden hier und dort ein Bauer auf die goldnen Berg— ſpitzen deutend, die Namen Hohenzollern, Achalm, Urach, Neufen, Teck, Hohenſtaufen, Rechberg, Roſenſtein zu nen= nen weiß, fo mag ſeine Phantaſte wohl noch ein zweites Le— ben aus der Vergangenheit uͤber dieſe Bergkette heraufbe— ſchwoͤren, die ſchon von der Gegenwart der Abendfonne fo ſchoͤn belebt vor ſeinem Blicke ſich hebt. 6 Die Schwabenalb. Ich lieg' auf weichem Bette, Auf moofgen Eichengrund, \ Und vor mir Kett' auf Kette * Du feſtes Alpenrund! Ich ſing', ich darf es wagen, Es muß ein Lied entſtehn, Ich brauche nur zu ſagen, Was ich ringsum geſehn. Ganz ferne dort zur Linken, In roſ'gem Abendſchein, Seh' ich ihn duftig winken, Den hohen Roſenſtein. Geſang! voruͤberſchwelle An ſeiner Felſenkluft, Mit leuchtender Kapelle Der fromme Rechberg ruft. Ich ſpend' ihm ein Gebete; Bereitet und erbaut, So ſchau' ich nach der Staͤtte Wo Hohenſtaufen graut. Von Klaͤngen und von Bildern Wird mir da maͤchtig bang, Man fange ſie zu ſchildern Wohl ein Jahrhundert lang. Wer forſcht nach Staufens Preiſe, Mag zu den Truͤmmern gehn, Dort wird mit Geiſterweiſe Ihn ew'ges Lied umwehn. Voruͤber nun an Bergen, Durch manche Namen groß, Die, ein Gefolg von Saͤrgen Umlagern dieſes Schloß. Durch Höhn und Thaͤler flüchtig, Bis zu dem ſcharfen Eck: Dort aber ſteht gewichtig Die herzogliche Teck. Mit Felſen und mit Höhlen Treibt Abendlicht ſein Spiel, Zu ſchaun und zu erzaͤhlen Giebt's hier des Ernſten viel. Man hat dich laſſen ſchleifen, Vergeſſner Waffenſaal! Wie neuerbaut, o Teufen, Glaͤnzſt du im Sonnenſtrahl. * * Und ſuͤß toͤnt's, wie die Cither, Aus deiner Hallen Grund! — Dort ſang dein edler Ritter Von Liebchens rothem Mund “). Aus der Gebirge Kerkern Schaut Urach ernſt herab, Mit den zerſtoͤrten Werkern Mit ſeines Dichters Grab“). Wie ſchmiegt der Baͤume Wipfel, Wie Rebe ſich und Halm Um deinen ſchlanken Gipfel Du herrliches Achalm! — Dort, wo die Eichen ſproſſen, Wo Heidenmaͤhler ſtehn, Von Farren und von Roſſen Noch ſprechen jene Hoͤhn. Doch Blick und Lied in vollern, In ſchnellern Bahnen zieht! f Das iſt ja Hohenzollern Was noch ſo ſonnig gluͤht! Der Staufen iſt geſunken In abendliche Nacht, gr“ Du aber ſtehſt noch trunken Von koͤniglicher Pracht! Und höher, höher ziehet Der Sonne letzter Strahl, Bis er auch dir entfliehet, Und deine Stirn iſt fahl. Und Duft und Nebel fuͤllet, Was rings von Bergen fteht, Und Herz und Lied ſich huͤllet In ſchweigendes Gebet. ) Gottfried von Neufen, der Minneſaͤnger. — „Der Neufener ſingt von ſeiner Frauen rothem Munde.“ So characteriſirt ihn ein andrer alter Dichter. ) Nikodemus Friſchlin. 5 So mag ſchon der Anblick dieſes Gebirges, das uns faſt auf allen Höhen des Vaterlandes, auf den Hügeln des Un— terlands, auf den erhoͤhten Flaͤchen des Mittellandes, auf den Gipfeln des Schwarzwaldes entgegen winkt, zu einem Beſteigen feiner Höhen und einem Durchflug durch feine Thaͤ⸗ ler einladen. Und gewiß wird der Wandrer, der nicht zu hohe Anſpruͤche macht, oder deſſen Einbildungskraft nicht kuͤrzlich durch eine Gebirgs- oder Stromreiſe im hoͤheren Styl ver— ö woͤhnt worden iſt, noch mehr finden, als ihn die ferne Aus— ſicht vermuthen laͤßt. Freilich, vom Rhein darf er nicht zu dieſen Burgen, von der Schweiz nicht zu dieſen Alpen kom— men: dagegen eine Albreiſe als die anmuthigſte Einleitung zu einer Schweizerreiſe fuͤr den dienen koͤnnte, der mit Muße wandern kann. Bedenken wir aber nur, wie viele im Vater— lande ganz nahe dieſen Bergen ſttzen, umſonſt nach Zeit und Mitteln ſeufzen, um jene großen Naturgenuͤſſe in der Ferne ſich zu verſchaffen, und daruͤber die Naͤhe vergeſſen, die ihnen zwar nichts ſo Großes zu bieten hat, aber doch gegen kleinen Zeit- und Geldaufwand Schönheiten und Scenen der Natur anbietet, die unmittelbare Umgebungen ihnen nicht gewaͤhren, und die ihre Phantaſie zuverlaͤßig nicht erwartet! In ihnen beſonders moͤchten dieſe Blatter die Sehnſucht nach einer der ſchoͤnſten Gegenden des Vaterlandes, die lange nicht genug beſucht wird, erwecken, ihnen zugleich eine Anleitung an die Hand geben, alles Sehenswerthe in der kuͤrzeſten Zeit, und auf die genußreichſte Weiſe zu muſtern, endlich ihnen in die— ſem Büchlein einen Erzaͤhler und Saͤnger beigeſellen, der, was dieſe Berge und Thaͤler volksthuͤmlich Schoͤnes oder ge— ſchichtlich Merkwürdiges hegen, ſo gut er kann, an Ort und Stelle vorbringt, die muͤßigen Stunden der Neife ausfüllt, und das Intereſſe am Einzelnen dadurch zu erhoͤhen ſucht. Was der entferntere Ueberblick der Alb bei günftiger Bes leuchtung Schoͤnes und Intereſſantes ahnen laͤßt, das, und noch mehr, gewährt ihre wirkliche Durchwanderung in reichli— chem Maaße. Eine ziemliche Anzahl von tiefen Thaͤlern zie⸗ hen ſich fuͤr den, der von dem Neckar her kommt, faſt alle von Norden oder Nordweſten gegen Süden und Suͤdoſt in das Gebirge hinein, mehr oder minder mit Obſtbaumen gefüllt, und von friſchen Waldbaͤchen durchfloſſen. Alles ſind Queer⸗ thaͤler, die den e wie in Rippen zertheilen. An den 6 Seitenwaͤnden ſpringen maͤchtige Winkel ein und aus. Jene gleichfoͤrmige Geſtalt der einzelnen Gebirgswaͤnde, die in die⸗ ſen Thalgruͤnden Couliſſen und Hintergrund bilden, bringt freilich auch in den Thaͤlern ſelbſt eine Einfoͤrmigkeit hervor, und ſie ſehen, wie Glieder Einer Familie, alle ſich einander gleich. Dennoch hat jedes wieder feine eigenthuͤmlichen Zuͤge. Die verſchiedene Weite und Enge, dle fruͤhere oder ſpaͤtere Krümmung des Thales, hier im Vorder- dort im Hinter: grund ein vereinzelter Bergkegel, faſt in jedem Thal an einer andern Stelle andre Felſen, andre Burgruinen, aus jedem der Ausblick auf einen andern Abſchnitt der Ebene: alles das ſind Einzelheiten, die dem einfachen Charakter derſelben den gehoͤrigen Wechſel geben, und das Auge des Wandrers vor Ermuͤdung bewahren. Vor dieſer ſchuͤtzen aber beſonders auch die Berge und Burgen, die ſich zwiſchen den einzelnen Thaͤ⸗ lern hinlagern, ſo daß der Reiſende, ehe er von einem Thal ins andre gelangt, jedesmal wieder den Genuß neuer Waͤlder, Bergruͤcken und Schloͤſſer vor ſich hat, ehe er von einem Thal ins andre kommt. Und gerade dieſes Auf- und Abſteigen und Wandern uͤber die Gipfel oder Senkungen des Gebirgs gewaͤhrt ein neues Vergnuͤgen. Hier erſt entfalten ſich neue Formen; die Seiten und Ruͤcken der Berge, deren Angeſicht man nur in den Thaͤlern kennen lernt, zeigen hier die mannigfachſten Geſtalten, ſchieben ſich mit jedem Schritt anders in einander, und bald hier bald dort bildet ihre naͤchſte Umgebung einen Riß, durch welchen man in ein ſchon durchwandertes Thal einen Abſchiedsblick werfen, ein verſprochenes begruͤßen kann, und über welchem, zu einem gefonderten Gemälde abgeſchloſ— ſen, ein paar fernere Gipfel des Gebirgs, und gerade die geſchichtlich ausgezeichnetſten in blauen Farben, uͤberraſchend gruppiert, ſich erheben. Gleiche Mannigfaltigkeit bieten die Burgen und Schloͤſſer dar. Von der vollkommenſten Zerſtoͤ⸗ rung, die kaum ein Mauerſtuͤck uͤbrig gelaſſen hat, bis zur wohleingerichteten und im Stand gehaltenen Behauſung eines Ritters mit der Bequemlichkeit, zu der ſie am Schluſſe der Feudalzeit gediehen waren, bieten die verſchiedenen Schloͤſſer alle Stufen von Ueberbleibſeln dar, gewaͤhren zum Theil einen hoͤchſt mahleriſchen Anblick, und erwecken eine Menge großer, vaterlaͤndiſcher Erinnerungen. Die groͤßte Eintoͤnigkeit wird man von den großen Ausſichten erwarten, die man von den — ) / + 7 Burgen oder den hoͤchſten Vorſpruͤngen des Gebirgs herab, auf die Huͤgel und Flaͤchen der Tiefe genießt, weil allenthalben derſelbe Horizont erſcheint, gegen Oſten und Süden das Ger birg, auf dem die Blicke faſt aufliegen, gegen Weſten und Norden die Landkarten-Ausſicht der Flaͤche, überall mit den- ſelben Gebirgsumkraͤnzungen des Schwarzwalds, und anderer niedrigerer Ketten. Man hoͤrt daher auch ſehr gewoͤhnlich das Urtheil, daß wer auf Einem dieſer Gipfel geſtanden ſey, die Ausſicht aller kenne. Und doch iſt nichts unwahrer. Schon was die zu Fuͤßen liegende huͤglichte Flaͤche (denn eine Ebene iſt es nicht) betrifft, ſo bilden verſchiedne Staͤdte und Doͤrfer, beſonders aber die zunaͤchſt in großer Tiefe ſich an die Berge ſchmiegenden Wälder, Höfe und Weiler, einen jedesmal wech⸗ ſelnden Vordergrund. Ueberdieß ſind hier wenigſtens drei Hauptausſichten zu unterſcheiden, von welchen jede den Augen einen andern Theil des tiefer liegenden Landes, vor dem die ubrigen in größere Ferne zuruͤcktreten, gewährt. Die erſte, von den noͤrdlichen Albgipfeln des Oberlandes, wie wir fie nennen wollen, alſo von der Lochen, vom Hohenzollern, vom Farrenberg, von der Salmandinger Capelle, vom Roßberg er— ſtreckt ſich hauptſaͤchlich auf die Fruchtgefilde und waldigen Huͤ— gelketten, die ſich von Tübingen hinaufziehen bis gegen Rot- weil; hinter dieſen find die ſuͤdlichen Auslaͤufer des Schwarz- waldes noch nahe genug, um dem Auge mit ihren breiten Schatten einen Ruhepunkt zu gewaͤhren, und doch ſchon ſo ferne, daß fie die hellen Felder und ſanften Laubholzhuͤgel des Vor— grundes mit ihren Tannenwaͤldern nicht druͤcken und verfin⸗ ſtern; die Hauptſtadt dieſes Bezirkes fuͤr das Auge iſt Tuͤ⸗ bingen. Eine zweite Hauptausſicht bietet ſich von den Gipfeln des Mittellandes: der Achalm, dem gruͤnen Felſen, Neufen, Teck, dem Breitenſtein dar. Hier tritt jener obere Theil der Flaͤche, nebſt feiner Begränzung, dem Schwarzwald, ſchon links ab, in die Ferne; der Vorgrund wird noch lachender, obſt- und dorf-⸗ reicher, weniger waldig, denn eine zuſammenhaͤngende Strecke von Wäldern bildet jetzt erſt im Hintergrunde der Schoͤnbuch; vorn aber dehnen ſtch rechts hauptſaͤchlich die Filder zu einer breiten Ebne mit ihren Korn» und Gemüfepflanzungen heiter und bevölkert aus; zu hinterſt mit dem weitſchimmernden ſchneeweißen Schloß Hohenheim geziert. In der noͤrdlichen 8 Ferne verliert ſich der Blick jetzt ſchon ins Unterland bis nach den Heilbronner Bergen, und bei ganz heitrem Himmel be— graͤnzt der Odenwald dort den Horizont. Nordoͤſtlich und naͤ— her ſchließen die Bergſcheiden des Neckarthals bei Eßlingen, des Remsthals, und der Welzheimer Wald den Geſichtskreis. Die naͤchſte Hauptſtadt fuͤr dieſe Ausſicht iſt nach den verſchie— denen Punkten bald Reutlingen, bald Nürtingen, bald Kirch— heim an der Teck. Endlich gewaͤhren die letzten Gipfel der noͤrdlichen Alb, die ſich mehr dem Unterland zuſtrecken, der Hohenſtaufen, der Rechberg, der Roſenſtein, eine dritte, von den beiden erſtern weſentlich verſchiedene, Ausſicht. Die lachenden Filder lie— gen jetzt ſchon links im Nebel, wo kaum die Ruͤckſeite von Hohenheim noch durchſchimmert. Den eigentlichen Vorgrund aber bilden rings die Tannenwaͤlder von Lorch, Welzheim, Aalen und Ellwangen, deſſen weißes Schloß von feinem ſchö⸗ nen Berge auf zehen Stunden weit fuͤr das Auge auf der rechten Seite ein Ziel bildet; die Waͤlder und Berge von Krailsheim und ſchwaͤblſch Hall ſchließen den Hintergrund. Die ganze Natur hat ſchon den finſterern, einfoͤrmigern Cha— rakter des benachbarten Frankens. Aber die Ausſicht iſt rund— um offner, weil die Gipfel des Gebirgs, der Standpunkt des Beſchauers gwentgftens gilt dieß vom Hohenſtaufen, Rechberg und Stuifen) iſolierter ſtehn, und in der Tiefe die minder huͤglichte Flaͤche an vielen Orten faſt zur Ebne wird, die eine Menge Dörfer zeigt, und der die bedeutende Hauptſtadt die— ſes Bezirkes, ſchwaͤbiſch Gmünd (vom Staufen auch noch Goͤp— pingen), einen ſchoͤnen Halt giebt. So macht das Ganze mehr den Eindruck einer Unendlichkeit, und iſt bei blauem Himmel wirklich großartig ſchoͤn. Wir zeichnen dieſe Grundzuͤge der Ausſichten ein für alle⸗ mal, um den Leſer nicht mit Wiederholungen belaͤſtigen zu muͤſſen. Ein Anblick aber iſt auf jedem andern Gipfel wie- der neu und eigen ſchoͤn, wir meinen rechts oder links die Verſchiebung des Gebirges ſelbſt ineinander; die Andeutung ſolcher Gruppen behalten wir daher ſchicklicher für die Schil— derung jedes einzelnen Standpunktes auf. Einen eigenthuͤm— lichen Anblick gewaͤhrt endlich die Flaͤche von ſolchen Hoͤhen herab, wo nur ein Abſchnitt derſelben als der Hintergrund einer Thalausſicht zwiſchen den Bergwaͤnden durchſchimmert. 9 Diefe befondern Anfichten bewundert der Wandrer, von Lich: tenftein, Hohenurach, den Höhen des Neidlinger Thales, und dem Schloſſe Lauterburg herab. So haben den 5 die allgemeinen Bemerkungen von ſelbſt ſchon aufs Beſondre gefuͤhrt, und er ſchickt ſich mit dem, der ſich ſeiner Leitung vertrauen will, zur wirklichen Reiſe nun an. Nur uͤber die Zeit derſelben muß noch ein Wort geſprochen werden: Die bisherigen Albreiſen beſchraͤnkten ſich bei der Mehr— zahl der Reiſeluſtigen unſers Vaterlandes darauf, daß ſte in der erſten Kirſchbluͤthe, das heißt, zu Anfang oder in der Mitte des April, einer Zeit, wo der ſchoͤnſte Theil der Alb— natur, die Waͤlder, gegen den bluͤhenden Fruͤhling noch den traurigen Contraſt des duͤrren Winters bilden, das Lenninger oder das Uracher Thal im Fluge, meiſt zu Wagen, hin und her durcheilten, ohne ſich rechts oder links umzuſehen. Hoͤch— ſtens wurde einer der benachbarten Berge — dort Teck, hier Hohenurach — mitgenommen. Aber ſelbſt wenn man nur ei— nen ſo kleinen Theil des Gebirges bereiſen will, ſo iſt doch dieſe Jahreszeit, aus dem eben angefuͤhrten Grunde, keines— weges dem Wandrer anzurathen: vielmehr iſt die guͤnſtigſte Zeit unſtreitig die Spaͤtbluͤthe, in den letzten Tagen des April, noch beſſer in dem Aufange des Maimonds. Hier ha— ben die Buchenwaͤlder allenthalben ausgeſchlagen, und jede warme Nacht thut Wunder an ihnen, ſo daß ſie meiſt ſchon dem Reiſenden um dieſe Zeit im vollen jungen Gruͤn entge— genprangen, während er im Thale noch durch lauter Bluͤthen faͤhrt. Denn von den ſpaͤtern Kirſchbaͤumen bluͤhen da noch viele; auch ſind dieſe keineswegs die einzigen, noch die den ſchoͤnſten Anblick gewaͤhrenden in jenen Thaͤlern; namentlich bietet das Lenninger Thal, nebſt einem Gemiſch von andern ſpaͤteren Obſtſorten, eine Fülle der herrlichſten Birnbaͤume dar, deren einzig ſchoͤne Bluͤthe jene fruͤhen Wanderer ganz verſaͤumen. Diejenigen endlich, die nicht bloß die Bluͤthen— thaͤler, ſondern auch die Berge, die Burgen und die Waͤlder der Alb durchwandern wollen, werden ohnedem, entweder ganz auf die Bluͤthe verzichtend, die volle Pracht des Sommers er= warten, oder ſich auch den Spaͤtlenz zur Reiſe auswählen muͤſſen. Doch iſt auch fuͤr fie dieſe letztere Jahreszeit vorzu— ziehen. Die Tage find ſchon lang genug, um eine gute Strecke 10 an jedem durchwandern zu koͤnnen, und — ein großer Vortheil, gegen den Sommer — noch nicht ſo heiß, daß man nicht jede ihrer Stunden, die ohnedem der Mittagsruhe gewidmeten ausgenommen, ohne Beſchwerde der Wanderung widmen koͤnnte. Um aber auch für den Genuß der Naͤchte zu ſorgen, fo wähle man ſich die Tage um den Vollmond, der dem abendlichen oder naͤchtlichen Ausblick auf Berge und Burgen nicht fehlen darf, und uͤberdieß gewoͤhnlich die unentbehrliche Bedingung einer froͤhlichen Reiſe, Heiterkeit des Himmels, verbürgt. Erſter Reiſetag. Auf die Lochen. Höhe 3578 Wuͤrtembergiſche Fuß. Wie jeder Reiſende, muͤſſen auch wir unſern Hauptplan, unſre Richtung und unſern Weg beſtimmen. Mehr, weil dieſe uͤberhaupt auf eine oder die andre Weiſe geſchehen muß, als weil ſonſt ein beſondrer Grund dazu vorlaͤge, waͤhlen wir die Richtung von Suͤdweſten nach Nordoſten, fangen mit dem er= ſten ausgezeichneten Standpunkte des obern Gebirges, dem Lochenberge bey Balingen, an, und ziehen abwaͤrts bis zum letzten Hauptſtandpunkte des untern, dem Roſenſtein. Wenn wir nicht weiter oben beginnen (denn auch der Lochen geht ſchon eine anſehnliche Kette von Albgebirgen, die den Namen des Heubergs fuͤhren, voran), und nicht weiter unten endigen (denn auch vom Roſenſtein ſetzt ſich die Bergwand durch den Aalbuch in das Herdtfeld noch ziemlich lange fort), ſo liegt die Urſache einzig darin, weil wir den eigenthuͤmlichen Charakter der Alb gerade in dieſer Strecke am vollſtaͤndigſten ausgeſprochen, und alle ihre Reize in ihr verſammelt finden. Weiter oben vermindert das Rauhe, weiter unten das Flache den Genuß. 0 . Wer nur einen Theil des angezeigten Weges machen, wer eine andre Richtung nehmen will, wer von andern Punkten ausgehen muß, wird in unſre Beſchreibung ſich leicht finden, und auch für ſich der gehörigen Leitung und Weiſung nicht entbehren. er Wir laſſen alſo unſre Reiſenden von Tuͤbingen ausgehen, um ſo eher, als wir hier unter der ſtudierenden Jugend die meiſten Albreiſeluſtigen erwarten. Auch die von Stuttgart “ ſich aufmachenden Wandrer muͤſſen wir dorthin beſcheiden, denn die Landſtraße nach Hechingen und Bahlingen führt fie über Tuͤbingen. Die ſchoͤnen Umgebungen der letztern Stadt ge— waͤhren mehrere Punkte, von welchen man ſich an einem muͤ— ßigen Vorabende der Reiſe jene Ueberſicht auf das Gebirge und die ganze Wanderung, von der in den allgemeinen Vor— bemerkungen geſprochen iſt, verſchaffen kann. Die angenehm— ſten Spaziergänge nach Waldhauſen, auf den Oeſter— berg, den Steineberg, den Spitzberg fuͤhren zu ſol⸗ chen Ausſichten. Die Reiſe ſelbſt treten unſre Wandrer mit der erſten Morgenfriſche an, doch nicht ſo fruͤhe, RAR: fie nicht beim Eintritt in das ſchoͤne Steinlachthal, das ſich “. Stunden von Tübingen öffnet und ſuͤdlich hineinzieht, ſchon die Beleuch— tung der Morgenſonne haben. Die Steinlach, durch Fruͤh— lings⸗Ueberſchwemmungen furchtbar, übrigens ein kleiner Bach, mit breitem, ſteinigtem Bette, fließt durch ein enges Wieſen⸗ thal, und hat rechts und links niedre, wohlgeformte Laub— Waldhuͤgel, die im Hintergrunde geſchloſſen ſcheinen; aber bei dem Blaͤſtberge, einem (für unſre Waudrer links) in die zuruͤcktretende Huͤgelkette eingeſchobnen kleinen Erdkegel zer— reißt der Hintergrund, und zeigt zwiſchen ſchoͤnen Baumgrup— pen einige Umriſſe der Alb. Von hier aus ſieht man auch deutlich, daß die Vorhuͤgelkette der Alb, zwiſchen der man hier wandelt, vom Waſſer durchbrochen worden, das ſich hier im Steinlachthal eine Luͤcke gewuͤhlt, und das une baͤndige Fluͤßchen ſelbſt verraͤth ſich in ſeiner ausgelaſſenen Wildheit als ein Ueberlaͤufer aus der Alb. Eine Beſteigung des Blaͤſiberges, auf dem die Wohnung und der Garten eines adlichen Gutsbeſitzers des Freiherrn Schott von Schot— tenſtein, gen. Hopfer, liegt, nimmt nur wenige Minuten weg, und belohnt die Muͤhe durch einen huͤbſchen Blick hinab ins Steinlachthal, gegenuͤber auf das lachende Waldſchloͤßchen des Herrn v. Saint-André, Greſpach, und im Hintergrund auf den hier ſich ſehr ausgezeich— net darſtellenden Hohenzollern. Am Fuße des Huͤgels führt die Laͤndſtraße an dem ehemals geprieſenen Blaͤſibad (von der modernen Welt auch in Plaiſirbad umgetauft) vor— bei, von deſſen Tugenden und Kraͤften der alte Doktor und Profeſſor Medicinaͤ, Samuel Haffenreffer, ein eignes Traktaät⸗ — | 13 chen geſchrieben (1652). each ihm ſoll der heilſame Quell zum erſtenmal einem armen Hirten geoffenbart worden ſeyn, welcher am Schenkel einen Schaden hatte, und Luft. befom- men, in dieſem Waͤſſerlein, das damals ſchlecht anzuſehen war, denſelben zußbaden, worauf er gute Ruhe, und als ers fortgetrieben, gaͤnzliche Geſundheit erlangt hat. Als, dieß ruchbar geworden, ward auf dem beiliegenden Berge aus Andacht eine Capelle erbaut, und dem St. Blaſius geweiht, dem Heiligen, der in eine Hoͤhle in Cappadocien gefluͤchtet, die wilden Thiere heilte, die ſich bei ihm einfanden. Nach dieſer Capelle ward auch das im J. 14/0 hier erbaute Neu: bad benannt. — Jetzt iſt es ein Bauernwirthshaus, und nur von den Tuͤbingern und der naͤchſten Umgegend als Bad ge⸗ braucht. ö Bald verlaͤßt die Landſtraße den Wald, und ſteigt hinauf zum Dorfe Dußlingen (1% St. von Tuͤbingen), wo die Gegend frei und bis zum Gebirge hinuͤber offen iſt; von da geht es auf einfoͤrmigem Wege nach Ofterdingen (1 St.). Der Phantaſte des Wandrers mag wohl vergoͤnnt ſeyn — was Geſchichtſchreiber zu vorlaut gethan haben — die Wiege des beruͤhmten Minneſaͤngers Heinrichs von Ofterdingen in dieſem anſpruchsloſen Dorfe aufzuſtellen. Von da verlaͤßt der Reiſende die Steinlach, und kommt in einer halben Stunde uͤber die Graͤnze des Fuͤrſtenthums Hohenzollern-Hechingen; der ziemlich einfoͤrmige Weg fuͤhrt durch kein Dorf mehr. Nur an einem Hofe Waſſerweiler (% St. von Ofterdingen), kurz vor der Hechinger Graͤnze kommt man vorbei. Links ver— weilt das Auge mit Wohlgefallen auf den ſchon ganz nahen Waͤl⸗ dern der Alb; rechts iſt oͤde Flaͤche mit Kartoffelfeld, hier und da von einem Laub- oder Tannenwaͤldchen durchſchnitten. Von Ofterdingen braucht der Fußgaͤnger 2 Stunden nach der Stadt | Hechingen, der Hauptſtadt des Fuͤrſtenthums, wo er in der Poſt einen huͤbſchen Gaſthof und ein gutes Mahl findet. Außer einer ſchoͤnen aber modernen katholiſchen Kirche, erbaut im J. 1782 von Fuͤrſt Wilhelm Joſeph, bietet die hoͤck— richte Stadt keine Merkwürdigkeiten dar. Das alte Reſidenz— ſchloß iſt vor Baufaͤlligkeit eingeſtuͤrzt. Es war gegen den Schluß des 16ten Jahrhunderts von dem Grafen von Zollern, Eitel⸗Friedrich V., dem Stifter der Hohenzollern-Hechingi⸗ 5 14 ſchen Linie, deſſen Gohn Johann Georg im J. 1623 gefuͤr⸗ ſtet ward, erbaut worden. Das neue ſteht beſcheiden und unausgebaut da. Vor der Stadt iſt der Schloßgarten mit artigen Anlagen, den der Wandrer, da er ihm auf dem Wege liegt, mitnehmen kann. Venn unſre Reiſenden nach he Spaͤtfruͤhſtuͤck von He⸗ chingen aufbrechen, ſo ſind ſie in einer kleinen halben Stunde auf der hier von Pappeln beſchatteten Straße am Fuße des Zollern, wo der Brühl, ein Herrſchaftshof mit einem freund⸗ lichen Wirthshaus, dem, der etwa nicht in Hechingen einge⸗ kehrt, Erfriſchungen und Wein anbietet. Von da ſchaut das Schloß ſtolz und einladend herab, groß, gethuͤrmt, bewohnbar; ſchon aus weiterer Ferne hat es ſich ſo ausgenommen. Aber die nähere Einſicht giebt weit weniger, als man vom Stamm⸗ ſchloſſe der Könige von Preußen“) erwartet hatte. Wer nicht, nach Bahlingen, der Lochen und dem Lautlingerthale will, beſteigt ſchon jetzt und von hier aus am beſten den Berg. Der Weg hinauf iſt huͤbſch, ſteil, aber nicht allzumuͤhſe⸗ lig, und dauert vom Fuße nicht über eine Stunde; erſt kann man abſchneidend geradezu die naͤchſten unbewachſenen Haide-⸗ huͤgel hinanklimmen. Am Walde kommt man in den beque⸗ meren aber ſteinigten Fahrweg, den man bis zum Schloſſe nicht mehr verlaͤßt. Diejenigen aber, die dem Wegweiſer folgen, und die ganze Albreiſe machen wollen, thun beſſer, die Feſte Hohen⸗ zollern erſt bei ihrer Ruͤckkehr von der Lochen mitzunehmen; daher wir denn auch die Beſchreibung ihrer Merkwuͤrdigkeiten bis dahin aufſparen. 5 a N Weg nach Bahlingen | geht auf der Landſtraße fort. Wenn man etwa eine halbe Stunde weit gegangen, uͤberraſcht rechts der bis zu den Hoͤ— hen des Schwarzwalds offne Blick, links die eigenthuͤmliche Ausſicht auf den Hohenzollern, der ſich hier kahl und ſchmal wie eine Saͤule, und deſſen Bergſchloß ſich wie ein Kopf auf lau— gem Halſe darſtellt. Die Landſtraße fuͤhrt von Hechingen nach Weſſingen % St.), dem letzten Hechingiſchen Dorf, dann 4) Graf Friedrich v. Zollern, Burggraf von Nuͤrnberg, ward im J. 14 von Kaiſer Sigmund mit der Markgrafſchaft Brandenburg und der Churwuͤrde belehnt. 15 nach Steinhofen (% St.); zwiſchen beiden Dörfern führt links die Straße nach Ebingen in die Berge hinein. Hinter Steinhofen gewahrt der Zollern mit der Umgegend eine herr— liche Anſicht. — Weiter nach Engſtlatt (% St.), endlich nach Bahlingen % St.), zuſammen 5 Stunden. Je wehr man ſich der letztern Stadt naͤhert, je ſchoͤner wird das Ge— birg; der Dobel, die Lochen, der Schafberg und der Plettenberg ſtellen ſich als abgeſonderte Bergmaſſen, durch ſchroffe Einriſſe von einander geſpalten, im Hintergrunde der Stadt auf, die von hier aus geſehen dicht am Fuße des Ge— birges zu liegen ſcheint. Die naͤchſten Umgebungen der Stadt ſind freilich rauh, doch nicht ganz reizlos; noch ziemlich viel Obſtbaͤume (Birn und Zwetſchgen, wenig Aepfel) und fetter Wieswachs. In alten Zeiten muß ſogar etwas weniges Wein in die⸗ ſer Gegend gebaut worden ſeyn. Denn im Jahr 1562, wo am sten Aug. ein fuͤrchterliches Hagelwetter von Tuͤbingen bis Stuttgart alles verwuͤſtete, ſchrieb Herzog Chriſtoph an die Wand eines Zimmers im Stuttgarter Schloß eigenhändig fol- gendes Memorabile: „Bahlingen hat mehr Zehendwein als Stuttgart in dieſem Jahr gegeben.“ Was die Stadt Bahlingen 5 Höhe 1773 W. F.) ſelbſt betrifft, ſo iſt ſie ein kleines, ſelt dem lezten Brande (1809) wohlgebautes Staͤdtchen mit 3049 Einwohnern, Sitz ei⸗ nes Oberamts und einer Poſt. Sie beſteht, einige kleine Sei— tenanhaͤnge abgerechnet, aus einer einzigen langen Straße. Wirthshaus: die alte (ehemalige) Poſt, gut; mit Fahrgele— genheit fuͤr die weitre Reiſe. — Die neuere Pfarrkirche ward im J. 1440 erbaut, und hat einen anſehnlichen Thurm von Quadern. Unter der Emporkirche ſieht man das Epitaphium des Grafen Friedrich von Zollern, der hier begraben liegt. — Das kleine Albfluͤßchen Eiach, das bei dem Bergort Pfäffin: gen entſpringt, und aus dem Lautlinger Thal hervorkommt, fließt an der Stadt vorbei. Geſchichtliches uͤber Bahlingen. Von dem Urſprung der Stadt erzaͤhlen luͤgenhafte Ge⸗ ſchichtſchreiber ein Maͤhrchen, das jedoch auf einer alten Volks⸗ — 16 ſage zu beruhen ſcheint. Es habe naͤmlich hier ums Jahr 104g. ein Muͤller an dem Waſſer Eyach gewohnt. Die Muͤhle habe eiuem Edelmann auf dem benachbarten Hirſchberge gehoͤrt. Als dieſer den Muͤller durch ungebuͤhrliche Forderungen unge— duldig gemacht, ſey er von ihm uͤberfallen und ſeine Burg ge— ſchleift worden. Von ihren Steinen habe der Muͤller eine Stadt erbaut, und das Werk ſey ihm ſo bald gelungen, daß die Stadt davon den Namen (Baldg'lingen, Bahlingen) erhalten. Nun habe ſich der Muͤller mit ſamt ſeiner Stadt unter die Schutzherrſchaft der Grafen von Zollern begeben. — Sattler leitet den Namen von dem altdeutſchen Bal (ſchalk⸗ haft, böfe) ab, und fest ihn mit der benachbarten Schalk s- burg in Verbindung. Soviel melden die Chroniken, daß Bahlingen urſpruͤng⸗ lich ein Zollernſches Dorf, im J. 1265 am Pfingſtfeſte Stadt⸗ gerechtigkeit erhielt. Bald bildete ſie den Mittelpunkt der barftefien Herrſchaft Schalksburg, welche Graf Friedrich v. Zollern und ſeine Gemahlin Verena v. Kyburg im J. 1405 an Graf Eberhard den Dritten von Wuͤrtemberg verkaufte. Seitdem blieb die Stadt, mit wenigen Unterbrechungen, wuͤr— tembergiſch, und kam ſchnell empor, wie ſie denn auch noch bedeutenden Getraidehandel und gute Meflı asche Werkſtaͤt⸗ ten hat. Bei dem fluͤchtigen Verſuch des vertriebenen Herzogs Ul⸗ rich, ſein Land wieder zu erobern, oͤffnete ihm Bahlingen freu— dig die Thore (26. Febr. 1525). Aber noch in demſelben Jahre brach der Bauernaufruhr auch in dieſer Gegend aus. Die Doͤrfer unter und uͤber der Lochen vereinigten ſich mit den Roſenfelder Bauern; an der Spitze ſtand der Pfarrer von Tigisheim und der Fruͤhmeſſer von Duͤrrwangen. Jener gieng Aufruhr predigend von Dorf zu Dorf, und wo er die Maͤnner nicht zu Hauſe traf, da ſtieg er des Nachts zu den Weibern. — So belagerten ſie die Stadt Bahlingen, unter dem Vorwand, ſie dem Herzog Ulrich wieder zu erobern (Mai 1525). Doch bald wurde die Ruhe wieder hergeſtellt, und die Unruhftifter mit Weib und Kindern des Landes ver— wieſen. Die Reformation, welcher die Stadt ſchon vorher geneigt war, wurde von Herzog Ulrich nach Wledereroberung ſeines Herzogthums eingefuͤhrt; aus dem Nonnenkloſter, der obern 17 Clauſe, nahm eine Elaufnerin nach der andern den Abſchled. Unter den erſten evangeliſchen Diakonen war Jakob Friſch⸗ lin, der Vater des Dichters Nikodemus Friſchlin, deſſen Geburtsort Bahlingen iſt. Viel hatte die Stadt im zojaͤhrigen Kriege zu leiden. Nach der Noͤrdlinger Schlacht dotierte Ferdinand II. den Gra- fen Schlick mit Bahlingen, Tuttlingen, Roſenfeld und Ebin⸗ gen, und dieſe Staͤdte mußten dem Grafen huldigen (30. Okt. 1655). Im Jahr 1641 (19. Jan.) ward Bahlingen von der Hohentwieler Garniſon mit Liſt eingenommen, und gute Beute dort gemacht. Im Jahr 1645 wurde es von den Weimeranern geplündert, 1647 (25. Jan.) nach langer Belagerung von den Franzoſen beſetzt, und erſt nach dem weſtphaͤliſchen Frieden an Wuͤrtemberg zuruͤckgegeben. En Ä Bahlingen gehört zu den Staͤdten die, wie mehrere une ſeres Landes, zu immer wiederkehrenden Feuergefahren vom Schickſal vorherbeſtimmt ſcheinen. Die Stadt iſt nicht weni⸗ ger als fünfmal bald ganz, beld groͤßtentheils abgebrannt. Das erſtemal foll es im J. 1286 in einem Kriege zwi⸗ ſchen den Grafen Hohenberg und Zollern geſchehen ſeyn, wo ſie erobert und in Aſche gelegt ward. Vor dieſem Brande ſoll die Stadt an einer andern Stelle, vor dem untern Thor am Mühlbach, geftanden ſeyn. Das zweitemal geſchah es im J. 1546, wo die obre Clauſe und ein großer Theil der Stadt abbrannte. Der dritte Brand, im J. 1607, der durch die Nachlaͤßigkeit einer Frau beim Butterausſteden entſtanden, legte die Stadt binnen fuͤnf Stunden in Aſche. Die unvorſichtige Brandſtifterin ward als Hexe verbrannt. Zum vierten Male wurde die Stadt im Febr. 1724 von den Flammen verzehrt (eine uralte Bahlingerin erzaͤhlte noch vor wenig Jahren als Augenzeugin von dieſem Brande). Zum fünf: ten, und wir wollen hoffen zum letzten Male, ward die Stadt im Sommer 1809 eingeäfchert. Auch andres Ungluͤck traf zu Zeiten die Stadt. Im Jahr 1601 ward ein ſolches Erdbeben verſpuͤrt, daß ſich der große ſteinerne Kirchthurm geneiget. In den Jahren 1610 und 1611 raffte eine Seuche unzaͤhliges Vieh und 600 Menſchen weg. Fuͤr den Brand von 1724 wurden die Einwohner durch einen anderwaͤrtigen Seegen erfreut, ſpricht Sattler, „in— dem ſie bald hernach wahrgenommen, daß an einem ihrer G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 2 18 Stadt nahgelegnen Ort — ein ſchwefeligter Geſtank ſeye.“ Sattler meint damit die mineraliſche Heil⸗ guelle, die im J. 1756 von D. Alex. Camerarius unterſucht ward. Sie entſpringt ungefaͤhr 400 Schritte vor dem obern Thor, aus Kalkſchiefer, hat Aehnlichkeit mit dem Bollerwaſſer, und wird zum Bade und als vorzuͤglich gutes Waſchwaſſer ge— braucht. e J Wenn unſre Reiſenden in Bahlingen das etwas verſpaͤ— tete Mittagsmahl genoſſen, und ſich mit einigen Erfriſchungen für den Abend verſehen, den fie auf der einſamen Bergeshoͤhe feiern wollen, fo treten fie den Weg nach der Lochen an, die vom Süden her, in Form eines ſteilen viereckigten Hausdaches, hoch gegen Bahlingen hereinwinkt. Wer den ho⸗ hen, ſenkrechten Thurmfels zum erſtenmal hier ſteht, begreift das uralte Sprichwort bei Cruſtus: „Ich wollte, daß du auf der Lochen waͤreſt!“ — Eine Viertelſtunde geht der Wandrer auf der Tuttlinger Landſtraße fort, und hat das Eyachthal, mit ſeinen bizarren Bergformen im Hintergrunde, vor ſich; bald aber laͤßt er den Weg in dieſes Thal links, die Tutt⸗ linger Straße rechts, und geht auf dem mittlern Pfade fort zur „Ziegelhuͤtte“ und zum Wirthshaus, hier läßt er einen Weg links liegen, und geht auf dem Pfade rechts fort, bis er nach einem Buͤchſenſchuß Weite an eine neue Wegſcheide kommt, wo er links und ja nicht rechts geht ( St. von Bahlingen). Jetzt ſteigt er den Fuß des Gebirges durch Fruchtfeld hinan. Im weitern Hinaufgehn ſieht man links, doch noch diſſeits der Eyach, ein kuͤhn abgeriſſnes Bergeck, es iſt die Spitze des „Dobels“ ). Jenſeits der Eyach aber ſchaut die herrliche Waldkuppel der Schalksburg wild heruͤber. In der Tiefe liegen die Doͤrfer Frommern, Stockhauſen, Duͤrrwangen, Weilheim. Was der ganzen Gegend ein wildes Ausſehen giebt, iſt das Vorherrſchen der Tannenwaͤlder, die, der mittlern und untern Alb ganz fremde (nur in der *) Dobel oder Tobel iſt ein altdeutſches Wort, und bedeutet eigentlich ein Thal auf dem Berge, verwandt mit dem ſchwaͤb. Wort Duhle. Daher der Tobel auf dem Schwarz- wald, und mehrere Berggegenden dieſes Namens in der Schweiz. ( 19 Naͤhe des Staufen haben fih ſeit neuern Zeiten einige an⸗ geſtedelt) — hier die Berge kroͤnen, welche übrigens die entfchied- nen Albformen beibehalten und dadurch ſich von den Gebirgsgeſtal⸗ ten des Schwarzwaldes noch immer charakteriſtiſch unterſchieden. In einen ſolchen herrlichen Tannenwald treten denn auch unfre Wandrer, nachdem ſte von einer Gruppe Kirſchbaͤumen Ab⸗ ſchied genommen, die an viel mildre Gegenden erinnern, und die der Wegweiſer in dieſem rauhen Clima, auf ſo bedeu— tender Bergeshoͤhe, mitten unter Schneeflocken am 29. März des Jahres 1822 in voller Bluͤthe ſtehen ſah. Der koͤſtliche Wald führt den Wandrer durch feine koloſſalen, immer friſch— grünen Tannenſaͤulen wohl 7 Stunde ſteil aufwärts, entwe- der auf einer leidlichen Fahrſtraße, oder auf einem naͤheren Fußweg, der aber einen Fuͤhrer erfordert. Wo der Wald ausgeht, fieht man rechts einen tiefen Erdſpalt, links iſt der Hackenfels auch mit einem Loch. Vielleicht iſt dieß Loch der hohle Fels, wie ihn Roͤßler nennt, in dem man 4o Fuß fortgehn kann, dann aber zu unergruͤndlicher Tiefe kommt. — Hier ſteht man nun (1 St. v. Bahlingen) zwiſchen den Hoͤr— nern des Gebirgs, zwiſchen welchen die Fahrſtraße einer Sen— kung der Bergebne folgend, nach Thieringen ins Baͤrenthal, und nach den Doͤrfern des Heubergs fuͤhrt. Der Wandrer aber wendet ſich zu ſchwindligen Felsſteigen rechts, wo ein 95 95700 Haideruͤcken in den Lochenſtein auslaͤuft. Ein kahler, ſenkrechter Felſen, der Lochenfels ge— nannt, und mit dem Lochenſtein wie der Erker eines Hauſes verbunden, bleibt ziemlich oben links liegen. Der eigentliche Lochenſtein aber iſt ein uͤber das angekettete Nebengebirg hervorragender iſolirter Berg, in Form eines abgekuͤrzten Ke= gels, im Geſicht gegen Bahlingen kahl und grau. Er mißt oben im Durchmeſſer 300 Schritte, fit waidbar und gewaͤhrt 8 eine ungeheure und wahrhaftig entzuͤckende Ausſicht. Die weite Flache gegen Norden und Nordweſten oͤff⸗ net ſich ganz ſo, wie es unſre Einleitung bei der erſten Claſſe der Albausſichten beſchreibt. Bei hellem Wetter kann der Stuttgarter hier fein Degerloch, der Tübinger feine Wurmlinger Kapelle mit der Fernrohre entdecken. Der 2 * 4 20 Shönbuh und die Filder ziehen ſich rechts hinab, das Gaͤu und der Schwarzwald bis nach Freudenſtadt links hinauf. Gegen Oſten verdeckt der Hohenzollern und das naͤchſte Gebirge die übrige Alb ganz. Das im Süden em⸗ porſteigende Gebirge heißt der Heuberg. Die Volksſage macht ihn zum Blocksberge Schwabens. Die Hexen halten dort Car- neval mit dem Boͤſen. „Das iſt gewiß, erzaͤhlt Cruſius, daß im J. 1589 im Herbſt etliche dergleichen Weiber und der fuͤr— nehmſte Rathsherr zu Schemberg (einem Staͤdtchen zwiſchen Bahlingen und Tuttlingen) verbrannt worden, die alle be⸗ kannt haben, daß ſie gewohnt geweſen, des Nachts auf die— ſem Berge zuſammen zu kommen, mit den Teufeln zu tanz zen, der Luſt zu pflegen, Menſchen und Vieh es anzuthun. Daher kommt es auch, daß die gemeinen Leute die Geſpen⸗ ſte und Luftgeſichte, die auf dieſem Berge hau: fig geſehen werden, fuͤr Zauberei von den Hexen und Teufeln halten.“ Jene Geſichte moͤgen wohl ihren Grund in natuͤrlichen Diſpoſttionen des Berges haben. Wenigſtens ſcheint er verborgene Löcher und Hoͤhlen zu haben, die viel— leicht Ausduͤnſtungen veranlaſſen. Wenn man auf dem Berge reitet, fo droͤhnt es, als ob er hohl wäre. In der Nähe find die Truͤmmer von 2 Burgſtaͤllen: Honburg und Straß— berg. Uebrigens kann dieſer Heuberg als der aͤußerſte Saum jener großen Fortſetzung der Alb angeſehen werden, die hier auf einmal ein Eck bildet, und ſtatt ſich gegen Suͤd⸗ weſt fortzuſetzen, nach Suͤdoſten Tuttlingen zu laͤuft. Die⸗ ſer oberſte Theil des Albgebirges fuͤhrt nicht mehr den Na⸗ men Alb, ſondern heißt auch der Heuberg, erſtreckt ſich vier Stunden in die Laͤnge und ſechs in die Breite, und macht einen großen Theil der ehemaligen Grafſchaft Hoch— berg aus. Je weiter er fich hinzieht, je waldloſer, ſteinig⸗ ter, kahler wird er, mit troſtloſen Doͤrfern ſpaͤrlich beſetzt. Sie naͤhrten ſich bisher von ihrem Induſtriehandel in die Schweiz: feit dieſer darnieder liegt, find fie brodlos und tanz gen im J. 1817 mit dem Hungertode. Neben jenem erſten Heuberg ſteht man von der Lochen aus fuͤdweſtlich den Schafberg und dahinter den Plet⸗ tenberg. Kehrt ſich das Auge auf der Lochen gegen Suͤdoſt, ſo W es uͤber eine Senkung, in der der Cotta'ſche Hof, 21 Oberhauſen llegt, auf der Gebirgsflaͤche gegen dem Dorfe Thieringen hin, das ſich durch das hohe Lebensalter ſeiner Einwohner auszeichnet. Dort entfpringt auch das durch feine gewaltſamen Daͤmmungen und Austritte (beſonders im Jahr 1787) furchtbare Fluͤßchen Schlichem, das ſich 6 Stunden von ſeinem Urſprung bei Epfendorf in den Neckar ergießt. Mancher Wandrer ſteht nach dieſer Richtung hin nichts als den Dobel, und die übrigen waldigen Fortſetzungen des Lochengebirgs. Wohl dem, welchem es einmal glüdt, eine ſolche Veleuchtung zu erhaſchen, die unter beſondern Diſpo⸗ fitionen der Luft, meiſt vor oder nach einem Regen bei wol— kenloſem oͤſtlichem und ſuͤdlichem Horizont ihm die herr⸗ liche Kette der Tyroler= und Schweizeralpen ents ſchleiert! Doch dieſes Gluͤck iſt fo ſelten, daß es manche Bes wohner der Umgegend ſelbſt noch nie genoſſen haben, und viele ſogar die Moͤglichkeit laͤugnen; daher der Reiſende ſich weder hier, noch auf den andern Punkten der Alb, wo die Ausſicht auf jene Berge unbeſtritten iſt, je beſtimmte Rech⸗ nung darauf machen darf. Dagegen hat er einen herrlichen Anblick bei nur halbe wegs guͤnſtiger Witterung um ſo gewiſſer, wenn er ſich gegen Weſten wendet. Dort erhebt ſich, die untergehende Sonne zu empfangen, eine ſchwarzblaue ferne Bergeskette, links von dem Kniebis und den letzten Enden des tieferen Schwarzwal— des. Die Formen dieſer fernen Berge verſetzen jeden, der auf den Ausſichtspunkten des tiefern Unterlandes und der Pfalz zu Haufe ift, dorthin; denn er findet die alten Ber kannten hier wieder, mit welchen er dort vertraut geworden. Es find die ernſten, wellenfoͤrmig aneinander gereihten Vo— geſen, und zwar, der Richtung nach, die obre Kette der⸗ ſelben, etwa in der Laͤnge von Baſel bis Straßburg, die, noch immer in einer Entfernung von 40 Stunden, hoch uͤber die uͤbrige Gegend emporſteigen. Wer ſo gluͤcklich iſt, die Vogeſen und die Tyrolergebirge zu entdecken, kann alſo mit einem Augenwink zwei Punkte berühren, die bei hundert Stunden von einander entfernt find. Und dazwiſchen wie viele kleinere Berg- und Huͤgel⸗ ketten, wie reiche Felder, wie dichte Waldungen, welche Saat von Städten und Dörfern! Jeder ſpricht fein Gefühl auf feine Weiſe aus: wir wollen nicht langer beſchreiben, fon= 22 dern' ſchließen mit dem charakterkſtiſchen Zug eines Tübinger Renommiſten, der vor einem Paar Jahrzehenden, den Hieber an der Seite, auf dieſem Felſengipfel angekommen, ſeinem Kameraden um den Hals fiel und in die Worte ausbrach: „Bruder, hau mich nieder, ich bin dieſer Ausſicht nicht werth!“ Der Ruͤckweg wird am beſten wieder nach Bahlingen genommen, da ſtch kein andres Nachtlager anbietet. Dann nimmt die ganze Tour etwa 4 — 5 Stunden weg. Nur wer ſich nicht ſcheut in einer Dorfſchenke zu uͤbernachten, mag, wenn er wieder am Fuße des Tannenwalds angekommen iſt ., St.), ſich nach dem Dörfhen Weilheim, das rechts zu ſeinen Füßen liegt, wenden (/ St.), und von da nach Duͤrr⸗ wangen (% St.) gehen, wo er im Löwen zwar kein ſtaͤdti⸗ ſches Bett, aber doch Wein und Fleiſch antrifft, und ei⸗ nen huͤbſchen Vorſprung hat, da er ſich fehon eine Stunde von Bahlingen, im Eingang des Lautlinger Thales, befindet. Wer zu Wagen iſt, hat denſelben entweder mit ſich durch den Wald hinauf mitgenommen, und da ſtehen laſſen, wo dle Heuberger Straße und der Lochenſteiner Pfad ſich ſchei— den, was jedoch eine harte Zumuthung fuͤr die Thiere iſt; oder er iſt den Berg ganz zu Fuß hinaufgegangen und findet ſeinen Wagen wieder unten bei der Ziegelhuͤtte im einſamen „Wirthshaus.“ Außer⸗-dieſer Tour auf den Lochen, find noch ſehr beloh— nende Abſtecher von Bahlingen aus auf den Plettenberg und den Schafberg zu machen, ſo daß der Wandrer zwiſchen dies ſen dreien ſich eine waͤhlen, oder nach Befinden zwei oder alle drei miteinander verbinden kann. Von Bahlingen auf den Plettenberg. (Hohe 3520 Wuͤrt. Fuß.) Hier geht der Wandrer von Bahlingen aus auf der Schwek— zerſtraße fort über Endingen (% St.) nach Dotternhau— fen (1 St.). Dem Neckar und Schwarzwald am naͤchſten tritt hier der weſtlichſte Theil der Alb mit den drei Bergen Lo— chen, Schafberg und Plettenberg in kuͤhnen Umriſſen in das Land hinein. Der Wandrer hat ſie zur Linken. In ſcharfer Kante ſenkt ſich das weſtliche Ende des Pletten— bergs bei Dotternhauſen bis zur Straße hinab. Von Dote ternhauſen ſteigt man eine halbe Stunde durch dunkeln Tan⸗ I 23 nenwald bis auf die Höhe, das Knie genannt. Dort übere ſieht man das zwiſchen dem Schafberg und Plettenberg gele⸗ gene Waldhofthal mit dem Waldhof und dem Waldweie her. Nach einer kleinen Viertelſtunde erreichen wir die Hoͤhe des Plettenbergs mit feiner eine Stunde im Umkreis hale tenden Weidflaͤche. Die Ausficht iſt noch freier und weiter als auf dem Lochenſtein, und was die Schneeberge betrifft, unbe— ſtrittener, als auf der Lochen. Die Reihe derſelben hebt hier fuͤr das Auge mit den Vorarlberger 8 an, und begreift den Sentis und die andern Appenzeller Gipfel in ſich. Dann ſchweift der Blick bis an den Feldberg bei Freiburg; weiter gegen Weſten werden auch hier durch eine Vertiefung des Schwarzwalds die Vogeſen ſichtbar. Das Panorama endlich uͤber das tiefere Land mit nahe an 200 Staͤdten, Hoͤ⸗ fen, Doͤrfern und Burgen iſt gegen Suͤden und Suͤdweſten noch offener, als vom Lochenſtein. — Auf dem Berge weidet eine Elektoralheerde des Hrn. v. Cotta. Eine Sennhuͤtte, in einer Vertiefung des Plateau's ver- ſteckt, gewaͤhrt dem duͤrſtenden Wandrer Milch. Zieger und andre Leckerei der hier oben weidenden Sennheerde wartet des Reiſenden im Waldhof, wo die eigentliche Kaͤſerei iſt, die den trefflichen „kalten Plettenberger Kaͤſe“ liefert. Auf dem vordern Theil des Plettenbergs gegen Dot— ternhauſen erkennen wir die Trümmer einer ſchon im ı5ten Jahrhundert zerſtoͤrten Veſte; hinten gegen Hauſen am Than lauft der Berg in eine uͤber dem Thal ſchwebende Felſenecke aus, der Edelmannswinkel genannt, und von dem uͤbrigen Berg durch Wall und Graben getrennt. Auch hier ſtand eine Burg. Noch ſteht man die Stufen, die, in den ſteilen Felſenſteig gehauen, von dieſem Herrenhaus in die Kirche nach Haufen hinunter führten. An dieſer Seite verlaſſen unſre Wandrer die Höhe des Berges, und ſteigen nieder zu einer Felſenquelle, wo noch vor 50 Jahren ein greiſer Einſtedler wohnte, deſſen Obſt— pflanzungen ihn und feine Hütte überlebt haben. Von dort, am Abhange des Berges hin, wandern unſre Reiſenden zur Sauerbronnquelle von Riedhalden (St.) und wieder zuruͤck durch einen ſchoͤnen Buchenforſt an den ſtillen Waldhof— weiher, in dem ſich die Felſen des Schafbergs ſpiegeln. Ein paar hundert Schritte aufwaͤrts in dieſem abgeſchiednen 24 Thale gelangt man an den Waldhof (f. oben). Von hier aus ſteigt man nun weiter abwärts, zwiſchen dem Pletten— berg und Schafberg hinunter, nach Hauſen, von ſeinem engen Waldthale- am Thann genannt (/ St.). Die armen Bewohner des Dorfes wandern zum Theil als Handwerker, zum Theil auch nur als Schnitter. Neuerdings ſenden St. Galler Haͤndler den Maͤdchen Muſter zum Tullſticken. — Jetzt fuͤhrt der Weg durch ein ſtilles, gruͤnes, von einem Bach bewaͤſſertes Wieſenthal nach dem Sennerwaldhof, der im ſtillen Grunde zwiſchen den dunkeln Waͤldern des Gaisbuͤhls und des Thanns dem Wandrer heimlich ent— gegen winkt. Ganz nahe ſtuͤrzt der Bach ſchaͤumend in ein tiefes Becken. Die Umgebung wird wild, und nur der Edel- mannswinkel mit ſeinen Spitztannen haͤngt uͤber dem ein⸗ geengten Horizont wie in den Wolken. Von hier aus ſucht nun entweder der Wandrer uͤber berhauſen (St.) mit einem Führer den Lochenſtein; oder er kehrt auf dem alten Wege nach Dotternhauſen zuruͤck (2 St.); oder endlich er geht über Kernhauſen (/ St.), Rathhauſen (½ St.), nach Schemberg (/ St.), wo er auf die Schweizerſtkaße kommt, und von da über Dottern— haufen (1 St.) nach Bahlingen (1½ St.) zuruͤck kehrt. Von Bahlingen auf den Schafberg. Höhe 3538 Wuͤrt. F., alſo 160 F. höher als die Lochen. Dieſe Tour wird über Endingen (/ St.) und Roß⸗ wangen (% St.) gemacht. Das letztere Dorf liegt recht un— terlaͤndiſch in einem Obſtwald, und iſt darum wohlhabend. Von ihm aus führt der Fußweg ſteil auf die Gaiskanzel; an einem Brunnen voruͤber, der aus den Wurzeln einer ſchoͤnen Buche hervorquillt; noch wenig aufwaͤrts, ſo ſteht man in dem Lochengrund (dem Bergſattel zwiſchen dem Schafberg und der Lochen). Hohe Felswandungen rechts und links, von wel— chen die hoͤchſte ſcharf und kantig wie ein Thurm in den Him⸗ mel aufſteigt: es iſt der Lochenſtein. In dieſem Sattel, an den Wenzelſtein gelehnt, liegt das freundliche Gehoͤfte des Lochenhofs (Wenzlau) 1 St. von Roßwangen; den Hof, obwohl 2702 Par. F. über dem Meere, zieren dennoch alte Obſtbaͤume und ein neu angelegter Hopfengarten. An den Felſenkegeln Wenzel und Lochen weiden Kuͤhe und Schafe 25 in ſchwindelnder Höhe. Vom Loch enhof beftelgt der Wan⸗ drer den — Wenzelſtein (% St.), und trifft hier noch Spuren einer alten von den Schweden zerſtoͤrten Veſte: den Burgbronnen, und unterirdi— ſche Gewoͤlbe. Vor 60 Jahren wurden die Truͤmmer zu ef= nem Hausbau im Thale verwandt. Der Sitz iſt rund von Bergen umgeben, und nur durch den Lochengrund, wie durch ein großes Fenſter, erblickt man Bahlingen und die umlie— genden Doͤrfer, den Zollern und das flachere Land, und eben zu den Fuͤßen, winzig klein, den Lochenhof; im Ruͤcken, Schloß Oberhauſen mit feinen Wieſen und Gärten. | Schafberg. Der Wenzelſtein haͤngt mit dem Schafberg durch eine natuͤrliche Bruͤcke zuſammen; hieher wenden ſich jetzt die Wandrer und ſteigen immer hoͤher, bis zu dem vordern Schei— tel des Berges (/ St.), den ein Kranz ſchmalen Buchenwal— des ſchmuͤckt, der bis auf den jaͤhen Abſturz kuͤhn heraustritt. Dort oben hat ſich vor Jahrhunderten der Fels, des Berges aufgethan, und klaft in einem tiefen Spalt auseinander. Baͤume und Pflanzen ſteigen aus der Tiefe auf, und wer durch ein enges Felſenloch in den Gang hinunter ſteigt, fin— det zum Wunder die reichſte Vegetation von Muſen, Lich— anen und Farrenkraut. Der Ort führt von dem, was er iſt, den Namen des geſpaltenen Felſen FCFelſenſpelt). Der Schafberg iſt der zweithoͤchſte des Landes. Die Ausſicht im weſentlichen dieſelbe, wie auf den zwei vorbe— ſchriebnen Bergen, iſt beſonders uͤberraſchend auf der gegen Roßwangen auslaufenden vordern Kanzel des Berges, die, nach unten ſchief einlaufend, im eigentlichſten Sinne des Wortes in der Luft ſchwebt. Die Flaͤche des Berges, um zwet Drittheile kleiner als die des Plettenberges, wird, wie dieſer, zur Waide benuͤtzt, und iſt erſt ſeit kurzem ausge: hauen. d Der Ruͤckweg wird über Oberhauſen (1 St.) angetre— ten; hier ſteht ein unbewohntes Schloß, der Schloßgarten aber wird noch unterhalten. Von Oberhauſen nimmt den Wandrer die Straße von Thieringen nach Bahlingen auf, und er kommt an der Lochen vorbei (die ſich alſo auch mit dieſer Tour ver⸗ 26 binden laßt), die ſchon beſchrlebne Lochenſteig herab nach Bah⸗ lingen (2 St.). Der ganze Complex dieſer Berge, Thaͤler und Weiden ſamt den Ortſchaften Dotternhauſen, Roßwangen, Oberhau— fen, Lochenhof, Haufen am Thann, und den Waldhöfen bil— det die Herrſchaft Plettenberg, die vormals auf Kreis— tagen Sitz und Stimme hatte, und deren Beſttz jetzt auf den Herrn v. Cotta uͤbergegangen iſt. Der jetzige Beſttzer hat die druͤckendſten Rechte der Leibeigenſchaft in den Orten Roß— wangen und Dotternhauſen aufgehoben; derſelbe hat ein Ca— pital von 1000 Gulden geſtiftet, deſſen Zins am 24ſten Aug. für die treueſten Dienſtboten und beſten Schulkinder der grund- herrlichen Ortſchaften in einem froͤhlichen Feſt auf dem Plet— tenberg vertheilt werden. f Route des erſten Tages. Von Tübingen nach Dußlingen . ½ St. Ofterdingen Hechingen 21 Weſſingen . 3 Stein hofen Engſtlatt : L Bahlingen „ zum Fuß der Lochen %— zur Heuberger Wegſcheide “ — auf den Gipfel der Lochen %— zuruͤck nach Bahlingen. 1, — Zuſammen 10% St. Abſtecher von Bahlingen. 1) nach Endingen +. St. Dotternhauſen 1 — guf den Plettenberg nach Riedhalden Hauſen am Thann. 7 — Dotternhauſen » Bahlingen 1, — Zuſammen 7 St. 2) nach Endingen f 5 St. Roß wangen 7 — auf den Wenzelſtein 1 — Schafberg 55 — nach Oberhauſen 1 — Bahlingen 3 Zuſammen 5°, St. Zweiter Tag. Durchs Lautlinger Thal uͤber Ebingen zum Fuß des Hohenzollern. Wer auf geradem Wege von Bahlingen auf den Hohen— zollern zuruck geht, iſt freilich in 5 Stunden oben, und fein Ziel muß fuͤr den heutigen Tag das ſeyn, was wir am drit— ten Abend erreichen, naͤmlich die Salmandinger Capelle. Wir ſchlagen aber den Reiſenden vor, um des wildſchoͤ⸗ nen Eyachthales willen den Weg uͤber Ebingen und zu— ruͤck uͤber das Gebirge zu nehmen, womit fie eine volle Tages. reiſe zubringen. 8 a b Weg durchs Lautlinger- oder Eyachthal nach Ebingen. Eine breite Landſtraße fuͤhrt durch dieſes ausgezeichnete Thal. Ehe man in die Muͤndung der Gebirge eintritt (das genze Thal zieht ſich anfangs ſuͤdoͤſtlich, am Ende faſt ganz oͤſtlich), kommt man durch Frommern % St.) nach Duͤrr⸗ wangen (% St.). Auf dieſem Wege hat man oͤſtlich von der Stadt Bahlingen den Hirſchberg (mit einer ſchoͤnen Ausſicht auf den Schwarzwald, das Gaͤu und einzelne Spißen der Mittelalb, z. B. Achalm), ſuͤdweſtlich von Duͤrrwan— gen den Hornberg oder das Horn, und links, tiefer im Thal gegen Lautlingen hin, die unvergleichliche Waldkuppel des Schalksbergs. — Mein Wirth in Duͤrrwangen er⸗ 28 zaͤhlte mir ziemlich verworren elne Sage von den drei Bergen Hohenzollern, Schalksburg und Hirſchberg, die er noch dazu laͤcherlich genug in die neueſten Zeiten, in ſeine Jugend, vorwaͤrts datierte und den „Karl Herzog“ zum Haupt⸗ helden machte. Offenbar aber iſt es eine aͤltere Sage, die ich aus ſeinen verwirrten Reden endlich herauswickelte und getreulich wiedergeben will. Sage von drei Bruͤdern. Vor langen Zeiten ſtanden auf dem Schalksberg und dem Hirſchberg ſchoͤne Burgen, wie auf dem Zollern. Die drei Berge und die Burgen gehörten drei Brüdern. Das Schloß auf dem Hirſchberg war das ſchoͤnſte, und der Bru— der, der dort hauste, war der reichſte; dem gehoͤrte auch Bahlingen. Der fiel in eine toͤdtliche Krankheit, und weil feinen Brüdern das ſchoͤne Erbe mehr am Herzen lag, als der kranke Bruder, ſo konnten ſie nicht warten, bis er ver— ſchieden war. Ja als es hieß, er ſey geſtorben, verbargen fie ihr Vergnuͤgen nicht, ſondern thaten Freudenſchuͤſſe von ihren Burgen herab. Die hörte der Todtkranke, vernahm ihre ur— ſache, und fiel vor Aerger in einen Schweiß, der ihn vom Tod errettete. Als er aber geneſen war, da beſchloß er, den ungetreuen Brüdern das fehone Erbe nicht zu gönnen, fondern er verkaufte ſeinen Berg ſamt Haus und Hof und der Stadt Bahlingen, auf den Fall ſeines Todes, an Wuͤrtemberg um einen elenden Hirſchgulden (9). So lebte er noch lange Zeit froͤhlich und getroſt auf ſeinem Berge, die Bruͤder aber ritten ihm zu Hofe und thaten ihm freundlich; denn er war der aͤlteſte, und hatte kein Weib und keine Kinder; ſo hofften ſie ihn dennoch zu beerben. Als er denn endlich ge— ſtorben war, und fie auf die Burg kamen, mit Worten weh— klagten und im Herzen froͤhlich waren, da kamen des Grafen von Wuͤrtemberg Abgefandte, brachten den Hirſchgulden zum Kaufſchilling, und zeigten die Urkunde vor, mit des Ritters Siegel und Unterſchrift. So erfuhren fie den Kauf, fluchten und tobten, aber vergebens. Der Berg gehörte Wuͤrtemberg, und ſie mußten abziehen. Am andern Tage kam der von Zol⸗ lern zu dem auf die Schalksburg und ſprach: ich hab ſchlecht geſchlafen, Bruder! ich auch, ſagte der andre, es iſt mir in den Magen gefahren. Laß uns den Hirſchgulden vertrinken, N ſprach der Zoller. So wirds nns beffer werden, wenn das Erbe draußen iſt. So giengen ſte nach Bahlingen und zechten im Wirthshaus. Als nun die Zeit kam, da ſie zah⸗ len ſollten, und den Hirſchgulden hinwarfen, da ſchuͤttelte der Wirth den Kopf und ſprach: fie find abgeſchaͤtzt; heut früh hats ein Bote von Stuttgart gebracht, in des Grafen Namen, meinen neuen Herrn. So zogen ſie ab, und ſprachen nichts miteinander; und hatten anſtatt des Erbes einen Gulden Schulden. Fortſetzung des Weges. Zwiſchen Frommern und Duͤrrwangen iſt das Wolfs— loch, eine laͤnglichte Grube, ungefaͤhr 15 Klaftern in die Laͤnge, und 10 in die Tiefe; fie beſteht aus lauter Kiesboden, fängt dus auf dem obern flachen Ackerfeld ſich ſammelnde Waſ— ſer auf, laͤßt es durchfließen und uͤberſchwemmt die W be ge⸗ legenen Ackerfelder mit Kies. — Was beim Eintritt in das Eyachthal den Wandrer ſehr angenehm uͤberraſcht, ift der ſchoͤne und dabei feine Menſchen— ſchlag, beſonders weiblichen Geſchlechts, und die allerliebſte Tracht, die der berühmten Steinlacher nichts nachgiebt. In den Haupttheileu iſt fie der Stadt Bahlingen und dem gan— zen Oberamt eigen: nur wird fie in der Stadt allmaͤhlig ſelt— ner, und hat ſich im Gebirg am lauterſten erhalten, wiewohl jedes Dorf wieder ſeine eigne Variation hat. Sie kleidet ſehr nett, und iſt vortheühaft für einen guten Wuchs; der Kopfputz in der Amtsſtadt iſt an Sonntagen eine hohe Haube von ſchwarzem Krepp mit Flor, der bis zu den Augen reicht, an Werktagen eine niedre, ſeidne, bebaͤnderte Schlafhaube. Auf dem Lande tragen ſie ſogenannte Stirnen, die vermoͤg— lichern fhwarzfammtene, mit einem Schnepp in die Stirn, hinten ausgeſchnitten, um die Zoͤpfe durchzuſtecken, und mit Haften geſchloſſen. Die Weiber haben auch Schleier und dar— auf ſchwarze runde Huͤtchen ohne Stilp. Das Mieder iſt ſehr eng auf den Leib angepaßt, und halb daruͤber geht ein weißer Goller von Gaß oder Muſſelin. Das Wams iſt ſchwarz und nicht laͤnger als das Mieder, mit kurzen Aermeln, vorne gaͤnzlich geſchloſſen, und nur auf dem Lande offen. Außer der Kirche tragen ſie es nicht, ſondern gehen Sommers und Win— ters in Hemdaͤrmeln. Beſonders gut nimmt ſich der kurze, 30 } / mit ſchwarzen Sammtborden verbraͤmte Rock aus ſchwarz und blauem Wifling aus, deſſen Falten alle nach Einer Seite ge— kehrt ſind; daruͤber die blanke Schuͤrze, die meiſt weiß, zu— weilen blau oder ſchwarz und immer gefaltet iſt. Ueber ihn zieht ſich der vielgeſchmuͤckte, ſchwarzſammtne Gürtel hin, hin— ten mit Baͤndern geknuͤpft. Die Struͤmpfe ſind weiß, ſelten noch roth. Die Schuhe ſpitz, geſchnaͤbelt, mit ſpitzem Abſatz, auf dem Land eine heruntergeſchlagne Laſche. Die Braͤute in der Stadt tragen zum Kopfputz handhohe Neſter, d. i. Raſterkraͤnze mit gold- oder ſilberdurchwirkten bunten Baͤn— dern, die die Haarzoͤpfe ganz, das Haar beinah bedecken. — Auf dem Land heißt es eine Schappel, und iſt eine Sammt⸗ borte, die Laubwerk, Nosmarin u. dergl. traͤgt. Bei Duͤrrwangen beginnt die eigenthuͤmliche Schoͤn⸗ heit des Thales. Links hat man hier dicht vor ſich die viel- beſprochene Schalksburg. Weiter hinten der huͤchſte Berg der Umgegend, der Boͤllath (Bellet, Boͤllert), wo bei dem Dorfe Pfeffingen die Eyach entſpringt. Rechts reihen ſich in keckere Formen, als ſonſt die Albgebirge, der Lochenſtein, der Hackenfels, der Dobel aneinander; der auffallendſte aber iſt ein breiter, vereinzelter Felsruͤcken von ungeheurer Hoͤhe, der Graͤblesberg. Wie uͤberhaupt das ganze Thal, wenn Vergleichungen erlaubt ſind, nur in verkleinertem Maasſtabe an die ſaͤchſiſche Schweiz erinnert, fo hat beſonders die— ſer Graͤblesberg, durch ſeinen hohen, auf beiden Seiten abſchuͤſſigen Felsaufſatz, die auffallendſte Aehnlichkeit mit dem Lilienſtein; eine kuͤhne Form, die ſonſt auf der ganzen Alb nicht wiederkehrt. Gegen Südoften iſt der ganze Berg mit ungeheuren Felsmaſſen verſetzt, auf der weſtlichern Seite ſtreckt der oberſte Abſatz dem Thal ein Hoͤhlenthor entge— gen, das aus weiter Ferne mit bloßen Augen entdeckt wird, und in die freie Luft herausgeht. Der Weg auf den Graͤb— les berg geht über Laufen, und beträgt von Duͤrrwangen immerhin 1) Stunden. Wenn man zu jenem Abſatz, zu dem man noch bequem emporkommen kann, gelangt iſt, ſo iſt das Thor der Hoͤhle in dem maſſiven Felſen immer noch uͤber 30 Fuß vom Boden entfernt, ſo daß man nur mittelſt langer Leitern daſſelbe erreichen kann. Etwa 40 Schritte nach dem gewoͤlbten Eingang erweitert ſich die Hoͤhle zu einem geraͤu— migen viereckigten Platze. | | m Eine bequemere und noch belohnendere Seitentour von Duͤrrwangen aus iſt der Weg auf die Schalksburg. Höhe 5178 Wuͤrt. F.) Hier geht der Wandrer links ab, nach Stockhauſen *) (% St.), dann durchs Wannenthal, an dem Hofe gleichen Namens vorbei, aufwaͤrts im dichten Tannenwald, bis man auf der Höhe anlangt (, St.). Unter die größten Naturmerk— wuͤrdigkeiten gehoͤrt der Eingang auf die verfallene Burg, der ſich in einem Bogen von 800 — 900 Schritten vom Burgfelder Feld her dem Schalksberg zu, ſo ſchmal herzieht, daß auf dem dünnen Ruͤcken nicht einmal ein Wagen fahren kann. Zu bei- den Seiten des ſchmalen Ruͤckens iſt eine ungeheure Tiefe von mehrern 100 Klaftern, fo daß die hoͤchſten in dem unter— halb liegenden Wald befindlichen Tannen dem Auge wie der Anwuchs eines jungen Haues erſcheinen, und ſelbſt die untre Baſis dieſes ſchmalen Ruͤckens zu feiner Höhe nicht verhält- nißmaͤßig ſcheint. Nicht leicht wird ein ſo hoher und zugleich fo ſchmaler Bergruͤcken angetroffen werden. Von der alten Burg ſelbſt ſind nur noch wenige Truͤmmer vorhanden, einiges alte Gemaͤuer und zwei Thuͤrme, jeder et— wa 2 Klafter hoch, der eine rund, der andre viereckigt; der übrige Schloßraum find jest Wieſen und Aecker, die auf Fel⸗ fen ruhen. Von dem edeln Geſchlechte der Schaͤlksburg weiß man nichts. Nur zwei Edle v. Schalksburg, beide Wales ther mit Namen, kommen bei Cruſtus vor, der eine im J. 1517, der andre 1568. Das Schloß ſoll nach Cruſtius vom Blitz getroffen und abgebrannt ſeyn. Schon zu ſeiner Zeit ſah man nicht mehr als Ueberreſte. Doch ſollen vor 40 Jah- ren noch 4 — 5 Thuͤrme geſtanden haben. In dem Berge zei— gen ſich noch Spuren von unterirdiſchen Gewoͤlben. Auch hier hat eine Volksſage ihren Sitz, die mir vom Wirthe zu Laut⸗ lingen muͤndlich mitgetheilt worden. ) Geſtattet es die Zeit, fo iſt von hier aus ein Abſtecher nach Zillhauſen (4, St.) hinter der Schalksburg zu empfehlen, zu dem ſchoͤnen Waſſerfall des Zillhaͤuſerbachs, der 86 Fuß hoch über Kalk- und Schieferfelſen in das ſogenannte Wun⸗ derloch faͤllt. Dann zuruͤck nach Stockhauſen. 1 32 Sage von der Schalksburg. „Einſt giengen junge Leute auf die Schalksburg luſtwan— deln, die ſahen da zwei ſchoͤne Jungfrauen, die ſich auf den Truͤmmern der Burg ergiengen. Weil ſie nun meinten, daß es lebendige Menſchen waͤren, ſo ſcheuten ſie ſich nicht, mit Fragen an fie zu gehen und zu erkunden, wer fie denn wären, und wie ſo ſchoͤne Fräulein in die wilde Eindde kaͤmen. Da antworteten jene: wir ſind nicht mehr am Leben, wie ihr glaubet; wir find gebannte Geiſter und geſchworene Jung— frauen; zur Strafe fuͤr unſre Suͤnden muͤſſen wir die Schaͤtze huͤten, die in den Gewoͤlben der Burg verborgen liegen, bis einer kommt und uns erlöst. Wollt ihr uns erloͤſen, ſo thut alfo:. drunten am Fuße der Burg, mitten im Tannenwald, findet ihr einen Ahornbaum, er iſt der einzige im Walde, den hauet um und ſchneidet ihn zu Brettern und machet eine Kinderwiege daraus. Dann nehmet ein unſchuldiges Kindlein und leget es drein. So werden wir erloͤst werden. Als ſte dieſes geſprochen, verſchwanden ſie in dem Geſtruͤpp. Die jungen Leute aber kam ein Schauer an, und ſte giengen hinab in ihr Dorf. Doch ſuchten fie und fanden den Ahorn; thaten in Allem, wie ihnen die Jungfrauen geſagt. Und als es ge— ſchehen war des Abends, da ſah man aus der hohen Schalks— burg eine Helle ſich erheben, wie vom Schein eines Feuers, und alsbald flogen die erloͤsten Jungfrauen herrlich von Ge⸗ ſtalt und mit feurigen Leibern gen Himmel.“ Dieſe Sage hat noch neuerdings Leute vom Dorfe Laut— lingen verführt, Schaͤtze in den Gewoͤlben zu ſuchen. Meh— rere Männer ließen ſich an Seilen in dle unterirdiſchen Loͤcher hinab. Einer davon verirrte, und ſchrie, daß man ihn herauf laſſen ſollte; die droben aber zogen am falſchen Seil, und ſo ward er nur immer tiefer hinunter gelaſſen. Endlich gerettet, ſagte er aus, daß er eine große Kiſte drunten habe ſtehen ſehen, und dabei einen feurigen Hund, als Waͤchter der Schaͤtze. Die ſchoͤnſte Aus ſicht auf der Schalksburg iſt auf der Seite gegen Duͤrrwangen auf der Brandhalden, gegen den Schwarz- wald. Gegen Suͤdweſten ſoll das Auge bis an den Saum der Tuttlinger Berge ſchweifen, was der Lage nach faſt unmoͤglich iſt. — Auf der oͤſtlichen Seite der Burg entſpringt am ober— ſten Felſen der Schalksbach, der bei anhaltendem Regen und Schneeabhang von vielen Bergquellen verſtaͤrkt wird, „die alle ſeht zornig laufen.“ 33 Der Ruͤckweg von der Schalksburg wird am beſten wieder über Stockhauſen genommen (/ St.), wenn man nicht ſo gluͤcklich iſt, Fußpfade nach Laufen oder gar nach Lautlingen zu treffen. In der Nahe von Duͤrrwangen iſt noch der Hacken brun— nen zu bemerken, der am Fuß des oben erwaͤhnten Hacken— felſen armsdick heraus und bergabſtuͤrzt; er verſtegt nie des Sommers und gefriert nie des Winters, am Felſen kann man ſein Brauſen im Eingeweide des Berges belauſchen. Den Namen führt Fels und Brunnen von einem in dem Felſen be— feſtigten hoͤlzernen Hacken, vermittelſt deſſen die Leute uͤber einen hohen Felſen auf- und abſteigen, wenn fie den naͤchſten Weg nach Thieringen gehen. Fortſetzung des Weges nach Ebingen. Von Duͤrrwangen an der lieblichen Eyach und ihren Mühlen hin nach Laufen, einem kleinen Filialdoͤrfchen mit beſonders feinen Phyſtonomien, dann nach Lautlingen (mit einem Staufenbergiſchen Schloͤßchen). Hier war die berühmte Kaͤſerei des Gr. v. Staufenberg, die den ſchoͤnen rothen Och— ſenbergerkaͤſe (von der benachbarten Meierey fo geheißen) lieferte. Schon Cruſius erzählt: „da wohnt ein Edelmann, bei dem ſehr gute Kaͤſe gemacht werden.!“ Seit kurzer Zeit hat die Kaͤſerei aufgehört. In Lautlingen kann ſich der Wandrer mit gutem Bier erquicken. Hier verlaͤßt die Straße den Bach der Eypach, der links aus dem Gebirge hervorkommt, eine leichte Erhoͤhung uͤber Ackerfeld hin führt aus dem Eya— cher- in das Ebingerthal (1% St.). Auf der Höhe hinter Lautlingen, wo man noch einmal die jetzt im Ruͤcken liegen⸗ den maͤchtigen Berge der Eva uͤberſchauen mag, thut man, eben wo die Eyach, die man bisher oͤſtlich aufwärts verfolgt, Raus Norden hervorkommt, einen ſchoͤnen Blick in dieſe Krum- mung, in der das Kloſter Margarethenhauſen, ſehr ſchmuck fuͤr dieſe Einſamkeit, liegt. Hier, wie in Lautlingen, Frommern und Ebtugen hatte ſchon im Jahr 795 St. Gal⸗ len von der mit den Karolingern verſchwaͤgerten maͤchtigen Familie der Grafen Berthold Schenkungen. Nach ihr hieß dieſe ganze Gegend bis Tuttlingen damals Bertholdis⸗ bara, Bertholds Baar. G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 3 54 Nach der verwirrten Erzaͤhlung eines Fuͤhrers haͤtte zwi⸗ ſchen Margarethenhauſen, Laufen und Burgfelden noch ein Schloß, „das alte Schloß“ geſtanden, “ Stunden von der Schalksburg; noch ſey davon ein abgehobener Thurm von herr⸗ lichen Quaderſteinen, wie abgeſaͤgt, zu ſchauen. Auf dem als ten Schloß und dem Graͤblesberg ſeyen zwei feindſelige Brüder geſeſſen, die einander nichts Gutes goͤnnten, ſich ver— derbt, und einer den andern mit Pfeilen erſchoſſen haben (eine Sage, die unzaͤhligemahl wiederkehrt, wo zwei Burgen ein⸗ ander gegenüber ftehen). — So ſorgfaͤltig indeſſen der Bauer das alte Schloß von der Schalksburg zu unterſcheiden ſchien, ſo iſt es doch wohl identiſch mit derſelben; denn 17 ganzen Thal wollte niemand ſonſt etwas davon wiſſen. ie kleinen Ruinen des Schloͤßchens Staufen berg-Lautlin⸗ gen am Fuße des Thierbergs koͤnnen es der Lage nach nicht ſeyn. — Auf dieſem Thierberg hauſen uͤbrigens Ge— ſpenſter. Jetzt ſind ſie aber alle erlöst, feste mein munterer Wirth in Lautlingen hinzu: „Pfarrer Demeter hat alle erlöst — durch ein Buͤchle über Hexen- und Geſpenſtergeſchichten. E bing enn. (Hoͤhe 2561 W. F.) So unanſehnlich das Staͤdtchen ausſteht, iſt es doch einer der gewerbſamſten Orte mit ſtarken Wollenſtrumpfweberei, Zeug⸗ und Hutfabriken, und ausgedehntem Viehhandel. Auch iſt die Einwohnerzahl 4000, mithin um ein Viertel ſtaͤrker, als die von Bahlingen. Es liegt an dem Fluͤßchen Schmicha, das bei Onſtmettingen entſpringend, hier von der Alb herabkommt, und nach Suͤden zu fließend, ein tiefes und wal⸗ diges Albthal bildet, das ſich allmaͤhlig verflachter fortſetzt, bis ſich die Schmicha, etwa 5 Stunden von Ebingen, unweit von Sigmaringen, in die Donau ergießt. 4 2 Das beſte Wirthshaus iſt die Poſt, wo den Wandrer gu— ter Wein und erkleckliche Mittagsmahlzeit erwartet. Geſchichtliches bietet Ebingen nicht viel. Daß es ur⸗ alt iſt, haben wir oben geſehen. Schon im J. 817 kommt es als villa vor. So hießen zu den Zeiten der Carolinger die Domänen, in welchen die Könige, öfters hausten. In der ſpaͤtern Zeit war die Stadt ein Eigenthum der Grafen von Hohenberg; im Jahr 1567 kam es durch Kauf an Wuͤrtemberg, 35 doch fo, daß Graf Sigmund von Hohenberg, an den die Stadt ſpaͤter wieder verpfändet worden war, nachdem die Pfandſchaft gelöst, bis zu ſeinem Abſterben 1486 da wohnen durfte, wor- auf aus ſeinem Haus ein Spital gemacht wurde. Nach Herzog Ulrich's Vertreibung ward es von Graf Ele telfriz v. Zollern im Jahr 1519 vergebens belagert, und war eine der letzten Städte, die ſich dem ſchwaͤbiſchen Bund erga= ben. Die Stadt hatte ſich fruͤhzeitig einen ſchoͤnen Reichthum erworben, denn, als durch die Nachlaͤſſigkeit eines alten Wei⸗ bes im Jahr 1577 das Rathhaus mit der ganzen Straße bis zum Markte abbrannte, bedauerte man nicht nur den Verluſt von Briefſchaften und Privilegien, ſondern auch einen großen Schaden an Hausrath und Silbergef irrt, viele 1000 Gul⸗ den an Werth. Der Reichthum muß um dieſe Zeit die Bürger ein wenig zuverſichtlich gemacht haben. Daher folgende Geſchichte, die ins J. 1584 fällt, als Ludwig, Chriſtophs Sohn, Herzog in Wuͤrtemberg war. Hans Koch von Sina Hans Koch, der feſte Buͤrger ſitzt Zu Stuttgart in der Landſchaft, Ein guter Sinn und Seckel ſchuͤtzt Die Ehre ſeiner Standſchaft. Er weiß, er hat ein eignes Haus, Drum macht er ſich ſo viel nicht draus, Weg von der Bruſt zu ſprechen. Ein milder Herr der Ludwig iſt, Liebt ſeine Unterthanen, Doch auch den Wein, zu jeder Friſt, Und zecht, wie ſeine Ahnen. Und weil er will des Volkes Heil, So nehmen anch die Staͤnde Theil An manchem guten Mahle. Einſt ſitzen ſie bei ihm zu Tiſch, Hans Koch an ſeiner Seite; Es ruft der Fuͤrſt: „getrunken friſch! Kraft braucht's zu neuem Streite!“ 1 Da wehret ſich ein jeder Stand, 3 . 36 Praͤlaten und das ganze Land Zur Eintracht ſtimmt der Becher. Herrn Hans verſchwimmet Stand und Rang Im weiten Meer des Weines: „O Herre! ſpricht er gar nicht bang, Verſprechet mir ein Kleines! Wie mir's bei euch gefallen hat, — Fuͤhrt euch der Weg durch meine Stadt, — Laßts euch bei mir gefallen!“ O weh, das kecke Wort verſtoͤrt, Und ſchlaͤgt die Zecher nieder, Und ein Gehorſamsfieber führt Den Herrn durch alle Glieder. Da troͤſtet ſie des Herzogs Blick, Er winkt mit gnaͤdigem Genick: „Wie ſollt' ichs Euch verſagen?“ Und friedlich, nach dem frohen Schmaus (Der Himmel gab den Seegen) War bald der heiße Landtag aus, Gieng jeder ſeiner Wegen; Nach Ebingen der alte Hans, Er maͤſtet Schwein’, er ſtoppt die Gans, Er eichet alle Faͤſſer. Nach kaum zwei Monden fuͤhrt die Farth Auf Hohentwiel den Fuͤrſten; Bei Ebingen im Tannenhart Faͤngt es ihn an zu duͤrſten; Da klopft er an des Hanſen Thuͤr: Lieb⸗ und Getreuer, komm herfuͤr, Jetzt ſollſt du Wort mir halten. Und wie ſich thun die Thuͤren auf, Iſt ſchon der Tiſch gedecket, Dem Fuͤrſten und dem Dienerhauf Das Feſtmahl weidlich ſchmecket. Der Herzog lehrt's den ganzen Hof, Der Ritter trank, der Knappe fof, Der Jagdhund kaut' am Troge. „Ei Koch, ei Koch! ihr feyd ein Koch! Ihr backet gute Krapfen! Und waͤchst ein feines Weinlein doch An euren Tannenzapfen. Heil eurem Haus und ewig Ebr! Nur Eines fehlt: was iſt er leer, Der Platz zu meiner Rechten?“ „Das Beſte kommt, o Herr, zuletzt!“ Spricht Hans mit tiefem Neigen. „Mit beſſrem Wein den Tiſch beſetzt! Ihr Geiger, ſpielt den Reigen! Da thut ſich auf ein Geitenthor, Ein roſig Maͤgdlein tritt hervor, Den Brautſchmuck in den Haaren.“ „Ei ſchauet, ruft Herr Ludwig, ſchaut!“ — Er ruft's mit Wohlgefallen. „So lang bargſt du die ſchoͤnſte Braut, Die Tochter in den Hallen?“ Da nimmt Herr Hans das ſuͤße Kind, Das goldgeſchmuͤckte, fuͤhrt geſchwind Dem Herzog es zur Seite: „Ein Wittwer ſeyd ihr, Gott's erbarm! — Mein Haus iſt ohne Schulden! Schmuck iſt mein Maͤgdlein, iſt nicht arm, Sie bringt euch tauſend Gulden! Herr! euer iſt die ſchoͤne Braut, Fuͤr dieſes Mahl euch angetraut Zu euren rechten Handen!“ Der Herzog ſieht ſich an die Meid: Ja, ſie iſt ohne Tadel! —* Ihr reiner Leib im ſeidnen Kleid, Er iſt von Gottes Adel. Drum ſchaͤmet auch der Fuͤrſt ſich nicht, Sich mit dem ſchoͤnen Kind verſpricht Auf dieſes Mahles Freuden. 4 Er ſteckt ihr an ein Fingerlein Von lauteren Demanten, 38 Er ſetzt fie au die Seite fein Beim Schall der Muſtkanten. . Und mit des reichen Mahls Beſchluß Darf ſie dem Braͤutigam den Kuß In Ehren nicht verwehren. Drauf ſattelt man dem Herrn das Roß, Er dankt von ganzer Seele, Er laͤdt den Vater auf ſein Schloß Auf Gaumen und auf Kehle; Nur auf dem Landtag, bittet er, Da ſoll fortan der werthe Schwaͤhr Den Schwiegerſohn bedenken. Von den ſpaͤtern Schickſalen der Stadt Ebingen iſt nur noch zu bemerken, daß ſie, wie Bahlingen, Tuttlingen und Roſenfeld im J. 1655 dem Grafen Heinrich Schlick geſchenkt ward, der fie nach dem weſtphaͤliſchen Frieden in ſchlechtem Stande wieder abtrat, weil ſie am 21. Nov. 1642 von den weimariſchen Voͤlkern rein ausgepluͤndert worden. — Von den Umgebungen Ebingens iſt der Sigmaringiſche Oberamtsflecken Straßberg im Schmichathal (1½ St.) der bemerkenswertheſte wegen des herrlichen Felsſchloſſes, das noch ganz erhalten auf ungeheuren thurmeshohen Steinmaſ— ſen ruht, und jetzt einen ſchlichten Bauer zum Bewohner hat. Wenn unſre Reiſenden nach dem Mittagsmahle aufbrechen, ſo haben fie nun wiederum zwei Wege von Ebingen zum Fuße des Zollern offen. 1) Wenn dle oben bezeichnete Beſchaffenheit der Witte: rung eine Ausſicht in die weite Ferne hoffen ließe, ſo waͤre es rathſam, den Umweg uͤber den Bergort Bitz und dann durchs Killerthal nach Hechingen nicht zu ſcheuen. Bitz (1½ St. von Ebingen), ein ſehr hoher Albpunkt (Höhe 3135 W. F.), das einzige Doͤrfchen des ehemaligen Oberamts Ebingen, das die Stadt im J. 1586 um — 210 Pf. Heller von Schweikart v. Lichtenſtein kaufte, gewaͤhrt naͤmlich in dieſem Fall eine unvergleichliche Ausſicht auf die Schnee— gebirge der Schweiz und von Tyrol. Von dort ſteigt der Wandrer dann nach Burladingen etwas abwaͤrts ( St.), yı 39 dann wieder über das wilde Gebirg nach Hauſen (1½ St.), wo er ins Killerthal eintritt, und über Storzel (/ St.), Killen % St.), Jungingen (% St.), Schlatt (% St.) nach Hechingen (ö1 St.) gelangt, wo er die Nacht bequem zubringt, um vor Sonnenaufgang am andern Morgen den Zollern zu erreichen. 2) Da aber jener Weg außer Bitz eben keine beſondre Reize darbietet, fo möchte, wenn nicht, wie geſagt, die Wit⸗ terung ſehr viel verſprechend iſt, der zweite geradere Weg, um einer Naturmerkwuͤrdigkeit willen, die man ſicherer hat, vor— zuziehen ſeyn. Dieſer führt der Hechinger Chauſſee nach zuerſt an der Schmicha hinauf, uͤber Trochtelfingen (% St.), Thail⸗ fingen (, St.) nach Onſtmettingen (% St.). Von dem letztern Orte aus führt ein Fußweg links am Zellerhorn vorbei nach Mariazell (/ St.) über das Gebirg. Maria— zell aber liegt dicht am ſuͤdlichen Fuße des Zollern. So wuͤrde es den Reiſenden noch moͤglich, die Sonne auf dem Zollern untergehen zu ſehen, und uͤber dieſen Berg nach Hechingen ins Nachtquartier zu gehen @Y% St.). Verfolgen ſte aber von Onſtmettingen aus die Fahrſtraße, ſo fuͤhrt ſte der Weg nach Tannheim (St.), dann durch das tiefe Tannheimerthal über Biſſingen (/ St.) und Weſſingen, vor welchem Dorfe ſte aus dem Gebirgsthale hervor wieder auf die Bahlinger Straße kommen (/ St.), nach Hechingen 6, St.). In dieſem Falle ſparen fie den Zollern für den Sonnenaufgang, was vielleicht überhaupt rathſamer iſt, zumal da Onſtmettingen in jedem Falle fo viel Zeit wegnimmt, daß der Sonnenuntergang ſchwerlich be— quemerweiſe noch auf dem Zollern genoſſen werden koͤnnte, ſelbſt wenn der weit naͤhere Fußweg von dieſem Dorf aus eingeſchlagen wird. Denn der Wandrer laſſe ſich nicht durch den unſcheinbaren damen Linkenboldsloͤchlein, den er bei Onſtmettingen hoͤrt, beſtimmen, voruͤberzugehen, da dieſes Loͤchlein eine der bedeutenderen Hoͤhlen des Landes und allerdings ſehens⸗ werth iſt. Auch findet der Wandrer hier an dem Backofenfelſen bei Onſtmettingen einen der hoͤhern Punkte der Alb. Hoͤhe 3501 Wuͤrtemb. Fuß über dem mittellaͤndiſchen Meer. 40 Route des zweiten Tages. Von Bahlingen nach Frommern 6. Dürrwangen / — auf die Schalksburg, zum Zillhaͤuſer⸗ bach und zuruͤck nach Duͤrr wangen 2, — nach Lauffen Y— nach Lautlingen / — nach Ebingen 1½ — nach Bitz 1% — nach Burladingen. nach Hauſen nach Storze!!l. % — nach Killen ! nach Jungingen R nach Schlatter nach Hechingen 13%, St. oder aber: von Bahlingen nach Ebingen . 64 St. nach Trochetlfingen 55 — nach Thailfingen / — nach Onſtmettingen. %— nach Mariazell. 1 9 St. oder von Onſtmettiugen über Tannheim 1 St., Biſſingen /, Weſſingen / Hechingen J. Dann im Gan⸗ zen 10%, St. 41 s Auf Zollern uͤber Belſen den Farrenberg und die Salmandinger Capelle nach Möffingen. Schloß Hohenzollern. Höhe 2972 W. F.) Ehe man zum eigentlichen Schloſſe kommt, fuͤhrt der Weg durch ein kleines, enges Außenwerk, den einzigen Zugang zu der auf einem ſenkrechten Kalkfelſen erbauten Burg, welches abſatzweiſe durch neun ſtark mit Eiſen beſchlagene Thore ver— wahrt war, und das Schloß zur ſichern Feſte machte. Das Schloß ſelbſt bildet ein laͤnglichtes Viereck von Gebaͤuden, an dem nur die ſuͤdoͤſtliche Seite, von welcher der Wandrer herz eintritt, offen ſteht. Rechts hat er hier das Zeughaus mit Geſchuͤtz und einer ſehenswerthen Sammlung alter Ruͤſtungen, wovon ſich einige ſchoͤn von Stahl gearbeitete der Hohenzol— lerſchen Grafen beſonders auszeichnen. Aber das Ganze iſt in einem finſtern, haͤßlichen, fruͤhgealterten Saale aufbewahrt, und macht keinen guten Eindruck. Neben dem Zeughauſe ſind zwei Mühlen übereinander, von ſeltnem Mechanismus, wo— von die untere durch Pferde, die obere durch Menſchen getrie⸗ ben wurde. Links, und dem Zeughauſe gegenuͤber, ſteht die Burgkapelle, klein und unanſehnlich; aber das einzige aus der aͤlteſten Zeit uͤbergebliebne Gebaͤude des Schloſſes, deren Er— bauung ins ııte Jahrhundert zu ſetzen iſt. — Den übrigen Theil des Schloſſes nehmen Zimmer und Saͤle ein, die nicht alt und nicht neu den traurigen Eindruck zerfallender Baulich- keiten machen, und das Bild einer Zerruͤttung geben, die nicht hohes Alter, ſondern Mangel an Erhaltung herbeigefuͤhrt hat. So iſt an der nordweſtlichen Fronte das Gebaͤude, wo es ſich der offnen Ausſicht nach der Flaͤche zukehrt und von ferne ſo majeſtaͤtiſch ausſteht, fo ſehr im Zerfallen begriffen, daß man mit einiger Gefahr hindurchwandelt; aber die Riſſe und ge⸗ ſpaltnen Waͤnde und entbloͤsten Giebel zeigen keine ergraute Quadern, fondern weißen Kitt und rothe Ziegelſteine. 42 Im Innern des Hofes ſtehen ein paar alte, aber ſchon verwelkende Baͤume, dem Bilde des Ganzen entſprechend. Dann ein Schoͤpfbrunnen und eine in die Erde gemauerte, tiefe, kupferne Ciſterne, die mit dem Brunnen in Verbindung ſtand, mit der Inſchrift: „Maria Sidonia, Markgraͤfin von Baden.“ Dieſe Fuͤrſtin ſoll fie in ihrem Wittwenſtande ha— ben verfertigen laſſen. Die geſammten Schloßgebaͤude ſind mit einer auch ſchon zerfallenden Mauer umgeben, die uͤbrigens noch genug Spu— ren des Feſtungsmaͤßigen zeigt; ſo wie auch die Oberflaͤche des Berges mit tiefen Kaſematten, die muͤhſelig in die Felſen ge— hauen und gewoͤlbt, auch noch zugaͤnglich ſind, unterminirt iſt. Die Aufſicht fuͤhrt ein Invalide, der Ah Bewohner des Schloſſes. — Geſchichtliches aber be Der erſte Urſprung des Hauſes verliert ſich ins Fabel— hafte. Schon im gten Jahrhundert ſoll Meginhardus oder Meynhard, ein Graf von Zollern, gelebt haben, der aus geiſtlichem Drange ſich in eine wilde Einoͤde der Schweiz „im finſteren Wald genannt“ begeben und dort ein Einſtedlerleben gefuͤhrt haben ſoll, dienſtfertig und huͤlfreich den benachbarten Uferbewohnern des Zuͤrcher See's. Dieſer ward in feiner Zelle, die er ſich hier erbaut, von zwei Landpfarrern ermor— det (865) und ſpaͤter zu ſeinem Andenken an der Stelle ſeiner verfallnen Einſtedlerszelle das Kloſter Einſiedeln gebaut. Aber andre Nachrichten machen den h. Meynhard zu einem Grafen von Saulgau. — Cruſius mit andern fabelt, ums J. 1040 habe Ferfried, ein italiſcher Graf aus der beruͤhm⸗ ten roͤmiſchen Familie Colonna, der immer zu den Kaiſern hielt, von ſeinem Widerpart gedruͤckt, Italien verlaſſen, und ſey von Kaiſer Heinrich III. mit dieſem Berge und einigen Reichs zoͤllen belehnt worden. Dieſer habe die Burg erbaut und ihr den Namen von jenem Zoll gegeben. — Noch andre fagen, ein gewiſſer Houching ſey der Gründer von Hechin⸗ gen und der Stifter des Geſchlechts. Gewiß it, daß das Geſchlecht ſchon im aten Jahrhundert in voller Bluͤthe ſtand. Aber die ungluͤcklichen Fehden des ı5ten Jahrhunderts brach— ten es herunter und erklaͤren auch den traurigen Zuſtand der Burg einigermaßen. Schon im J. 1415 gerieth der tapfre 43 Graf Friedrich von Zollern, der Oetinger genannt, in Streitigkeiten mit Wuͤrtemberg, und um einen maͤchtigen Helfer zu bekommen, verkaufte (oder verpfaͤndete) er ſeine Burg mit ſamt Hechingen an Bernhard von Baden. Bisher war er in wuͤrtemb. Dienſten und einer der Raͤthe Graf Eber— hard . geweſen. Nun kuͤndigte er nach deſſen Tode (1419) der Adminiſtratorin Wittwe, der Graͤfin Henriette von Wuͤr— temberg mit groben Schimpfworten den Dienſt auf. Als man ihm mit ihrer Feindſchaft drohte, ließ er das Wort fallen: „kann oder wird mich ein giftiges Weibsbild verſchlingen?“ Der Graͤfin wurde das Wort hinterbracht und ſte ſchrieb an ihn: „Ja, nicht nur dich, ſondern auch deine Burg Hohenzol— lern, ſamt allem, was deines Rechtes iſt, will ich verſchlin— gen, auf daß du mit Schaden inne werdeſt, wie du nicht ein feiges Weibsbild, ſondern deine Fuͤrſtin verachtet und gereizt haſt.“ — Als bald darauf der Graf in eine Fehde mit den verbuͤndeten Reichsſtaͤdten gerketh, die vor feinen Raͤubereien nicht ſicher waren, und feine Burg zwet Jahre lang vergeblich von ihnen belagert ward, ergriff die Graͤfin Henriette den Au— genblick der Rache, ſandte den Belagerern unerwartet 2000 ° ihrer Kriegsknechte, und noͤthigte den Grafen, dem zuletzt nur noch 54 Mann uͤbrig geblieben waren, zur Uebergabe. Den Gefangenen ſteckte ſie in einen tiefen Thurm zu Moͤmpelgard, wo er lange ſchmachtete. Die Ulmer aber zerſtoͤrten das Schloß und zerbrachen ſelbſt die Steine. Erſt nachdem Graf Ludwig von Wuͤrtemberg die Regierung angetreten, wurde der Oe— tinger frei gelaffen und ſtarb auf einem Zuge nach dem ge— lobten Lande (1429). Sein Bruder Eitelfriz verglich ſich mit Wuͤrtemberg und erhielt gegen Abtretung einiger Doͤrfer und das Verſprechen, fuͤr ſich und ſeine Nachkommen auf ewige Zeit Wuͤrtembergs Diener zu ſeyn, die zerſtoͤrte Burg wieder. Als Soft Niklas, der Sohn des Oetingers, volljaͤh— rig geworden, ließ er Holz in den benachbarten Albwaͤldern zimmern, um die Burg ſeiner Vaͤter wieder zu erbauen, aber die Reichsſtaͤdter überfielen die Baumaterialien und nahmen alles weg. Erſt durch Einſchreiten feiner hohen fuͤrſtlichen Verwandten ward endlich der Wiederaufbau im J. 1454 bes gonnen, und dieſe halfen auch die Grundſteinlegung feiern. Wie die Burg damals — aus einem von des Vaters Gefan— genſchaft und Kreuzzug und des Sohnes fehlgeſchlagnen Bau— 44 verſuchen erſchoͤpften Schatze kuͤmmerlich aufgeführt ward, und am Ende dieſes Jahrhunderts vom Grafen Friedrich, Biſchof. von Augsburg, mit einigen Gebäuden erweitert; fo ſteht fie noch, und der aͤußere Firniß, von dem fie vielleicht uͤberglaͤnzt⸗ war, iſt abgeſprungen. Im 3ojaͤhrigen Krieg wurde die Feſtung für Oeſterreich von Wichtigkeit, und es erkaufte ſich gegen einen Jahresgehalt von 5000 fl. das Recht, eine Beſatzung hineinlegen zu dürfen, die aber von den oberſten Befehlen des Grafen von Zollern abhieng. Eine ſolche Beſatzung lag auch noch in den 174008 Jahren, im bairiſchen Kriege darin, und ſtreckte vor einem franzoͤſiſchen Belagerungskorps die Waffen. Dieſes Oeffnungs— recht ward erft im Jahr 1798 von Oeſterreich aufgegeben, wo— durch den Fuͤrſten von Zollern jene ſchoͤne Rente entgieng. — Aber wenn auch nicht fuͤr den Einblick, doch immer fuͤr den Anblick vom Thale bleibt das Schloß mit ſeinem ehrwuͤr— digen Namen eine Zierde der Alb. Ausfiht vom Hohenzollern. Je unerfreulicher die naͤchſte Umgebung wirken mag, mit deſto größerer Sehnſucht kehrt ſich das Auge nach der ausge— breiteten Ausſicht, die ſich nach Weſten, Norden und Nord— often fait ins Unendliche verliert. Obgleich fie nicht viel mehr als jenen allgemeinen Charakter darſtellt, den wir fuͤr die Berge dieſes Umkreiſes in der Einleitung gezeichnet, ſo wird doch der Niederblick von der Alb auf die weite und mannig⸗ faltige Flaͤche den Wandrer gewiß uͤberraſchen und frei und fröhlich ſtimmen. Bedeutende Eigenthuͤmlichkeiten findet er freilich nicht; die naͤchſten Albberge, ſo guͤnſtig ſich der Ho— henzollern von ihnen abloͤst und als einzelner Bergkegel vor— waͤrts tritt, grouppieren ſich nicht ſonderlich pittoresk, obgleich fie einen ſchoͤnen Kranz von Waͤldern, amphitheatraliſch um ihn gelagert, ihm entgegen bieten, und von den bedeutendern und nahmhaften Spitzen der Alb links gegen Nordoſt iſt keine ſichtbar. Aber es ſoll der Blick auch, wenn er die erſten Male von einem Gebirge herabblickt, nur mit dem Großen und All- gemeinen ſich beſchaͤftigen, das ihn hinreichend erfreuen wird; ſpaͤter erſt, wenn er auf aͤhnliche und immer wieder aͤhnliche Punkte kommt, wird ihn jenes Allgemeine, das ſo ziemlich wieder daſſelbe iſt, zu ermuͤden anfangen: wie wohlthaͤtig iſt 45 es dann für das Auge, wenn es zunaͤchſt um ſich her immer neues, immer ſchoͤneres Nebenwerk gewahrt, und das alte Gemaͤlde in immer guͤnſtigere Rahmen gefaßt, ſich ſo ihm erneut. | Der Aufenthalt auf dem Zollern wird nicht über 17 Stun- den wegnehmen, und in “ Stunde iſt der Wandrer wieder unten im Bruͤhel, wo er ſich zur neuen Reiſe mit Erfrifchun- gen ſtaͤrken, und den Gedanken nachhaͤngen mag, die der Berg, der alte Zeuge der Vorzeit, in ihm erweckt hat. Der Graf von Zollern. Romanze. Der junge Hohenzoller Graf Er dient dem Wuͤrtemberger brav, Er dient ihm redlich früh und ſpat In Jagd und Feld, im Feld und Rath. Doch als verſchied Herr Eberhard, Die Wittw' im Lande Meiſter ward, Da ſattelt er ſein Roß und ſpricht: Fahrt wohl! dem Weibe dien' ich nicht! Sein Knappe ſprach: Herr das iſt ſchlimm? Verwahret euch vor Frauengrimm. Er aber lachte trotziglich: „Es wird kein Weib verſchlingen mich!“ Er rief ſo laut es unterm Thor, Da drang es in der Herrin Ohr; Und als er auf dem Zollern ſaß, Traf ihn ein Bot' am vollen Glas. Der reicht ein kleines Brieflein hin Ihm von der Wuͤrtembergerin; Er zieht die Augen ein ſo tief: Was gilts, es iſt kein Liebesbrief! „Verſchlingen alleweg will ich Dein Gut, dein Schloß, dein Leben, dich! Kein feiges Weib, wie du geglaubt, Es traf dein Hohn ein Fuͤrſtenhaupt!“ 46 „„Es traf? — Nun gut, wenns nur fie traf! Entgegnet ſpottend ihm der Graf: Doch anders hab' ich jetzt zu thun; Die Staͤdte laſſen mich nicht ruhn. Von Reutlingen, von Ulm die Herrn Den Ritter fiengen gar zu gern, Es iſt auf ihr beladnes Roß Gefallen gar zu oft mein Troß.“ “ Und indem zog der helle Hauf Der Staͤdter aus dem Thal herauf; Der Bote macht ſich ſchnell hinaus, Der junge Graf beſtellt ſein Hans. Er zieht die Fluͤgelbruͤck' empor, Verriegelt wohl ſein neunfach Thor, Die Knechte fuͤhrt er auf den Wall, Ihr Schuß bringt unten viel zu Fall. Und frohen Muthes bleibt der Held, Es mangelt ihm nicht Speiſ' und Geld, Er ſchmaust und zecht ein ganzes Jahr: Zum Abzug blast der Feinde Schaar. Da naht es ſchwarz, wie neues Heer, Zweitauſend ſind es, oder mehr. 8 Der Knappe ſpricht: „Gnad' uns, o Chriſt! Die wuͤrtemberg'ſche Fahn' es iſt!“ Der kuͤhne Graf kaͤmpft noch ein Jahr, Bis Scheune leer und Keller war. Er beißt die Lippen ſich vor Wuth: „Verſchlungen hat ſie doch mein Gut!“ Die Thore ſchließt er traurig anf. Es zieht herein der Feinde Hanf, Die Ulmer brechen Stein um Stein, Die Wuͤrtemberger lachen drein. Nach Stuttgart führt man ihn zu Roß: „Verſchlungen habt Ihr, Frau, mein Schloß; Ihr ließet mir kein Loͤſepfand, Mein Leben ſteht in eurer Hand!“ 47 Die ſtolze Gräfin winter ſtumm, Und laͤchelt arg und kehrt ſich um, Ins ferne Land, in einen Thurm Schickt ſie den Feind zu Molch und Wurm. Zehn Jahre wohnt der Graf im Graus, Sein Haar wird grau, ſein Blick loͤſcht aus, Da ſinkt er traurig in das Knie: „Verſchlungen hat mein Leben fie!“ Und ſeines Kerkers Pforte ſpringt Und Botſchaft ihm der Knappe bringt: „Im Grabe liegt das grimme Weib; Frei ſeyd Ihr, Herr, an Seel' und Leib!“ Er tritt hervor ans Himmelslicht Und hebt ſein bleiches Angeſicht, Und reckt empor zum Schwur die Hand: „Fort, fort in das gelobte Land!“ „Mich hat ſie mir gelaſſen, mich!“ * Er ſchwingt wie ſonſt zu Roſſe ſich, Er fliegt durch die beſonnte Flur, Und denkt an Gottes Fehde nur! Er ſpringt vom Roß, er ſteigt ins Schiff, Er ſchwimmt vorbei am Felſenriff,. Er iſt der erſte auf dem Strand, Er faſſet das gelobte Land. — Da ſpuͤrt ſein Odem erſt die Gruft, Und ſeine Bruſt die Kerkerluft; Die Kraft, im innerſten verſehrt, Ihr letztes hat ſie aufgezehrt. Dem Knappen ſinkt er in den Arm, ö Der Morgenwind umhaucht ihn warm, Sein ſterbend Haupt, es neiget ſich, Er ſeufzt: „verſchlungen hat ſie mich!“ 48 Zur Belſener Capelle. Ein angenehmer Weg an einem Fichtenhain und Eichwalde vorüber, führt die ſogenannte Buzerwieſen hinab, wo bet einer Schwefelquelle ein im Zojaͤhrigen Krieg zerſtoͤrtes Bad (das Buzerbad) ſtand, in etwa : Stunden von Hechingen nach dem Dorfe Belſen, das zur Mutterkirche Moͤſſingen gehoͤrig, auf offnem Felde von Obſtbaͤumen umgeben, einen Buͤchſenſchuß vom Farrenberge liegt, und an feinem ural⸗ ten Kirchlein eine große Merkwuͤrdigkeit beſttzt. Dieſe kleine Capelle des Ortes ſteht erhoͤht auf einer Wieſe zwiſchen lauter Baͤumen, von einem grünen Haag ſau— ber eingezaͤunt, von großen weißen Quaderſteinen uͤberaus einfach, ohne alle architektoniſche Verzierung, und ſo reinlich aufgebaut, als Fame fie heut erſt aus den Haͤnden des Mei⸗ ſters. Das ganze, kleine, in ſich abgerundete Bild, uͤber dem ſich die ehrwuͤrdigen Haͤupter der hohen Berge erheben, ge— waͤhrt einen unendlich friedlichen Anblick. Hieher. Hieher, Bluͤthen, auf den Baum, Kinderſpiel im hellen Raum, Schaͤflein, um den Waſen Ruhig abzugraſen! Hieher, Glockenruf und Klang, Hieher, der Gemeinde Sang, Himmelsbote, treuer, Hie dein Geiſt und Feuer *)! Hieher, Abendſonnenlicht, Hieher, Bergesangeſicht, Junger Waͤlder Laͤcheln, Kuͤhler Winde Faͤcheln! Hieher, muͤden Wandrers Stab, Hieher, ſattes Herz, ins Grab, Von der Welt geſchieden, Hier, in Gottes Frieden! 2) Die Dörfer Möffingen und Belſen beſitzen in ihrem Geiſtli⸗ chen Hrn. C. A. Dann einen der ausgezeichnetſten Canzel⸗ redner, einen Seelſorger, der durch Wort, Schrift und Leben in und außerhalb ſeiner Gemeinde aufs Seegensreichſte wirkt. 49 N Alterthuͤmer der Belſener Capelle. Bekl näherer Betrachtung dieſer Capelle muß ſich bald auch das alterthuͤmliche Intereſſe regen. Schon der fluͤchtigſte Anz blick erklaͤrt ſte fuͤr ein vor⸗gothiſches Alterthum: das runde Gewölbe der niedrigen Pforte, der Bau der Fenſter, die gaͤnz⸗ liche Schmuckloſigkeit, ſelbſt die Beſchaffenheit der Bauſteine ſetzen dieſes außer Zweifel. Nur der kleine Chor hat ſpitz— bögige Fenſterwoͤlbungen, und tft, ſamt dem Thuͤrmchen, uns ſtreitig juͤngeren Urſprungs. Kommt man von Moͤſſingen, ſo erblickt man zuerſt die Oſtſeite, den Chor des Kirchleins. Mehrere Steine haben zwar ein alterthuͤmliches Ausſehen, aber nichts iſt da, was auf ein höheres Alter ſchließen ließe, als das gewoͤhnliche der Kirchen. Anders ſieht die Nordſeite aus: auch hier ſtoͤrt zwar ein durchgebrochnes Kirchenfenſter, und eine Treppe, die auf den Thurm fuͤhrt, aber die Steine find durchaus alt und maſſiv, auch, wie gewoͤhnlich bei aͤhn⸗ lichen Gebauden, zum Theil unten mit runden Löchern. Erſt die Abendſeite giebt Aufſchluß über den fruͤhern Zuſtand nnd die Bedeutung des Kirchleins. Gerade uͤber der Thuͤre, dem Haupt⸗Eingang, iſt ein Kreuz zu ſehen, uͤber dem, conzen— triſch mit dem untern laufenden Bogen ein Stein, auf dem eine kleine Figur, ein kurzer dicker Kerl, deſſen Arme und Beine einen Halbkreis bilden, und unten zuſammenlaufen, ſich befindet. „Ein ſich verkrattelnder Mann,“ ſagt Zeller in ſeiner Beſchreibung von Tuͤbingen und der Umgegend. Er ſcheint etwas in den Haͤnden zu halten, was durchaus nicht mehr deutlich zu erkennen iſt. Genau uͤber dieſem Stein, ziemlich hoͤher, zeichnen ſich vier andre aus. Auf dem in der Mitte ſtehenden iſt eine Figur, etwa doppelt ſo groß, als die auf dem untern Stein, mit dickem Kopf, an die Seiten ges legten Armen, die Beine an ſich zwar gerade, aber doch ſo, daß die Zehenſpitzen ſich beruͤhren. Der Stein zur Rechten zeigt einen großen Ochſenkopf: der zur Linken zwei Widder- koͤpfe, der uͤber dem mittlern zwei Koͤpfe, deren einer ein Widder⸗, der andre ein Ochſenkopf zu ſeyn ſcheint. Etwas hoͤher iſt wieder ein Kreuz, groͤßer als das untere. Auf den erſten Blick faͤllt es auf, wie ſehr bei der ganz und gar ſchie— fen Lage deſſelben, die bis jest fo genau beobachtete Symme⸗ trie verletzt iſt; es ſteht viel zu ſehr zur Rechten, und nicht, G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 4 50 wie alle andern Steine, ganz perpendikular. Höher, und noch weiter rechts, iſt eine kleine Oeffnung. Zur Rechten wie zur Linken der Thuͤre finden wir zwei gewoͤlbt hervorſpringende kleine Säulen, nicht frei ſtehend, unmittelbar an die Wand ſich anſchließend, jede nur etwas mehr als handbreit. Die rechte hat unten ganz deutlich zwei Kader, die Umriſſe mit Punkten bezeichnet, die bei der un⸗ tern ziemlich tief gehen. Das Aus ſehen mahnt auf den er⸗ ſten Anblick an Ammonshoͤrner; wir glauben aber, fie für Zierrathe erklaren zu dürfen: denn wenn wir den untern Theil der linken Saͤule betrachten, ſo finden wir ihn mit dreifachen Streifen geziert. Ganz die naͤmliche Erſcheinung finden wir um das untere Kreuz, nur weniger tief, und hie und da die Umriſſe weniger beſtimmt. Daſſelbe finden wir endlich, wenn wir die Verzierung der „engen Pforte,“ wie fie, mit Anſpielung auf den Spruch, die Ueberſchrift nennt, damit vergleichen. Wenn wir von der Mittagſeite, die nichts Bedeutendes hat, uns zur Morgenſeite wenden, ſo faͤllt uns zuerſt die Einbeugung in die Augen, die den Anfang des Chors bezeichnet. Hier iſt nun eine runde Oeffnung, fo ge= legen, daß durch fie der erſte Strahl der Morgenſonne her- einfällt. Der Theil des Gemaͤuers iſt ganz unſtreitig fo alt als die Weſtſeite. Die Volksſage von Belſen erklaͤrt dieſe Kirche, die ſeit undenklicher Zeit zum Gottesdienſt der Gemeinde eingerichtet iſt, fuͤr einen heidniſchen Bels⸗ oder Baals tempel, von dem fie auch den Namen Belſen ableitet, ſetzt den Farren⸗ berg, wohl auch den Roßberg damit in Verbindung, indem fie erzählt, daß auf dieſen Höhen das heilige Opfervieh ge— weidet wurde, und zeigt noch im Innern der Capelle den Stein, an welchen die Opfer gebunden worden. Wir wollen die weitre Unterſuchung über diefe Altecthuͤ⸗ mer an einen eigenen Ort verweiſen, und machen uns auf zur fernern Reiſe nach dem Farrenberg und der Salmandinger Capelle. (Höhe des erſtern 2877 W. F. Höhe der letztern 5098 W. F. Bis hinauf zum Plateau der erſtgenannten Albhoͤhe fuͤhrt ein geebneter luſtig eingehegter Waldweg, auf den ſich der 3 6 Reiſende jedoch weiſen laſſen muß (1 St.). Die Ausſicht auf den verſchiedenen Kanten der waldigen Oberflaͤche des Berges, die eine ſtarke Viertelſtunde in die Laͤnge betraͤgt, bietet nach vorne nichts Ausgezeichnetes dar. Zu beiden Seiten aber ſind die Niederblicke rechts auf Moͤſſingen, in das tiefe Thaͤlchen des Dorfes Thalheim, und links in die Schlucht, die der Farrenberg und der gegenuͤber liegende Heuberg bildet, neu und anziehend. Beſonders aber zeichnet ſich der Blick nach Suͤdoſten, wo ſonſt das Auge auf der Alb aufliegt, dadurch aus, daß das Gebirge hier auch noch auf ſeiner Hoͤhe geſpal— ten iſt, und Flaͤchen mit Erhoͤhungen wechſeln, aus deren Mitte ſich ein neuer, gruͤner, zugeſpitzter Huͤgel erhebt, mit der Salmandinger Capelle gekroͤnt, an deſſen Fuße das Fuͤr— ſtenberg⸗Sigmaringiſche katholiſche Dorf gleichen Namens, mit Strohdaͤchern und ſchmucker Kirche, ſelbſt ſchon auf der hoͤchſten Albhoͤhe liegt. Es war der Sitz eines edeln Geſchlech- tes, das 1528 ausſtarb. Nach jenem Hügel, von den Um- wohnern auch Korn buͤhel genannt, wendet ſich der Watts drer, ſeinem Auge folgend, und kann, ohne das Dorf beruͤh— ren zu muͤſſen, in einer Stunde auf dem Gipfel ſtehen. Dies fer Standpunkt iſt für einen Sonnenuntergang aͤußerſt guͤn⸗ ſtig. Ein großer Theil der Flaͤche, die man fuͤr dieſen Tag ſatt betrachtet haben wird, verbirgt ſich hinter mehreren Ber— gesbaͤumen, und beſonders hinter den Maſſen des Farrenbergs, der dem Blicke gegenuͤber, aus der Tiefe, wie ein ungeheurer Sarg aus der Gruft der Unterwelt, faſt ſchwebend hervor ſteigt, und dem Auge feine Schattenſeite entgegen hält. Ue⸗ ber ihn hinaus fieht man auf die hinter die Streifen des fer: nen Schwarzwaldes verſtnkende Sonne, und erſt rechts oͤffnet ſich für das gluͤhendſte Abendroth am Himmel, und für die Flaͤche von Tübingen bis an die Graͤnzen des Unterlandes ein weitgeſchweifter Raum. Auch die naͤchſten Umgebungen, die Haide des Huͤgels, der Wieſenabhang, und unter dieſem auf der Albflaͤche ein Ring von junger Sommerſaat, im verklaͤren⸗ den Abendlichte, der die Phantaſte in mildere Gegenden zau⸗ bert, ſind ausnehmend freundlich und ſchoͤn. Salmandingen, Melchingen, und gegen Südoften in einer mahleriſchen Senkung der Flaͤche Trochtelfingen, heitere Doͤrfer, bevoͤlkern die Alb. Gegen Suͤden liegt auf einer nahen Waldhoͤhe das Schloͤß— chen Ringingen; weiter hin ſteigt der Hohenzollern nah 4 * 52 und vereinzelt auf. Eben ſo einzeln heben ſich gen Oſten hin⸗ ter dem Riſſe des Thalhelmerthales der Filzenberg und der Roßberg aus der Tiefe. — Die Capelle ſelbſt iſt ein armſeliges der heil. Veronika gewidmetes Neſtchen, das nur von einem einſtedleriſchen Gloͤckner bewohnt iſt, der das ge— fahrvolle Amt hat, ſo lange ein Gewitter uͤber dem Gipfel des Gebirges ſteht, zu laͤuten. Fuͤr das Nachtquartier bieten ſich nun zwei Staͤtten und ſonach zwei Wege von der Capelle aus dar. Dem, der noch weitern Naturgenuß ſucht, iſt zu rathen, daß er ſich in Sal— mandingen einen Führer nimmt, der ihn „durch die Wan— gen“ (andre Pfade, die der Fuͤhrer vorſchlaͤgt, ſind reizlos) nach Thalheim hinunter bringt (1 ſtarke St.). Dieſer Weg führt 1/ St. über die Albhoͤhe fort, ſuͤdoͤſtlich und oͤſtlich, waͤhrend welcher man im Ruͤcken und auf der Seite immer noch Bruchſtuͤcke der ſchoͤnſten Ausſicht und das weite herrliche Abendroth neben ſich hat; dann tritt man, links, zur Tiefe des Gebirges, abwaͤrts, durch die dichten Schatten eines ſaͤulen⸗ artigen Ahorn- und Buüchenwaldes, der fi in jüngere Wal— dung endigt, aus welcher man auf die freiern Heidehuͤgel der Alb hinunter kommt, die mit einzelnen ꝛ0ojaͤhrigen Buchen von herrlichem Wuchs geziert ſind, und abermal einen Blick in die Flaͤche geſtatten: zuletzt wieder durch Waldſchluchten in die Tiefe von Thalheim, einem ziemlich obſtreichen Thale, das von Bergen mit Matten und Wald, in welchen die Sarg— form mit der Wellenform kaͤmpft, mahlerifh umſchloſſen, dem Wandrer den erſten Vorſchmack von aͤchten Albthaͤlern giebt. Das Wirthshaus zur Roſe, vor dem Flecken, an der Moͤſ— ſingerſtraße, giebt nothduͤrftiges Abendeſſen und Nachtquartier. In der Naͤhe von Thalheim, auf der halben Höhe des Far: renbergs, ſtehen die wenigen Truͤmmer des Schloſſes Andeck, dem alten Sitze der Edeln Schenk von Andeck. 8 Das andere bequemere Nachtquartier bietet der Schwan zu Moͤſſingen au, dem Mutterdorfe von Belſen, das am Fuße des Farrenbergs liegend, auf ſteilem, auch nur mit ei— nem Führer zu findendem Wege in ı% Stunden erreicht wird, und wobei der groͤßere Naturgenuß aufgegeben werden muß. Moͤſſingen iſt eins der ſchoͤnſten Doͤrfer des Steinlachthals, durch Branntweinbrennerei im Wohlſtand, mit einem kraͤfti- gen, ſchoͤnen Menſchenſchlag, und aͤußerſt vortheilhafter Wei— 53 bertracht. Ganz kurze blaue, zu beſonderem Staat auch gruͤne Zeugröde mit bunten Bändern, weiche Mieder von hellrothem Crepp, dergleichen Bruſttuͤcher, die ſich nach der Bruſt woͤl⸗ ben (Vorſtecker), lange bloße Hemdaͤrmel, mit ſchmucken Baͤn⸗ dern durchflochtne Zoͤpfe, weiße ſchmale Goller mit Spitzen; um den Leib einen Guͤrtel, Werktags von Meſſingdrath, Sonntags von Sammt mit Buckeln und Seide; weiße Schuͤr⸗ zen von feiner Leinwand, Hemdaͤrmel, Hauben, der Form des Kopfes wohl angepaßt, mit einem Flor, der die Augen beſchattet; weiße Struͤmpfe, die bis ans Knie ſichtbar ſind. Weit ausgeſchnittne Schuhe mit weißer Roſe. Dieſe Kleidung erſtreckt ſich auf die neun wohlbevoͤlkerten Doͤrfer des Stein— lachthals, das von Wilmadingen bis Tübingen in ziemlicher Breite und in einer Länge von etwa fuͤnf Stunden hinlaͤuft; das Eigenthuͤmliche dieſer Menſchen in Geſtalt, Sitte, Spra⸗ che und Tracht laͤßt faſt auf auslaͤndiſchen Urſprung ſchließen, und die Volksſage erklaͤrt denſelben auch wirklich fuͤr eine ſchwediſche Colonie, indem nach der Noͤrdlinger Schlacht 2 ſchwediſche Regimenter ſich hier aufgelöst und haͤuslich nie⸗ dergelaſſen haben ſollen. Endlich mag noch ein Lied dem Le⸗ ſer erzaͤhlen, was mir von glaubhaftem Munde, aus der Zeit der letzten ruſſiſchen Durchzuͤge (1814), berichtet worden iſt. „ Die Steinlacherin und der Ruſſe. Dort ſteht der fremde Feldhauptmann Den Maͤgden zu Gefallen, Er ſieht ſich keck die Weiber an, Die aus der Kirche wallen. Ein Maͤgdlein tritt zuletzt heraus, Die ſchoͤnſt! im ganzen Flecken, Sie ſchickt die blauen Augen aus, Und ruft ſie heim vor Schrecken. Es ſaͤumt geheimnißvoll der Flor Die langen Augenlieder, Es draͤngt die keuſche Bruſt hervor Das weiche Scharlachmieder. Auf blanken Spitzen lagern ſich Des Haares braune Flechten, 54 U Die linke Hand liegtrtugenblich Am Guͤrtel auf der rechten. Sie ſchreitet fürder mit dem Buch Zu Hauſe fromm und munter, Roch ferne glaͤnzt das blaue Tuch Den ſchlanken Leib herunter. Der Kriegsmann geht, im Blicke Glut, Wie tief durchgluͤhte Kohlen, Dem Wirth befiehlt fein Uebermuth Die junge Magd zu holen. Die bart ge Lippe ruͤhret er Zu raſchem, kurzem Worte, Da traͤgt der Wirth ein Herze ſchwer Zu ſeines Nachbars Pforte. Der graue Vater hoͤrts mit Harm, Hat ſeinen Gram verborgen: Komm, ſpricht er, Kind, an meinem Arm; Laß den im Himmel ſorgen! So fuͤhrt er ſie dem Hauſe zu, Er wappnet ſich zum Streite: „Nach meinem Kind, Herr, fragteſt du, Hier ſteht es mir zur Seite.“ Die Jungfrau lehnt ſich an den Greis, Mit zagendem Vertrauen, Es war an ſeiner Locken Eis Ihr Bluͤthenhaupt zu ſchauen. Der Juͤngling aber ſtellt ſich fern, Er ſcheut, ſie zu verletzen, Er winkt mit regem Augenſtern Bis ſie ſich beide ſetzen. Dann ſetzt er ſich zu unterſt an, Wo er im Sonnenlichte Sich recht ergehn und laben kann Auf ihrem Angeſichte. Er blickt in ihrer Wangen Blut, In ihrer Augen Blaͤue, Die Hand ihm auf der Stirne ruht Er ſchaut, und ſchaut aufs Neue. Da weicht aus ſeiner Bruſt die Pein, Da wird ſein Auge milde, N Sein Sinn wird ſtill, ſein Herz wird rein Vor Gottes Ebenbilde. Es laͤßt ſein Mund aus rauhem Bart Ein kindlich Laͤcheln (hauen, Bethraͤnte Blicke weben zart Sich unter dunkeln Brauen. Dann ſteht er auf und reißt ſich los, Langt nach des Vaters Händen, Er warf ein Gold ihm in den Schooß, Und thaͤt ſich ſchweigeud wenden Route des dritten Tages. Auf den Zollern und herab ach Hechingen oDelſfſe n ie erren berg auf die Salmandinger Capelle dach Moͤſſ ingen 55 56 | 0 Vierter Tag. Ueber den Roßberg, Lichtenſtein, Nebelhoͤhle, Achalm nach Reutlingen. Auf den Roßberg. (Hohe 3058 Wuͤrtemb. Fuß.) Es iſt, beſonders bei den Tuͤbingern, alt hergebrachte Sitte, von allen umliegenden Albgipfeln gerade den Roßberg zu Betrachtung des Sonnenaufgangs zu benuͤtzen, und wirklich eignet ſich ſeine freiſtehende Spitze, die ſelbſt gegen Suͤdoſten und Oſten, dem Gebirge zu, eine ziemlich weite Ausſicht ge⸗ ſtattet, gegen Weſten und Norden aber den Ueberblick einer unermeßlichen Flaͤche giebt, vortrefflich zu dieſem Schauſpiel. Der Wandrer mache ſich alſo von Moͤſſingen oder Thal- heim, nicht lange nach Mitternacht, etwa um ı% Uhr auf, denn von beiden Seiten beträgt der Weg nahe an 2 Stunden, verſaͤume jedoch nicht, einen Fuͤhrer mitzunehmen, der mit Feuerzeug (denn Kaͤlte und Wind auf der Höhe find fchnei- dend) und Fruͤhſtuͤck verſehen if. Wer von Moͤſſingen aus⸗ geht, braucht den Fuͤhrer erſt in Oeſchingen zu nehmen, einem Dorfe, das „ Stunde von Moͤſſingen in der Ebene, zwiſchen dem Fuͤrſtberg, einem niedrigern Vorberge der Alb, der auf dieſer (Suͤd-) Seite luſtig mit Gras und Obſt bepflanzt iſt (die Nordſeite bedeckt Waldung) und dem Roß⸗ berge in ſchoͤnen Obſtgaͤrten liegt. Von da beginnt Wald und Gebirg, und ſchwer zu entdeckende Fußpfade. — Von Thalheim aus zieht ſich der Weg, am Abhang des Gebirgs, „über die Viehweiden, während links, zwiſchen den erſten Waldbaͤumen, die weite Ebne immer mehr durchſchimmert, dann tiefer ins Gebirg auf die Oeſchinger Roßſteige, wo der Weg ohne Zweifel mit dem von Oeſchingen aus herauf— fuͤhrenden zuſammentrifft, und von hier auf den ſogenannten großen oder untern Roßberg. Der Roßberg hat naͤmlich drei Abſaͤtze, der unterſte, von dem Fuß und dem tiefſten Thale an, bis an den Weg, der von Oeſchingen nach Goͤnningen führt, iſt Thon hoch 57 genug, um eine weite Ausficht gegen Weſten und Norden zu gewaͤhren: der zweite Abſatz iſt der oben erwaͤhnte große Roßberg, der von dem Steinlachthal aus geſehen, die ganze Höhe des Berges zu erreichen ſchelnt, aber ſich nur, wie ein tieferer Altan, um die hoͤchſte Kuppe des Roßbergs herum⸗ zieht. Uebrigens iſt dieſer Abſatz, auf dem ſich die dichteſten, herrlichſten Buchen⸗ und Eichenwaͤlder zu einer großen, ebe⸗ nen Waideflaͤche oͤffnen, von der Roſſe und Rinder wegen des koͤſtlichen Futters kaum wegzutreiben find, — zu einem Ruhe⸗ punkt ſehr gelegen. Nun hat man bis zum Gipfel noch eine halbe Stunde durch die dichte Waldung der letzten ſteileſten Bergſpitze, des kleinen Roßberges, an deſſen hackenfoͤr⸗ miger Geſtalt der Berg faſt allenthalben aus der weiteſten Ferne geſehen, kenntlich iſt. So ſpitz dieſer Gipfel von ferne erſcheint, ſo hat er doch eine ziemliche Flaͤche, die ganz mit Wald bewachſen iſt, und dadurch bisher eine, das umfaſſende, Ausſicht, was ſich dem Auge von allen Seiten darbietet, ganze lich verhinderte. Gluͤcklicherweiſe iſt ſeit den neueſten Landes⸗ vermeſſungen ein anſehnliches Geruͤſte mit Treppenwerk er— richtet, das weit über alle Baͤume ragt, und die große Nor: malausſicht aller Albgipfel (fo verdient wirklich, in Beziehung auf die Flaͤche, der Ueberblick vom Roßberg herab genannt zu werden) dem Auge auf Einmal gewaͤhrt. Eigenthuͤmliches hat indeſſen dieſe Ausſicht nicht vieles; aber die Lage des Berges beguͤnſtigt eine bequeme Ausbreitung des Einzelnen vor den Blicken, die durch den Schwarzwald, das Gaͤu, den Schoͤn— buch, die Filder, und bis ins Unterland, uͤber manche Staͤdte und unzaͤhlige Dörfer, ungehinderter als anderswo ſchweifen. Auch reicht die Ausfiht gegen Suͤdweſten weiter, als von allen folgenden Albhoͤhen (gegen Weſten ſollen noch immer die Vogeſen ſichtbar feyn). Gegen Nordoſt aber grouppiren ſich die Achalm, der Sattelbogen, Neufen, Teck; und dazwiſchen aus blauer Ferne der Stauffen ziemlich mahle— riſch. Gegen Suͤden endlich ſoll vor Sonnenaufgang, bei be— ſonders heller Luft, eine Kette der Schneegebirge ſchon bes ſonnt in die Nacht emporragen. Auf dem Gipfel des Berges befand ſich, wenn die Fabel, wahr iſt, vor einigen Decennien noch, ein ſchoͤner, fließender Bronnen. Sagen haben ſich von dem Berge, fo ominos fein Name lautet, keine erhalten. Man wollte denn den Bauern⸗ 58 glauben dazu rechnen, daß die aufgehende Sonne, vom Roß⸗ berg aus geſehen, am Auferſtehungsfeſte des Herrn drei Freudenſprünge thue. Nach der Genkinger Seite zu fin⸗ den ſich zerſtreute Steinmaſſen, Spuren eines Erdwalls, der vom Hohenzollern heruͤberzieht, welcher roͤmiſchen Urſprungs ſeyn und mit der Belſener Niederlaſſung zuſammenhaͤngen konnte. Der Name Shwedenfhänzlein, den ihm die Bauern gewiß nicht im Traum gegeben, deutet jedoch auf feinen Urſprung aus dem zojaͤhrigen Krieg. Uebrigens iſt in dieſer Gegend vor nicht ſo langer Zeit von einem Genkinger Bauern ein Pfeil gefunden worden. Das Dorf Goͤnningen liegt im Obſtwalde dicht an der Wurzel des Berges, und it durch den Handel ſeiner Bewohner bekannt. Der e Handel beſteht hauptſaͤchlich in gedoͤrrtem Obſt, in Baͤumen, Geſtraͤu⸗ chen, Blumen, Blumenzwiebeln, Saamen und andern aͤhn⸗ lichen Artikeln. Er fieng zuerſt vor etwa 200 Jahren mit ge⸗ doͤrrtem Obſt an, von dieſem kam es zu Saͤmereien, und ſo immer weiter. Ein ſolider Saamenhaͤndler kauft j. ehrlich allein für 5 — 4000 fl. Saamen, den er in Portionen von 5 — 600 fl. an jeine Mitbürger verkauft; er ſelbſt behaͤlt eine ſolche Por⸗ tion; und nun ziehen fie für den Detailhandel theils im Va— terland herum, theils in die Gegend von Nürnberg und Würze burg. Andre ziehen den Rhein hinab und uͤber den Strom, andre nach Oeſtreich und Ungarn, bis in die Tuͤrkei hinab. Stockholm, Petersburg, Moſkau, Aſtrakan, das kaſpiſche Meer, ja ſogar Siberien und der afiatifhe Norden werden von ihnen beſucht. Dieſe Haͤndler ziehen gemeiniglich, wenn es in weite Ferne geht, mit Roß und Wagen aus, und nehmen einige 100 fl. auf den Weg; denn unterwegs verkauft keiner, ſon— dern er wartet, bis er an Ort und Stelle iſt. Als Ruͤckfracht bringen fie namentlich aus Rußland, Thee, Hauſenblaſen v. ſ. w. mit. Der Abzug geſchieht nach der Erndte im Septem— ber. Die ferner ziehenden kehren erſt im Mai zuruͤck, die Rheinlaͤnder und andere gehen uͤber die Weihnachtfeier und uͤber Oſtern heim. Zu dem bisherigen Handel geſellt ſich auch der mit Uhren und Uhrmaterialien, die fie aus den Thaͤlern des Jura beziehen. Bedeutend tft auch der Handel mit Baͤu⸗ 0 men, ſo daß vor etwa 1 Jahren ein elnziger Goͤnninger 12000 Staͤmme nach Frankreich zur Verzierung der Landſtraßen geliefert. Jeder Haͤndler hat feinen Saamenſtrich, d. i. einen Handelsbezirk, in dem er ausſchließlich affreditirt iſt. — Auch der Branntwein und das Sammeln der Erd- und Himbeeren iſt ein bedeutender Erwerbszweig für die Goͤnnin⸗ ger. Der Pfarrer des Dorfs, Herr Wurſter, iſt durch feis nen ſeltenen Nelkenflor beruͤhmt. 1000 Töpfe, in welchen 500 der auserleſenſten Sorten prangen, umgeben ſein Haus, und er iſt es beſonders, der dem Gönninger Haͤndler in dies ſem Artikel eine koſtbare Quelle eröffnet hat. Dabei verſteht ſich derſelbe auf die Uhrmacherkunſt und die Bienenzucht, und ſteht ſeiner Gemeinde auf alle Art mit Rath und That bei. Von Goͤnningen fuͤhrt ein wohlgebahnter Fahrweg den Roßberg hinauf, der zu einem Beſuche des verewigten Koͤni⸗ ges angelegt worden, und daher der Koͤnigsweg heißt. Wer zu Wagen iſt, kann ſomit von Möffingen oder Thalheim aus über Oeſchingen und Goͤnningen bis auf den Gipfel fahren. Von hier aber muß er den Wagen nah Goͤnningen zuruͤck, und auf weitem Umweg uͤber Pfullingen nach Oberhau— ſen beſtellen, was immerhin eine Strecke von 4 Stunden ſeyn mag. Denn von nun an fuͤhrt der Fußpfad von der Kuppe des Roßbergs ſuͤdlich herab, und dann fort auf dem etwas geſenkten Plateau der Alb zur Nebelhoͤhle. Auch zu dieſer Wandrung bedarf es noch immer des Fuͤh— rers, wozu daher in Thalheim oder Moͤſſingen ein fichrer und auch des fernern Weges kundiger Mann gewaͤhlt werden muß, den jedoch die Wirthe immer zu ſchaffen wiſſen. Der Lohn von den genannten Orten bis zur Nebelhoͤhle moͤchte etwa ı fl. ſeyn. Dafür muß er aber auch den Weg in das Dorf Ober— hauſen, oder voraus auf Schloß Lichtenſtein machen, wo Schluͤſ— ſel, Maͤnner und Fackeln fuͤr das Nebelloch zu ſchaffen ſind. Vom Robpberge führt der Weg bald auf unebner Albflaͤche uͤber Matten und durch Waldſtreifen, an einem erquicklichen Waldbrunnen, uͤber den ſich ein Ahornbaum woͤlbt, voruͤber, nach dem Albdorfe Genkingen (1 St.), „bei der großen Linde,“ ſetzen die Bauern mit Stolz hinzu, und zeigen den 8 60 uralten Baum, der an unſrem Wege ſteht, und kaum von 4 Männern umfaßt werden kann. Vor dem Dorfe uͤberraſcht links ein Ausblick zwiſchen Waldgipfeln auf Schloß Achalm, und die Flaͤche bis zu den Eßlinger Bergen. Wenn das Dorf im Rüden iſt, fo geht man eine gute halbe Stunde auf dem Wege nach Lichtenſtein fort, bis man ſich im Walde links ſchlaͤgt und wieder etwa nach * Stunde auf die freie Wald⸗ wieſe kommt, auf der man uͤber die Woͤlbungen der Nebel: hoͤhle hinwandelt, und die am feſtlichen Tage der Hoͤhlen— beleuchtung mit Menſchen, Wagen und Buden luſtig uͤberfſaͤet tft. Hier ſteht man dicht an der waldbewachſnen, ſuͤdoͤſtlichen Kante dieſes Albaſtes, und es laſſen ſich die ſchönſten Durch blicke zwiſchen dem Geſtraͤuch ins tiefe Land aufſuchen. Auf derſelben Seite führt ein kurzer Fußweg, etwa 80 Fuß, bins» ab an den Theil der Bergwand, an welcher der Eingang zu der Nebelhoͤhle iſt. g | Die Nebelhoͤhle oder das Nebelloch, ohne Zweifel von feinen Ausduͤnſtungen fo genannt, 2% Stunden von Reut⸗ lingen, von Pfullingen 2 Stunden entlegen (und von dieſer Seite beſuchen es auf geradem Wege die Stuttgarter, Tuͤ— binger und andre Wandrer der Umgegend), findet ſich an der ſuͤdoͤſtlichen Seite eines hohen waldigen Bergfelſens, Stel— lenberg genannt. Es erhebt ſich am Schluß eines fruchtba⸗ ren, weſtlichen Seitenthals vom Dorfe Oberhauſen, von dem Gißſtein und Gaisſpitzberg (von dort gefundnen unbe: kannten Silbermuͤnzen auch Geldlochberg genannt) um⸗ ſchloſſen. Das Geldloch des letztern Berges iſt eine kleine Tropfſteinhoͤhle, uͤbrigens dem Nebelloch nicht unaͤhnlich. Von Pfullingen und Oberhauſen aus gelangt der Wandrer entweder gerade durch das Thal auf dem ſteilſten Wege vor den Eingang der Hoͤhle ſelbſt, zu Fuß, oder auf der Stuhl— ſteig zuerſt auf die oben genannte Wieſe, einen Weg, der ſich zur Noth fahren laͤßt, oder endlich am bequemſten, aber mit Aufopferung eines uͤberraſchenden Eintrittes nach Lichtenſtein, über die Bergſtraße, die, feit 1805 chauffiert, zu dieſem Schloſſe fuͤhrt, am Schloͤßchen ſelbſt vorbei, und nun auch auf jene Wieſe. Der große portalmaͤßige Eingang der Hoͤhle iſt mit einer gewoͤhnlich verſchloſſnen Thuͤre verſehen, zu welcher der Hirſch— wirth in Pfullingen und der Foͤrſter von Lichtenſtein den Schluͤſ⸗ — 7 61 ſel hat. Von der Oeffnung fuͤhrt ein Weg, jetzt mit Bret⸗ tern gedeckt und uͤber Unebenheiten bruͤckenmaͤßig fortgefuͤhrt, auf 7o Fuß weit bergein zu einem gegenüber ſtehenden großen und glatten Felſen; von der 50 Schuh meſſenden Hoͤhe herab iſt dieſer Weg durch eine ſchornſteinartige Oeffnung etwas er— leuchtet. Nun befindet man ſich in der weiten und hohen Vorhoͤhle. Bei jener freiſtehenden Felswand aber, die, meiſt aus Tropfſteinen beſtehend, 150 Fuß im Umfange hat, ſchei⸗ det ſich die Hoͤhle in zwei große Gaͤnge, rechts und links ge— gen Weſten und Oſten, die jedoch beide, nach einer Lange von 180 Fuß, am Ende in Einen noͤrdlichen Gang zuſammen lau— fen. Auf der entgegengeſetzten Seite der Vorhoͤhle ſuͤdlich, bleibt eine minder ſehenswuͤrdige ungefaͤhr 100 Fuß lange Grotte liegen. Gewoͤhnlich wird nun zuerſt der oͤſtliche Gang zur Rechten betreten, der groͤßte und ſehenswuͤrdigſte, durch die Menge der eiszapfenfoͤrmig herabhaͤngenden Tropfſteine, durch die ſtehenden Waſſer, die, aus den Duͤnſten gebildet, ſich hier geſammelt; endlich durch mehrere Felſen und kleine Seiten— hoͤhlen. Bei der Vereinigung beider Gaͤnge tritt man in eine ſich allmaͤhlig erhebende Grotte. Sie ſcheint das Ende der Hoͤhle zu bilden, und ſo weit iſt auch fuͤr die Bequemlichkeit der Beſuchenden durch Bretterwege geſorgt. Die Höhle ſetzt ſich aber noch weiter fort, und zwar nach zwei Seiten. Rechts gegen Norden findet ſich abermals eine hohe, große, dunkle, nur mit Gefahr zu beſteigende Grotte. Links gegen Suͤdweſt klettert man, mittelſt zweimaliger Anlegung einer Leiter, 80 Fuß in die Hoͤhe, und ſtoͤßt nun wieder auf zwei Gaͤnge. Der eine, nordweſtliche, it 35 Fuß hoch und endet ganz in der Hoͤhe. Dieß iſt die weiteſte Entfernung, die vom Eingang der Hoͤhle 577 Fuß betraͤgt. Der andre nach Suͤden umkeh— rende Gang hat etwa 100 Schuh Laͤnge, iſt eng, eben, be— quem, hat aber mehr Sand- als Tropfſteine. Die einzige Merkwuͤrdigkeit, die er enthält, find einige Jahrszahlen und Namenszuͤge; als 1559 M. H. y. Und wieder: 1561 E. H. W. Die letztern Buchſtaben erklaͤrt man durch Eberhard Herzog Zu Wuͤrtemberg, und ſchreibt ſie dem aͤltern Sohne Herzog Chriſtophs zu (geb. 1545, geſt. 1568), der ſomit als 16jaͤhri⸗ ger Prinz dieſe Hoͤhle beſucht haͤtte. An den Vereinigungspunkt der beiden bequemen Haupt: 62 gaͤnge zuruͤckgekommen, nimmt der Wandrer den Ruͤckweg durch den vom Eingang aus links und weſtlich gelegnen, den er jetzt zur Rechten hat. Hier kommt er durch eine groͤßere, 100 Fuß lange, und eine kleinere Kammer, von 32 Fuß Laͤnge, und dann, nach einer guten Strecke, an den merkwuͤrdigſten Ort der Hoͤhle, vorzugsweiſe die Grotte genannt, voll ſchoͤner, glaͤnzendweißer Felſen, die das dunſtende Waſſer ſammeln, und dem Auge in ſilbernen Schalen entgegenhalten. Felſen und Tropfſteine bilden hier die groteskeſten Geſtalten, welche uralte Bolksphantaſte laͤngſt mit dem Gepraͤge bezeichnender Namen verſehen hat. Sie zeigt uns hier einen Sattel, dann eine Capelle, einen großen Altar mit Vorhaͤngen und Deden- verzierungen, eine Canzel, eine Orgel. Auch Heiligenbilder ſcheinen hie und da in den Niſchen aufgeſtellt. Alle dieſe Ge⸗ genſtaͤnde werden bei der jaͤhrlichen Beleuchtung der Hoͤhle mit einzelnen Lichtern verſehen, was aber ſteif und kleinlich laͤßt. Ueberhaupt iſt eine wandelnde Beleuchtung der Höhle mit etwa ſechs Fackeln, die genug Schatten und Helldunkel zuruͤck laſſen, unendlich vorzuziehen. Beim Eingang dieſer Grotte iſt auch eine tiefe Kammer mit criſtallhellem ſuͤßlichem Waſſer. Unter der Kammer iſt ein kleines Loch, von welchem die Sage unter dem Volke geht, daß zwei hineingeſteckte Enten in einer Entfernung von 2 Stunden bei dem Dorfe Erpfingen aus einem Loche wieder lebendig hervorgekommen ſeyen. Der übrige Umgang auf die= fer weſtlichen Seite führt noch an mehreren Kammern vorbei, und endlich weiter in die Vorhoͤhle. — In den offenſten Grot— ten bringt Mufif, beſonders Flötenfpiel, mehrſtimmiger Ge: ſang und kleines Feuerwerk die herrlichſte Wirkung hervor. Die ganze Hoͤhle iſt unverkennbares Werk der Natur, und fol mit der Baumannshoͤhle im Harze die groͤßſte Aehnlich⸗ keit haben, ja an impoſanten Woͤlbungen und kuͤhnen Bizar⸗ rerien der Natur fie noch übertreffen. Von Mineralien finden ſich in ihr Mondmilch, Fadenſtein, Kalkſpat, Tropfſtein, auch verſchiedene Petrefakte. Von Erz zen zeigt ſich keine Spur. — So bewundernswuͤrdig dieſe geheime Werkſtaͤtte der Na— tur iſt, fo ſehnt ſich doch Bruſt und Auge bald aus dem duns ſtigen und finſtern Aufenthalt in Luft und Licht des Lebens zuruͤck, und ein willkommnerer Wechſel kaun daher dem Wan⸗ 65 drer nicht geboten werden, als der, welcher ihn durch den Weiterzug nach dem Lichtenſteiner Schlöͤßchen (Hoͤhe 7 W. F.) erwartet. | Der Weg, der auch zum Fahren bequem iſt, zieht ſich bald uͤber Heide, bald uͤber Blach- und Ackerfeld, von jener Wieſe, die das Nebelloch deckt, ausgehend, uͤber keine unangenehme, rechts und links mit halbgelichtetem Wald bedeckte Albflaͤchen, in oͤſtlicher Richtung hin; und führt endlich auf einen waldi⸗ gen Hügel zu, aus deſſen Luſthain das rothe Dach des Lich— tenſteiner Schloͤßchens winkt, das dem Wandrer ſehr willkom— men ſeyn und anmuthig duͤnken muß, auch waͤhrend er noch nichts andres dahinter erwartet, als fortlaufende Gebirgsflaͤche. Mehrere wohlausgehaune Wege und Fußpfade fuͤhren den Huͤ— gel hinauf, alle vor dem Schloͤßchen ſich vereinigend. | Nach % Stunden, von der Höhle aus gerechnet, ſtehn unſre Reiſenden vor dem Schloß. Wie groß aber iſt ihre Ueber— raſchung, kein bequem auf der Ebne gelagertes Haus zu finden, ſondern aus einem tief aufgeriſſnen Albthal, einen ſenkrechten Felſen aufſteigen zu ſehen, auf deſſen Spitze das luſtige Schloͤßchen wie ein Vogelneſt haͤngt, und mit den Grund— mauern eines zerſtoͤrten Schloſſes verwachſen iſt. Rechts und links ſtreben kleinere Felſen aus der Tiefe empor. Selbſt auf der ſuͤdweſtlichen Seite, wo ſich der Fels an die Gebirgs— kante lehnt, und von welcher der Wandrer herangekommen iſt, ſteht er vom feſten Land noch getrennt, und eine Bruͤcke bil— det den einzigen Zugang zum Schloß. Den vollen Genuß aber gewaͤhrt erſt das Fremdenzimmer des Schloͤßchens, welches den freien Blick in das wundervolle Thal eroͤffnet, das zu den groͤßten Schoͤnheiten der Alb gehoͤrt, und von dem man zu— verſichtlich behaupten kann, daß das verwoͤhnteſte Auge Wohl— gefallen an ihm finden wird. Von dem ſchroffen Fels herab mißt das Auge eine Tiefe von 300 Klaftern, die von dem Waldbach der Echaz gebildet, etwa eine halbe Viertelſtunde breit, rechts und links von waldigen Alpen umlagert, ſich 1½ Stunden in die Laͤnge zieht, und mit drei lachenden Doͤr— fern, immer waſſerfriſchen, hellgruͤnen Wieſen, und den bluͤ— hendſten, wohlvertheilten Obſtpflanzungen beſetzt iſt. In der 64 Höhe das wildeſte Gebirge mit Wald und Fels, rechts und N links die rauheſte lb. Im Hintergrund ein iſolierter Alb⸗ ruͤcken bei Pfullingen, hinter ihm, fuͤr das Auge in Eine Bergmaſſe mit ihm verwachſen, die vulkaniſche Geſtalt der einſamen Achalm hervorlugend; rechts und links hinter ihr die lachende Ebene bis ins tiefſte Unterland, in den bunteſten Farben bis zur bleichſten Blaͤue verſchmolzen. So vlel ver: ſchledne Lichter und Töne, fo manchfaltige Charaktere der Na⸗ tur, Schoͤnheit, Erhabenheit und Anmuth gepaart, und doch alles zuſammenſtimmend; keine langweilige Parthie, kein ge⸗ dehnter, gezogener, unmahleriſcher Fleck; — wirklich, hier wagt es der ſchuͤchterne Wegweiſer aus vollem Munde zu preiſen. — Das naͤchſte Doͤrfchen zu den Fuͤßen des Schloſſes, in def ſen wenige reinliche Straßen man aus der ſchwindelnden Tie⸗ fe, wie der Vogel im Flug, hinabſchaut, iſt Ho nau, von dem auf der jenſeitigen Albſeite eine ſchoͤne, in die Felſen ganz neu geſprengte Kunſtſtraße nach Oberſchwaben fuͤhrt. Eine Viertelſtunde von Honau folgt Oberhauſen, nach dem ein guter Fahrweg unſre Wandrer von Lichtenſtein hinabfuͤhren wird ). In dieſem Dorfe erwartet die Fahrenden ihr Reiſe⸗ wagen; falls ſie ihn nicht die ermuͤdende Bergſtraße auf Lich⸗ tenſtein oder gar von da noch zur Hoͤhle haben fahren laſſen. Einen Buͤchſenſchuß von Oberhauſen liegt das Dorf Unter- hauſen; hier hat man von dem obern Zimmer des Wirths⸗ hauſes zum Adler die beſte Anſicht des Lichtenſteins. Der Wirth iſt geſonnen, einen ſchoͤnen Saal auf dieſer Seite an= zubauen. Eine wilde Seitenſchlucht fuͤhrt gegen Suͤdoſten nach Holz elfingen hinauf, und oͤſtlicher hinan zu der Stelle, wo einſt das alte Schloß Stahleck geſtanden. Von Unter⸗ hauſen im Hauptthale fort folgen Matten und Obſt, bis nach einer halben Stunde das Thal links gegen Pfullingen ums beugt, und ſich hinter die Bergwand verbirgt. Kehrt ſich das Auge — —ñ—ͤ— *) Wohl zu unterſcheiden von Ober hauſen hinter der Lochen. Von dieſem letztern ſtehe hier nachtraͤglich, daß ſich in ſeiner Kirche Eberhard Ludwigs Kebsweib, die Graͤveniz, am 18ten Jan. 1711 zum Scheine mit dem Grafen von re durch den Pfarrer von Thieringen trauen laſſen. N nach der Höhe, ſo ſtoͤßt es links auf zwei felfige und waldige Albruͤcken, welche durch die Schlucht, die zur Nebelhoͤhle fuͤhrt, getrennt ſind, und aus denen einzelne maͤchtige Steinſaͤulen emporragen. Dieß find der Giſſenſtein und Gais ſpitz⸗ berg. Rechts iſt die Gebirgskette bunter und heller, und die Albflaͤche ſetzt ſich auf ihr nach Suͤdoſten in weite Ferne fort. Dicht an ſeiner Kante liegt das Albdorf Holzelfingen, weiter hinein in den Waͤldern Rauh Sankt-Johann; der Geſtuͤtshof Marbach, das Jagdſchloß Graveneck (von Her— zog Chriſtoph erbaut), ſchon in einer Entfernung von 4— 5 Stunden; weiter rechts die Muͤnſinger Gegend; und hier reicht der Blick auf der Albflaͤche bis zu dem 9 Stunden ent— fernten Reichenberg. Ja, Cruſtus will hier die Allgaier Alpen entdeckt haben. — In das Thal herab ſenken ſich der Leimberg, der Obersberg, der Kornberg, der Greiffenſtein (vorzeiten mit einem Schloß gleichen Namens, mit herrli— cher Ausſicht); und noch oͤſtlicher der Hochberg. Hinter der Achalm unterſcheidet man rechts die Bergſcheiden des Eßlin— ger Thales, den Rothenberg und das tiefere Unterland, bis gegen Heilbronn; links die Filder mit Hohenheim, und den Stromberg in blauer Ferne. — Eine halbe Stunde von dem Schloͤßchen Lichtenſtein, oͤſtlich an der Staige, die nach Groß— engſtingen führt, iſt der Urſprung der Echaz. — Suͤbdoͤſtlich Kleinengſtingen, mit einem ſeit 1580 entdeckten ſchwefel⸗ baltigen Sauerbrunnen. Wie das Schloß, das, in feiner jetzigen Geſtalt erſt we= nige Decennien alt, der Sitz eines Foͤrſters iſt, zu Ende des 16ten Jahrhunderts ausgeſehen *), mag uns Cruſtus beſchrei— ben: „Das Schloß iſt von dem andern Berge abgeſondert, auf welchen eine lange Bruͤcke geht, unter der ein ſehr tiefer „Graben iſt; auf beiden Seiten find Felſen, die lange Leitern beduͤrfen, um beſtiegen zu werden. Auf dem aͤußerſten Theil des Felſen ſteht das Schloß; vor ſich uͤber der Bruͤcke hat es Waͤlder, auf der andern Seite luſtige Gaͤrten, Wieſen und Aecker. Dieſem muͤſſen die umliegenden Doͤrfer frohnen: das eine muß Holz hauen, das andre es dahin fuͤhren, das dritte ) In dieſer alten Geſtalt beſtand es bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. N a G. Schwab, ſchwab. Alb. 5 66 | den Dünger fortſchaffen, das vierte das Gras abmaͤhen, ein fünftes daſſelbe duͤrr machen und einfuͤhren. Lichtenſte in hat auch einen tiefen Trog in Felſen eingehauen, darein das Waſ⸗ ſer von den Daͤchern geleitet wird, das auch einen Weiher bildet; außerhalb einen tiefen Bronnen, beider großen Scheuer, darin das Vieh iſt. Am untern Theil des Schloſſes ſind Fe— ſtungswerker, auf alte Art gebaut; etwas hoͤher ein herrlicher Pferdeſtall, und kleine Kammern anſtatt des Kellers; alles in Felſen gehauen. Wenn man die Steige hinauf geht, fin— det man eine weite und helle Stube mit gegoſſenem Boden; vor derſelben ſind Doppelhaken in der Wand. Im obern Stockwerk iſt ein uͤberaus ſchoͤner Saal, rings herum mit Fenſtern, aus welchen man bis an den Aſperg ſehen kann: darin hat der vertriebne Fuͤrſt, Ulrich von Wuͤrtemberg, oͤfters gewohnt, der des Nachts vor das Schkoß kam, und nur ſagte: der Mann tft da! fo wurde er eingelaffen. Im Schloſſe geht man durch eine Schnecke hinab zu oberſt bis zu unterſt. Vor noch nicht viel Jahren hat ein vornehmer Herr einen andern heißen hinunter gehen, und ihn eine Zeitlang eingeſperrt; der ward zornig daruͤber, doch wurde die Sache in einen Scherz verwandelt. Das Schloß hat von der Vorderſeite, gegen Aufgang, ein ſchreckliches Ausſehen, wegen des jaͤhen Abgrundes, ſo daß wenig ſind, die hinab ſehen koͤnnen, und ſich nicht fuͤrchten.“ So weit Cruſtus. Die Gewoͤlbe, von welchen er ſpricht, ſollen noch vorhanden ſeyn. Die Ruinen des alten Schloſſes, mit ſamt dem neuen Aufbau, ſtellen ſich aus der Naͤhe am ſchoͤnſten dar, von einem links vom Schloͤßchen in der Tiefe hervorſpringenden maueraͤhnlichen Felſen betrachtet, und wenn man auf der Bergſtraße nach Oberhauſen wenige Schritte den Hohnauer Fußpfad hinab lenkt. Beide Standpunkte darf der Reiſende ja nicht verſaͤumen. — Auf jener Bergſtraße endlich ſtoͤßt man links noch zwiſchen Lichtenſtein und dem Giſſenſteiner Felſen auf eine kleine Felſenhoͤhle, in der man feine Sandfteine antrifft, und aus deren Oeffnung ſich bei Regenwetter oder Schneeabgang ein betraͤchtlicher Bach ergießt; daher es das Brunnenloch heißt. Ueberhaupt giebt es in dieſer ganzen Bergkette ſehr viele Kluͤfte; auch im Thal auf den Wieſen ſind zwei lange, aus Tufſteinen be— ſtehende unterirdiſche Gaͤnge, wovon der Eine ſogar unter der Echaz durchgeht. — 67 Was die Tradition noch weiter von Lichtenftein erzählt; ſey zuſammengefaßt in folgender | Romanze. Aus einem tiefen, gruͤnen Thal Steigt auf ein Fels, als wie ein Strahl, Drauf ſchaut das Schloͤßlein Lichtenſtein Vergnuͤglich in die Welt hinein. In dieſer abgeſchiednen Au, Da baut' es eine Ritterfrau; Sie war der Welt und Menſchen ſatt, Auf den Bergen ſucht ſie eine Statt. Den Fels umklammert des Schloſſes Grund, Zu jeder Seite gaͤhnt ein Schlund, Die Treppen muͤſſen, die Waͤnde von Stein, Die Boͤden ausgegoſſen ſeyn. So kann es trotzen Wetter und Sturm: Die Frau wohnt ſicher auf ihrem Thurm Sie ſchauet tief ins Thal hinab, Auf die Doͤrfer und Felder, wie ins Grab. „Die blaue Luft, der Sonnenſchein, Spricht fre, der Wälder Klang iſt mein. Eine Feindin bin ich aller Welt, Zu Gottes Freundin doch beſtellt.“ Mit dieſem Spruch ſie lebt' und ſtarb, Davon das Schloß ſich Ruhm erwarb, Drauf wohnte manch ein Menfchenfeind, Und ward in der Hoͤhe Gottes Freund! Und als vergangen hundert Jahr Ein Menſchenfeind auch droben war; Lang hatt' er an keinen Menſchen gedacht: Da pocht' es einsmals an zu Nacht. „Es iſt ein einzger, vertriebner Mann, Der Welt Feind wohl er ſich nennen kann. Herr Ulrich iſts von Wuͤrtemberg, Zu Gaſte will er auf dieſen Berg!“ 5 * Der Andre hat ähm aufgemacht, Er nimmt des Fuͤrſten wohl in Acht; Er zeiget ihm das finſtre Thal, Das weit ſich dehnt im Mondenſtrahl. Der Herzog ſchaut hinunter lang, N Und ſpricht mit einem Seufzer bang: „Wie fern, ach, von mir abgewandt, Wie tief, wie tief liegſt du, mein Land!“ „„Auf meiner Burg, Herr Herzog, ja! Iſt Erde fern, doch Himmel nah. Wer ſchaut hinauf und wohnt nicht gern Im Himmelreich von Mond und Stern?“ “ Da hebt der Herzog ſeinen Blick, Und ſieht nicht wieder aufs Land zuruͤck; Von Nacht zu Nacht wird er nicht ſatt, Bis er es recht verſtanden hat. Und als nach manchem ſchweren Jahr Er wieder Herr vom Lande war, Da hat er Alles wohl beſtellt, Und hieß ein Freund von Gott und Welt. Wie hat er erworben ſolche Gunſt? Wo hat er erlernet ſolche Kunſt? In des Himmels Buch, auf Lichtenſtein Da hat ers geleſen im Sternenſchein. Das Schloß zerfiel, es ward daraus Ein leichtgezimmert Foͤrſterhaus; Doch ſchonet fein der Winde Stoß. Meint, es ſey noch das alte Schloß. Und einſam iſt es jetzt nicht mehr, Es kommt der Gaͤſte froͤhlich Heer; Sie kommen aus einer Hoͤhl' ans Licht, Doch Menſchenfeinde ſind es nicht. | 69. Manch holdes Maͤdchenangeſicht Laͤßt leuchten ſeiner Augen Licht, Da fuͤhrt mit Recht in ſolchem Schein Das Schloß den Namen Lichtenſtein. Die Maͤnner ſtolz, die Maͤgdlein friſch, Sie ſitzen All' um Einen Tiſch, Die Erde laͤchelt herauf ſo hold, Es ſtrahlt am Himmel der Sonne Gold. Sie ſpenden von des Weines Thau Dem Herzog und der Edelfrau, Und bitten fie, dieß Schloͤßlein gut Zu nehmen in ihre fromme Hut. Und ziehn ſie ab, mit einer Bruſt Voll Gotteslieb' und Menſchenluſt, Dann ſteht im ſpaͤten Sternenſchein Einſam uns ſeelig der Lichtenſtein. Von Lichtenſtein, wo, außer zur Zeit der feſtlichen Be⸗ leuchtung der Nebelhoͤhle, zwar kein Mittagsmahl im Foͤrſter⸗ hauſe eingenommen werden kann, aber doch Caffs, Kaͤſe, Butter und guter Wein zu finden iſt, ſetzt ſich die Reiſe nach Pfullingen und Reutlingen fort. Wer zu Fuße iſt, Eile hat, und dieſe Stadt ſamt der Achalm opfern will, kann auch über das Gebirge, durch Holzelfingen (St.), Ohnaſtetten 4 St.), Wuͤrtingen (a St.) nach Urach (1% St.) kommen. Noch näher, aber nicht ohne Führer, durch die Albwaͤlder zwiſchen St. Johann und Wuͤrt ingen, ohne daß er ein Dorf beruͤhrt. — 3 Nu Die Reutlinger Straße aber fuͤhrt durch das hinlaͤnglich beſchriebne Hauſener Thal: Oberhauſen , St.), Unter⸗ haufen (4 St.), Pfullingen & St.), Reutlingen (% St.). Bei Pfullingen öffnet ſich die Gegend ein ziem- liches; die Hauptwand der Alb tritt zuruͤck; nur der ſpitze Kegel des St. Joͤrgenbergs hat ſich, wie aus der Reihe und weſtlich uͤber die Stadt hinaus verloren. - Der St. Idͤrgenberg iſt ein ſchoͤner, zur Hälfte mit Wein und Obſt bepflanzter, 70 | oben mit grüner Heide bedeckter Berg. Da er weit niedriger als die andern Albberge, und in einer kleinen halben Stunde zu beſteigen iſt, fo bietet er ſich dem bequemeren Wandrer als gutes Surrogat fuͤr die ungleich hoͤhere Achalm dar. Die Ausſicht auf die Flaͤche iſt mit weniger Einſchraͤnkung dieſelbe. Eigene Reize gewaͤhrt gegen Oſten der Anblick der Achalm, gegen Süden der Anfang des Haufener Thales. Sein Gipfel traͤgt Spuren von Schanzen, die von den aufruͤhreriſchen Bauern des ı5ten Jahrhunderts herruͤhren ſollen. Wirklich hausten im Fruͤhjahr 1525 die Aufruͤhrer auch in dieſer Ge— gend, und es ward von Rudolph von Ehingen bei Pfullingen am 6. April eine Auswahl unter den Reutlingern, Tuͤbingern und Rothenburgern gehalten, um einen Heerhaufen gegen ſie zu bilden. Indeſſen finde ich es wahrſcheinlicher, daß die Vertiefungen und Linien von einer St. Georgs-Capelle herruͤhren, die eine Wallfahrtskirche war, und bis ins ı6te Jahrhundert aufrecht ſtand. Ein Spieler und Gotteslaͤſterer, der ſich am Glockenſeil aufgehenkt, verſcheuchte die Wallfahrer und brachte die Kirche in Zerfall. | Auf der ſuͤdlichen Seite von Pfullingen find andre ſchoͤne Bergruͤcken, der Guͤlſperg, die hangende Wieſe, die Stuhlſtaig, der Wackerſtein mit einem ſehr hohen und geſpaltenen Felſen; der Aalsberg und das Lippenthal, zuſammenhaͤngende Ruͤcken, welche die Graͤnze gegen das Hau— ſener Thal machen, und auf einer ringsumlaufenden Ebene (paſſend der Altan genannt), jener den Schemberg, dieſer den Lippenberger Hohlberg tragen). Oeſtlicher der Kugelberg und der Urſulenberg. Noch mehr gegen Oſten der Maͤgdleinsfels. Nordoͤſtlich mehr abgetrennt vom Gebirge, die Achalm. Am Urſulenberg und am Maͤgdleinsfelſen haften Volksſagen. Die Feien des Urſulenberges. Wenn die Nebel Schleier weben Um Gebirg und Flur, Regt in der Natur Sich ein andres Leben. ) Der Wegweiſer ſucht ſchriftliche Angaben hier mit muͤndli⸗ chen zu vereinigen. Aus ben Blumen, die ſich neigen In der Erde Kluft N Vor des Winters Luft, Ihre Seelen ſteigen. Anzuſchaun wie zarte Weiber Schweben ſie heraus Aus des Berges Haus, Jungfraͤuliche Leiber. Mit dem Blau der Genziane, Mit der Lilie Glanz, Mit des Roſenbrands Gluthen angethane. Flattern, wenn ſie Lichter ſehen, In die Huͤtten, wo Spinnerinnen froh Seidne Faͤden drehen. Setzen an der Maͤgde Kunkel, Luft'ge Gaͤſte, ſich, Spinnen emſiglich Durch der Naͤchte Dunkel. Und von ihren Lippen wallen Worte leicht und leis, Goldner Sagen Preis, Die behagen Allen. Von des Berges tiefen Spalten, Wo in ew'ger Nacht In dem kuͤhlen Schacht. Blumen Hochzeit halten. Von der Erdengeiſter Treiben, Fuͤrſtlichem Geſchlecht, Und von Gnom und Knecht, Uud von Waſſerweiben. Und die Spindel rollet Allen Luſtig durch die Hand, Bis daß an der Wand Morgenlichter wallen. 71 72 d. Da entſchluͤpfen ſchnell die Frauen: An des Bergs Geſtein Sind die ſeel'gen Fei'n Nebeln gleich zu ſchauen. Doch der Flachs iſt abgeſponnen, Und die Spindel ruht, a Und ein zehnfach Gut Jede hat gewonnen. Andres Maͤhrchen. \ Wiederum erzahlt die Sage, der Urſulenberg fey nur des Tages ein Berg, des Nachts aber eine Hoͤhle, in der ein weiblicher Geiſt bei unendlichen Schaͤtzen auf Erloͤſung harre. Einſt habe ein Buͤrger von Pfullingen ſich zu dieſem Verſuche entſchloſſen, und ſey in der Nacht nach der Hoͤhle gegangen. Dort erſchien ihm der Geiſt in Geſtalt einer Nonne, und lud ihn ein, mit ihm drei Naͤchte hintereinander zu ſpeiſen, ohne ſich zu fuͤrchten, und ohne einen Laut von ſich zu geben. Dann werde der Geiſt erloͤst ſeyn, der Mann aber den ungeheuren Schatz erheben. Die erſte Nacht erſchien der Geiſt in ſeiner gewoͤhnlichen Geſtalt als Nonne; der Buͤrger ſchmauste ohne Furcht und Rede bei ihm. In der zweiten Nacht erſchien aber ſtatt der Nonne eine graͤßliche Schlange vor dem wohlbeſetzten Tiſch, baͤumte ſich ſchwellend, und leckte ziſchend von den Speiſen. Der Mann überwand fein Grauſen, und unter— druͤckte den Schrei des Entſetzens, der uͤber ſeine Lippen wollte; des Morgens kehrte er zur Stadt und in ſein Haus zuruͤck.) Als aber die dritte Nacht heran kam, die das Aben⸗ theuer enden ſollte, da fand man ihn todt auf ſeinem Lager; der Schrecken der zweiten hatte ihn umgebracht. Sage vom Maͤgdleinsfelſen. Die Sage vom Maͤgdleinsfels iſt dieſelbe, die ſich in allen Gebirgen Deutſchlands bei aͤhnlichen Felſenvorſpruͤn⸗ gen wiederholt; es iſt die der Rieſentrappe, des Jungfern— ſprungs und andrer Stellen: Ein Jaͤger, der ein ſchoͤnes Maͤgdlein verfolgt, und ſte auf die Spitze des Felſen treibt, wo ſie nicht weiter kann. Sie ſtuͤrzt ſich betend hinab; aber fie wird von unſichtbaren Händen getragen, und ihr wiederfaͤhrt \ 75 kein Leid. Der Jaͤger ſpringt ihr nach, und findet in der Tiefe zerſchmettert ſeinen Tod. | Die breite Platte des Felſen ſchaut weit in das Thal hinaus, und iſt von Tuͤbingen aus ganz kenntlich. Ihre helle oder trübe Farbe gilt den Umwohnern als Vorbote von Heiz terkeit oder Unwetter. Man kommt von Pfullingen in einer ſtarken Stunde durch eine Waldſchlucht hinauf. Weil der Bergkeſſel ziemlich weit zuruck tritt, iſt die Ausſicht nicht ganz ſo offen, wie auf den uͤbrigen Albſtandpunkten, immer aber ſehr reizend. Ein benachbarter einſamer Hof auf der Bergheide gewaͤhrt nichts als Obdach. | Pfullingen, (5592 Einw.) liegt im fruchtbarſten Obſtsarten, in der lieblich⸗ ſten, mildeſten Gegend. Als Dorf kommt es fhon im zıten Jahrhundert vor. Die neueſten Nachweiſungen unſres Mem⸗ minger machen die Exiſtenz eines bisher bezweifelten graͤf⸗ lichen Geſchlechts von Pfullingen wahrſcheinlich; ein Graf Egino von Pfullingen, Sohn des Grafen Walther von Pfullingen, waͤre nach dieſer Annahme durch ſeine beiden Söhne Egino und Rudolph Stammvater der Grafen von ur ach und Achalm geworden. Der Pfullinger Zweig ver⸗ ſchwindet fpäter. An feiner Statt erſcheint ſeit dem ı5ten Jahrhundert ein edles Geſchlecht mit Namen Remp von Pfullingen. Caſpar Remp von Pfullingen verkaufte end- lich 1487 ſein Schloß mit ſeinem Antheile Pfullingens an Wuͤrtemberg. N Mechtild und Irmel, Fraͤulein dieſes Stammes, ſtifteten hier im J. 1250 ein Frauenkloſter. Seine Spuren ſind ſehenswerth; unter andern Ueberbleibſeln iſt mitten in dem jetzt zum Garten gewordnen Raum das Sprachgitter ſte— hen geblieben. Die Urkunden des Kloſters, die vielleicht noch manches Geſchichtliche in ihren bis vorn ins nate Jahrhundert hinaufreichenden Pergämenten enthalten, liegen bis jetzt noch ungenuͤtzt in Pfullingen. — Das erſte Allmoſen, das dieſem Kloſter gegeben worden, ſoll ein Laͤmmlein geweſen ſeyn; dieß vermehrte ſich ſo, daß das Kloſter bald eine ganze Schaͤferei bekommen. Erſt unter den Grafen von Wuͤrtemberg erhielt das Dorf Stadtrecht, nie aber Mauern. Herzog Chriſtoph 74 baute daſelbſt ein ſchoͤnes Schloß und ein Jagdhaus, und hlelt ſich gern hier auf, um dem Schoͤnbuch nahe zu ſeynn. Vor dem Rathhaus zu Pfullingen iſt noch im Jahre 15053, als Wolf und Ludwig von Neuhauſen und ihre Knechte einen i Mann aus Oberhauſen getoͤdtet, der Obervogt zu Urach, Jo— hann Sattler, mit zwoͤlf Richtern von Pfallingen an offner Koͤnigsſtraße, unter freiem Himmel, nach Ordnung des h. roͤm. Reichs, und des Dorfes Pfullingen Gewohnheit, in off— nem verſammeltem Schrannengerichte zu Recht geſeſſen. Und weil dieſe Edelleute nach vollbrachter That die Flucht ergrif⸗ fen, des entleibten Erben aber peinliche Klage gefuͤhrt, ſo ſind die Fluͤchtlinge durch den geſchwornen Dorfsknecht zu den drei Straßen dreimal gerufen und verkündet worden. Nach— dem ſolch Rufen drei Tage hintereinander geſchehen und Nies mand erſchienen, iſt endlich das Urtheil ergangen, daß, wo im h. roͤm. Reich die Thaͤter betreten wuͤrden, ſolche mit dem Schwert hingerichtet werden ſollten. Im öojaͤhrigen Kriege war die Stadt von 1654 an, bis zum weſtphaͤliſchen Frieden, in oͤſtreichiſchen Händen. — (Gaſt⸗ hof: Hirſch.) Da unſre Reiſenden am fuͤglichſten Reutlingen zu ih⸗ rem Nechtquartier wählen, die Zeit aber ſehr wohl zur Be— ſteigung der Achalm f ü (Soͤhe 2472 Wuͤrt. Fuß.) f reicht, fo brauchen fie nicht alſobald in jene Stadt hinein zu gehen, ſondern ſte koͤnnen entweder ſchon am Kreuzwege der Landſtraße zwiſchen Pfullingen, Ehningen und Reutlingen ſich den geradeſten Weg nach den „Hoͤfen“ der Achalm durch die Weinberge ſuchen, oder doch vor den Thoren von Reutlingen ſich rechts wenden, und den gewoͤhnlichen Weg nach eben die— fen Höfen einſchlagen. Der Fahrweg aber führt durch Reut— lingen und auf einem Theil der Mezinger Straße in großem Bogen, ſchlecht gebahnt, hinauf. Der ſchoͤne ſchlanke Gipfel der Achalm ſteht durch eine tiefe Senkung, in welcher das Dorf Ehningen liegt, von der uͤbrigen Alb getrennt, und dadurch iſoliert, von allen Seiten frei heraus. Das Kalkgeſtein, woraus der Berg gleich der, uͤbrigen Alb beſteht, und der grobe, auf ſchwaͤrzlichem Ton— ſchiefer aufſitzende Kies, machen es wahrſcheinlich, daß die . 75 Achalm durch eine Ueberſchwemmung von dem Albgebirge ge— trennt worden. Der untre Theil des vulkaniſch geſtalteten Berges iſt mit Weinbergen bedeckt; an deren Ende, auf einer Erdſtaffel der weſtlichen Seite, die ehemalige herrſchaftliche Sennerey ſich lehnt, ehedem das Eigenthum eines Privat- manns, deſſen Paͤchter in feinem Haus und dem reitzend ge= legnen Garten Wirthſchaft trieb. Vor kurzem aber hat Koͤ⸗ nig Wilhelm, angezogen von dieſer herrlichen Hochwacht des vaterlaͤndiſchen Gebirges, den ganzen Berg nebſt dieſem Gute an ſich gekauft), und eine Schaͤferei hier errichtet. Schon weidet eine feine Merinosheerde an den Albwaͤnden. Die Ausſicht iſt ſchon hier gegen Reutlingen, Tuͤbingen und einen Theil der Ebne von den Zimmern aus ſehr ſchoͤn, und wer das weitre Steigen ſcheut, kann ſchon auf dieſer Staffel das koͤſtliche Schauſpiel des Sonnenuntergangs genießen. Der rüftigere ſteigt weiter über den mittlern Berg, den Heide be— deckt, den ſchneckenfoͤrmigen Weg hinan, der ſich rund um den Berg durch das Waldgeſtraͤuch, mit dem der Gipfel bewachſen iſt, bis zu der Spitze hinauf zieht. | Ruinen und Ausſicht auf der Achalm. Von dem alten Schloſſe find nur noch wenige Ruinen vor- handen. Die alte Fahrſtraße von Reutlingen aus führt zu einem eingefallnen Thore. Ringsum war der Gipfel mit ei⸗ ner auf Felſen geſtuͤtzten Mauer eingefaßt, deren Reſte noch vorhanden ſind. Auf der vordern, hoͤhern Feſte ſteht noch ein viereckiger Thurm, in dem das Burgverließ befindlich geweſen zu ſeyn ſcheint. Seit den neueſten Vermeſſungen des Landes iſt er mit einer Treppe, und der dachloſe Gipfel mit einem Bretterboden verſehen, zum großen Vortheil der Ausſichtluſti— gen Wandrer, die hier die Hauptausſicht der Mittelalb, wie wir fie in der Einleitung bezeichnet haben, bewundern wer— den. Beſonders ſchoͤn macht ſich die zuruͤcktretende Albkette, die dadurch vollſtaͤndig uͤberſchaut werden kann: Hohenſtau— fen, Neufen, und hinter demſelben, wie ſein Schatten, hervorblickend Teck; der mahleriſche Sattelbogen mit ſei— *) Der Berg war mit den Ruinen im J. 1764 an zwei Ehnin⸗ ger Buͤrger um 15100 fl. verkauft worden, und ſeitdem an verſchiedne Beſitzer gekommen. 6 nen Dörfern; dann das fruchtbare Uracher Thal; der Achalm gegenüber die Ehninger Berge: der Steigberg, Dracken— berg, Buͤrzelberg, Kuttenberg; weiter hinauf das Pfullin⸗ ger Thal; aus dem Gebirge Lichtenſtein hervorſchauend; dann der Roßberg und die obere Alb ineinander geſchoben, bis zur Lochen bei Bahlingen. Endlich zu des Beſchauers Süßen die anſehnliche Stadt Reutlingen mit ihrem ſchoͤnen, gothiſchen Muͤnſter. Eine Beſchreibung der Flaͤche und ihrer Begraͤnzungen gegen Weſten und Norden wiederholen wir nicht. Der alte Cruſtus ſah noch den Gang zu dieſem Thurme, drei Thuͤren, und zur linken Seite einen andern Thurm, auf dem man herumgehen konnte. Noch findet man eine große Vertiefung, wahrſcheinlich ein eingeſtuͤrzter Brunnen, dann mehrere unterirdiſche Gewoͤlbe und Keller, die aber all maͤhlig einſtuͤrzen. — Die ganze Burg beſtand aus 2 Abtheilungen, wovon die ſpaͤtere und kleinere Graf Luithold gebaut. Geſchichtliches uͤber die Grafen von Achalm. 6 Achalm war eine Grafſchaft; aber die Geſchichte dieſes Geſchlechtes liegt ſehr im Dunkeln. Wäre den Chronikenſchrei⸗ bern zu trauen, ſo ſtammten die Grafen von Achalm aus Frankreich, wo ihre Eltern Großhofmeiſter geweſen. Schon im Jahr 603 ſollen fie aber in Schwaben als gefuͤrchtete Halb— rieſen hauſen, und in einer Schlacht, die Pipin einem Schwa⸗ benherzoge Lanfried im J. 761 bei Ettenhaln an der Erms (wo jetzt Metzingen liegt) geliefert, ſollen 12000 Schwaben ſamt dem Grafen Luithold von Achalm geblieben ſeyn. Auch im neunten und zehnten Jahrhundert ſoll ihr Name vorkommen. Aber auf hiſtoriſchen Grund und Boden kommen wir erſt mit dem ııten Jahrhundert. Hier erſcheinen zwei Bruͤder, Egino und Rudolph, jener als Stammvater der Grafen von Urach, dieſer als Stifter der Uhalmifchen Linie, der den von ſeinem Bruder angefangenen Bau des Schloſſes Achalm vollendete (1050) ). Zu ihrer gemeinſchaftlichen Grafſchaft gehörte der größte Theil des uracher und (ehem.) Pfullinger Oberamts, die Ortfchaften des Echaz- und Erms— thales, und am rechten Ufer des Neckars bis gegen rürtingen ) Ueber die Abſtammung dieſer Grafen von denen von Pfullin⸗ gen ſ. oben. f 97 hin. Ihre Reſidenz 1 die Grafen in Reutlingen gehabt haben, über das fie alle hoheitlichen Rechte beſaßen. Wie aber die Achalmiſche Linie mit der Urachiſchen getheilt, iſt nicht zu errathen. Von Rudolphs 7 Söhnen find Luithold und Cu no die Stifter des reichen Benediktinerkloſters Zwie— falten (1039). Der Tradition zu Folge ſoll auch dieſes Klo— ſter vorher anf dem Berg Achalm geſtanden ſeyn, und als es hinweggenommen worden, und der einmal geweihte Berg durch weltlichen Gebrauch entheiligt ward, ſoll ihn der Zorn des Himmels oͤfters mit dem Blitzſtrahle getroffen haben. Diefe, Angabe iſt jedoch ehronologiſch unmoͤglich. — Der bei- den letztgenannten Grafen Bruder, Wernher, durch Geld zum Bißthum Straßburg gelangt, zog im Dienſte Kaiſer Heinrichs des IV. mit bewaffneter Macht gegen den Abt Wils helm von Hirſchau, der auf der paͤpſtlichen Seite war. Wern— her legte ſelbſt den Panzer an, ritt ſeinen zagenden Kriegs— knechten vor, und ſpornte fie mit Fluͤchen gegen die Hirſchauer Moͤnche; da fiel er heulend vom Pferde, und ſtarb eines jaͤ— hen Todes. 5 Schon mit dieſen Grafen und ihren Bruͤdern ſcheint die maͤnnliche Linie der Grafen von Achalm ausgeſtorben zu ſeyn. Der Erbe der weiblichen, Wernher von Groͤningen, ein Sohn der Graͤfin Williburg von Achalm, Schweſter der obigen, ſtritt noch eine Weile um die Guͤter. — Die Burg war von den Grafen von Achalm in mehrere Haͤnde gekommen. Die from— men Stifter von Zwiefalten traten fie (um 1090) an ihren Vetter, Grafen Wernher von Groͤningen ab. Spaͤter ſcheinen die Welfen in ihrem Beſitz geweſen zu ſeyn; denn 1164 flieht der Herzog Welf aus dem unglückicken Treffen bei Tuͤbingen auf ſeine Burg Achalm. Im J. 1262 ver⸗ fest fie der arme Conradin an Ulrich von Wuͤrtemberg; aber das Reich ſcheint ſie wieder auf eine Zeit an ſich gezogen zu haben. Dann ward fie von Kaiſer Ludwig im Jahr 1330 an Graf Ulrich von Wuͤrtemberg übergeben, unter Carl IV. an Oeſtreich verpfaͤndet, das ſte an Wilhelm von Rietheim verſetzt. Dieſer verkauft fie endlich 1578 wieder an Wuͤrtem— berg. Im zojaͤhrigen Kriege, nach der Schlacht bei Noͤrdlin— gen, nahm die Erzherzogin Claudia widerrechtllch auch von der Achalm Beſitz, und erſt nach dem Osnabruͤcker Frieden wurde das Schloß an Wuͤrtemberg zuruͤckgegeben. Und ſchon 78 im J. 1658 ergieng an den Keller (Kameralverwalter) zu Tuͤ⸗ bingen der Befehl: „Du Keller haſt dich unterthaͤnigſt zu be— richten, weſſen du wegen vollends Demolirung und Raſi⸗ rung des ganzen algegangenen Schloſſes Achalm hiebevor bereits unterthaͤnig Beſcheid erhalten.“ Die muͤndliche Volksſage weiß auch noch von einer Ges ſchichte des Berges aus der vorachalmiſchen Zeit: Romanze von der Achalm. Da ſteht noch Thurm und Burgverließ Vom Schloß, das ich genannt, Doch wie es einſt vor Zeiten hieß. Iſt keinem mehr bekannt. Die alte Sage ſpricht es kaum Noch halbvernehmlich nach, Wie einſt die Burg auf dieſem Raum Vor zorn'ger Fehde brach. Der letzte war es vom Geſchlecht, Der hier beſtritten ward, Von Arme ſtark, von Sinn gerecht, Nach frommer Stammesart. Er ſchirmt' und ſchuͤtzte Hof und Haus Lang vor der ſtaͤrkern Macht, Da trieben ihn die Flammen aus, Und mitten in die Schlacht. Er ließ den Bau wohl ſtuͤrzen ein, Er ſah nicht hinter ſich, Den Boden wollt' er doch befrein, 4 Der keinem Feuer wich. — Den Pfeil, den todestraͤchtigen, Empfieng ſein tapfres Herz, Sein Rufen zum Allmaͤchtigen Verſchlingt der letzte Schmerz. Doch was er rief in letzter Noth, Das halbe Wort: Ach allm — Das hat gewiß getoͤnt vor Gott Als wie ein ganzer Pſalm. 79 Ja ſelbſt dem Feinde klang es ſchoͤn, Das ernſte Scheidewort, Er baute friſch auf dieſen Hoͤhn, Und hieß Achalm den Ort. Das Menſchenwerk zerfallen iſt, Der Berg ſteht feſt und hoch, Achalm, ſo heißt zu dieſer Friſt Sein Gottesnahme noch. Ihr Wandrer, die ihr ſinnet viel, Vergeßt nicht jenes Ach! Ihr Maͤgdlein hier, auf Tanz und Spiel, Denkt fromm der Allmacht nach! Eine andre Verſton der Sage tft! als Rudolph, der Vols lender der Burg, deren Gruͤnder, ſeinen Bruder Egino, der dem Tode nahe war, fragte: wie er die Burg genannt wiſſen wollte, rief dieſer im Todeskampf: Ach allm —. Und Rudolph hieß die Burg ſo. Endlich laͤßt die Volksſage um den ganzen Berg Achalm im Grunde des Bodens ſich eine goldne Kette ſchlingen. — Wir wenden uns nun nach Reutlingen, am weſtlichen Fuße der Achalm, von deren Gipfel der Wan— drer keine Stunde Weges bis in die Stadt braucht. — Gaſt— hoͤfe: Krone (die Poſt) gut. — Lamm, Loͤwe, Waldhorn, Ochs, Adler (gut). Geſchichtliches uͤber Reutlingen. Reutlingen fuͤhrt ſeinen Namen ohne Zweifel, wie eine Menge andrer Derter*) durch ganz. Deutſchland, vom Ausreuten der alten Waͤlder. Die erſten Haͤuſer ſollen mit= ten im Walde gebaut worden ſeyn, auf Eichen, deren Wur— zeln in der Erde geblieben, und deren Spuren noch gefunden werden ſollen. Im Jahr 1050, erzaͤhlt eine gereimte Reut⸗ *) Ganz daſſelbe bezeichnet die Stadt Riedlingen in deren Nachbarſchaft ſich auch wirklich ein Reuttlingendorf be⸗ findet, durch den letztern Beiſatz offenbar von Riedlingen⸗ oder Reutlingen⸗ſtadt unterſchieden. 80 linger Chronik, ſey Reutlingen zu einem großen Dorfe ge⸗ wachſen; die Grafen von Achalm hatten in dieſem Dorf ihre Wohnungen gehabt, die im J. 1625 noch vorhanden waren, und bei der Pfarrkirche ſtanden. Auch zu des (noch aͤlteren) Cruſtus Zeit wurden neben der Sankt-Marienkirche 2 Haͤuſer gezeigt, welche vor Anfang der Stadt gebaut und von Edel- leuten „an der Echaz“ bewohnt worden ſeyn ſollen. Von Kaiſer Otto IV. erhielt Reutlingen zugleich mit Eßlingen, angeblich im Jahr 1200, Stadtgerechtigkeit, und Kaiſer Frie⸗ drich II. ließ beide mit einer Stadtmauer umgeben. Im Jahr 1247 mußte Landgraf Heinrich VII., als er Reutlingen bela— gerte, ſich ſchon eines Sturmblockes bedienen, in der Lange von 126% Werkſchuhen, den er nach aufgehobener Belagerung zuruͤckließ, wofür die Reutlinger, wie fie in der Noth das Geluͤbde gethan, der Jungfrau Maria innerhalb 70 Jahren eine Kirche von gleicher Laͤnge erbauten, das Chor und das Fußgeſtell des Thurmes nicht mitgerechnet; der Thurm aber ward 325 Schuh hoch. Dieß iſt noch die ſchoͤne Hauptkirche im ſogenannten gothiſchen Styl, die mit ihrem ſchlanken, durchbrochenen Thurme eine Zierde der Stadt und der Ge— gend iſt. Ihre Vollendung fallt ins J. 1545. Eine kleinere Capelle, die Nicolaikirche, war ſchon im J. 1300 vom een Albert von der Achalm erbaut worden. Der Antheil Reutlingens in den Kriegen der Staͤdte mit den Grafen von Wuͤrtemberg iſt bekannt, namentlich die Schlacht bei Reutlingen, die Ludwig Uhlands Lied ver⸗ herrlicht hat, und die Ulrich, der Sohn Eberhard des Grei— ners, durch einen Ueberfall von 600 Reutlinger Einwohnern, während die Ritter mit dem ſtaͤdtiſchen Heer im Treffen wa⸗ ren, im J. 1577 verlor; 86 adlige Ritter blieben auf dem Felde. Graf Ulrich mußte ſich unter einer Bruͤcke verſteckt halten, und konnte, verwundet, mit Muͤhe auf die Achalm, von der er herunter gekommen, zuruͤckgebracht werden. Die Schlacht fiel bei der ſeit 1551 abgebrochnen Capelle zu St. Leonhard vor, in der obern Vorſtadt, gegen Suͤdoſt, eine halbe Viertelſtunde vor der Stadt. Zu Doͤffingen tilgte Ulrich dieſe Schmach mit feinem Blute, aber der Sieg kroͤnte ſei— nen Tod. — Reutlingen war eine der erſten Staͤdte, in welchen ſich der Geiſt der Reformation regte. Schon im J. 1513 rechtete 0 81 der Magiſtrat mit ſeinem ſittenloſen Stadtpfarrer und Dekan Peter Schenk. Die Händel dauerten fort, und über den Ans fang der Reformation hinuͤber, ſo daß der Magiſtrat im Jahr 1519 (in demſelben Jahr, in das Herzog Ulrichs voruͤberge— hende Eroberung der Stadt fällt) einen Buͤrgersſohn, M. Matth. Aulber, als Pfarrer berief. Dieſer, auf der Unis verſitaͤt Tübingen mit Luthers Schriften bekannt geworden, predigte öffentlich und in haͤuslichen Lehrſtunden die neuen Meinungen. Barfuͤßer Moͤnche legten die Kutte ab, einen papiſtiſchen Prieſter zerrte das Volk von der Canzel« Bann und Reichsacht ward auf Aulber geſchleudert. Aber dle Stadt achtete es nicht, und Aulber trat noch im Jahr 1524 in den Eheſtand; hielt die Meſſe in deutſcher Sprache und das Abend: mahl ohne Beicht. Nach Eßlingen vor das Reichsregiment citiert, erhielt er 50 bewaffnete Reytlinger zum Geleite; ver: theidigte wacker 68 ihm vorgelegte Punkte, und laͤugnete nur Eine Beſchuldigung: daß er die h. Mutter Gottes verlaͤſtert, und fie eine Lohnwaͤſcherin genannt. Man ließ ihn ziehen, und nun war fein Anſehen in Reutlingen uneingeſchraͤnkt, und ſein Name auch im Ausland beruͤhmt. Zwingli ſchrieb un⸗ aufgefordert an ihn; die Reutlinger ſchickten Abgeordnete nach Wittenberg, und dieſe brachten (1526) von Luther ein Schrei⸗ ben an Aulber, und eines „an alle liebe Chriſten zu Reut⸗ lingen“ mit. Auch mit Brenz in Halle traten ſie in Abrede. Und auf dem Reichstag zu Augsburg trat der abgeordnete Buͤrgermeiſter von Reutlingen Churſachſen und Nuͤrnberg bei, und unterzeichnete die Confeſſtion. — Im zojaͤhrigen Kriege hat Reutlingen viel ausgeſtanden; im J. 16351 ward es von dem kaiſerlichen General Graf Egon von Fuͤrſtenberg durch Capitulation, im J. 1645 von weima⸗ riſchen Truppen mit Gewalt eingenommen. Alles Ungluͤck aber, das die Stadt in dieſem und den nachfolgenden Franzoſenkriegen ausgeſtanden, übertraf zu Anz fang des 18ten Jahrhunderts die große Feuersbrunſt, die am Montag den zöften Sept. 1726, Abends zwiſchen 8 und 9 Uhr, durch Unachtſamkeit mit dem Licht beim Futter angegangen, faſt alle öffentliche und Privatgebaͤude, wenig ſchlechte Haͤuſer ausgenommen, verzehrte. Die meiſten Haͤuſer wurden, we— gen der Enge der Straßen, zuerſt an den Gibeln vom Feuer ergriffen, goſſen ihren feuerſpeienden Regen auf die Arbeiter G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 6 82 herab, und machten das Loͤſchen unmöglich. Der Brand waͤhrte mehrere Tage, und ward in der zweiten Nacht durch einen ſtuͤrmenden Wirbelwind unterſtuͤtzt. Die uralte Hauptkirche brannte von innen mit Uhren, Orgel und Dachſtuͤhlen aus; die Glocken zerſchmolzen, Saͤulen, Schwibboͤgen und Haupt: gründe wurden geſprengt und zerſchmettert; der hohe gothiſche Haupt⸗ und Glockenthurm ſtand in und nach dem Brande lange Zeit ſchneeweiß gluͤhend da. Die Kirche ſchien damals unwiederherſtellbar, iſt aber ade wieder in guten Stand geſetzt worden. Das Elend der Einwohner war graͤnzenlos. Viele hun⸗ dert Abgebrannte kampierten Tage lang in Gaͤrten und auf dem Felde elendiglich in Sturm und Regen.“ In einer arm⸗ ſeligen Capelle, die allein unverſehrt geblieben, wurde der Gottesdienſt gehalten, und weil kein einzig Gloͤcklein in der ganzen Stadt uͤbrig geblieben, ſo wurde mit der Trommel das Zeichen gegeben; denn der Herzog von Wuͤrtemberg hatte der ungluͤcklichen Stadt drei Compagnien ſeines Leibregiments zu Bewachung der Thore und des Eigenthums geſandt. Der reichliche Herbſtſeegen verdarb an den Weinſtoͤcken; es fehlte an Faͤſſern, ihn unterzubringen; denn alle waren in den Kel⸗ lern verbrannt oder verkohlt, der alte Wein ausgelaufen und von der Hitze vertrocknet. 5 Die bedraͤngte Stadt wandte ſich an den Reichskonvent, und wurde mit ſchwaͤbiſch Hall, das zu gleicher Zeit das glei= = Unglüd betroffen, auf 20 Jahre für Reichsſteuerfrey er⸗ klaͤrt. Nach dieſem Brande wurde bie Stadt in etwas kleinerem Umfang, jedoch nicht ſchoͤner und nach keinem regelmaͤßigen Plane wieder aufgebaut; an die Stelle der 12 alten Thore traten nur 4 Haupt⸗ und 2 Nebenthore, jene mit ſteinernen Bruͤcken uͤber die breiten Stadtgraͤben, welche jetzt mit Gaͤr— ten ausgefuͤllt ſind, und an deren Seite eine ſchoͤne Fahrſtraße zwiſchen den Vorſtaͤdten und der inner Stadt rings um dieſe letztere führt. Vierzehn Thuͤrme (jetzt wohl zum Theil ab— gebrochen) zieren die hohen und feſten Stadtmauern und die Gräben. Zwei Vollwerke find, eins gegen Süden, mit unter— irdiſchen Gaͤngen, und eins gegen Norden angebracht. Die Stadt zaͤhlt jetzt 9294 Einwohner, und etwa 1250 Gebaͤude, worunter wenig maffive; die Straßen find ziemlich breit. Die 85 Echaz, die an der Stadt vorbelfließt, und durch alle Stra⸗ ßen geleitet werden kann, gewaͤhrt den Muͤllern, Gerbern und andern Profeſſioniſten der gewerbsreichen Stadt große Vor- theile. Sie führt Forellen. Außer der ofterwaͤhnten Haupt⸗ kirche und dem ſchoͤnen aber abgelegenen Rathhaus bietet die Stadt keine anſehnlichen Gebaͤude dar. 5 5 Reutlingen hat ergiebigen Weinbau, bedeutende Gerbes reien, Leimſtedereien, Webereien, Bortenwuͤrkerei, Spitzen⸗ fabrikation, Pulvermuͤhle, ſtarke Buchdruckerei, gegen" Vuͤͤrtig beſonders für die wuͤrtembergiſche Societat zur Herausgabe der Claſſtker in den Holland. Ausgaben in ruͤhmlicher Thaͤtig⸗ keit; Handel mit Manufakturwaaren. Eine Schwefelquelle, der Heilbrunn genannt, ſeit 1715 oͤfters unterſucht, nahe bei der Stadt, vor dem mittlern Thore noͤrdlich auf der Ni: thwieſe gelegen, fängt an geſchaͤtzt und beſucht zu wer— den. Sie iſt jedoch mit keiner Badeinrichtung verbunden. Bemerkenswerth um ihrer Seltenheit willen iſt auch noch eine Stiftung für» arme keuſche Jungfrauen, denen jähre lich 20 Pf. Heller zur Ausſteuer gegeben werden ſollen. Dieſe werden am Freitag vor dem Palmtag im Spital von deſſen Pfleger und dem Stadtpfarrer ausgewaͤhlt, in Proceſſton sur Kirche geführt und geſpeist. So wurde es wenigſtens im J. 1805 noch gehalten. — Anlagen und oͤffentliche Spaziergaͤnge hat und braucht die Stadt keine, da die ganze Gegend der ſchoͤnſte Garten iſt. Neben der Achalm und dem St. Joͤrgenberg ſind noch an⸗ genehme Hoͤhen um die Stadt: der Scheibengipfel, mit dem Goldloch, einem verlaſſenen Bergwerke; der Gats buͤhl an einem waldigen Huͤgel, mit Wieſen, Weinbergen und Baumguͤtern umgeben, ehemals dem Rempiſchen Geſchlechte gehörig, mit Wirthſchaft. Endlich die pyramidenfoͤrmige Al- tenburg, ein kleiner, dem Joͤrgenberg ähnlicher Albvorſprung⸗ Im ı6ten Jahrhundert war ſte von Edelleuten bewohnt, die am Sonntag in rothen Maͤnteln ehrbarlich in die Kirche von Gomaringen kamen, am Werktag Vormittags das Feld bau- ten, des Abends aber auszogen, die Voruͤbergehenden zu be— rauben. Von ihrer Wohnung find noch Spuren zu ſehen. b. der Weſtſeite i jetzt die Wohnung des Pachters. — 6 * 84 Di.ie alte Verfaſſung der Stadt Reutlingen, waͤhrend der Dauer ihrer Reichsfreiheit, war demokrati⸗ ſcher Natur, und vielleicht laſſen ſich manche noch nicht ver- wiſchte Eigenthuͤmlichkeiten des Charakters der Reutlinger hieraus erklären. Die geſammte Buͤrgerſchaft wählte alle Jahre ihre Obrigkeit neu, ein Recht, das ſie von Carl IV. im J. 1374 erhalten. Der Magiſtrat beſtand aus 16 Sena— toren, von denen die 3 Erſtgewaͤhlten Buͤrgermeiſter, der lte Vice⸗Buͤrgermeiſter war, aus 12 Zunftmeiſtern, von wel⸗ chen die belden erſten Schuldheißen hießen, und aus dem Syndikus, dem einzigen Rechtsgelehrten. Dieſer, mit den Schuldheißen und Buͤrgermeiſtern, bildete das geheime Collegium; der Buͤrgermeiſter, die 2 naͤchſten Senatoren, die 2 erſten Geiſtlichen und der Syndikus machten das Con- ſtſtorium aus. Noch beſtand eine Bau-Deputation und ein Feldgericht unter dem Vorſitz des zweiten Buͤr⸗ germeiſters. Jede der zwoͤlf Zuͤnfte bildete ein Zunftge⸗ richt aus 15 Perſonen, beſonders für Handwerksſachen; alle Zunftgerichte zuſammen (156 Perſonen) machten den großen Rath aus, der aber nur bei wichtigern Staats-Angelegen⸗ heiten und bei der jahrlichen Wahl zuſammengerufen wurde. Schuldſachen gehoͤrten vor das Schuldheißenamt. Durch den Pariſer Frieden und den Reichsdeputationsſchluß von 1805 kam Reutlingen unter wuͤrtembergiſche Herrſchaft, nebſt ſeinem Gebiete mit den Doͤrfern Bezingen, Wannweil, Ohmenhauſen, Brunnweiler und Stockach, zuſam⸗ men 9659 Seelen. ede Jetzt iſt Reutlingen Sitz einer Kreisregierung und einer Kreisſinanzkammer. b Route des vierten Tages.“ Auf den Roßberg. 2 St. Nach der Nebelhoͤhle . 2 — Auf Lichtenſten / — 4 Nach Oberhaufſen . ½ — | Nach Unterhauſen ½ — Nach Pfullingen 1 — Auf die Achalm 1% — Rach Reutlingen. , — 8% St. 65 Hlezu der Joͤrgenberg hin und her 1 St. Der Maͤgdleinsfels hin und her 2 — 11% St. Fünfter Tag. ueber Rauh⸗Sankt⸗Johann nach Urach. Obgleich Urach von Reutlingen nur ! kleine Stunden ent⸗ fernt iſt, fo nimmt es doch mit feinen Umgebungen, mit der Feſtung und den Seitenthaͤlern, die nicht voruͤbergegangen werden dürfen, einen vollen Tag weg. Die Chauſſee führt von Reutlingen über Metzingen (1% St.), von da durch das Uracher Thal, über Neuhauſen (% St.), Dettingen (% St.) nach Urach (1½ St.) in der Ebene; aber unſre Wan⸗ drer folgen ihr nicht, und auch wenn ſie zu Wagen ſind, ſchicken fie dieſen über Metzingen nach Neuhauſen oder Det⸗ tingen, wenden ſich ſelbſt zu Fuße vorerſt nach Suͤden, und betreten die Vicinalſtraße, die wohl gebahnt über den ſuͤdweſt⸗ lichen Fuß der Achalm, der eine ziemliche Hoͤhe bildet, nach dem großen Marktflecken Ehningen fuͤhrt, dem größten Dorfe des Landes (4584 Einw.). Dieſes liegt zwiſchen der Achalm und der Gebirgskette im Thal, je— doch hoͤher als Reutlingen, und iſt meiſt von herumziehenden Kraͤmern bewohnt. Es iſt das vollkommene Gegenſtuͤck von Goͤnn ingen, ja der Handel iſt hier noch allgemeiner, und % der Bürger find Kaufleute, die ſich vom Landhandel mit allen Kaufmannsarti- keln, hauptſaͤchlich aber mit Ellen⸗, Galanterie= und kurzen Waaren naͤhren. Mann, Weib, Tochter und Sohn ziehen damit hinaus. Spitzenkrämer heißen ſie von einem eig⸗ nen Fabrikate, das aber den geringſten Theil ihres Handels ausmacht. Sie theilen ſich in 3 Hauptclaſſen: die erſte be⸗ zieht ihre Waaren vom Ausland, und verſchließt ſie wieder 86 | - dahin auf Meſſen und an Krämer, auch an Mitbürger en gros. Die zweite Claſſe beſchraͤnkt ſich auf inlaͤndiſche Märkte und auf den Detailhandel; eine dritte iſt blos dem Hauſteren mit unbedeutendern Artikeln ergeben; namentlich handelt fie mit Volks buͤchern, und bedarf eben darum und wegen ihrer phyſiſchen und moraliſchen Verdorbenheit einer ganz beſondern Aufſicht. Bei 200 Familien naͤhren ſich von dieſem unrühm— lichen mit Bettel und Betrug verbundenen Hauſierhandel, — Urſpruͤnglich waren alle Ehninger Krämer nichts als Hauſterer und Laſttraͤger der Reutlinger Kaufleute: erſt ſeit 50 Jahren kaufen ſie ihren Bedarf in Frankfurt und auf andern Meſſen ein, und handeln damit in einem großen Theile von Deutſch— land, in der Schweiz, im Elſaß, in Lothringen u. ſ. w. Auf manchen Meſſen, wie in Salzburg und Tyrol haben ſie einen Abſatz von Me 1000 fl., ſind auch im Stande, bedeutende Summen zu kreditkeren. Dieſe bedeutendern Handelsleute beſchaͤftigen ihre aͤrmern Mitbürger, ſo wie die Vortenwuͤrker in Pfullingen, die Zeugmacher in Metzingen und Ebingen, und manche an e Fabrikanten. Auch dem Leinwandhandel in Urach find fie foͤrderlich. Ihre Farthen find kürzer, als die der Goͤn⸗ ninger. Gewerbe und Handel im Orte ſelbſt ſind unbedeutend. Die Spitzenproduktion beſchaͤftigt nur arme und alte. Weiber. Das Grundeigenthum wird von den Wanderern vernachlaͤſſigt; Felder und Kinder vermiethet. Daher allgemeine Verwilde⸗ rung, Die Kinder, ſobald fie die Schule verlaſſen, zum Hans del angehalten, machen ſich gar bald „einen Hinterbeutel,“ d. f. ſie betruͤgen die Eltern. Kein Wunder, daß Unzucht, Rechthaberei, Proceßkraͤme⸗ rei, Unbotmaͤßigkeit, Frechheit, Widerſetzlichkeit bei Verzagt— heit, im Durchſchnitt der herrſchende Charakter eines Voͤlk— chens geworden, deſſen Grundzuͤge, nach der Verſicherung ge— nauer Beobachter, Gutmuͤthigkeit und Lenkſamkeit ſind. Von Leibe iſt der Ehninger derb und gewandt; ſeine Sprache iſt durch die mannichfachen Wanderungen ſonderbar gemiſcht. Auch feine Gebraͤuche haben ihre Eigenthuͤmlichkeit. Bei Leichenbegaͤngniſſen halten die naͤchſten leidtragen⸗ den Perſonen eine ſtete Unterredung mit dem Verſtorbenen, wahrend fie hinter dem Sarge hergeben. Bei Hochzeiten begiebt ſich die Braut nach der Mahle zeit in großer Begleitung vom Gaſthofe nach Haufe, um ſich N Fr 87 fär den Ball umzuklelden. Während dleß geſchieht, beinftigt ſich die Begleitung im Hauſe mit Tanz und Wein. Von da geht der Zug mit der umgewandelten Braut in das Haus der naächſten Baaſe. Auch dleſe kleidet ich jetzt um, und inzwl⸗ ſchen wird aufs Neue getrunken und getanzt. So wird fort⸗ gemacht, bis alle Hauptperſonen zuſammengetrunken und ge- tanzt find. Jedoch find dieſe Gebrauche in ep ei age ziem⸗ lich in Abgang gekommen. Nach Rauh⸗Saukt⸗ Johann ai auf den gruͤnen Felſen. Hinter Ehningen empfaͤngt den Wanderer das Gebirge wieder. Der Weg nach Rauh Sankt «Johann (1½ St.) kann zur Noth, wenn die nachſtehende Bezeichnung genau beachtet wird, ohne Fuhrer gemacht werden. Erſt eine hohe Albſtraße 3 die im Dorfe erfragt werden kann, zur Selte hat man die ſchoͤnen Höhen des Kuttenbergs (mit herrlicher Aus= ſicht) und des niedrigen Rangenbergs, der aber eine Ausſicht gewährt, die der Achalmer wenig nachgiebt, und auf deſſen Grath ſich, große Seltenheit auf einem Floͤzgebirge, viel Gra⸗ nit findet. Links die Achalm; hinter ſich die Alteuburg, den Jorgenberg, Pfullingen, und vorwärts Ehningen, alles zu einer allerliebſten Landſchaft grouppiert. Der Weg nach Skt. Johann ſelbſt geht nordoͤſtlich den Gaisberg hinauf; (ein un⸗ mittelbarer Fußweg zum gruͤnen Felſen fuͤhrt den Kuttenberg hinauf; erfordert aber nothwendig einen Fuͤhrer). Bald von ſchoͤnem Wald aufgenommen wendet man ſich oͤſtlich, und ge⸗ langt auf der Hoͤhe zu einer ganz jungen Lindenallee, die man verfolgt, bis zu einem links einzuſchlagenden Pfade, der in den Buchenwald und unerwartet zum Jaͤgerhaus und Jagdſchloͤßchen Sankt-Johann führt, Urſpruͤnglich war hier nichts wie ein Waldbruderhaus. Herzog Eberhard Lud— wig ſchuf es zu einem Jagdſchloß um. Der hier wohnende Revierfoͤrſter erguickt mit dem Noͤthigen; und verſchafftz zu der, keine halbe Stunde entfernten, vom Jaͤgerhaus weſtlich gelegenen, koͤſtlichen Bergſpitze, die wahrſcheinlich von der nicht mehr kenntlichen Farbe des Gebaͤudes, das den jaͤhen Felſen umgiebt, 63 5 Abe Der grüne Fels MER CHöHe 2809 W. F. heißt. . b 11 er g l —— Aus dicht verwachſenem Wald, deſſen 2 1 Fort⸗ gehen auf der ebnen Albhoͤhe man erwartet, tritt man ganz unvermuthet auf die Gebirgskante, und jenen vorſpringenden Felſen heraus, der die wohlbekannte lachende Ausſicht auf die Flaͤche, und zwar gegen Norden bis zum Katzenbuckel des Odenwalds, und zum Koͤnkgsſtuhl bei Heidelberg dar⸗ bietet, nur gegen Oſten durch die Gebirge des Uracher Thals ſtaͤrker abgeſchnitten, dagegen ſich ſuͤdweſtlich die Achalm und hinter ihr die Grouppen der Obern Alb ganz neu darſtellen. Der Standpunkt ſelbſt iſt durch die ſchwindelnde Hoͤhe und den Keſſel, den das Gebirge bildet, das ſich hier in einem Halb⸗ cirkel herumſchlingt, einzig; das Doͤrfchen Glems, das in ſeinem Obſtwald ſich verlierend, ſenkrecht unter den Fuͤßen des Wandrers in der waldigen Tiefe liegt, iſt wohl mit den Schweizer Dörfern, an welchen ſich das Auge des von Rigi herabſteigenden Wandrers erquickt, zu vergleichen. Eine aͤhn⸗ liche Ausſicht gewaͤhrt auch der benachbarte Wolfsfels. (An⸗ dre geben dem gruͤnen Felſen ſelbſt dieſen Namen). — Links von dem gruͤnen Felſen ſtrecken noch zwei andere aus dem Waldabhang ihre ſchroffen Zeigefinger empor; auch fie find bald beſtiegen und, ſo nahe ſie ſind, ſo wechſeln doch wiese die naͤchſten Umgebungen auf ihnen. Von dieſem Standpunkte, der einer duftigen Würze Beleuchtung ſehr guͤnſtig iſt, bieten ſich dem Wandrer zwei Wege dar, die beide beſchrieben werden muͤſſen. Deer eine fuͤhrt nach Sankt-Johann zuruͤck und auf dem Gebirge fort. Da gelangt man bald an den herrſchaftlichen Fohlenhof durch eine Lindenallee. Hier ſteht man an dem Abhang eines tiefen Seitenthales der Alb; rechts ab fuͤhrt der intereſſante Fahrweg erſt auf der Kante des Gebirges fort, dann ſo ins Thal hinab durch Waͤlder, daß der untre Fohlenhof links bleibt. — Der Fußgaͤnger aber folgt hier oben links einem ſteinigten Wege etwa 8 Minuten lang abwaͤrts. Da oͤffnet ſich ſchon ein Durchblick in das herrlichſte Waldthal, und im Hintergrund hebt ſich der Uracher Schloßberg mit ſei— nen Ruinen und Felſen hoch aus der waldigen Tiefe. Zwei ſteile Wege fuͤhren in dieſes enge Thal hinab, durch dichtes 89 Waldgeſtruͤpp, beide hoͤchſt beſchwerlich. Der, welcher welter rechts hinabgeht, vielleicht der abſchuͤſſigere, iſt doch als der weit merkwuͤrdtgere vorzuziehen, weil er an den | terfein hinabfuͤhrt. Urſpruͤnglich ſtand hier eine beſuchte Marlenkirche, die das Kloſter Zwiefalten im J. 1279 vom Grafen Ulrich von Wuͤrtemberg zu erhalten gewußt und in eine Probſtey verwan⸗ delt hatte. Diefe forderten, in der erſten Hälfte des ı5ten Jahrhunderts, die Grafen Ludwig und Ulrich, die Söhne Hene riettens, zuruͤck, denn ſie mochten gerne ein Kloſter in der Nahe ihrer Reſidenz Urach haben, wo fie ihrer Andacht pfle⸗ gen konnten. So gründeten fie im J. 1439 hier ein Cart haͤuſet⸗ Kloſter von guter Zucht. Auch war die rauhe Gegend fuͤr die ſtrenge Ordensregel dieſer Johannisjuͤnger ganz geeignet. Die Carthauſe ſtand auf einer faſt unzugaͤnglichen Stelle, mit⸗ ten auf dem ſteilſten Abſturze des Berges. Daneben eine Kapelle Johannis des Taͤufers. Die Grafen begabten das Kloſter reichlich; ja fie hatten eine ſolche Vorliebe für dieſen Ort gefaßt, daß ſie ihr Erbbegraͤbniß nicht mehr zu Stuttgart, ſondern in dieſem ſtillen Thale haben wollten. So ward Graf Ludwig hier begraben, der im J. 1450 zu Urach an der Seuche ſtarb; ferner ſeine Gemahlin Mechtild, und ſein Sohn Ludwig (+ 1457), ja noch ſpaͤter, im J. 1550, Her⸗ zog Chriſtophs 17jaͤhrige Schweſter Anna (auch fie hatte die Peſt zu Urach weggerafft). Alle dieſe Leichname wurden aber ſpaͤter in die Gruft nach Tübingen gebracht (f. unten), Vielleicht hatte dieſes Kloſter auch Antheil an der großen Sinnesaͤnderung des Grafen Eberhard im Bart. Der Prior zu Guͤterſtein, gewoͤhnlich der alte Vater genannt, beſaß des jungen Grafen beſonderes Zutrauen. Als er nun, aufgeregt durch die Begebenheiten der Zeit, die einen allge⸗ meinen Kreuzzug gegen die Feinde der Chriſtenheit vermuthen lieſſen, eine Wallfahrt in das gelobte Land beſchloß, ein Ent— ſchluß, mit dem ein neues, geiſtiges Leben in ihm aufgegan— gen zu ſeyn ſcheint, ging er hin nach Guͤterſtein, und uͤbergab dort ſein Teſtament. „Es war gewiß ein feierlicher Tag, da Eberhard in jener Carthauſe, in dem ſchauerlichen Felsthal, über dem Grabe feines Vaters und feiner Brüder, umgeben 7 90 * von Jugendgenoſſen ), von ergrauten Dlenern, von vielen gottſeeligen Maͤnnern, knieend vor dem Hochaltar, das Ge— luͤbde der Pilgerſchaft ausſprach, und des alten Vaters Sees gen empfieng. Dieſer Tag, es war der ıote Mai 1468“ ,. Leicht mag einer unſrer vaterlaͤndiſchen Fruͤhlings-Wandrer ſeine Wiederkehr auf dieſer geweihten Stelle feiern. — Auch bet feiner Heimkunft aus dem gelobten Lande, ehe der Graf ſeine Mutter, ſeine Raͤthe, ſeine Freunde ſah, ging er nach Guͤterſtein, zu dem alten Prior. Einer der intereſſanteſten Bewohner des Kloſters war der Ritter Rudolph von Ehingen, von dem der Wandrer in dieſer Waldeseinſamkeit, die er ehedem bewohnt, vielleicht nicht ungern einiges Weitere liest: Rudolph von Ehingen, Burkhards Sohn, geb. im J. 1378, brachte feine Jugend in Oeſt⸗ reich und Ungarn zu, in treuen Dienſten Koͤnig Siegmunds und anderer Großen. Von da kehrte er im J. 1416 ins Land zuruͤck, und wohnte bei ſeinem kinderloſen Oheim in Hohenentringen. Dieſen beerbte er, heirathete eine Fraͤulein Agnes Truchſeß v. Haimertingen, und wohnte mit 4 andern Rittern in Lieb’ und Eintracht auf jenem Schloſſe; die fuͤnf zuſammen zeugten da 100 Kinder. Im Jahr 1420 ward er Rath und Vertrauter der Graͤfin Henriette, Regentin von Wuͤrtemberg. Aus Wien hatte er große Koſtbarkeiten theils gebracht, theils von ſeinem Bruder Wolf geerbt, weil aber in Schwaben damals die Sitte nicht war, ſo koſtbare Kleider zu tragen, ſo richtete auch er ſich nach dem Brauch des Vaterlandes, ſo lang er auch im Auslande gedient, und verkaufte jene Herrlichkeiten nach Frankfurt. Nach Henriettens Tod, als Graf Ludwig und ul⸗ rich das Land getheilt, ward er Ludwigs Rath, und von Ul— rich mit Entringen belehnt. Waͤhrend des Vormundſtreites hatte er den jungen Eberhard (im Vart) unter ſeiner Ob— hut, ſpaͤter ward er Statthalter und Rath deſſelben. Er war ſchoͤn, wacker und klug, arbeitſam und fleißig; mit Praͤlaten, * ) Ihn geleiteten 24 Edle, darunter Georg Bombaſt von Ho⸗ henheim, ein Johanniter-Ritter, Großvater des beruͤhmten Theophraſtus Paracelſus. ”*) Dieſe vortreffliche Stelle, wie das meiſte über Güterſtein, iſt aus unſers Pfiſters Eberhard entlehnt. | 91 Grafen und Edelleuten lebte er friedlich. — Seine Gemahlin ſtarb an einer Geburt, und nun lebte er in Jojahrigem Witt⸗ werſtande. Als er das ein und achzigſte Lebensjahr erreicht, ver⸗ theilte er im J. 1459 unter die 4 Söhne, die ihm geblieben waren, ſeine Guͤter, machte ſein Teſtament, beſtellte ſeine Leiche, erkaufte von Tuͤbingen einen jaͤhrlichen Gedaͤchtniß⸗ und Ehrentag, an welchem wuͤrdigen Armen 100 Mannsroͤcke und eben fo viel Weiberroͤcke ausgetheilt werden ſollten. Dar- auf ritt der Greis mit 3 feiner Söhne nach dem Grabe der h. Hailwig bei Rottweil. Sie fey aus der Ehinger Geſchlecht, ſprach er, darum wolle er Abſchied von ihr nehmen. Dann gieng er nach Ehingen, wo er getauft worden, und wohnte dort dem Gottesdienſt bei. Auf dem Ruͤckwege ritt er an fei- nem Schloſſe zu Killberg vorüber, ohne einzukehren, und bes gab ſich in das Carthaͤuſer Kloſter zu Guͤterſtein, bei der Ka— pelle Skt. Johannis des Taͤufers, wo er fi ſchon vorher ein Kaͤmmerlein fuͤr ſich und ſeinen Diener beſtellt; nachdem er ſeine Soͤhne mit frommen Ermahnungen entlaſſen. Von nun an aß er kein Fleiſch mehr, und lebte Tag und Nacht der Or- densregel gehorſam; nur die Kutte konnte ſein ritterlicher Leib nicht an ſich leiden. Sein liebſter Sohn, der Ritter Georg, der früher auf den Nat) des Vaters das Hofleben verlaſſen, mit den Johannitern gegen die Tuͤrken geſtritten hatte, nach Jeruſalem und Damaſcus gewallfahrtet war, in Frankreich, Spanien, Portugall und Fetz feine Tapferkeit gezeigt, nach— mals Regimentsrath Graf Eberhards im Bart, dieſer Georg beſuchte ihn hier oft, und wohnte auch ſeinem letzten Stuͤnd— lein bei. „Ich goͤnne euch der Ehren wohl, ſprach der Alte, daß ihr bei eures Vaters Ende ſeyn duͤrft. Nun iſt die Zeit meines Sterbens hie. Ich habe aber Gott den Herrn aller wegen gebeten, wenn es mir nutz waͤre zur Seeligkeit, daß er mir ſo viel Jahr und Tage verleihen wolle, als Skt. Johan— nes, der Apoſtel und Evangeliſt gelebt. Solches hat er faſt an mir erfuͤllet. Ich bin auch bereit, mit ganzen Freuden zu ſterben.“ Darauf erloſch er wie ein Licht um Skt. Galli Tag 1467 im often Jahr feines Alters, nach achtjaͤhrigem Aufent- halte zu Guͤterſtein. Den großen Fußſchemel ſeines Bettes hatte er ſich zum Sarge beſtimmt, und ward, in dieſen ein- geſchloſſen, nach Entringen ins Grab, das er vorher ſich aus⸗ en geführt. 92 Ein Umſtand ganz eigner Art zog dem Kloſter ſeinen Un⸗ tergang zu. Nach einer ziemlich ſichern Tradition ſuchte der Herzog ulrich, da er, vom ſchwaͤbiſchen Bunde vertrieben, unſtaͤt und fluͤchtig umherirrte, Schutz und Aufenthalt, wie auf Lichtenſtein, fo auch in dieſer Carthauſe, wurde aber von den Clausnern abgewieſen. Dadurch aufgebracht, zerſtoͤrte er das Kloſter nach ſeiner Wiedereinſetzung. Gewiß iſt, daß er ſchon im J. 1554, da er mit dem Landgrafen Philipp von Heſſen waͤhrend der Belagerung von Hohenurach hier ſein Hauptquartier hatte, die hartherzigen Bruͤder ſeine Ungnade in hohem Grade fuͤhlen ließ. Im J. 1554 aber war der Platz Thon fo im Verfall, daß der Herzog Chriſtoph für nöthig fand, die fuͤrſtlichen Leichname nach Tuͤbingen bringen und dort bei⸗ ſetzen zu laſſen. Und unter den aufgehobenen Kloͤſtern war es eines der erſten. 0 * Jetzt ſind nur noch wenige Spuren dieſes Kloſters zu ſe⸗ hen. Ja ſchon im ı6ten Jahrhundert war nichts mehr da, als Mauern, Weinkeller und ein Theil der Kirche. An ſeine Stelle iſt ein ſehenswerthes Brunnenhaus getreten, in dem eine an 5 Stellen dem Felſen entſpringende Felſenquelle nach kurzem Falle gefaßt und durch 3 Stiefel einer Waſſerkunſt in ſchenkelsdicken bleiernen Teicheln 300 Schritte den Berg hin⸗ auf zum Fohlenhof und Skt. Johann geleitet wird. Das Haus, laut der eingemauerten Inſchrift, von Eberhard Ludwig ger gruͤndet, iſt ſeit wenig Jahren neu erbaut. Das übrige Waf: ſer ſtuͤrzt in ſchoͤnen Fällen den Berg hinab, und iſt laͤngſt durch ſeine Eigenſchaft des Inkruſtierens bekannt. e Ganz im Thale kommt man darauf zu dem neuerbauten Foh⸗ lenhofe Guͤterſtein mit der Wohnung des Fohlenmeiſters, und wandelt jetzt im tiefen, kuͤhlen, rund umſchloſſenen Ber geskeſſel, umrauſcht von Waldbaͤchen, auf geradem Wieſen— pfade der Veſte Hohenurach zu. | Hier ſtehen wir ſtille, und wenden uns zu dem andern Wege, der ſich vom gruͤnen Felſen aus anbietet. Das Uracher Thal. Wer naͤmlich das Uracher Thal noch nicht geſehen, thut, zumahl wenn es Bluͤthezeit iſt, wohl, den eben beſchrie— benen Weg, ſo romantiſch die Parthie iſt, dennoch aufzuopfern, und eine ganz andre Richtung zu nehmen. | | 93 | Kom grünen Felfen führt zur Flaͤche hinab nordöftlich, die Bergwand durchſchneidend, die eine Eckſaͤule des Uracher Tha— les bildet, ein fahrbarer Steinweg mitten durch den Wald, mit beſtaͤndigem, weitem Ausblick auf die Ebene. Dieſen verfolgt der Wandrer ſo lange, bis er ſich links dreht, und nach Neuhauſen hinabfuͤhrt. Hier verlaͤßt er ihn und den Wald, und an der Stelle, wo er, nun ſchon etwas rechts ge— wendet, die Oerter des Uracher Thales Metzingen, Neu— hauſen, Dettingen, ſamt dem untern, offnen Theile des Thals zu feinen Fuͤßen freundlich gelagert ſieht, kehrt er ſich auf einem kaum ſichtbaren Fußpfad gegen das letztgenannte Dorf, Dettingen, eine mit Genzianen und andern Blumen uͤberſaͤete Berghaide hinab, das er in wenigen Minuten er- reicht, und wo er ſich nun mitten im Uracher Thal befindet, in welchem wir uns einen Augenblick umſehen muͤſſen. Hinter ihm liegt der offnere, freundliche, aber minder intereſſante Theil des Thales, zunaͤchſt Neuhauſen, noch weiter der Ebene zu Metzingen. el. Metzingen iſt einer der bedeutendſten Marktflecken des Landes (3609 Einw.), und liegt anmuthig an der weidenum— ſchatteten Erms. Wer den Sattelbogen bereiſ't, laſſe es nicht unberuͤhrt liegen. Urſpruͤnglich war es Eigenthum der Grafen von Achalm. Eine Volksſage, die von alten Hiſtori— kern für Geſchichte genommen wurde, berichtet, daß fruͤher in dieſer Gegend eine Stadt Ettenhayn geſtanden, bei der im J. 761 Pipin dem Herzog von Schwaben, Lanfred, eine graͤßliche Schlacht geliefert und 12,000 Schwaben niedergemacht habe. Die Stadt ſey zerſtoͤrt worden, und an ihrer Stelle habe im J. 965 Graf Wilhelm von Achalm den Grund zu Metzingen gelegt. — Gewiß iſt, daß im vorigen Jahrhundert zuletzt noch ums J. 1780, zwiſchen Metzingen und Riede⸗ rich (auf der Stuttgarter Straße) zu wiederholten Malen Bogen, Harniſche, Pfeile, Hellebarten und Schwerter, und in großen unterirdiſchen Gruben vermoderte Menſchenknochen aufgehaͤuft gefunden worden. Leider wurde nichts von dieſen ‚ Gegenftänden öffentlich aufbewahrt. — Die kleine Erms rich⸗ tet, von Platzregen angeſchwellt, von Zeit zu Zeit furchtbare Ueberſchwemmungen hier an. Die furchtbarſten waren im J. 17% und 178g, die letztere riß nicht weniger als 16 Gebaͤude von Grund weg, und verurſachte einen Schaden von 55,000 fl. Bei der Wegſchaffung des Angeſchwemmten ſtieſſen die Arbei⸗ 94 ter zwiſchen Metzingen und Neuhauſen auf zehn behauene Steine, Statuen, Poſtamente, Inſchriften, unverkennbar roͤ⸗ miſchen urſprungs. Das Ganze ließ ſich fuͤglich zu einem Opferaltar gruppieren, und ſchelnt die Vermuthung, die wir an einem andern Ort ausführen wollen, zu beſtaͤtigen, daß feit dem Standquartier der Legionen Caracalla's die Vetera- nen den ganzen Neckar entlang Dotationen erhalten und bleibende Anſtedelungen begruͤndet. — In der Kirche zu Me⸗ tzingen, die ſchoͤn und geraͤumig iſt, ſieht man einen Grafen von Achalm knieend und betend, mit einem Prieſter zur Seite, abgebildet, uͤber ſeinem Haupte das Achalmer Wappen. — Metzingen hat ſchoͤne Wollenwebereien, und einen hoͤchſt er⸗ giebigen Weinbau. Seine 7 beiſammenſtehenden Keltern find dem Unterlaͤnder Weingaͤrtner bekannt, und merkwuͤrdiger, als Aegyptens 7 Wunderwerke. Im Jahre 1728 ertrug Ein Mor⸗ gen Weinbergs 32 Aimer, der Preis des Aimers war 3 fl. 24 kr. — Die eine Hälfte Metzingens kam ſchon im ııfen Jahrhundert an Wuͤrtemberg, die andere wahrſcheinlich am Schluſſe des 1ꝛ5ten. (S. die Schrift: Achalm und Metzingen. Tuͤb. 1790). . ar Hier ift das Thal noch eine halbe Stunde breit, mehr Feld als Obſt, und die Geftalt der Berge großartig und ſchoͤn, aber noch nicht wild und drohend. Von den beiden Bergwaͤnden, welche die Couliſſen des Thales bilden, iſt die nach Suͤdwe⸗ ſten ſchauende, die den Gebirgszug anfaͤugt, der ſich oͤſtlich gegen Neufen zu zieht, ein Zweig des allmaͤhlig in die Ebene ſich niederſenkenden Sattelbogens. Dieſer Gebirgsaſt bedarf wohl einer weitern Bezeichnung, denn wen die Eile draͤngt, oder andre Gruͤnde beſtimmen, Urach mit ſeinen Umgebungen liegen zu laſſen, der findet hier eine unvergleichliche Bergſtraße nach Neufen über dieſen Sat: telbogen. Die Hauptſtraße uͤber dieſen Gebirgsaſt verbin⸗ det Dettingen mit Neufen. Der Gipfel des Gebirges, das Hoͤrnle von ſeiner Geſtalt genannt, erhebt ſich zwiſchen Urach und Neufen, ſuͤdoͤſtlich von unſrem Thal, aber von den nahen Bergen verdeckt; die naͤchſte Gebirgswelle, die dieſer Gipfel vorwaͤrts treibt, heißt der Starkenberg, eine zweite groͤßere, aber ſchon tiefere, der Tuſenberg; von hier laͤuft I} 95 das Gebirge in zwei Aeſte aus: der eine gegen Norden bildet den Sattelbogen im engern Sinn, erhebt ſich dann in ei⸗ nen Weinberg, und laͤuft hinab in die Ebene. Der andre maͤchtigere gegen Weſten bildet mehrere Gipfel, den Sankt— Flortiansberg, von drei Seiten mit Reben bewachſen, durch Glimmer und Granit ausgezeichnet, ehemals mit einer Ca— pelle eines Heiligen geziert, den Clauſenberg und, wo der Aſt ſich weſtlich in die Ebne bei Metzingen verliert, den Me- zinger Weinberg mit einem weiſſen, weithin ſchimmernden Thuͤrmchen. Die ſuͤdweſtliche Seite dieſes Aſtes macht die ebengenannte Bergwand des Uracher Thales aus. Zwiſchen dieſen mannigfaltigen Gipfeln nun windet ſich, zuerſt durch den ſogenannten Weinberg, der ſich durch einigen Marmor, nach Gold ſchimmernden Sand, und einen See auszeichnet, der ſteile Bergweg von Metzingen über den Sattelbogen nach dem Staͤdtchen Neufen erſt durch Weinberge, dann uͤber Vieh— waide, zuletzt uͤber einen Gipfel mit Buchen und Eichen. So lange iſt man auf dem weſtlichen Gebirgsaſt fortgegangen; nun geht es uͤber den hohen Fuß des Tuſenberges auf den noͤrdlichen hinuͤber, und damit beginnt der Reitz der Gegend; denn hier auf dieſer Mittelregion des Gebirges iſt Thal- und Berg- Natur wunderbar vermaͤhlt; man ſteht ſchon fo hoch, man hat die weite Flaͤche ſchon ſo tief unter ſich, athmet eine ſo ſcharfe und reine Luft; und doch ſind dieſe Hoͤhen, die ſich an die finſtern Waͤlder lehnen, mit Obſtgaͤrten uͤberdeckt, und zwei lachende Doͤrfer blicken zwiſchen den Baumgelaͤnden, den Waͤldern und Weinbergen hervor, das eine oͤſtlich gegen Neu— fen, Kolberg, auf einem flacheren Bergruͤcken, das tiefere weiter links, noͤrdlich Gravenberg. Nach dem erſtern kehrt ſich der Wandrer, nachdem er einen belohnenden Ruͤckblick auf Sankt Florian und die Achalm gethan; ſeitwaͤrts hat er die Filder, in der Ferne den Schwarzwald und den Schoͤn— buch; vor ſich Neufen, die Feſtung. Von Kolberg ſteigt er uͤber den untern Sattelbogen (und dieſer Senkung der Gebirgslinie gehoͤrt urſpruͤnglich und im engſten Sinne dieſer Name), und wird von einem neuen Ausblick gegen Oſten auf die drei blauen Gipfel des Staufen, des Rechbergs und des Stuifen uͤberraſcht; weiter links hinab verliert ſich das Auge in den Gebirgsſcheiden des Rems- und Neckarthals. Nun geht es uͤber Fruchtfeld hinab nach dem Staͤdtchen Neufen, wo Berg und Thal, deſſen oberer Theil hier nur — — 96 geſehen wird, etwas aͤrmer und kahler werden. Der ganze Weg betraͤgt von Metzingen aus zwei Stunden, Babe Mittelpunkt Kolberg iſt. Fortſetzung des Uracher Thals. Doch zuruͤck ins Uracher Thal, und zu der Vergwand, die gegen Nordoſten ſchaut. Hier hebt ſich das andre Eck des Thales, der Dettinger Roßberg, deſſen weſtliche Seite der Reiſende vom gruͤnen Felſen aus durchſchnitten hat, zu einer maͤchtigen Höhe, und ſetzt ſich von Weſten gegen Oſten bis an die Uracher Markung fort. Auf ſeinen Gipfel fuͤhrt, an der Seite einer nackten Bergwand, die ein Erdfall den ganzen Berg hinab gebildet, ein ſteiler Fußpfad; Merkwuͤrdi⸗ geres aber bietet ein andrer Weg hinauf, die Roßfelder⸗ Staige. Noch auf der Ebene kommt man hier an das Hoͤl⸗ lenloch, ein durch 4 ſenkrechte, 60 Fuß hohe, Felſenwaͤnde gebildetes Viereck. Quer uͤber ſeine Mitte geht eine hohle Felſenbank, unter der man durchkriechen kann, worauf man an ein ſenkrechtes in unendliche Tiefe hinuntergehendes Fel— ſenloch kommt. Am Gipfel der Bergſtraße iſt wieder eine Hoͤhle in den Felſen, des Goͤnningers Hoͤhle genannt, die ſich aber bald verengt und in die Tiefen des Berges bin= eingeht. Dieſer Roßberg, mit Buchen bedeckt, und einem Eckfelſen gekrönt, tft der hoͤchſte in der ganzen Gegend, und ge= währt die gewohnte uubegraͤnzte Flaͤchenausſicht; rechts noch dazu einen Niederblick ins Uracher Thal, links auf die Achalm und die Oberalb. Nach Süden endlich ſollen die Schweizer⸗ und Tyroleralpen bei guͤuſtiger Witterung (d. h. bei heitrem Suͤdoſt⸗Himmel unmittelbar vor oder nach einem Regen) ſichtbar ſeyn. So iſt er bes Beſuchs wohl werth, der ihm mit einem guten Sankt-Johannerfuͤhrer am bequemſten vom gruͤnen Felſen aus gemacht werden koͤnnte; man gienge dann auf der Berghoͤhe fort, und die Roßfelder Staige hinab, nach Dettingen. Am Fuße des Roßbergs liegt abgeſondert ein kleinerer Berg, in Form eines abgekuͤrzten Kegels, das Karren buͤch— lein genannt, kahl und ſteil, durch den hohen Nachbar ver— kleinert. Mit Dettingen beginnt der pittoreffere Theil des Ura— cher Thals, das von hier an viel ſchmaler wird, und bald \ 97 keine Viertelſtunde mehr breit iſt. Zur Linken fließt dem Wandrer die Erms, das klare Waldwaſſer, das ihm in Urach gute Forellen verſpricht. Zu beiden Seiten der Heerſtraße aber iſt ein herrlicher Bluͤthenwald von Kirſchen, Zwetſchgen, Birn⸗ und Nußbaͤumen, der bis dicht vor die Stadt Urach hinreicht. Dieſe, an dem Hintergrund einer Bergwand gela— gert, ſamt dem vorwärts gelegenen halbiugelfürinigen Fe— ſtungsberge, erſcheint dem Auge erſt da, wo ſich das Thal zur Rechten mehr gegen Suͤden kruͤmmt, und ſeinen wilderen Cha— rakter annimmt. Jezt werden auch die Berge, die der Wand— rer links hat, hoͤher und waldiger; beſonders aber bekommen die zur rechten Hand entſchiednere Formen und eine wildere Geſtalt. Dichte Buchenwaͤlder kleiden dieſe Kegel, Kugeln, und Saͤrge in ein undurchdringliches Gruͤn, und reichen bis zur Ebne hinab, wo ſie an den Bluͤthenwald der Obſtbaͤume ſtoſſen. In kuͤhle Seitenthaͤler thut das Auge von Zeit zu Zeit einen erfriſchenden Blick. Das erſte iſt das obenbeſchrie— bene Guͤterſteiner Thal. Nehmen wir an, daß ein Theil der Reiſegeſellſchaft ſich auf dem gruͤnen Felſen getrennt, und uͤber Sankt-Johann, den obern Fohlenhof, Guͤter— ſtein und den untern Fohlenhof in dieſes Thal gelangt iſt, fo wandern diefe Reiſenden durch die Matten, nach der Veſte und dem Obſtwalde der Heerſtraße zu, die fie bald auf nimmt, dann bis an die kleine Bruͤcke eines Baͤchleins. Die Wandrer aber, die von Dettingen herkommen, wenn ſie am Guͤterſteiner Thal und dem herrlichen Waldkegel, der der Anfang des Rundenbergs iſt, an deſſen Fuß einwaͤrts der untre Fohlenhof liegt, vorbeigegangen, verlaſſen die Chauſſée, wenden ſich rechts in den Obſtwald, und vereinigen ſich an jener Bachbruͤcke mit den Wandrern vom Guͤterſtein. Auf dieſem Standpunkt iſt auch ein ſchoͤnes Echo. — Nun find ſie am Eingang zu einer zweiten Bergmulde, die der waldige Kegel des Rundenbergs von dem Guͤterſteiner Thale ſcheidet. Sie iſt von allen 4 Seiten von den hoͤchſten Waldbergen (oͤſt⸗ lich von der Veſte) eingeſchloſſen, heißt der Bruͤhl, oder das Bruͤhlbachthal, und fuͤhrt zu einer Aae des Tas ges, zum Waſſerfall. Auch ohne diefen wäre der kuͤhle, abgeſchiedue Waldpunkt mit ſeinen immer bewaͤſſerten Wieſen und der herrlichen Wald— G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 7 98 f veſte im Ruͤcken ungemein einladend. Noch lockender aber rauſcht dem Wandrer von der ſuͤdweſtlichen Gebirgswand der dreifache Waſſerfall des Bruͤhlbachs entgegen, der ſich hier, vie ganze Albhoͤhe herab, uͤber Felſen faſt ſenkrecht ergießt, und auf den die Felſen und Waͤlder der Albhoͤhe niederſchauen. Von Ferne erſcheint er nur unbedeutend, doch laſſe man ſich den Weg uͤber die feuchten Wieſen und mitten durch bruͤcken⸗ loſe Baͤche nicht verdrieſſen. Bald verengt ſich der Weg, ehe man vor die Felswand des Waſſerfalls tritt, durch die von beiden Seiten herabſtuͤrzenden Bergwaͤlder, fo, daß man rüd- waͤrts kaum die Ruinen der Veſte hoch herabwinken ſieht; dann wird der Platz wieder breiter, und man ſteht in dem runden Waldkeſſel vor den Fallen des Baches. Klimmt der Wandrer rechts hinauf, wo ihm mitten aus der Felswand eine Tropf— ſteinhoͤhle winkt, ſo thue er dieſes nur nicht auf der truͤglich einladenden Bahn eines Tuffſteinbruchs, der ſich bald in wahr— haft lybiſchen Sand verliert, in dem der Kletterer huͤlflos ver— ſinken muß, ſondern er mache die muͤhſeligen Spruͤnge von Baumſtamm zu Baumſtamm. Die merkwuͤrdige und geräus mige Höhle iſt aber durch den Steinbruch unzugaͤnglich gewor⸗ den, und man haͤlt vor ihrem Eingang ohne die Moͤglichkeit hineinzuklettern. Von ihr wendet ſich der Beſchauer links, und kommt durch Baͤume und Geſtruͤppe mitten auf der Fels- wand zu den ſchoͤnſten Faͤllen. — Beſſer laͤßt er jedoch die Hoͤhle ganz liegen, und klimmt unmittelbar an der Seite de Waſſers das Felſengeſtein hinan, ſo hoch es ohne Gefahr ge— ſchehen kann, bis er etwa auf der Mitte des Berges, ange— ſchaͤumt und benetzt vom Waſſerfall, in ſeinem Staubregen ſteht. Was von ferne nur ſchmal und ſchwach erſchien, wird hier zum Strom, und bei hellem Himmel und günftigem Sonnenſtand (eine Stunde vor Mittag) ſchlingen ſich durch den Waſſerſtaub die Edelgeſteine eines oft wiederholten Regenbo— gens. Ein wildes Gehoͤlze umgiebt den Schauplatz der Scene; ein Hügel von wunderbar geftalteten Tuffſteinen, die in wil- der Unordnung durch einander geworfen ſind, lehnt ſich an die Bergwand, von welcher der Fall herabkommt. Eine koͤſtliche Gruppe uͤherhangender Baͤume ſpiegelt ſich oben am Rande in dem hervorſpringenden Waſſerbogen. Die Wand ſelbſt, uͤber welche der Bach hinabſtuͤrzt, iſt eine durch Jahrhunderte ge— bildete Tuffſteinmaſſe. Der Fall beſteht eigentlich aus drei 99 Fällen, wovon jedoch bei trocknem Wetter der dritte verloren geht. Die beiden aͤuſſern ſtuͤrzen in Einem, der mittlere aber in drei Saͤtzen herab. Der vorderſte loͤst ſich von der Wand fo ab, daß man bequem zwiſchen den Fall und die Wand ſte⸗ hen kann. Die Höhe des Falls mag gegen 8o Fuß betragen. Klettert man etwas ſeitwaͤrts vom Falle noch weiter an der ſteilen Bergwand hinauf, fo gelangt man auf den Rand des Gebirgsabſatzes, von welchem der Sturz herabkommt, und fieht ſich unerwartet auf einer ſchoͤnen Wieſe, die vom klarſten Bache durchwaͤſſert iſt. Verfolgt man den Lauf des Waſſers, ſo verliert ſich bald ſeine Spur unter den Felſen, und nur ein Getoͤſe, dem entfernten Donner ahnlich, laͤßt uns ſeinen Urſprung errathen. Der Platz, auf dem ſich der Wandrer hier befindet, über: trifft an duͤſtrer Abgeſchiedenheit Alles, was man ſich denken kann, und doch, trotz dieſer Felſen, dieſer unzugaͤnglichen Ab: haͤnge, dieſes verfinſternden Gehoͤlzes iſt der Hinunterblick auf den ruhigen Grund, in das unbewohnte, ſeit der Schoͤ— pfung in jungfraͤulicher Schönheit erhaltene Thal unausſprech— lich befrtedend, man fuͤhlt ſich ſo ganz allein, und nur der Blick auf die Burgruinen Hohenurachs im Hintergrund mahnt an das Leben hinabgegangener Geſchlechter. Hier lebt und webt noch die Natur in ihrer alten Kraft nd Stille, ja die Wunder der ewigen Gerechtigkeit wiederho⸗ en ſich noch heute, hier auf dieſen Hoͤhen, in dieſen ſtillen Gruͤnden. Der Schwur. Eine Romanze ). Und hab' ich gebuhlt mit meiner Magd, Herr Nichter, ſo ſey es Gott geklagt, So will ich kein ehrlich Sterben Auf weichem Polſter erwerben. Der reiche Bauer zoͤgert nicht, N Zu Urach ſchwoͤrt ers vor Gericht, Er macht mit ſeinem Schwure Die Liebſte ſein zur Hure. ) Aus dem Mund eines Fuͤhrers, als Begebenheit aus der neueſten Zeit, 7 100 Am ſpaͤten Abend aus dem Thor Geht er den Alpenſteig empor, \ Er ließ die Magd wohl weinen, Und an der Bruſt den Kleinen! Was murrſt du alter Waſſerfall? Was ſchuͤttelt ihr die Haͤupter all, Ihr Eichen und ihr Buchen? Ihr Winde, wen kommt ihr fuchen ? Die hohen Felſen ſtehn zu Hauf, Sie heben den weiſſen Finger auf, Die Bauern alle die andern, Mit Eile, mit Eile wandern. Der Eine ſchleichet hinterher, a Sein Athem wird ihm kurz und ſower, Zu des Geſteines Kloͤtzen Wankt er, ſich hinzuſetzen. Die andern ſchaun ſich nach ihm um, > Es ſchallt kein Tritt, der Wald ift ume Da ſtocken ihre Reden, Sie gehen weiter im Oeden. Zuletzt im Regen und im Wind Die Dirne kommt mit ihrem Kind, Ihr iſt, als ob es riefe Wehklagend aus der Tiefe. O weh, ſie kennt die Stimme wohl, Wie toͤnet fie fo bang und hohl, Die einſt ſo hell geklungen, Die Zucht ihr fortgeſungen! Es zieht fie zu der Felſenwand; Sie beugt ſich ſchauend uͤber den Rand, Der Mond ſchleicht vor, zu leuchten, Dort liegts im Grund, im feuchten. Tief unten zwiſchen Strauch und Baum, Und zwiſchen Fels und Waſſerſchaum, Da roͤchelt, in Quaal und Reue, Zerſchellt der Ungetreue. — 101 Des Herrn Gericht, wie biſt du ſchnell! Es ſcheint der Mond ganz kalt und hell; Es wirft die Magd ſich nieder, Und drunten ſtoͤhnts nicht wieder. Zu verſchweigen iſt übrigens nicht, daß, wie vorangegane gener anhaltender Regen den Waſſerfall ſehr verſchoͤnern kann, anhaltende Duͤrre ihn faſt ganz austrocknet. — Einen Kupfer- ſtich vom Uracher Waſſerfall in Groß-Querfolio haben wir von dem Grabſtichel Herrn Duttenhofers. Vom Waſſerfall umgekehrt, ſchlagen ſich unſre Reiſenden rechts nach dem Walde, an deſſen Fuße fie einen gebahnten Weg antreffen, der allmaͤhlig aufwaͤrts fuͤhrend endlich ſich mit der Burgſteig vereinigt, die von Urach, der Stadt, aus, zur Bergveſte Hohenurach \ (Eoͤhe 2449 Wuͤrt. Fuß.) i fih hinauf windet. In dieſe tritt man ſchon auf ziemlicher Bergeshoͤhe ein, und ſteht in ein neues Seitenthal hinab, das, vor dem Bruͤhl gelegen, ſich ſuͤdweſtlich von Urach hineinzieht, und gegen Süden durch einen langen und hohen Bergrüden begraͤnzt wird, deſſen obre Haͤlfte mit Wald bewachſen iſt. Dieſer Berg iſt wegen des unvergleichlichen Ech o's zu bemer— ken, das er Singenden oder auf Blasinſtrumenten Spielenden (eben an der Stelle, wo der Hohenuracher Weg vom Waſſer— fall aus betreten wird) zuruͤckſendet. Die Tone dringen vier- fach verſtaͤrkt und verlängert, hell und durchſichtig, aus der Gebirgswand heruͤber, als waͤre ein unſichtbarer Chor von Engeln dort gelagert. Die Stimmen der Singenden, beſonders einfache Akkorde, die Klaͤnge des Floͤtenden werden nicht nur kraͤftiger und anhaltender, ſondern auch verklaͤrt zuruͤckgegeben. Von dieſer Stelle hat man nur eine halbe Stunde bis zum Gipfel der Veſte zu ſteigen. Dieſer ſtumpfe Bergeskegel, von feinem Fuß an mit Wald bewachſen, ſteht von dreien Sets ten ganz frei, und ſelbſt die vierte, wo er gegen Suͤden mit dem hoͤhern Gebirge zuſammenhaͤngt, hat eine ſolche Vertie— fung, daß er dadurch einen ganz abgefonderten Berg auszu⸗ machen ſcheint. 102 Oertliches und Geſchichtliches uͤber die Burg Hohenurach ). Die Burg beherrſchte den ganzen Ruͤcken des Berges, und bot gegen die ſuͤdliche Alb 3 Terraſſen dar: 1) die untre Burg auf dem in ſteile Felſen abſtuͤrzenden hintern Bergruͤ⸗ cken, mit einer aus dem Felſen gehauenen Bruſtwehre, in deren Schutze die Capelle der Burg ſtand. 2) Die obre Burg, die, unmittelbar uͤber der untern ſtehend, ein ſehr hohes Bollwerk zeigt, welches im Viereck aufgemauert iſt, mit Halb⸗ monden auf den Ecken und einem ſehr hohen, ſtarken Thurm, der den Haupteingang bedeckt. 3) Ueber dem Vollwerk, auf dem vorderſten Felſengipfel, die innere Burg oder das eigent⸗ liche Schloß, welches die Stirn in das Hauptthal hinabwies. Der einzige Eingang in die obere Burg iſt in der oͤſtlichen, der Stadt zugekehrten Ecke. Vor dem Hauptthor, welches auf das Vollwerk fuͤhrt, liegt ein breiter und tiefer Graben, welchen man in den Felſen geſprengt hat; ein anderer Graben trennte das Bollwerk von der innern Burg. Ihr Umfang war nicht von Bedeutung. Der Schloßhof beſchrieb ein unregel- maͤßiges Viereck. Zwei Hauptgebaͤude umzogen die noͤrdliche und oͤſtliche Seite; auf der Weſtſeite lief eine hohe Mauer mit einem Thurm im Innern des Hofs; die Seite gegen das Bollwerk ſchloß der feſte mit einer wehrhaften Platteform be— deckte Eingang. An den aͤuſſern Ecken ſtanden ſehr feſte Thuͤr⸗ me; zudem umlief die ganze innere Burg ein mit vielen Thuͤrmen beſetzter Zwinger. Die Ruinen find noch bedeutend: an mächtigen Bruſtweh⸗ ren vorbei kommt man auf der erſten Terraſſe durch ein dunk— les Thorgewoͤlbe in einen mit Baͤumen uͤberwachſenen Weg, der nach den hoͤhern Theilen hinauffuͤhrt. Vor dieſem erſten Gewoͤlbe kann man auf breitem Wieſenrand die Terraſſe rechts verfolgen, wo man an 3 mit Baͤumen gekroͤnten Thuͤrmen vor- uͤber zu dem hoͤchſten, noͤrdlichen Eckthurme wandelt, der ei— nen ſehr impoſanten Anblick gewährt; gegen Suͤdweſten öffnet ſich hier der Blick zum Waſſerfall, auf den ſchoͤnen gegenuͤber— liegenden Bergkegel, und gegen Sankt-Johann: noͤrdlich thut ) Mit mehreren Zuſaͤtzen aus Jaͤgers fleißigem und wohlge⸗ ſchriebenem Aufſatz in Gottſchalks Ritterburgen abgekürzt, | 103 fi das Dettinger Thal auf. Zum erſten Thorgewoͤlbe zuräds gekehrt, tritt man ein, und findet hier in der Nähe die Kam⸗ mern eines alten Gebaͤndes, vielleicht der Burgkapelle, aus deren tiefen Fenſterhoͤhlen man über die Felſen in die ſchau⸗ erliche Tiefe nach Urach hinabblickt. Dann ſteigt man auf zum zweiten Thorgewoͤlbe, das eine feuchte, ſchwarze Kerkerkam— mer gegen Weſten mit dicken Mauern und kleinen Fenſtern enthält, die Skt. Johann zu gekehrt in die Felſentiefe hinab: ſchauen. Nach einigen ſoll dies Friſchlins Kerker geweſen - feyn (ſ. unten). Aus dieſem zweiten Thorwege ſteigt man zu der Terraſſe hinauf, die den hoͤchſten Punkt bildet, und ſich auf dem Gipfel des Berges fortſetzt; hier wandelt man uͤber viele Truͤmmer durch einige dachloſe kleinere Gebaͤude (auch in dieſe Gegend verpflanzt eine andere Tradition Friſch⸗ lins Kerker) dem Gemaͤuer zu, das auf dem hoͤchſten Punkte ſteht. Hier genießt man eine herrliche Aus ſicht auf das Uracher Thal, in dem ſich Fruchtbarkeit in der Tiefe zur ſchauerlichen Wildheit im Gebirge, faſt wie im Heidelberger Thale, gatten. Im Hintergrunde ſcheinen von hier aus geſe— hen der Dettinger Roßberg und der Sattelbogen ganz zuſam— men zu ſtoßen, ſo daß kaum aus dem Winkel, den ſie bil— den, ein kleiner Abſchnitt der fernen Flaͤche herausblickt, de— ren Hintergrund das Schloß Hohenheim und die Gegend von Echterdingen und Degerloch bildet. — Der Erbauer der Burg iſt unbekannt. Wahrſcheinlich war es der erſte Graf von Urach, Egino I., der in der Mitte des niten Jahrhunderts lebte; wenn nicht die abgegangene Veſte Urach im Breisgau der aͤltere und urſpruͤngliche Sitz des Ge— ſchlechts iſt. Nach Cruſtus fol unſer Urach vor Zeiten auf „dem Hohenberg“ geſtanden ſeyn. — Bei der Verkaufsurkunde an die Grafen von Wuͤrtemberg, vom J. 1254, wird Hohen: urach erwähnt. Die erſte Halfte ging in dieſem Jahre, die andere im J. 1265 durch Tauſch an Wuͤrtemberg uͤber. Die Grafen von Urach aber ſcheinen ins Breisgau gezogen zu ſeyn, und Hohenurach blieb von nun an wuͤrtembergiſch. Im Jahr 1511 wehrte ſich die cee gegen die Staͤdter. Vermoͤ⸗ ge des Vertrags von 142 fiel Hohenurach dem Grafen Ludwig zu, der 1450 hier an der Peſt ſtarb (ſ. Guͤterſtein). — Die Burg wurde der Lieblingsaufenthalt Eberhards im / 104 Bart *). Er iſt auf der Veſte geboren, und das Kind ward mit vieler Pracht dort abgeholt, um in der Stadtkirche zu Urach getauft zu werden. Auf Hohenurach entwarf er die mei— ſten und loͤblichſten Regentenhandlungen. Bei ſeinem Beila— ger war auf der Veſte ein Rittergelage. In 3 Tagen gingen 165000 Laib Brod, 4 Eimer Malvafier, 12 Eimer Rheinwein, 500 Eimer Neckarwein auf. Auf Urach entwarf Eberhard den Plan zur Gruͤndung der Univerſttaͤt Tuͤbingen. Im J. 1482 verlegte zu Folge des Muͤnſinger Vertrags Eberhard die Regierung von Urach nach Stuttgart. — Im J. 1490 wurde dem wahnfinnigen Grafen Heinrich (dem Vetter Eberhards des Juͤngern u. Vater Herzog Ulrichs) Hohenurach zum Aufenthaltsort gegeben. Nachdem ein Vergleich des unverſoͤhn— lichen und wahnwitzigen Heinrichs mit ſeinen Unterthanen ver— geblich geweſen, lockte ihn Eberhard der aͤltere im J. 1489 nach Stuttgart, wo er in einen Ring geſchloſſen auf die Veſte Urach gebracht wurde. Sein edles Gemahl Eva folgte ihm dorthin, gebar ihm in der Gefangenſchaft (1498) noch einen Sohn Georg, (durch feinen Sohn Friedrich I. Stammvater des jetzt bluͤhenden wuͤrtemb. Hauſes) und wartete ihm getreulich bis zu ſeinem Tode (1519). Als Herzog Ulrich zur Regierung gekommen, ließ er den wahnſinnigen Vater mehrmals zu ſich nach Stuttgart kommen. — Die Geburt Herzog Chriſtophs iſt wohl in das Schloß der Stadt Urach zu ſetzen. — Am 9. Apr. 1519 wurde Urach, Stadt und Veſte, vom ſchwaͤb. Bunde belagert. Der Vogt Stephan Weiler, mit den aufruͤhriſchen Buͤrgern unterhandelnd, ward ermordet; der Burghauptmann verwei— gerte die Uebergabe, bis der kranke Graf Heinrich (15. April) geſtorben war; aber kaum war die Leiche aus dem Schloſſe geführt (1). April), fo zwang ihn die Beſatzung zur Ueber— gabe, und raubte die Burg vor ihrem Abzug aus. Nun war Dietrich Spaͤth Hauptmann des Bundes auf dem Schloß. Ulrich kam, und belagerte Urach, mußte aber wegen Man— gel an Geſchuͤtz wieder abziehen. Aber bei ſeinem zweiten Anzug (24. Mai 1554) von Tuͤbingen her uͤberwaͤltigte er die * Ich fuͤrchte, in allen dieſen Angaben ſey die Burg Hobens urach mit dem fuͤrſtlichen Schloß der Stadt Urach verwech⸗ ſelt. Davon ſ. unten. 105 Burg mit Landgraf Philipps Huͤlfe, der in der Nacht durch Abhauen der Waldbaͤume dem Geſchuͤtz einen Weg bahnte. Im J. 1547, im ſchmalkaldiſchen Kriege, mußte ſich Stadt und Veſte an den Herzog von Alba nach langer Weigerung ergeben. Damals ſcheint die Burg grauſam verwuͤſtet wor— den zu ſeyn; denn Herzog Chriſtoph verwandte uͤber 19,000 fl. auf ihre Herſtellung. N | ums J. 1580 ſaß Friſchlin hier gefangen. Wir geben ſein von geſchickter Feder entworfenes Leben unten dem Wand— rer im Auszug. Er leſe es in den Ruinen ſeines Gefaͤngniſſes. Im zojaͤhrigen Kriege war Hohenurach in ſchwediſchen Haͤnden, und wehrte ſich, als die Wuͤrtemberger den Kaiſer⸗ lichen die Stadt laͤngſt uͤbergeben (2. Nov. 1654), unter dem Obriſten Holzmuͤller hartnaͤckig gegen Mora, den Obriſten des Feldmarſchall Gallas. Erſt ganz ausgehungert uͤbergab ſich die Beſatzung (24. Jul. 1655) an den Obriſten Soyes, nachdem Holzmuͤller blind geworden und feinem Bruder, ei— nem Faͤhndrich, das Commando hatte uͤbertragen muͤſſen. Die tapfre Beſatzung erhielt ruͤhmlichen Abzug; die Feinde wußten die Burg zu ſchaͤtzen, und erhielten ſte in gutem Stande. Im J. 1639 ward Stadt und Burg dem Herzog wieder zugeſpro— chen, aber die uͤbermuͤthige Erzherzogin Clau dia wußte ſich (16. Sept. 1659) in Beſitz derſelben zu ſetzen. Noch kurz vor dem weſtphaͤl. Frieden erſcheint eine fremde Beſatzung auf Hohenurach; und Urach war das letzte Beſitzthum, das dem rechtmaͤßigen Landesherrn wieder eingehaͤndigt wurde. Im J. 1695, während der franz. Ueberfaͤlle, diente Ho— henurach vielen zum Aſyl. Aber im J. 1694 traf ein Blitz den Pulverthurm, daß er zerſprang, und das Schloß ſelbſt feit Chriſtoph die erſte große Beſchaͤdigung erlitt. Seit dieſer Zeit blieb es baufällig, dürftig beſetzt. In der Mitte des vo» rigen Jahrhunderts zerfiel es, am Schluſſe deſſelben ward vie— les abgebrochen, beſonders — um Ziegel zu erhalten, und die Steine wurden zur Erbauung des Jagdſchloſſes Grafeneck gebraucht. Noch im J. 1815 zerrte man an den ſchoͤnſten Par— thien der Truͤmmer, um einige Steine fuͤr den Marſtall auf dem Rutſchenhof zu gewinnen. Eine Abbildung Hohenurachs im Kupferſtich, in Groß: Querfolio, haben wir von dem ruͤhmlichſt bekannten Kuuftler Herrn Duttenhofer. 106 Nikodemus Friſchlin )). Nik. Friſchlin, geb. zu Bahlingen am 22. Sept. 1547, eines frommen Pfarrers Sohn, zeigte ein großes Dichter— talent, und ward ſchon im zıften Lebensjahr Profeſſor der freien Künfte zu Tübingen. Der große Beifall, mit welchem er hier lehrte, erfuͤllte ſeinen alten Lehrer und jetzigen Colle— gen, Martin Cruſtus, mit Neid. Deſſen abſichtliche Vernach— laͤſſigungen und Beleidigungen erregten Friſchlins Galle und Witz. Sein Ruhm verſchaffte ihm Rufe ins Ausland, die er jedoch, dem Vaterlande treu, zu ſeinem Ungluͤck ablehnte, und in Tübingen blieb. Leider gab ein nicht fleckenloſer Wan— del feinen Feinden Bloͤßen. So zog er eines Tages mit be= trunkenen Studenten durch Roſek, und ſuchte bei den Toͤch⸗ tern des dortigen Pflegers Quartier. Abgewieſen, warfen die Trunkenen die Fenſter ein; der Pfleger kam, ebenfalls betrun⸗ ken, von einem Gange nach Bebenhaufen noch zu dem Streite, und Friſchlin mit feinen Begleitern wurde zum Hofe hinaus⸗ gejagt. In ſeinen geiſtreichen Komoͤdien warf man ihm die Hbfeönitäten vor; er ſollte ein Pasquill auf die Stadt Tuͤbin⸗ gen an die ſchwarze Tafel geſchlagen haben; ſeine Gedichte, hieß es, hoͤhnten alle Staͤnde, zumal die gelehrten Profeſſo— ren. Mehr als Alles ſchadete ihm eine den Geiſt jener Zeit charakteriſterende Geſchichte: Im J. 1580 (11. Maͤrz) hatte der Hofrichter Burkard von Anweil mit mehreren Edeln ein Geſchaͤfte zu Tuͤbingen. Eine Mahlzeit ward auf dem Rathhauſe veranſtaltet; unter den Gaͤſten befanden ſich auch der Vogt von Tuͤbingen Herter von Herteneck, und, vom Hofrichter geladen, Friſchlin. ach der reichlichen Mahlzeit, als die andern Gaͤſte ſich ſchon erhoben, ſaßen der Hofrichter und der Vogt noch beim Weine feſt; jener ruft Friſchlin, der eben im Weggehen iſt, an den Tiſch, und reicht ihm den Pokal; Friſchlin thut Beſcheid, und trinkt es dem ſich uͤber den Tiſch hinlehnenden Vogte zu. Der feine Gruß, den ihm der hochmuͤthige Edelmann dage— gen entbietet, iſt: —'n Dreck! — Friſchlin aber antwortet ihm friſch vom Munde weg: „Ich nehm' euer Maul, und eſſ' den Dreck und noch mehr!“ damit wendet er ſich weg, fest feine Pelzmuͤtze auf, und trinkt es dem Hofrichter zu. Indem fuͤhlt er ſich die Muͤtze mit flacher Hand vorwaͤrts ins 7) Auszug aus der ſchoͤnen Biographie Friſchlins von Conz. 107 Geſicht geſchlagen. Friſchlin, ſich umfehrend ‚"fieht Niemand als den Vogt, der aber ſchon wieder die beiden Ellenbogen auf den Tiſch ſtemmt. Nun ſchuͤttet Friſchlin feinen Unwillen in Fluchen aus und geht. Seine Rache war, daß er eine im J. 1578 ohne Aufſehen gehaltne Rede zum Lobe des Landle— dens im Druck herausgab. In dieſer Rede vergleicht er das große laͤndliche Leben der alten roͤmiſchen Feldherrn, eines Fabricius und Curius, mit dem der Land- und Dorfjunker feiner Zeit; geiſſelt ihren anmaßenden Hochmuth, ihre derbe Sitte und viehiſche Schwelgerei. Pondera terre — fruges consumere natos — Centauren, Cyklopen, Polyphemen, Lapithen ſchimpft er ſie, denen er einen andern Herkules, wie Maximilian J., wuͤnſcht, um fie zur Vernunft zu bringen oder auszurotten. „Was iſt das für ein windiger Stolz dieſer Leute, daß ſie Niemand fuͤr edel achten, als der feine raus chigen, rußigen Ahnenbildniſſe aufweiſen kann? daß ſich die ungelehrteſten und ungeſchliffenſten Edelleute weit uͤber die gelehrteſten Maͤnner hinaufſetzen, aller Orten die erſte Bank einnehmen, uͤberall Hans obenan ſeyn wollen, am Hof und vor Gericht alles wollen ſchlichten und lenken, als ob wir Andern nur gar nichts wären und konnten ohne fie, und nur ihrer Huͤlfe, ihrer Gnade leben muͤßten?“ — Der Rektor verbot den Verkauf der Rede, Friſchlin hatte das Herz, ſich an den Herzog Ludwig mit einer Beſchwerde durch ſeinen Famulus zu wenden, aber die Antwort zoͤgerte; einzelne Exemplare ſchluͤpften in die Haͤnde der Edelleute. Nun wurde die Rede confisciert. Klaglibellen wurden nach Stuttgart geſchickt. Dennoch drangen ſeine Feinde nicht durch. Der Herzog nahm ſich ſeiner an, und ermahnte die Nitter- ſchaft zu glimpflichern Geſinnungen. Aber Meuchelmoͤrder ſuchten ihn jetzt auf, ſo daß er, nach einer gefaͤhrlichen Nacht⸗ reiſe, ſeine Vorleſung einesmals mit dem Gebet anfieng: „Gott ſey gelobt, daß er mir mein Leib und Leben vor den Hofteufeln behuͤtet hat!“ Ein grobes Pasquill eines gewif- ſen Wagner erſchien gegen ihn, auf das ihm zu antworten unterfagt wurde. Vor einer adligen Hochzeit hatte der Her: zog die Gaͤſte, die gedroht, Friſchlin wie einen Hafen zu ſpießen, in Pflicht nehmen laſſen, nichts Gewaltſames gegen jenen zu unternehmen. Dennoch wollten zwei betrun⸗ kene Junker mit bloßem Gewehr feine Thuͤre ſtuͤrmen. Der * 108 „ * Verſuch, dem kakſerlichen Hof eine Apologie gegen Wagner zukommen zu laſſen, zog ihm Hausarreſt auf Befehl des Her— zogs zu. Neue Klagen erhoben ſich gegen ihn. Eine herzog— liche Commiſſton erſchien, aber mit dem wohlthaͤtigen Auftrag, ihn, unter Angelobung kuͤnftigen Stillſchweigens und Friedens, aus feinem Arreſte zu entlaffen. Unter dieſen Demuͤthigungen mußte ihm die Berufung zum Rektorat nach Laubach wie ein Ruf vom Himmel erſchei— nen. Er zog dahin im J. 1582 mit ſeiner Familie ab. Aber auch dorthin verfolgte ihn fein Damon. Die Ausarbeitung einer Grammatik verwickelte ihn in einen unſeligen gramma— tiſchen Streit abermals mit Cruſius. Auch der Adel ſandte ihm feine Blitze in dieſes fein Pathmos nach. Ungern ent⸗ laſſen, verließ er ſchon nach zwei Jahren Laubach und feine eintraͤgliche Stelle wieder, und kam nach Wuͤrtemberg zuruͤck (1584), nach Stuttgart. Umſonſt ſuchte fein guter Herzog auch nur um eine außerordentliche Profeſſur fuͤr ihn an. Die Univerſitaͤt blieb unerbittlich. Drei edle Grafen von Tuͤbin— gen ſorgten für ihn und feine Familie, denn feine Schrift: ſtellerei reichte nicht, ihn zu naͤhren. Er warf ſich nun, zum Verdruſſe ſeines Herzogs, auf die Medicin, wurde Doktor darin, und Furierte feine Magd (mit welcher ihn uͤberdieß feine Gegner des Ehebruchs beſchuldigt) zu Tode. Neue Ver: antwortung. Wegen dieſes oder andern Ehebruchs ward er vom Senat losgeſprochen (1587). Leider haben wir jedoch in ſeinen Schriften das eigne, wehmuͤthige Eingeſtaͤndniß ſeiner Schuld. ö Der grammatiſche Streit mit Cruſtus dauerte unter ge— genſeitigen Grobheiten fort, und wurde immer heftiger. End— lich bewirkten ſeine Gegner die Alternative, daß Friſchlin ſich zu ewigem Stillſchweigen verbinden, oder das Land raͤumen ſollte. Er waͤhlte das Letztere, und wanderte im J. 1586 zu Fuße, ſeinen Buͤndel auf dem Ruͤcken, mit ſeinem Famulus aus Tuͤbingen, dem Rheine zu. Hier durchwanderte er, wie ein Baͤnkelſaͤnger, die Hauptſtaͤdte mit feinen Manuferipten, Gedichten und Dialogen; fand hier und da einen Verleger, und ſchrieb in den Herbergen Buͤcher. So kam er auch nach Kaſſel, Leipzig, Prag, Wittenberg. Cruſtus ſchleuderte ihm Pamphlete nach, und Friſchlin antwortete. Endlich bekam er einen Ruf als Schulrektor nach Braunſchweig. Sein boͤſer 109 Damon aber geiſſelte ihn nach 18 Monaten auch von da weg, und ſeinem Ende entgegen. Aus Marburg, auf die Veran— ſtaltung der Edelleute ausgewiefen, kam er nach Fraukfurt, um dort zu ſchriftſtellern, und zu dem Ende eine eigne Drucke— rei zu errichten. Dazu bedurfte er das vaͤterliche Erbgut ſei— nes Weibs, um das er in einer demuͤthigen Supplike an Herzog Ludwig bat. Aber die Hofkanzlei, die ſeine Preſſe fuͤrchtete, ſchlug es ihm ab, mit dem merkwuͤrdigen Beiſatz: an nescis, longas regibus esse manus? Nun gab ihm ſeine Galle einen ehrenruͤhrigen Brief an die Canzleiherrn ein, den man auf den Herzog deutete. Der Vogt von Vaihingen ward mit 6 Pferden abgeſchickt, ihn auszukundſchaften, traf ihn in einer Herberge zu Mainz, und fuͤhrte ihn nach dem Schloſſe Wuͤrtemberg. Die Feſtungsfreiheit, die er hier genoß, be— nutzte er zu Bittſchriften an den Kaiſer und andre. Darum ward er mit verbundenen Augen nach Hohenurach in engere Haft abgefuͤhrt. Hier im oͤden Felſenkerker dichtete er, der Feſſeln ſpottend, ſeine ſchoͤne Hebraide. Endlich aber uͤber— nahm ihn der maͤchtige Drang nach aͤußerlicher Freiheit. In der Nacht vor dem Sankt Andreastag 1590 brach er ein Stuͤck aus dem Eiſenofen, kroch durch das Ofenloch zum Ker— ker hinaus, zerſchnitt all ſein Linnenzeug und band es in ein Seil zuſammen, erkletterte die Schloßmauer, ſchlug ein Stuͤck Holz in dieſe und band fein Seil an. Der Mondſchein hatte ihn getaͤuſcht; er hatte die ſchroffſte Seite gewaͤhlt. Als er halb hinabgelaſſen war, brach das Seil, und vier Klafter tief ſtuͤrzte er an den gezackten Felſenwaͤnden hinab. Am andern Morgen fand man ihn entſeelt, Hirn, Arme, Rippen und Beine jaͤmmerlich zerſchellt, auf den Felſen liegen. So ſtarb einer der größten Humaniſten feiner Zeit, einer der genial— ſten Wuͤrtemberger im zöften Lebensjahr. Sein Leichnam er— hielt auf dem Kirchhofe zu Urach von feinem Fuͤrſten am ıften Dec. ein ehrliches Begraͤbniß. Kein Denkmal zeichnet ſein Grab. Der Stein, der ihm geſetzt war, ſoll durch eine Laune der Zeit in eine Heerdplatte umgewandelt worden ſeyn. Eine ruͤhrende Volksſage aber laͤßt ein ſeltnes Bluͤmlein, das ſonſt nirgends im Lande als auf Hohenurach waͤchst, von der theilnehmenden Natur auf die Stelle pflanzen, wo der arme Dichter ſeinen Tod fand. 110 Ihn ſchloſſen ſie in ſtarre Felſen ein, Ihn, dem zu eng der Erde weite Lande. Er doch, voll Kraft, zerbrach den Felſenſtein, Und ließ ſich abwaͤrts am unſehern Bande. Da fanden ſie im bleichen Mondenſchein Zerſchmettert ihn, zerriſſen die Gewande. Weh! Muttererde, daß mit linden Armen | Du ihn nicht auffiengſt, ſchuͤtzend, voll Erbarmen! Juſtinus Kerner. f Wenn ihn die Muttererde nicht ſchuͤtzend auffieng, ſo hat fie ihn doch lange liebend in ihrem Schooße erhalten. Als man am 25. Nov. 1755 auf dem Kirchhofe zu Urach ein Grab für einen auf der Jagd erſchoſſenen Schmiedeknecht bereiten wollte, ſtieß man auf einen eichenen Sarg. In ihm lag Ni⸗ kodemus Friſchlin noch ganz unverſehrt. Er hatte einen Mantel von ſchwarzem Taffet an, mit einem goldenen Bande eingefaßt, das Unterkleid war ſtrohgelb, mit ſcharlachener Un— terlage; ſein Baret war von ſchwarzem Sammet mit einer goldenen Schnur umwunden. An der Bruſt hieng von beiden Seiten ein rothes Band herunter. In der linken Hand hielt er eine Papierrolle. Der damalige Beamte, Obervogt Schott, war bei der Aufgrabung zugegen. In dem Augenblick, als der Leichnam berührt ward, zerfiel er, jetzt erſt, nach 165 Jahren, in Staub. — Von der Feſtung herabſteigend, erreichen unſre Wandrer in einer halben Stunde die Stadt Urach, 0 Höhe 1674 Wuͤrtemb. Fuß.) 8 die mit 2875 Einw. klein und eng, und faſt erdruͤckt von ih⸗ ren Bergen, doch einiges Intereſſante enthält, und dem Rei⸗ ſenden gutes Quartier und Nachtlager verſpricht. Wirths—⸗ haͤuſer: Poſt (Lamm), mit der Ausſicht auf die Feſtung. — Faß. Der erſte Gegenſtand, auf den der wandernde Wuͤr⸗ temberger von ſeinem Zimmer auf der Poſt einen Blick wer— fen ſoll, iſt der Marktplatz, der zu ſeinen Fuͤßen liegt. Hier ward der Kanzler Enzlin enthauptet. Matthaͤus Enzlin, fruͤher Lehrer der Rechtswiſſenſchaft in Heidelberg und Tuͤbin⸗ 111 gen, ward von Herzog Friedrich 1, bei feinem Regierungs— antritt 1590 nach Stuttgart berufen und bald zur Kanzlers— würde erhoben. Er war das Hauptwerkzeug des Herzogs in ſeinen Verſuchen, ſich von den Landesvertraͤgen unabhaͤngig zu machen, und die Landſtaͤnde zu unbedingtem Gehorfam zu zwingen. „Holzwuͤrmer, nannte der Herzog dieſe, die kein Gelenk im G'nick haben.“ Auf Enzlins Veranſtaltung erſchien auf dem am 27. Jan. 160% eröffneten Landtage der Herzog in Perſon, und begehrte eine Abaͤnderung und Erklaͤrung des Tuͤbinger Vertrags. Auf die Weigerung der Staͤude löste der Herzog den Ansſchuß auf, Enzlin brach in die geheime Kaſſe der Landſchaft ein und beraubte fie. Ein unter dem Einfluß der Regierung gewaͤhl— ter neuer Landtag (17. Marz 1607) trat zuſammen, bewilligte alle Geldſummen, und nahm die ſchaͤndliche Deklaration des Tübinger Vertrags an. Zehn Monate darauf ftarb der Her— zog, vom Schlage getroffen. Sein Sohn und Nachfolger, ob— gleich ihm Enzlin anfangs noch an der Seite ſtand, gab doch bald der Gegenparthei Gehoͤr, und beſtaͤtigte auf einem Land— tage den Tuͤbinger Vertrag wieder. Bald darauf ward Enz— lin entlaſſen, und eine Unterſuchung gegen ihn wegen Unter— ſchlagung fuͤrſtlicher Gelder, Beſtechlichkeit und falſcher Schrif— ten veranſtaltet. Den peinlichen Rechtsgang bat er durch ei— nen Fußfall ab, und wurde nun (160g) ins Gefaͤngniß nach Hohen-Neufen und bald nach Hohen-Urach abgefuͤhrt. Hier beſtach er den Kommandanten Hans Schweitzer und zwei Beſatzungsknechte, und machte auf alle Weiſe Verſuche, ſich zu befreien. Die Sache ward entdeckt, der Commandant und einer der Knechte zu Urach im Jul. 1615 vor Enzlins Augen enthauptet; ihm ſelbſt der peinliche Proceß gemacht. Der Verletzung der Urphede und der fuͤrſtlichen Majeſtaͤt, und ſechs andrer Verbrechen ſchuldig erklaͤrt, ward er am 22. Okt. 1615 zu Urach auf oͤffentlichem Markte durch das Schwert gerichtet. Mit Abhauung der Hand und Aufpfaͤhlung des Kopfes ward er verfchont, „weil er ein Literatus, und ſchon etliche Jahre in Carcere.“ Bis zum letzten Augenblick hatte er Gnade gehofft. — / Andre Merkwuͤrdigkeiten Urachs. Erfreulichere Erinnerungen verbinden ſich mit dem vor⸗ maligen 112 Skt. Amandusſtifte oder Moͤnchshofe (geſtiftet von Eberhard im Bart im J 1 1477), zunaͤchſt an der Kirche, das jetzt in ein niedres Se⸗ minar fuͤr proteſtantiſche Geiſtliche umgewandelt, ſchoͤn darum einen Beſuch verdient. Dieſes Stift war vor 300 Jahren ein Sitz der erſten Bibelanſtalt, wie es unſre Zeit nennen wuͤrde. Ihn hatte Herzog Chriſtoph dem Hans Ungnad, Freiherrn von Sonneg, eingeräumt, vordem dfter- reichiſchem Geſandten zu Conſtantinopel, der, feiner Neigung zu Luthers Lehre wegen, fein Vaterland hatte verlaſſen müf- fen. Dieſer ſollte hier ſlaviſche Büibeluͤberſetzungen und Drudanftalten leiten; dazu hatte der Herzog Geldunterſtuͤ⸗ tzung, und den Dollmetſchern mit Weib und Kind Unterhalt und Herberge in Urach gegeben. Den Prediger Primus Tuber, vorher zu Memmingen und Kempten, berief er, um die Ueberſetzungen in der Naͤhe der Druckerei beſorgen zu können, auf die Pfarrei urach. Ein Theil der Buͤcher (das neue Teſtament, die Confeſſton, Katechismen, Erbauungs⸗ buͤcher an 25000 Exemplare) kam gluͤcklich nach Krain u. ſ. w.; ein andrer ſcheint aufgefangen worden zu ſeyn. Ungnad lebte lang zu Tuͤbingen, ein Mann von langer Statur und achtunggebietendem Anblick, aber freundlich und gnaͤdig. „Seine (zweite) fromme Gemahlin, ſagt Cruſtus, liebte Niemand, als ihren alten, gelinden und angenehmen Herrn. Wie ſchoͤn war es anzuſehen, wenn ſte ſo fleißig in die Predigt giengen, und auf der Gaſſen einander an der Hand führten, der Herr, ein alter ehrwuͤrdiger Greis, die Frau, eine junge und ſehr ſchoͤne Dame, die ihren Mann und Herrn ehrte und liebte.“ — Er ſtarb auf einer Reiſe nach Boͤhmen im J. 1564. — Seine Druckerei empfahl er auf dem Todtenbette feiner Ge- mahlin als einen Schatz; haͤtte er ahnen koͤnnen, daß ſie im folgenden Jahrhunderte — im Beſitze — der Propaganda zu Rom ſeyn würde?! In der Revolution mag fie nach Pa⸗ ris gewandert ſeyn. — Die dritte Merkwuͤrdigkeit Urachs iſt das herrſchaftliche Schloß an einer Ecke der Stadt gegen Mittag gelegen, und von Graf Ludwig von Wuͤrtemberg, der das alte abbrechen ließ, im J. 415 1443 erbaut. 85 iſt herrlicher, als man es von außen dafür anſteht, ſagt Cruſtus. Denn von innen iſt es wie eine koͤnig⸗ liche Burg; auf der einen Seite iſt es mit einem Fiſchweiher umgeben, auf der andern mit einem See, in welchen die Erms lauft, in der allerlei Fiſche, inſonderheit Forellen zu finden ſind.“ — Auch jetzt verdient das halbhoͤlzerne Gebaͤude noch immer einen Beſuch. Seine Waͤnde ſind mit uͤppigen Epheuranken bedeckt. Im freiſtehenden Portal, uͤber dem Eingang, iſt Herzog Eberhards IJ. Cederbaum (fein Abzei⸗ chen) mit ſeinem Sinnſpruch attempto (ich wag' es!) und der Jahrszahl 1474 gemahlt. Zur Seite iſt die Wohnung des Hausſchneiders, der gegen ein kleines Trinkgeld (24 kr.) den Wandrer durch Vorzimmer und Treppen, zuerſt nach dem er— ſten Stockwerk, in einen großen Saal mit ſteinernem Boden fuͤhrt, wo Herzog Ulrichs Brautbettſtelle ſteht, eine braune, eichene, mit Schnitzwerk ſchoͤn verzierte Lade mit Bett— himmel, und der Inſchrift: omnia dat dominus, non habet ergo minus (alles giebt der Herr, und doch hat er darum nicht minder). Wer wird an dieſer Stelle nicht mit dankbarer An— dacht an Herzog Chriſtoph, Ulrichs erſten und einzigen Sohn, dieſe große Gottesgabe denken? Im Hintergrund der Lade find das wuͤrtembergiſche und bairiſche Wappen an— gebracht; denn Sabina, Ulrichs bald verſtoßene Gemahlin, war eine Prinzeſſin von Baiern. Auf dieſen Saal folgen links einige wohleingerichtete Zimmer, Abſteigequartiere des Koͤniges, nebſt einem Speiſeſaal. Das obere Stockwerk iſt ganz alt. Schoͤne eichene Thuͤren, mit vergoldetem Schnitz— werk und Wappen in erhabner Arbeit, führen zu dem Rit— terſaal. In der Hausflur ſteht das ſehr ſchoͤn in Lebens⸗ groͤße gearbeitete Schnitzbild des wahnſinnigen Grafen Heinrich, nach Art der alten Grabſteine geformt, auch mit den bei ſolchen Denkmalen uͤblichen Umſchriften verſehen, aber alles aus Holz. Ferner die Tafel von einem 1624 abgehalt— nen fuͤrſtlichen Vogelſchießen, mit Namensverzeichniß. — Den halben Boden des obern Stockwerks nimmt der hoͤchſt geräumige Ritterſaal ein, deſſen 3 Seiten mit Fenſter an Fenſter, ohne Pfeiler, laternenartig verſehen ſind. An der vierten fenſterloſen Seite iſt vielfach der Cederbaum Eber— hards, und darunter fein attempto, mit jetzt halb verblichenen Farben, anſtatt der Tapeten, gemahlt; ebenderſelbe verjuͤngt G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 111 RR 5 an den Lambris aller 4 Seiten“). In einer Ecke ſteht die koloſſale hölzerne Abbildung des großen Schweines, das Her— zog Ulrich im J. 1507 auf dem Roßfelde bei Urach geſchoſſen, 773% lang, 5“ 2“ dick, 5° 2“ hoch, Kopflaͤnge 25“, alles laut 955 beigefuͤgten Schrift. — In der Mitte des Saales ſteht ein Tiſch mit einer Marmorplatte, auf welchem als Merk— wuͤrdigkeit eine Kugel aufbewahrt wird, die (vielleicht in den ſchmalkaldiſchen Unruhen) von der Feſtung herab in den Saal des Schloſſes abgeſchoſſen worden. In der andern Hälfte dies ſes Stockwerks, die der Hausflur vom Saale trennt, iſt noch eine Reihe von Zimmern mit alten Tapeten, an die erloſchne Pracht der vorigen Jahrhunderte mahnend. Die Fenſter blicken auf den getan Anger, der vormals der fuͤrſtliche Thiergarten war. — Im J. 1474 ward hier die Hochzeit Graf Eberhards im Bart mit Barbara, Herzog Ludwigs von Mantug Tochter, gefeiert. 14000 Perſonen wurden geſpeist, der Wein lief 120 einem Brunnen in die Becher. Gewoͤhnlich hoͤrt der Reiſende, als eine Merkwürdigkeit Urachs, auch den unterirdiſchen Waſſerfall vor dem untern Thor preiſen, und ſteht ihn wohl in den Wirthszimmern mit plumpem Pinſel gemahlt. Es iſt aber dieſes nichts als eine am Abhang eines Berges unter der Erde angebrachte Bruns nenſtube, in welcher ein in Teicheln gefaßter Bach ſich etwa 20 Schuh hoch herabſtuͤrzt. Der Eingang (mit Lichtern zu uns ternehmen) iſt ſo ſchluͤpfrig, eng, naß; die Luft ſo feucht, kalt und kellerartig, daß die Unannehmlichkeiten bei ihrem Beſuche das etwa Merkwuͤrdige dieſer e nicht aufwiegen. Der römifhen Denkmaͤler, die im J. 1789 bei Me⸗ tzingen ausgeſpuͤhlt worden, und das Haufen der Roͤmer in dieſer Gegend außer Zweifel ſetzen, iſt ſchon Erwähnung ge— than worden. Ob aber Urach das Artarum oder die aræ Fla- viæ des Piolemæus ſey, oder, wie Cruſius meint, ein Jagd— 155 des Kaiſers Caracalla, iſt freilich damit noch nicht be= wieſen. — ) Sind dieß die Gemälde, mit welchen die Herzogin Barbara Sophia, Johann Friedrichs Gemahlin, das Schloß we; ſchmuͤckt haben fol? 115 Geſchichtliches uͤber die Grafen von Urach. Sie machten zu ihrer Zeit eines der angeſehenſten Haͤu— ſer in Deutſchland aus; ihre Beſitzungen waren ſehr ausge— breitet; mit den edelſten Haͤuſern: Zaͤhringen, Wuͤrtemberg, Zollern ſtanden ſie in Verbindung; Aebte, Biſchoͤfe, Cardi— naͤle und Legaten gingen aus ihrer Mitte hervor. Schon der Sohn Egino's I. des Stifters der Linie, Cuno J. tritt als Cardinal und gewaltiger paͤbſtlicher Legat auf, thut auf einer Synode zu Jeruſalem (1111) den Kaifer Heinrich VI. in den Bann, wiederholt daſſelbe auf 3 andern Synoden, und wie- gelt die deutſche Geiſtlichkeit gegen ihn auf. Er wird ſogar zum paͤbſtlichen Stuhle vorgeſchlagen. Ein Sohn Egino's IL, Gebhard, that ſich als Abt von Hirſau und nachher als Biſchof von Speier hervor. Seine Schweſter Alberada war Aebtiſſin zu Lindau. — Den groͤßten Glanz erreichte das Haus unter Egino dem V., dem Baͤrtigen. Durch ſeine Heirath mit Agnes, einer Herzogin von Zaͤhringen, gelangte er zu dem groͤßten Theil der zaͤhringiſchen Guͤter in Schwa- ben, und hieß am Ende Graf von Urach, Fuͤrſtenberg und Freiburg. Veer ſeiner Soͤhne verſorgte er im geiſtli— chen Stande; zwei davon, Bertold und Cuno U., mußten als Opfer der Habſucht ihres Onkels Bertold V. von Zahrin- gen, erwaͤhlten roͤmiſchen Koͤnigs, zu Coͤln in Gefangenſchaft ſchmachten, kamen aber zu hohen Ehren. Bertold wurde Abt zu Tennenbach und Salmannsweil, und Cuno, ein eif⸗ riger Kreuzfahrer, ſtarb als Cardinal und Legat 1240. Unter ihrem Bruder Egino VI, ſcheint das ganze Gut der Uracher noch beiſammen geblieben zu ſeyn, aber unter deſſen Soͤhnen wurde getheilt. Bertold und Heinrich erhielten Urach und Fuͤrſtenberg, Conrad Freiburg. Heinrich aber, der im J. 1250 den Namen eines Grafen von Fuͤrſten⸗ berg annahm, verhandelte ſeinen Theil von Urach an Graf Ulrich von Wuͤrtemberg, und als endlich Bertold im Jahr 1260 ohne Erben ſtarb, erloſch der Name, und mit ſeinem Theil kam ganz Urach an Wuͤrtemberg. Die andern Linien nannten ſich von ihren Beſttzungen. Mit dem J. 1457 ſtarb auch die Freiburgiſche Linie aus, und nur in dem Fuͤrſtenber— giſchen Hauſe pflanzt ſich das Uracher Geſchlecht fort, und noch iſt dort Ego, d. h. Egino, der Familienname. — \ 116 Einen koͤſtlichen Seitenausflug von Urach machen unſre Reiſenden noch am heutigen Tage in das ſchoͤne Seeburgerthal, das ſich zwei kleine Stunden Weges, bis zum Dorfe See ſuͤdlich ins Gebirge hineinzieht. Dieſe Parthie kann ganz zu Wagen gemacht werden, und ſelbſt den Fußgaͤngern iſt zu ra⸗ then, den bequemen Bernerwagen des Poſthalters zu nehmen, der eigends zu ſolchen Zwecken von ihm beſtimmt iſt, ſechs Perſonen faßt, und um ſehr billigen Preis zu Dienſten ſteht; indem ſie Zeit und Kraͤfte auf dieſe Weiſe zu einem Abend⸗ ſpaziergang nach der Grabenſtaͤtter Hoͤhle ſparen. Dieſes Seeburgerthal hat einen eigenthuͤmlichern, weit wilderen Charakter, als die uͤbrigen Albthaͤler. Die Berge, die es bilden (links der Hohberg, rechts der Hammer⸗ ſteigberg, der Upfingerſteigberg, der Sirchinger— ſteigberg) find nicht fo hoch, als die andern Albberge, denn das Thal felbft zieht ſich zwar unmerklich, aber in ziemlicher Höhe, bergein; dafür find fie vom Scheitel bis zum Fuße alle mit den dichteſten Wäldern bewachſen, haben die ſteifere Dach— und Saͤrgeform ganz abgelegt, und ſchwellen in ſchoͤnen Wel- lenformen auf. Das ganze Thal iſt ſehr eng; aller Obſtbau hoͤrt auf; durch ſchmale, gruͤne Wieſen zieht die Erms mit ihrem durchſichtigen Waſſer dem Wandrer entgegen. Bald iſt auch fuͤr die Wieſen kein Platz mehr; der Fluß und die Heer⸗ ſtraße theilen ſich in den Raum, den Wälder und Berge übrig laſſen: ja die Straße hat an einigen Stellen mit Gewalt ſich durch das Geſtein des Berges Raum machen muͤſſen, und Fels ſenmaſſen ſind uͤber ſie hinaus an das Geſtade des Fluͤßchens gerollt. Erſt gegen den Schluß wird das Thal etwas weiter. \ Hohenwittlingen. Höhe 2408 W. F.) Iſt man eine halbe Stunde von Urach gefahren, ſo trifft man links auf eine Mühle (die Georgenauermuͤhle genannt), und blickt hier in das enge Foͤhrenthal oder den Faitel. Gerade dieſem Thaͤlchen gegenüber (immer noch links) auf den Gipfeln des Hohbergs, ſtehen die Ruinen der Bergſchloͤſ⸗ fer Hohenwittlingen und Baldeck, das letztere auf eis nem etwas vorſtehenden Berge. Die Reiſenden laſſen den 117 Wagen bei 5 Muͤhle ſtehen, und koͤnnen nun dreierlei Wege einſchlagen: entweder 1) den Fahrweg durch den Faitel hin⸗ auf, auf welchem fie zuerſt ins Dorf Wittlingen kommen, das auf dem Plateau des Hohbergs einwaͤrts in einer leichten Vertiefung zwiſchen Fruchtfeld, Obſt und Wald liegt; oder 2) den Fußweg der ſogenannten neun Raͤnke hinauf; und hier gelangt man zunaͤchſt an das Schloß Hohenwittlingen. Dieſen ſehr bequemen Weg, der den Wandrer im Zickzack die ſteile Bergwand hinauffuͤhrt, verdanken wir der erſten Ges mahlin Herzog Carls, Sophia Barbara, die im J. 1751 das Schloß beſuchte, und der im folgenden Jahre hier am Fuße des Berges, an der Landſtraße, auf einem einfachen Stein ein noch ſtehendes Monument geſetzt ward, das uns im deutſchen Lapidarſtyl gar naiv erzaͤhlt, wie die Herzogin von den Wurzeln dieſes Berges bis zu ſeinem Gipfel mit hoͤchſteigenen Füßen geſtiegen ſey; oder man geht endlich 3) noch weiter oben einen ſchoͤnen Waldweg hinauf, der zuerſt zum Schloſſe Baldeck, dem Sitze eines edeln im 16ten Jahr— hundert ausgeſtorbnen Geſchlechtes, jetzt das Moͤrderſchloͤß— lein genannt, empor fuͤhrt, von welchem wenig mehr zu ſe— hen; und dann „ Stunde weiter nach Hohenwittlingen. Dieſe am wildeſten Waldeck vom verſchlungnen Geſtruͤpp uͤber— wachſenen Truͤmmer laſſen ſich rund umwandeln, und zeugen noch von der Felſenfeſtigkeit des alten Schloſſes; unterirdiſche Wendeltreppen ſollen in tiefe Gewoͤlber fuͤhren. Urſpruͤnglich war es Konſtanziſch; in der Folge kam es (1251) an Wuͤrtem⸗ berg, und von dieſem an die Grafen von Urach durch Tauſch, bald aber fiel es wieder an das erſtre Haus. Schon zu Cru— fing Zeit war es nichts mehr als „ein grauſames Gefaͤngniß, in das Wilderer und andre Boͤſewichter gelegt wurden ).“ Die Volksſage fabelt von den Baldeckern und Wittlin- gern, daß ſie durch Zauberei in der Luft haͤtten zuſammen fahren koͤunen; eine andre Tradition ſagt, daß fie unterirdi— ſche Communicationen gehabt haben. Der Blick von dem Schloſſe ins Thal auf die geſchlaͤngelte Erms, auf Hohenurach, Neufen und Teck iſt ch Auf Hohenwittlingen hielt ſich „Ehmals war Hohenwittlingen ſehr feſt,“ ſagt ein alter Ca⸗ lender mit ernſthafter Miene: „Gelehrte und Wild⸗ diebe wurden manchmal dahin gebracht.“ » 118 der wuͤrtemb. Reformator Brenz eine Zelt lang vor ſeinen Feinden verborgen, und arbeitete an ſeinem unſterblichen Ca⸗ techismus, den er in feinem zweiten Aſyl, auf dem Schloſſe zu Hornberg, vollendete. Noch lange nachher war Wittlin- gen von einem Burgvogt oder Foͤrſter bewohnt, bis end— lich dieſem am Anfange des vorigen Jahrhunderts hinter den Burggraͤben eine neue Wohnung gebaut ward. — unter den vielen Hoͤhlen und Kluͤften dieſer Gegenden zeichnet ſich das benachbarte nur etlich 100 Schritte entfernte a I Schiller- oder Schillingsloch aus. Es iſt uͤbrigens muͤhſelig zu befahren, und man muß vom Dorfe Wittlingen Laternen und Leitern mitnehmen. Nach dem engen Felſeneingang geht es etwa eine Stubenhoͤhe hin- ab, dann öffnet ſich die Höhle wie durch Kunſt gewoͤlbt, frei und ſchoͤn, mit vielen und weiten Seitenriſſen; alles voll von Tropfſteinen und Fraueneis; ſo daß eine Beleuchtung auch hier guten Effekt machen muͤßte. Wenn ein Bach durchwadet iſt, ſo kommt man an einen zweiten Abgrund, bei dem aber- mals die Leiter anzuſetzen iſt; ſo kann man in Allem in eine Tiefe von 200 Schuh hinabkommen. Doch iſt das ganze Aben= theuer unbehaglich und gefaͤhrlich. Bei den franzoͤſtſchen In⸗ vaſtonen des ırten Jahrhunderts war dieſe Hoͤhle das Aſyl der Umwohner und ihrer Habe. Die Hoͤhle iſt ſo kalt, daß der Foͤrſter das Fleiſch im Sommer wochenlang in derſelben friſch erhält. — Eine andre Höhle, der Wafferftein ge— nannt, liegt zwiſchen Urach und Wittlingen auf der ſogenann⸗ ten Breitenwieſe; ihren Namen fuͤhrt fie von einem Eef- ſelfoͤrmig gehoͤhlten Steine, in welchem ſich das hellſte Waſſer ſammelt, das aus einer verborgnen Quelle kommen muß, und den Feldarbeitern zur Erquickung dient. Von Wittlingen waͤhlen ſich die Reiſenden einen der 3 Wege zum Herabſteigen, und ſetzen ſich bei der Muͤhle wie— der zu Wagen, um die Farth durch das vorbeſchriebene See— burgerthal zu vollenden. Bei Seeburg wird die Natur kahler und den Hintergrund bilden waldarme Heideberge. Die Huͤt— ten des Dorfes ſind mitten unter zerſtreute, ſie weit uͤberra— gende, Felsbloͤcke hineingebaut. . \ * 119 Seeburg iſt ein hiſtoriſch merkwuͤrdiger Ort. Seine feſte Burg (ihre Stätte kennt Niemand mehr) hielt ſich gegen Katſer Hein- rich VII. im J. 1509 mit Urach allein von allen Veſten des Landes. Der Ort kommt ſchon zu Carls des Großen Zeit in Documenten vor. Im ııten Jahrhundert erſcheint auch ein Wigmann, Graf von Seeburg, der eine Giſela, Tod: ter Otto III., Herzogs von Alemannien, zur Frau hatte. — Das kleine Gaſthaus zum Loͤwen in Seeburg putzt ſich unter einem unternehmenden Müller zu einem huͤbſchen Schwel— zerdorf-Wirthshaus heraus, und reicht ein gutes Abendbrod. Faͤhrt man noch eine Viertelſtunde in den letzten kahlen Riß des Ermsthales, das Muͤhlthal genannt, hinein, ſo gelangt man an den voͤlligen Schluß deſſelben und an den Urſprung des Fluͤßchens, das in dem wilden Felsgrunde, aus flachem Kies hervorſprudelnd, kaum 60 Schritte von ſeinem Urſprung ſchon Mühlen treibt. Jus Dorf zuruͤckgekommen, verſaͤume man nicht, noch eine Luſtfahrt bis auf die Hoͤhe der ſeit kur⸗ zem vollendeten, in die Felſen der Alb geſprengten, neuen N Muͤnſin ger“) Bergſtraße mitzunehmen, die an die Stelle einer unleidlich ſteilen und heilloſen Chauſſee getreten iſt. Die herrliche breite Straße laͤßt ſich bis zum Gipfel des Gebirges ( Stunde vor Muͤn⸗ ſingen), eine halbe Stunde weit, in vollem Trabe befahren, und eben ſo, ohne daß man zu ſperren braucht, hinunter. In der Mitte des Weges hat fie zwei gewaltige Felſen von einander getrennt: das Ungerthor und den Tuͤrkenſtein, 2) Münfingen mit 1576 Einw., ein Oberamtsſtaͤdtchen und ; der Sitz einer Poſt (gutes Wirthshaus), liegt auf oͤder Alb⸗ heide; Ooſtvaͤume finden ſich hier nur in den Gaͤrten. In⸗ deſſen verdient es wegen des Muͤnſinger Vertrags, welcher die Untheilbarkeit des Landes feſtſetzte, und Graf Eberhard im Bart die Alleinregierung ſicherte, den Beſuch des wuͤrtembergiſchen Wandrers. Das Schloß, in welchem jener Vertrag den 14. Dec. 1482 abgeſchboſſen wurde, ſteht der Poſt gegenüber, und iſt jetzt in einen Fruchtkaſten umgewandelt. Von der Höhe der Seeburgerſteige iſt Muͤnſingen nur noch „ Stunde entfernt. Mit dieſer Trur ließe ſich denn auch ein Ausflug auf das Jagdſchloß Greveneck verbinden. (S. Donauſeite.) 120 deſſen Hoͤhlung noch fihtbar iſt. Die vielverſprechenden Na- men laſſen vergebens auf Sagen hoffen. „Es werden eben einmal Tuͤrken da gewohnt haben,“ meinte unſer guter Po— ſtillon. — Auch fuͤr den Fußgaͤnger iſt auf der Haͤlfte des Weges durch einen ſchoͤnen, ſteinernen Ruheſitz geſorgt. Ue— berhaupt laßt ſich dieſer Weg, der keine andre Reize hat, nicht ohne inniges Wohlbehagen machen. Bei Seeburg theilt ſich das Thal in 3 Zinken, in das Riethheimerthal, das Muͤhlthal und das Fiſchburg, die wieder mehrere kleine Auslaͤufer haben, deren einer ſei— ner beſondern Wildheit wegen die Schweiz heißt. Alle ſind recht ſchauerlich ſchoͤn. Das Thal Fiſchburg hat ſeinen Namen ohne Zweifel von dem Seewaſſer, einem Bache, der vordem einen See bildete, welcher feit 1765 trocken gelegt iſt, fo daß jetzt der Platz als Wieſe benutzt wird. Nur im Frühling, zur Zeit des Holzfloßes, wird er abwechſelnd gefuͤllt und abgelaſſen, um dadurch die noͤthige Waſſermaſſe zum Floͤßen zu erhalten: und ſo kann man auch in dieſem See in Einem Jahre ſchiffen, fiſchen und aͤrnten. — Eine Viertelſtunde unterhalb Seeburg iſt die merkwuͤrdige Holzrutſche, ein eiſerner goo Fuß lan- ger und etwa l 2 Fuß breiter bedeckter Canal, in welchem das auf der Alb gefaͤllte Holz in das Thal herabgeſchickt, und fo= dann durch die Erms in den Neckar, und auf dieſem in das koͤnigliche Holzmagazin zu Berg bei Canſtadt gefloͤßt wird. Gegen 2000 Klafter gehen jaͤhrlich durch dieſen Canal, und eben ſo viel ungefaͤhr werden auf andern Punkten in die Erms eingeworfen, ſo daß im ganzen gegen 4000 Klafter auf dieſem Wege der Reſidenz und ihrer Nachbarſchaft zugeſchickt werden. Von Seeburg fuͤhrt nach Urach kein andrer Ruͤckweg als durch das eben befahrne Thal, das aber ruͤckwaͤrts, beſonders in der Naͤhe von Urach, neue ſchoͤne Blicke gewaͤhrt. Und nun bleibt fuͤr Freunde der Natur noch hinlaͤngliche Zeit zum Spaziergange nach einem der vielen oͤſtlichen Thal— zinken, in das ſchoͤne, kuͤhle Grabenſtaͤtter Thal, das von dem unſcheinbaren Waldwaſſer Elsach durchfloſſen, wel— ches in der Fruͤhlingszeit oft mit furchtbaren Ueberſchwem— mungen droht, auch dieſen Namen fuͤhrt; links bleibt eine andre Thalbucht mit bihngeformten Bergen und dem roman— tiſchen Pfñhlhof, eller trefflichen Malerei, einſt dem Bez 121 fisthum der Edlen von Pfähler, liegen; nach dieſem Hofe beißt das Thal auch das Pfaͤhlerthal. ach fuͤnfviertel Stunden gelangt man hier zum Theil durch Wald an den Bergweg, der nach dem Albdorfe Grabenſtetten fuͤhrt (von den Bewohnern ſonderbar in Grammenſtetten kor⸗ rumpiert), den man aber nicht betritt, ſondern ſich uͤber die Wieſen rechts nach den Felſen des Falkenſteins zieht, oder nach der | | Grabenſtaͤtter (Falkenſteiner) Hoͤhle, die man aus einer wilden, übrigens. unmahleriſchen Wald⸗ ſchlucht heraus ſchon lange im Auge hat. Auch der Zugang hat nichts reizendes; durch ſtruppigte Huͤgel muß man ſich über ſpitzige, den Voden bedeckende Steine durchſchlagen, bis man an den Felsquell der Elsach kommt, der aus dem ko⸗ —r- loſſalen Steinloche hervorgerieſelt kommt, das ein weites, aber übelgeformtes Portal hat. Zur gefahrloſen Beſuchung der Grotte, die ſich nach dem weiten und uͤberaus hohen Eingang bald ſo verengt, daß man nur mit Muͤhe ſich durchſchiebt, ſind durchaus nicht nur Lichter, ſondern auch des Lokals ganz kundige Grabenſtaͤtter Bauern, oder noch beſſer Ur a— cher Führer nothwendig. Die Hoͤhle beſteht aus bloßem Kalkſtein, und geht anfangs von Mittag nach Mitternacht, dann gegen Morgen. Im Innern wird fie bald höher, bald niedriger, und durch abgelöste Blöcke, die ſich hie und dort hingeſenkt, faſt lebensgefaͤhrlich zu befahren. Auf ſchluͤpfrigen ſpitzen Steinen m’; man oft über Pfuͤtzen Waſſers von 10 bis 30 Fuß Tiefe einen Sprung thun, bald auf halbverfaulten Brettern ſich den Waſſern anvertrauen. Schon beim Eingang der innern Hoͤhle hoͤrt man ein furchtbares Brauſen fernen Gewaͤſſers, und nach 50 Schritten kommt man an einen un⸗ terirdiſchen Waſſerfall der Els ach, die ſich uͤber hohe Felſenbloͤcke ungeſtuͤm herabſtuͤrzt. Am Ende kommt man an einen Keſſel von etwa 20 Fuß Länge und Breite, und 30 yuß Hoͤhe. Man vermuthet einen Zuſammenhang dieſer Waſſer⸗ ſammlung mit dem eine Stunde entfernten Urſprung der Lau⸗ ter bei Schlattſtall. — Der Bach führt Bonerzkörner mit ſich, die zu vergeblicher Nachforſchung nach Erzen Anlaß gege— ben haben. In feinen Wellen fand einft von thoͤrichten Schatz⸗ 122 gräbern einer den Tod. — Ueber der Höhle follen die Her: ren von Falkenſtein ein Schloß gehabt haben. 75 Wir kehren aus dieſem Thale nach Urach zuruͤck, und fuͤ⸗ gen am Schluſſe des heutigen Reiſetages noch einiges aus der Geſchichte der Stadt Urach bei. 5 Was von roͤmiſchem Urſprung der Stadt, was von Urachs Grafen vor dem sıten Jahrhundert erzaͤhlt wird, ſind Fabeln oder Muthmaßungen. Die Volksſage laͤßt die Stadt aus einer Herberge entſtehen, die im Walde fuͤr die nach Ulm Neifenden erbaut war. — Im ısten Jahrh. war fie ſchon eine feſte Stadt, die Kaiſer Carl VI., als er den rafen Eberhard den Greiner zuͤchtigte, nicht zu zwingen vermochte. Im ı5ten Jahrh. erhielt fie von Eberhard im Bart einen Spital. Vor und nach ſeiner Reiſe ins gelobte Land hielt Eberhard hier lange Hof. Das Hofgericht, waͤhrend Ul— richs Vertreibung ein Landtag, auch ein Turnier (1518) wurden in ihr abgehalten. — Dem Bauernaufruhr wi- derſtanden die Uracher. Aus lauter Behutſamkeit in Reli— gionsſachen henkten fie einen lutheriſchen Prieſter, ſtrichen einen katholiſchen mit Ruthen, viertheilten einen Buͤrger, und koͤpften vier andre. — Bei der Reſtauration (1554) oͤff⸗ nete Urach dem Ulrich nicht, bis er die Landesfreiheiten be⸗ ſtaͤtigt. Auf deſſelben Herzogs Befehl fand im J. 155) ein Religionsgeſpraͤch zwiſchen Brenz und andern Theologen hier ſtatt. — Im ſchmalkaldiſchen Krieg mußte Stadt und Fe⸗ ſtung von Ferdinand Herzog von Alba einen Schirm⸗ brief annehmen (1547). — Im dreißigjaͤhrigen Krieg, nach der Schlacht bei Noͤrdlingen, ergab ſich Stadt und Feſtung, die letztre mit 250 Mann weimatifcher Truppen nach tapfrer Gegenwehr und unter ehrlichen Bedingungen dem Obriſt Mora vom Heere des Gallas. — Vaͤhrend der franz. Invaſton von 1695 blieb Urach verſchont, und war der Zufluchtsort vieler Wuͤrtemberger. Die Stadt iſt eine der gewerbſamſten des Landes, beſonders durch Webereien, Leinwand, Blaiche, Kornhandel, Pulver- und Papiermuͤhlen, und einen ſtarkbeſuchten Sch aͤ⸗ fermarkt, mit welchem alle 2 Jahre am Jakobi-Feiertage auf einer benachbarten Wieſe ein Schaͤf er-Wettlauf ver: * 123 bunden iſt. Urach iſt 9 Stunden von Stuttgart entfernt, wo⸗ hin die Chauſſee uͤber e fuͤhrt. Route des fuͤnften Tages. Von Reutlingen nach Ehningen 1 St. Auf Sankt Johann 1 5 St. Auf Hohenurach - Herab nach Urach e. Nach Seeburg über Wittlingen 3 7 x u Wagen. dach echt e An die Grabenſtaͤtter Hoͤhle hin und her „„ SI SEN 75 — 1 Auf den grünen Felſen * — Nach Dettingen )) * — Bis ans Bruͤhl⸗ Thall. 1 „ TEL) ME Ai ) oder: Bis zum untern Fohlenhof uͤber ti t. Ans Bruͤhlt hall 57 St. 14 St. 5 Sechster Dag. Ueber Hohenneufen durchs Lenninger Thal, uͤber die Teck nach Kirchheim. Das nächte Ziel unfrer Reiſe von Urach aus iſt Hohen⸗ neufen; wer von dem geſtrigen Marſche nicht zu müde it, ſich frühe auf den Weg zu machen, kann hier abermals bei 124 guͤnſtiger Witterung einen herrlichen Sonnenaufgang genief: ’ fen. Die Wagen können, befonders wegen der Schlattſtal⸗ ler Steige, nicht gut mitgenommen werden. Sie fahren alſo voraus über Beuren, Owen nach Guttenberg 34 St.) Doch iſt die Schlattſtaller Steige nicht abſolut unbefahrbar, und ſieht einer Ausbeſſerung entgegen. 3 Sohbenneufen (Hohe 2555 W. F.) Ein angenehmer meiſt von Wald beſchatteter Weg führt uns in zwei Stunden dahin; zuerſt das Mauchent hal hin- auf, das, zwiſchen Morgen und Abend gelegen, ſich der Laͤnge nach mitternaͤchtlich hinzieht &% St.); dann auf der Höhe Ge— birgswald und Haide auf und ab, beinahe anderthalb Stuns den fort, bis links die Kanten des Gebirgs erſcheinen, und auf einer ihrer Spitzen die gethuͤrmten, im Morgenlichte roͤth⸗ lich weiſſen, Truͤmmer der Feſtung Neufen, ganz un⸗ vermuthet, wie eine Rieſenfauſt, die ſich im Augenblick erſt aus der Tiefe emporballt, entgegen ſchauen »). Ein ziemlich ) Der Verfaſſer hat ſeitdem den Weg von Urach nach Neufen, der ſchwer zu finden iſt, noch einmal gemacht, ausdruͤcklich, um ihn beſtimmter beſchreiben zu konnen: Man geht in Urach zum obern Thore hinaus, und ſchlaͤgt dann die zweite Straße links ein, wenn man an die Grabenſtaͤtter Straße kommt, laͤßt man dieſe rechts, und geht wieder links einem Wegweiſer nach, der: „Nach Hülben u. Kirchheim“ deutet; hier fort im Thale, und endlich einen waldigen Berg hinauf, bis zum Gipfel, wo der Wald aufhoͤrt. Oben findet man wieder einen Wegweiſer, und folgt der Inſchrift: „Ne u⸗ fen zu“, indem man das Dorf Huͤlben rechts läßt. Dann kommt man uͤber freies Feld bald wieder zu einem Wegwei— ſer, wo durch einen huͤbſchen Bergſpalt die tiefe Fläche her⸗ aufblickt. Hier geht man abermals der Weiſung „Neufen zu“ nach, am Bergſpalt hin. Bald kommt ein Weg links, den man nicht betritt, ſondern gerade fortgeht, bis ein vier— ter Wegweiſer kommt, wo der Weg ſich ſpaltet, und man „Neufen zu“ geht, und nach kurzer Zeit Hohenneufen er- blickt. Wer Neufen aufopfern will, kann hier eine andre ſchoͤne Tour auf den Beurener Felſen machen. In dieſem Falle folgt er beim vierten Wegweiſer der Inſchrift: „Kirch⸗ heim zu“, und läßt den Reufener Weg links liegen. In kurzer Zeit fpalter ſich feine Straße in drei Wege, von welcheu er den mittlern geht, der durch Wald und Haide Ä 1 Fa 125 ſchmaler Erdwall, ohne Wald, führt auf den Gebirgskegel hin⸗ über, den die Feſtung kroͤnt, und bildet die einzige Ver— bindung, mit welcher der Berg ſuͤdoͤſtlich mit der Alb zuſam— menhaͤngt. Auf dem Gipfel angekommen, ſuche man fi, nachdem die erſten Truͤmmer voruͤbergegangen ſind, links durch dieſe den Weg zu dem hoͤchſten ſuͤdoͤſtlichen Walde, um von dieſem Standpunkt aus die Sonne zu begrüßen, die, zwar nur über den Waͤldern und Flaͤchen der Alb ſich erhebend, doch ein herrliches Schaufpfel gewährt. Die hohen, weiſſen Mauern der Veſte, die man im Ruͤcken hat, faͤrben ſich allmaͤhlig blut⸗ roth. Die erſten roſigen Sonnenſtrahlen fallen uach Suͤdoſten auf den Roßberg und auf die Gipfel der Uracher Bergwaͤnde, die mit ihren vielen Felſen, wie eine friſche Schoͤpfung, all— maͤhlig mit dem Morgenlicht ihr feſtes Daſeyn erſt zu em— pfangen ſcheinen; dann ſenkt ſich das Licht weiter uͤber den Sattelbogen, den Fuß der Achalm, den kleinen Joͤrgenberg, der zwiſchen beiden lauſchend hervorblickt, die Altenburg, und die fernſten und hoͤchſten Züge der Alb nach Suͤdweſten. Auf der andern Seite gegen Nordoſten liegt der Waldabgrund mit dem Dorfe Beuren noch im Dunkel; der Beurener Fels ragt noch ſchlümmernd, unerweckt von der Sonne, daruͤber. Wei— ter hinten wartet Teck ſchon auf die erſten Strahlen, Hohen— fuͤhrt. An einen fuͤnften Wegweiſer gelangt, geht er „Weiler zu“, und ſieht bald das Dorf Erkenbrechts⸗ weiler, und im Hintergrunde Teck und den Breitenſtein uber die Albflaͤche hervorragen. In dieſem Dorf (2 St. von Urach) nimmt er ſich einen Fuͤhrer, der ihn in noͤrdlicher oder norſtweſtlicher Richtung durch Haide und Wald auf eis nen ſchoͤnen Auslaͤufer der Alb (die Baßgeige nennen den Gebirgsaſt die Umwohner), und auf die letzte abgeriſ⸗ ſene Felſenecke deſſelben, den einzig ſchoͤnen Beurener Eckfelſen führt, wo er eine herrliche Ausſicht auf die ger wohnte Flaͤche, aber in der Naͤhe mit neuen Umgebungen, genießet. Suͤdlich liegt in einer wild ſchoͤnen Thalſchlucht Beuren. Südweftlich ſchiebt ſich Neufen, der Sattelbogen, die Achalm, der Roßberg, eines Hinter das andere; im Nord— weſten ſtellen ſich einige Bergſpitzen des Schwarzwalds auf— fallender, als von andern Punkten, dar; öſtlich winkt die Teck heruͤber. Hinab ſucht ſich der Wandrer einen Weg entweder links nach Beuren, oder kuͤrzer aber pfadloſer rechts nach Owen, wo er dann unmittelbar in das Lenninger Thal eintreten kann. a 126 ſtaufen taucht aus dem Nebel auf, und um die auslaufenden Gebirge faͤrbt ſich der Duft. Die große Flaͤche iſt von dieſem Standpunkt aus durch | die Ruinen bedeckt. Wenn die Sonne herauf iſt, und das Fruͤhſtuͤck, das in dieſe Einſamkeit von Urach aus mitgenommen werden muß, im Graſe verzehrt, ſo ſchickt man ſich zu einem Gang rings um die untern Feſtungswerke an, der ſeit den Landes vermeſſungen ringsum eben und gangbar gemacht iſt, wodurch, nicht nur die Ausſicht, ſondern beſonders auch die Anficht des Schloſſes ſehr vieles gewinnt. Umgeht man die Feſtung auf dieſem Rundwege fo, daß man ihre Truͤmmer immer zur Linken hat, ſo kommt man zuerſt in nordweſtlicher Richtung uͤber lauter zerſtoͤrte Vor— werker hin. Anfangs ſtehen zur Seite niedrigere Vormauern, bald aber thuͤrmt ſich Mauer uͤber Mauer, Thurm auf Thurm, und einen eigenen Anblick gewaͤhren auf den aͤuſſerſten Rui— nen gegen Weſten die Truͤmmer einer Mauer mit einem wei- ten gewoͤlbten Thore, das jetzt in den freien Himmel hinauf zu fuͤhren ſcheint, und durch das die blaue Luft hernieder— ſchaut. Allmaͤhlig wendet der Weg um die Ruinen ſich weſt— lich, wo von einer ſchwindelnden Hoͤhe herab, die Mauer und Fels bildet, die Hauptausſicht auf die Tiefe und Flaͤche ſich eröffnet, mit deren Wiederholung wir den Leſer nicht ermuͤ— den. Nur des Staͤdtchens Neufen erwaͤhnen wir, das un— ter den Waͤldern und Weinbergen der Veſte freundlich gela— gert am Fuße liegt, übrigens keine Merkwürdigkeiten darbie— tet ), und das lachende Thal zwiſchen Reben und Wald, das mit Bluͤthenbaͤumen angefuͤllt, von Dorf zu Dorf nordoͤſtlich ſich Nuͤrtingen zu zieht. Bei dieſem lachenden Anblick ge— denke der Wandrer des harmloſen Minneſaͤngers, der, wenn auch nicht auf unſrem Berge gehaust, doch von ihm Geſchlecht und Namen ableitet, und fo frühlingswarm und kinderfroh, bald von Anger, Bluͤthen, Wald und Wieſe, bald von ſeiner *) Wirthshaus: zum Hirſch. Weg uͤber Lingenhofen (% St.), Frickenhauſen (4 St.), nach Nuͤrtingen (1 St.). — Ferner über Beuren (% St.) nach Owen C St.). * 129 Frauen roſenrothem Munde geſungen hat: — Gottfrieds von Neufen. Wohl in dieſem lachenden Thale, am Fuße der vaͤterlichen Burg, konnte er Reime gedichtet haben, wie die, welche wir unfern Leſern S. 130 vorlegen. Jene freundlichen naͤchſten Umgebungen ſind ſchon von der Morgenſonne erleuchtet, die weite Ferne aber ringt mit dem Meere der Morgennebel, durch deren Riß die Sonne hier und da wie in lachende Eilande hineinblickt. — Gegen die Fe— ſtung gewendet ſchauen wir hier an ungeheuren Felſenmaſſen hinauf, von welchen die Mauerſtuͤcke, die ganz in fie verfloch— ten ſind, nur Fortſetzungen zu ſeyn ſcheinen, und wo die Kunſt, auf die Natur vertrauend, laͤßiger ſeyn durfte. Weiter gegen Suͤdweſten werden die Felſen zackiger, und geftalten ſich hier und da wie zu Menſchenantlitzen; kuͤhnere Mauern ſitzen auf ihnen; ein herrlicher, weiſſer, geglaͤtteter Thurm bewacht das ſuͤdliche Eck. Der naͤchſte Niederblick geht hier in ein kahles Thal, aus dem ſich die treffliche Grabenſtetter Bergſtraße, wie eine Schlange, ins Gebirg und durch die Felſen hinaufwindet. Fort auf dem Ring gegen Suͤden, an einem unterirdiſchen Gang vorbei, wo die Felſen aufhoͤren, werden die Feſtungs— werke ſtaͤrker; rechts vom Wege dicht am Abgrund ſteht ein dicker, eckigter Thurm mit vielen ausgehauenen Zinnen, wie Zahnluͤcken abentheuerlich anzuſchauen. Nun wenden wir ge— gen Oſten um, wo die hohe breite Mauerwand wieder vor uns ſteht, die wir zuerſt, von der Sonne geroͤthet, erblickt haben. So iſt die Runde gemacht. d Wer von innen die hoͤchſte Höhe erklimmen, und die ein= gefallenen Kaſematten, Haͤuſer und Kaſernen durchſtoͤbern will, mag ſich ſeinen muͤhſamen Weg ſelber ſuchen, wir halten uns bei dieſen Maſſen und Steinhaufen, die weiter hinauf weder . mahleriſches noch alterthuͤmliches Intereſſe haben, nicht län ger auf, und geben dem Wandrer etwas von hiſtoriſchen Er— innerungen: — Die Sage giebt der Burg roͤmiſchen Urſprung. Geſchichtliches uͤber Neufen. Der erſte, den wir als Beſitzer von Neufen kennen ler— nen, iſt Graf Mangold von Suͤmmetingen, der wahre ſcheinlich durch feine Heirath mit der Urachiſchen Graͤſin Ma— thilde, Egino's J. Tochter, zu dieſer Beſitzung kam. Er fiel im Jahr 1086 in dem ungluͤcklichen Treffen des Gegenkoͤnigs 128 5 ö Hermann gegen Heinrich IV. bei Bleichfſeld. Die Gemahlin eines Luithfrieds von Neufen und ihre Tochter Maz werden als gute Nonnen, die Tochter auch als eine fertige Schreiberin gelobt. Erſt in der Periode des neu aufbluͤhen- den ſchwaͤbiſchen Kaiſerhauſes erſcheinen die Neufen als un— zertrennliche Freunde und Kriegsgefaͤhrten dieſer Familie vom Anfang des ten Jahrhunderts an. Ein Berthold von Neufen und ſein Sohn Heinrich, treten im Gefolge eines neuen Landvogts auf, den Kaiſer Friedrich in, die reiche Prob— ſtey Urſperg ſendet, zu Verwaltung der Guͤter. Dieſe wiſſen ſich der Güter nach Friedrichs Tode zu bemaͤchtigen, empfan⸗ gen die Probſtey von Kaiſer Philipp als Lehen, und behan— deln das Kloſter und feine Güter als Raub. Mit Mühe lör " ſen ſich die M oͤnche mit 200 Mark Silbers aus ihrer Hand. Heinrich uͤberbringt Friedrich II. die Botſchaft der Kaifer- wahl (1218). Ein andrer Heinrich von Neufen befehdet mit Andern den Biſchof Heinrich von Conſtanz, wird gefan— gen (1255); befehdet dennoch nachher den Biſchof von Speier, und hilft das Kloſter Backnang verwuͤſten. Auf Befehl König Heinrichs bricht er dem widerſpenſtigen Grafen von Hohenloh ſein Schloß Langenburg. Sein Bruder Weihe iſt wahr- ſcheinlich der Minneſaͤnger. | Am Schluſſe des ı3ten Jahrhunderts he die Herren von Neufen auch zur Grafſchaft Marſtetten und Graiſpach (in Oberſchwaben). Ein betraͤchtlicher Theil ih- rer Güter lag im Zabergaͤu. Aber ſchon bald nach der Mitte des ı5ten Jahrh. begannen die Verpfaͤndungen und Verkaͤufe ihrer Beſitzungen an Kloͤſter und an weltliche Herrn. Bald dauerte das Geſchlecht nur noch in der Graiſpach-Mar⸗ ſtettiſchen Linie, und auch ſo nur bis in die Mitte des Aten Jahrh. fort. Zu Anfang dieſes Jahrh. war Burg und Stadt Neufen in Conrad von Weinſpergs Haͤnden, dem fein Schwager Berthold feinen Antheil an der Herrſchaft uͤber— laſſen hatte, und dieſer verkaufte fie an Wuͤrtemberg. Ber der Theilung Wuͤrtembergs zwiſchen Graf Eberhard und ulrich, ſchwankte Neufens Beſitz hin und her. Bei Her— zog Ulrichs Vertreibung (1519) iſt Hohenneufen ſchon Feſtung und ergiebt ſich an den ſchwaͤbiſchen Bund. Dem jun— gen, gefangnen Prinzen Chriſtoph ſollte das Amt Neufen ſamt Tuͤbingen zum Unterhalt eingeraͤumt werden, das Ver— ſprechen ward ze doch nicht gehalten. | 129 Als Ulrich fein Herzogthum mit Landgraf Philipps von Heſſen Huͤlfe erobert (1554), war Burgvogt von Neufen, Ber— thold von Schilling. Da hat ſich folgendes begeben: Herzog Ulrich vor Neufen. Romanze. Muͤd vom Schlagen und vom Siegen Zieht der Herzog durch ſein Land, Droben ſieht er Neufen liegen Auf der draͤunden Felſenwand. Heißer Strahl der Fruͤhlingsſonnen Brennt auf Reiter und auf Roß — Waͤre doch das Neſt gewonnen! Ruft der Landgraf, ſein Genoß. Und ſo reiten ſie die Stege Durch den kuͤhlen Wald hinauf; Lauſcht kein Hinterhalt im Wege? Negnen keine Kugeln drauf? Nein, es iſt kein Feind zu ſpuͤren, Alle Zinnen ſtehen leer, 5 Auf bequemen Bruͤcken fuͤhren Durch den Burgwall ſie das Heer. Aus dem Schloſſe toͤnt entgegen Ihnen nicht Geſchuͤtzes Knall, Sondern Prieſters Wort und Seegen, Und ein heller Orgelſchall. Und von mehr als Einer Schuͤſſel ö Suͤßer Dampf heruͤber weht, Und der Burgvogt mit dem Schluͤſſel Vor dem offnen Thore ſteht. „Ritter Berthold, du Verwegner, Sprich, was macht denn dich fo zahm? \ Du mein Feind und ew’ger Gegner, Biſt du worden blind und lahm? Aber deine Blicke glaͤnzen, Wie kein blindes Auge gluͤht! Und dein Haus ſchickt ſich zu Taͤnzen, Wie kein Lahmer drum ſich muͤht!“ G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 0 130 „Herr!“ erwiedert' ihm der Ritter, Warf ſich vor des Herzogs Fuß: „Seyd nicht eurem Knechte bitter Nennt auch feig nicht ſeinen Gruß. Mir iſt heut ein Sohn geboren, Meines Hauſes erſter Stern; Wird mir der, — hab' ich geſchworen, — Will ich huldgen meinem Herrn.“ „In der Kirche den zu taufen Stehet mir der Burgpfaff ſchon. Seyd ihr nicht zu muͤd vom Raufen, Werdet Pathen meinem Sohn! Nicht vergeſſen ſolche Gnade Wird der Vater und das Kind, Die zu Neufens ſteilem Pfade Hundert Jahr lang Waͤchter ſind!“ Ey gelegen kommt den Fuͤrſten 94 Solche Ladung nach dem Kampf, Die nach kuͤhlem Weine duͤrſten, Schielen auf der Schuͤſſeln Dampf. Und der Herzog reicht dem Degen Freundlich die Verſoͤhnungshand, Schenkt dem Knaben ſeinen Seegen 1 Und ein ſchoͤn Stuͤck Ackerland. 0 Minnelied von Gottfried von 1 Renfen. Lichter Sommer, dein ſuͤße Wunne =» Will bei mannigen Freuden ſeyn, Baß denn ich gedenken kunne l(koͤnne), Singen aber (wieder) die Voͤgelein. Dabei ſieht man ſchoͤne in Bluͤthe Bäume ſtan; des Meyen Güte Traͤgt dem Winter mannigen Haß. Nu iſt der Voͤgelein Noth zergangen ſtoch klage ich ein' andre Noth: Weh, ja muß mich deß belangen, | ' (mir das lange duͤnken,) Daß ihr Mund, durchleuchtig a { ta Mir nicht will die Freude mehren, Suͤße Minne! magſt du lehren y Sie, daß mir mein Leid zergeh'! Der Eſel von Hohenneufen. s Sage. Als die Feſtung noch beſtand, fand man bei der zelten Wache als Wahrzeichen einen Eſelsfuß aufgehaͤngt. Die Veranlaſſung dazu ſoll dieſe geweſen ſeyn: Vor Zeiten wurde ein Eſel zum Waſſer tragen gehalten, weil die Feſtung daran Mangel hatte. Einſt aber war fie fo enge eingeſperrt, daß die Beſatzung den bitterſten Mangel litt. Da futterte man den Eſel von dem letzten Scheffel Gerſte ſo reichlich, daß er ſtarb. Dann wurde ſein wohlangefuͤllter Wanſt uͤber die Mauer hinabgeworfen. Als die Feinde, welche ſchon auf die Ueber— gabe der Feſtung gehofft hatten, dieß ſahen, ſchloſſen fie dar— aus, daß die Beſatzung noch vollauf zu leben haͤtte, und zog ab. Dem Efel zum wohlverdienten Andenken wurde einer ſeiner Fuͤße aufgehaͤngt. Einſt hatte ein gutes Weib von Linſenhofen mit ei⸗ nem dieſer Waſſertraͤger Mitleiden und ſprach: „Du armer Eſel, haft auch zu freſſen?“ und als fie krank wurde, ver— machte ſte dem Eſel eine Wieſe, welche auch nachmals, als kein Eſel mehr gehalten wurde, der Commandant jaͤhrlich maͤhen und einheimſen ließ. Dieß geſchah bis ins Jahr 100 und die Wieſe führte den Namen Eſelswieſe. Das kleine Staͤdtchen Neufen zahlt nur 171) Einwohner. Im Jahr 1610 raffte die Peſt 500 Menſchen weg, ſo daß nach 6 Wochen nur ein einziges Ehepaar uͤbrig war. — Nach der Noͤrdlinger Schlacht (1654) ward die Stadt beſetzt, die Feſtung aber, in der Joh. Phil. Schnurm, ein tapfrer Mann kommandierte, durch Hunger zur Uebergabe gezwungen (2. Dec. 1655). In Truͤmmern liegt die Veſte Neufen erſt ſeit ihrer Ab⸗ tragung im letzten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts. Doch iſt dieſe unendlich ſchonender geſchehen, als die Hohen— urachs; fie hat Neufen zu einer koloſſalen, beſonders von der Suͤd⸗ und . herrlich anzuſchauenden Ruine gemacht. 9 * — 132 Ohne Zweifel gewaͤhrte es einen viel armſeligern Anblick, als es noch mit Dach und Fach, nothduͤrftig erhalten, von g In⸗ validen bewohnt, da fand, als der Gouverneur dem feel. Her— zog Ludwig Eugen, bei ſeinem Regierungsantritte die feier— liche Meldung that: Auf hoͤchſt Dero Feſtung Neufen iſt nichts Neues vorgefallen; und von dem laͤchelnden Her⸗ zog zur Autwort erhielt: O, ich bin froh, wenn ice Altes eing efallen ift! U Weg ins Lenninger Thal. Wir verlaſſen Neufen über denſelben Berggrath, der uns hinüber getragen hat, und wandeln ſuͤdoͤſtlich auf der Albflaͤche durch jungen und etwas duͤnnen Wald fort (/ St.) uͤber das Dorf Grabenſtaͤtten, das den Unterlaͤnder mit ſeinen Strohhuͤtten uͤberraſcht, und in deſſen Nahe ein Landgra⸗ ben noch den ominoͤſen Namen des Heidengrabens fuͤhrt; wir gelangen, 1½ Stunde vor dieſem Dorfe draußen über Fruchtfeld an eine tiefe Schlucht, die ſich dem Auge durch ei— nige Waldbaͤume verſteckt, bis der Wandrer davor ſteht. Dieſe Schlucht iſt eine ſuͤdweſtliche Fortſetzung des ſuͤdoͤſtlich die Alb einwaͤrts laufenden Lenninger Thales, und iſt allein auf der nordoͤſtlichen Seite, Guttenberg zu, offen; von allen andern Seiten bilden hohe, zum Theil bis an die Matten des Tha— les mit Buchenwald bewachſne Berge, von Felſen gekroͤnt, den tiefen Keſſel oder Erdſpalt, in welchem in 1. bißhenden 725 baͤumen das kleine Doͤrfchen Schlattſtall liegt (von den Bauern in Schlaaſchel oder Schlooſchel verun— ſtaltet), und zu dem eine kaum fahrbare, abſchuͤſſige Felſen⸗ ſtraße uns hinabfuͤhrt. Der ganze, hoͤchſt pittoreske Anblick laͤßt ſich am beiten charakteriſteren als eine in Laubwald über- ſetzte Schwarzwald-Gegend. Und doch ſind auch dieſes wilden Thalzinkens Felſenwaͤnde mit Kirſchwaͤldern beſetzt. Hinab gelangt nach Schlattſtall, gehe der Wandrer nicht voruͤber an dem Einen Urſprung der Lauter (den an— dern findet er bei Guttenberg), die aus den Felſen des ge— genuͤberſtehenden Waldgebirges hervorquillt. Der Weg fuͤhrt dahin, wenn man von Grabenſtaͤtten herab ins Dorf kommt (% St.), um die Ecke der erſten Haͤuſer rechts, an einer Pap⸗ ö 133 pel vorbei, hoͤchſt anmuthig durch Obſt und Wieſen; nach we— nigen Schritten folgt man der Lauter, die man hier und da durchwaden, oder mit einem Brett belegen muß, bis man an einen kuͤhlen, beſchatteten Felsſpalt gelangt, aus dem das Waſſer hervorquillt, das man, die Ohren an den Fels gehal— | ten, in weiter Ferne in den Eingeweiden des Felsgebirges rauſchen und gaͤhren hoͤrt ). Von Schlattſtall geht der Weg an dem klaren Forel— lenbache der Lauter, die nicht umſonſt ihren Namen fuͤhrt, nicht ferne von der Bergwand, die den Hintergrund des Len— ninger Thales bildet, durch den immer dichter und bunter werdenden Bluͤthenwald, in den ſich einige Muͤhlen verſtecken. Bald beugt die Straße in den letzten Grund des Lenninger Thals ein, das hier mit ſeinen vielen tauſend bluͤhenden Obſt— baͤumen aller Gattungen, rechts und links mit feinen Berg— felſen, die hellen Doͤrfer in der Mitte, ſich ganz vor den Blicken entfaltet. Beſonders ſchoͤn ſtellen ſich die Felſen oder Mauern (das Auge unterſcheidet ſie nicht) der Burgruine Wielandſtein, mit einzelnen aus dem Geſtein empor— ſchießenden Baͤumen dar, die ſich aus der weſtlich blinkenden Bergwand, in der Entfernung von 1/ Stunden, erheben. Die Reiſenden gehen indeſſen das Thal noch voruͤber, und verfolgen die von Owen und Lenningen herkommende Chauſſee einwaͤrts, von den Bluͤthen beſchattet, in die nordoͤſtliche Fort— ſetzung des Thales. Hier empfängt. fie, auch von drei Berg— ſeiten, doch offner und wo moͤglich noch mahleriſcher als Schlatt— ſtall, umſchloſſen, im Obſt gelagert, das Dorf Guttenberg; links bangen auf zwei Dritteln der Albhoͤhe, wie ein Vogel— neſt, kuhn und ſchweizerlandſchaftartig, die Gebäude des Herrſchaftshofes Krebsſtein, unter ihm Matten und vor— ſpringende Huͤgel. Senkrecht uͤber Guttenberg auf der hoͤchſten Albhoͤhe blickt das Dorf Schopfloch herab, zu dem die 1½ Stunden lange, ſteile aber wohlerhaltne und hoͤchſt fre⸗ quente Guttenberger Bergſtraße hinauffuͤhrt zur rauhen Alb. Wenn die Fuhrleute von der Alb an dieſe Steige kommen, und dem Loͤwenwirth herabrufen, was ſie eſſen wollen, ſo ) So war es bisher. Thdrichte Nachgrabung nach edlen Erzen hat jetzt dieſe ſtille Werkſtaͤtte der Natur verſtoͤrt, und ein haͤßlicher Schacht leider den Zugang bequem gemacht. 1822. 134 3 kann er die sten fertig machen, bis fie zur diese hinun⸗ ter kommen. In Guttenberg findet man im Wirthshauſe zum Lö⸗ wen gute und billige Herberge, freundliche Zimmer (ſo wenig das Aeußre verſpricht), fuͤr ein Nachtlager leidliche Betten, zum Mittagsmahle Fleiſch, treffliche Forellen, guten Wein, Selterſerwaſſer. Die Schweizerlage ſcheint hier ein Schweiz zerwirthshaus geſchaffen zu haben. Auch wird ein Fremden— buch gehalten, und der Fruͤhling bringt immer mehr Gaͤſte. Guttenberg gehoͤrte den Herzogen von Teck, die hier eine Veſte mit ihrem Archiv hatten; kam aber mit dem ganzen Lenninger hal im Jahr 1585 an Wuͤrtemberg. Die Veſte brannte im J. 1598 ab. Im vorigen Jahrh. ſoll ein Edler v. Schlaiz hinter dem Pfarrhaus fein Schloß gehabt haben, vor etwa 80 Jahren der letzte feines Geſchlechts geſtorben und in der Kirche des Dorfes begraben ſeyn. Eine halbe Stunde vom Dorfe, im Dun- oder Thunthal ſuͤdlich im Waldgebirge, Boͤhringen zu, waren die Ruinen von Manſperg und ſind die von Sperwersecck zu ſchauen *), beides die Sitze abge⸗ gangner edler Geſchlechter. Jenes war ſchon zu Erufius Zeit Ruine. Unter den Sperwerseckern waren kriegsfreudige und ruͤſtige Maͤnner, beruͤhmt in den heil. Kriegen. — In dem oͤſtlichen Thalgrund, 10 Minuten vom Dorf, unter breiten Fel— ſenwaͤnden, fidert aus ebnem Kiesboden der andre Arm der Lauter hervor. Der ſtille Grund verlohnt den Gang. Von Guttenberg waͤhlt der Reiſende entweder den Fuß⸗ weg durch die Obſtwieſen, oder er wandert, wenn dieſe eben *) Von Manſperg, obgleich Sattler es verſichert, findet man keine Spuren. Hoͤslin vermuthet daraus, es möchte iden⸗ tiſch mit Sperberseck ſeyn, und die Sperber koͤnnten es von den Herrn von Manſperg erkauft haben. Dieſe Sder⸗ f ber oder Sperwer waren naͤmlich urſpruͤnglich ein Reut⸗ lingiſches Buͤrgergeſchlecht; erſt ſpaͤter nennen fie ſich Sper— wer v. Sperwerseck und endlich Freiherrn v. Sperwers⸗ eck. Die Grundlage der Burg iſt nicht ſehr geraͤumig; deſto feſter ſcheint fie geweſen zu ſeyn. Sie lag auf einer felfige ten, ſehr ſteilen Ecke des Gebirgs, doch merklich niedriger als die andern, und ſelbſt als der anhangende Berg. Gegen der Lande oder Bergſeite war fie mit einem hohen Mantel bekleidet, der durch einen trocknen Graben beſchuͤtzt war; vor dieſem war ein Wall, und vor dieſem noch ein Graben. In der Naͤhe war ein gefaßter Burgbronnen. N — \ 135 x i 2 4 gewaͤſſert werden und ungangbar find, auf derſelben Straße zuruͤck, die er hergekommen, bis zu ihrer Einbeugung ins Lenninger Thal, 5 das von der Lauter, deren beide Urfprünge ſich bald vereink⸗ gen, gebildet, zwiſchen waldige Alpen eine unzaͤhlige Fuͤlle von Bluͤthenbaͤumen zuſammendraͤngt, unter deren Schatten der ſilberne Waldbach hinſchleicht, und mit welchen vier Ort— ſchaften Oberlenningen, Unterlenningen, Brucken und Owen ſich bekraͤnzen. Bei dem letztern Staͤdtchen oͤffnet ſich das Thal zwei Stunden von ſeinem Abſchluß bei Gutten— berg; der Bluͤthenwald wendet ſich dort im offnern Raume rechts gegen Kirchheim an der Teck, und ſchlingt ſich in eink— ger Entfernung wie ein Blumengehaͤnge um die Vorderſeite des hohen und gruͤnen Teckberges. Das Lenninger Thal gleicht dem Uracher durch ſeine Berg— bekraͤnzung, wie durch ſeine Bluͤthenfuͤlle in der Tiefe. Doch unterſcheidet ſich ſein Charakter im Einzelnen auch wieder we— ſentlich von jenem. Es hat keine Kruͤmmungen, keine kegel⸗ foͤrmige, keine von den Hauptmaſſen ſich abloͤſende, keine bis — — an den unterſten Fuß mit Wald bewachſene Berge, wie das Uracher Thal, und iſt dadurch weniger wild und vielleicht we— niger romantiſch. Dafuͤr ſind aber auch beide Bergwaͤnde deſ— ſelben gleich reichlich mit Felſen und Waͤldern und die gegen Weſten ſchauende auch noch mit jenen Ahnungen von Burg— ruinen geſchmuͤckt, und die Schoͤnheit des Ganzen laͤßt ſich mit Einem Blick uͤberſchauen; waͤhrend im Uracher Thal die nach Weſten gekehrte Wand gegen die dunkel bekleidete oͤſtliche und deren Formenwechſel faſt arm und einfoͤrmig erſcheint, und den Totaleindruck ſtoͤrt, auch die ſonſt ſchoͤne Kruͤmmung des Thales den Ueberblick hindert, und auf der Haͤlfte des Weges Hohenurach, die Hauptzierde, den Augen ganz ent— zieht. Weiter enthaͤlt das Lenninger Thal, zumahl bei ſeiner Mündung, eine viel größere Bluͤthenfuͤlle, ein wahres Bluͤ— thenmeer; und endlich hat es eine auffallende, manchem Rei- ſenden vielleicht willkommne Aehnlichkeit durch ſeine Berge mit den Alpenufern des Vierwaldſtaͤtter Sees zwiſchen Ger— ſau, Brunnen und Beckenrieth (den Schweizerhacken ausge— nommen). Was dort See iſt, verwandelt ſich hier in den Silberſtrom der Bluͤtheu. Auch der Terberg hat, jedoch mehr 136 von der Kirchheimer Seite betrachtet, in Form und Farbe viel Aehnliches mit dem Rigi — si parva licet componere magnis. f Nach Oberlenningen geht man auf der guten Chauſ— ſee oder im Schatten der Bluͤthenbaͤume durch die Wieſen in einer Stunde. Der Wandrer, der von Guttenberg kommt, hat hier eine Gebirgswand zur Rechten, die etwas vorſpringt, ſo daß dadurch eine kleine Kruͤmmung des Thales ſich bildet, der Vorſprung wird auf der Hoͤhe ganz ſchmal und ſcharfkan— tig, und ſchießt am Ende in mehrere vereinzelte Felsſpitzen auf, von welchen wenigſtens drei noch ſichtbare Spuren von kleinen Schloͤſſern oder Burgſtaͤllen tragen. Wer dieſe ſehr intereſſante Parthie mitnehmen will, beſteigt den Berg auf bequemem, wenn auch ſteilem Pfade von Oberlenningen aus etwa in “/ Stunden, und beſucht zuerſt den vorderſten Vor— ſprung mit gewaltigen hoͤchſt mahleriſchen Felſen, der einſt die Burg 5 Wielandſtein trug. Man muß uͤber die Keckheit ſtaunen, die auf einen ſo ſchwindelnden Gipfel zu bauen gewagt und den Vortheil ſo hoch angeſchlagen hat, den hier allerdings die Felsſtuͤcke ge— währen, inſofern fie an manchen Seiten alles Mauerwerk er— ſpart haben, und ſelbſt einen ergaͤnzenden Theil des Ge— maͤuers ausmachen. Die wenigen Ruinen tragen jetzt eine ſchoͤne Baumgruppe, die, mitten aus ihnen hervorgewachſen, weit ins Thal hineinſteht. Wielandſtein war einſt ein Lehen der Swelher, der Schillinge, der Spaͤthe, wer aber die urſpruͤnglichen Bes ſitzer waren, liegt im Dunkeln. Doch ſcheinen fie nicht unbe- guͤtert geweſen zu ſeyn, denn im J. 1356 verkaufte ein Hein- rich Fink von Wielandſtein das Dorf Biſſingen unter Teck an Wuͤrtemberg. — Schon Cruſius fand Wielandſtein N ſtoͤrt und an die Oberlenninger verkauft. Erklettert man die naͤchſten freiſtehenden Felsſtuͤcke, die auch noch, obwohl mit wenigern Mauern, gekroͤnt ſind, ſo findet man dieſelbe Kuͤhnheit der Bauart, daſſelbe Verwachſen der Steine in die Felſen. Namentlich ſcheint auf einem der— ſelben ein ſenkrechter Felsſtrahl faſt ohne Zuthat von Men— ſchenhand ſich zur Thurmwarte angeboten zu haben. Ob dieſe Burgſtaͤlle einen beſondern Namen gefuͤhrt, oder zu der / 197 Hauptburg Wielandftein gehörten, weiß man nicht. Man ge⸗ nießt von dieſen Spitzen einen koͤſtlichen Ueberblick des Len— ninger Thals, und außerdem den Niederblick in eine wilde, enge Seitenſchlucht, die ſich dem Auge erſt hier entdeckt. Der duͤſtern Lage dieſer drei Schloͤſſer entſpricht die traurige aber bedeutſame Sage von drei Bruͤdern, denen einſt dieſe Schloͤſſer gehoͤrt, eine Sage, die ſich muͤndlich bis auf dieſen Tag fortgepflanzt, und das Spruͤchwort im Thal erzeugt hat: „'s iſt a Kerl, wie die drei Bruͤder aufm Schloͤßle.“ Die drei Bruͤder vom Wielandſtein. 1. N 1 Auf Wielandſtein im luft'gen Saal ö 8 An Einem Tiſch, beim gleichen Mahl Da ſitzen jung und fein, N Aus Einem Becher trinken ſie, Und laͤcheln ſtets und zuͤrnen nie, Drei holde Knaben klein. Der Wind ſtoßt an das hohe Haus, Der Regen ſtroͤmet mit Gebraus, Kein Menſchentritt erſchallt; Doch freundlich iſt es Tag und Nacht, Im hohen Schloß, wo Liebe lacht, Wo Kinderunſchuld wallt. Im tiefen Dorf der Bauersmann Kalt ſeine wilden Knaben an, Und auf das Schloß er zeigt: „Ei, wollt ihr nicht ſo fromm und fein, Wie droben die drei Brüder ſeyn?“ Alsbald ſein Haufe ſchweigt. 2. Es ſind der Schlöffer worden drei, Sie ſchauen von dem Berge frei, Von Steinen feſt gebaut. Doch innen iſt es nicht mehr ſchoͤn: Man ſah die Treue ferne gehn, Es wich die Liebe traut. 138 ZT * Ein Bruder wohnt in jedem Haus, Er laͤdt den andern nicht zum Schmaus, EDER Er gruͤßet nicht fein Schloß: 8 Steigt Jeder in ein andres Thal, Sucht Jeder andern Sonnenſtrahl, Traͤnkt anderswo ſein Roß. Und Nachts bis um den Hahnenſchrei Verlarvte Maͤnner fechten drei Am Kreuzweg in dem Wald; * Der Bauer vuft den Kindern klein: „Ei, wollt ihr fromm und friedlich ſeyn? Horcht, horcht, wie Unfried ſchallt!“ Von da durch Unterlenningen (/ St.) nn die Sulzburg | . (% St.), einem kleinen grünen Hügel links vom Dorfe mitten im Thal, auf dem die vier Mauern eines noch nicht allzu lange abgebrochenen Schloſſes noch ſtehen. Der Hügel iſt ſehr beſteigenswerth durch die lachende Einſtcht in das blühende Thal nach beiden Seiten, der Oeffnung und dem Schluſſe zu, dann durch den Aufblick gegen den Rauber und gegen Teck. An ſeine Hinterſeite lehnt ſich in einem e Obſtgarten eine Pachterey, die dem Wandrer Obſtmoſt, Kirfchgeift (ein Hauptprodukt des Lenninger Thals) und Forellen anbietet. Die Bluͤthe auf dieſer Seite iſt beſonders üppig. 6 Sulzburg war vor Alters ein Beſitzthum der Spaͤthe von Zwiefalten, zuletzt, mit dem Rauber, der Herrn von Mekzin⸗ gen; ſeit zwei Jahren hat es die Gemeinde von Unterlennin⸗ gen an ſich gebracht und das Gut ſtuͤckweiſe verkauft. — Auch die Herrn von Lenningen waren ein altes und tapfres Ge— ſchlecht. Ein Cuno von Lenningen, ein trotziger und grau— ſamer Krieger, war der Schrecken der ganzen Gegend. Aber auch ihm kam ſeine Zeit, wo er geſchreckt durch die Feind⸗ ſchaft aller, in die ſchuͤtzenden Mauern des Kloſters Zwiefalten kroch. Von Unterlenningen aus muͤßte derjenige ſeinen Weg nehmen, der auch die alten Schloͤſſer Rauber und Dippoldsburg beſuchen wollte, die pon der Teck nur durch eine Bergesſen— 139 kung getrennt, jetzt laͤngſt zerſtoͤrt auf der Gebirgshoͤhe hin— tereinander liegen. Bis zu dem ſogenannten Rauber-(Schaf) Hof iſt der Weg ertraͤglich; dann aber muß man ſich einen Weg uͤber Felſen, Abgruͤnde, Diſteln und Dornen ſuchen, bis man an die gewaltigen Mauern des Raubers gelangt, der im dichten Waldgebuͤſche lauernd, recht wie der gemeine Raub— ritter hinter dem ſchirmenden, edlern, hinter der offenen, ſtol— zen Stirne der Teck ſich birgt. Von der Dippoldsburg iſt nichts mehr zu ſehen. Sie lag ſchon am Ende des 16. Jahr- hunderts in Truͤmmern. Wer die erſten Gruͤnder oder Beſtz— zer dieſer Burgen waren, iſt ungewiß. Dippolds burg ſoll nach der einen Tradition von zwei Bruͤdern, Herzogen in Schwa— ben, nach der andern vom Grafen Dippold von Aichelberg er— baut worden ſeyn. Der alte Cruſtus ſchreibt von beiden Schloͤſſern alſo: . „Ueber dem Thal, das zwiſchen der Teck und der Alb iſt, findet man auf den Bergen zwei Schloͤſſer, die heiſſen Die— belsburg und Rauber). Die Namen kommen oft mit der Sache uͤberein. Denn es ſollen vor Zeiten Leute da ge— wohnt haben, deren Gebrauch geweſen, auf Beute auszuge— hen, und vom Raube zu leben. Man kann es an zwei Mau- ern ſehen, die von den Schloͤſſern weit hinausgehen; wer zwi— ſchen dieſelbe hineingebracht worden, war ſchon verloren; wie alte Leute erzaͤhlen. Jetzt ſind nur noch die Spuren davon zu ſehen. Sie gehoͤren dem Edeln Georg Schilling von Can— ſtatt, der zu Owen wohnt.“ Ohne Zweifel waren die Be— wohner aller dieſer umliegenden Schloͤſſer Miniſteriales (oder Dienſtleute) der Herzoge von Teck. Sage vom Lenninger Thal. Noch erwaͤhnt Cruſtus einer alten Sage vom Lenninger Thal. „Es ſoll uͤber daſſelbe Einer, auf einem jaͤhrigen Kalb ſitzend, geſprungen ſeyn, naͤmlich ein Hexenmeiſter welcher * Schwerlich hat Cruſius dies aus eigener Anſchauung, und es wäre nicht unmoglich, was Hoͤslin in feiner Beſchrei— bung der wuͤrtemb. Alb poſitiv behauptet, daß Diepolds— burg (oder Dieboldſtein, wie er es nennt) und das Ra u⸗ berſchloß eine und dieſelbe Burg geweſen, mithin das la tere etwa nur ein Spitznahme des erſtern. 140 ö geſagt habe: was haͤltſt du vom Sprung dleſes jaͤhrigen Kalbs? iſt er groß genug? daher das Sprichwort: laß mir das einen feinen Sprung ſeyn fuͤr ein jaͤhriges Kalb.“ Cruſtus ſcheint dieſe Sage aus dem Munde des Volks geſchoͤpft zu haben; ausfuͤhrlicher und etwas anders finden wir ſie hundert und fuͤnfzig Jahre vor ihm in dem alten Gedichte des Ritters Hermann von Sachſenheim, der im Jahr 1458 ſtarb, und in der Stiftskirche zu Stuttgart begraben liegt. Das Gedicht heißt die Moͤhrin, und enthaͤlt die Er— zaͤhlung, wie der Verfaſſer an den Hof der Venus gezaubert, dort wegen mehrfacher Vergehungen gegen die Majeſtaͤt der Goͤttin vor Gericht geſtellt, und von einer der Hofdamen, Brinhilt, einer Moͤhr in, hart verklagt, endlich aber wieder befreit wird. Er findet an dieſem Hof einen Freund und ei— ne Stuͤtze an einem alten grauen Bruder von treuer Art, mit Nahmen Eckart, der ihn vertheidigt. Beſonders ergoͤtzt und gewinnt Hermann den Hof durch mannigfaltige Erzaͤhlung von allerlei Schwaͤnken und Geſchichten. Die guͤtige Mittheilung einer der feltenen Ausgaben dieſes Buches ) durch Hrn. Pro- feſſor Veeſenmeyer in Ulm ſetzt mich in den Stand, meinen Leſern die Erzaͤhlung „ „die hieher BR, (P. XXXII und XXXII). Dorther bei Urach auf der Alb Da ſprang ein alt Weib mit eien Kalb Gar über ein wundertiefes Thal; Bei Leiningen g'ſchah dieſer Fall. — „Der Knecht der ab dem Kalb da fiel, Der mocht' wohl ſeyn ein thoͤricht Giel! (Sprach einer bei den Herren dort) Solch Wunder iſt vor nie gehoͤrt!“ Sag an, Geſell, wie fuͤgt ſich das, Daß Einer auf ei'm Kalbe ſaß. Das wollten wir all hoͤren gern!“ Ich ſprach: Wollt Ihr's dann nit entbehr'n, Ich will Euch ſagen fremde Maͤhr! — 9 Worms bei Sebaſt. Wagner, 1556. 141 Sie traten alle zu mir her, Und wollten hoͤren Wunderwerk. Ich ſprach: Ein Graf von Wirtenberg, Der wollt ein' noͤthig' Botſchaft han Gen Prag, zu Kaiſer Karlen, than, Der Kaiſer Sigmunds Vater was. Ein alt Weib nah bei Urach ſaß, Die hätt? gemacht ein' Zauberſalb', Damit beſtrich ſie wohl das Kalb, 5 Und ſatzt' darauf ihr'n Mann zu Hand: In Einer Nacht er gen Prag rannt', Und warb fein Botſchaft ſchnell und bald. Ihm haͤtt' verboten auch die Alt, „So er heim wieder reiten wollt, Daß er ein Wort nit ſprechen ſollt. Dieweil er ſaß auf dieſem Kalb, Alsbald er kam nah zu der Alb, Und er erſah das tiefe Thal: — Da ſprengt er hinuͤber ohne Fall. Der Bot' war alt, er war nicht jung, Er ſprach: „Das iſt der ſchoͤnſte Sprung, Den ich von Kaͤlbern je geſach. Alsbald er da das Wort geſprach, Da ſtund er da, das Kalb verſchwand. Hin auf das Schloß gieng er zu Hand, Und bracht' ſein' Botſchaft glaublich dar; . Deß nahm der Herr gar eben wahr, Und mußt' ihm ſagen dieſe Maͤhr, N Wie er ſo ſchnell waͤr' kommen her? f Das thaͤt der Bot', und war gar geil. Der Herr, der ſprach: „Gott geb' uns Heil! Was duͤrfen wir nun großer Roß? Die Kälber ſpringen über d' Mooß (über die Maaßen), Und dazu uͤber tiefe Thal, Und das beſchicht ohn' allen Fall!“ — 5 Der Marſchall ſprach: „Der Herr hat wahr! Es waͤr' ein Wunder offenbar, Bi Und gieng doch zu, mit Zauberwerk!“ — „Wer ſeind die Herrn von Wirtenberg?“ Sprach Einer, der hieß Freiermuth. — Ich ſprach: Es feind doch Grafen gut, Lang her geborn von hoher Art, 25 Beſonder jezt von Frauen zart 5 % Wird ihr Geſchlecht von hohem Stamm, N Wiewohl ſie nit hont (haben) Fuͤrſtennahm, So ſeind ſie doch wohl ihr Genoß An Land und Leut und Mannbeit groß, Der'r hont ihr? Vordern viel gethan. = Von Unterlenningen gelangt man in Stunde nach Brucken, und in immer ſchoͤnerer Bluͤthe (die Birnbaͤume werden haͤufiger und groͤßer, roſige Aprikoſen und Pfirſchen miſchen ſich unter den Schnee) nach dem Staͤdtchen Owen (ſprich: Auen). en Teck beer gi Goͤhe 2702 Wuͤrtemb. Fuß.) ar Zwar hätte der Wanderer ſchon von Unterlenningen aus die Teck beſteigen koͤnnen, und zwar auf einem recht ſchoͤnen, aber auch recht muͤhſeeligen Waldweg uͤber die Lochwieſen zwiſchen dem Rauber und der Teck hinauf, den Berg-Grath, durch welchen Teck auf der ſuͤdoͤſtlichen Seite mit der Alb zu⸗ ſammenhaͤngt, und der oft nur einige Schuh breit iſt, fo daß man faſt auf ihm reiten kann, und den einen Fuß in die Tie⸗ fen des Lenninger Thals, den andern gegen Biſſingen und die Kirchheimer Flaͤche hinaus ſtreckt, die in gleicher Tiefe zu des Wandrers Fuͤßen liegt, (Sattelbogen heißt auch dieſer Grath, wie jeder Uebergang eines Gebirgszuges in den andern, bei den Aelblern) dann rechts am gelben Fel⸗ fen vorbei auf die Teck ſelbſt (im Ganzen 1% St.). Der Weg iſt ſchoͤn und intereſſant, beſonders fuͤr den Botaniker. Aber man verliert dadurch die ſchoͤnſte Bluͤthe zwiſchen Unter- lenningen und Owen, und findet vor dem letztern Staͤdtchen einen weit bequemern und kuͤrzern Fußpfad, der in einer klei⸗ nen Stunde bis auf den Gipfel fuͤhrt, was nach ſo vielem Bergſteigen doch zu berechnen iſt. Dieſen Weg laͤßt man ſich am erſten Hauſe von Owen zeigen; im Aufſteigen hat man links zur Seite einen runden, gruͤnen Haideberg, der einen maͤchtigen Vorſprung der Teck bildet, der Hauptbohl ge— — 143 nannt). Zwei Drittheile des Berges auf dieſer Seite find mit Weinbergen und gruͤner Haide bedeckt, und nur das lezte Drittheil mit Wald. Das eigentliche Eck (Teck) aber bildet ein ungeheurer Felsblock, weſtlich aus dem Wald emporſtei— gend, und der Hauptausſicht zugekehrt; uͤber ihm erhob ſich einer der Hauptthuͤrme der alten Teck. Die Oſtſeite des Berges iſt ganz waldig. Der ziemlich breite Gipfel des Berges iſt jetzt nur noch mit einigen Thuͤrmen und Ringmanern bedeckt, wovon das Wenigſte Truͤmmer des alten Schloſſes ſind; namentlich gehören die oberſten Mauern, von armſeliger Bauart, einem Gebaͤu des militaͤriſchen Herzogs Carl Alexander, der in ſeinem Todesjahre (1758) den ſonderbaren Gedanken, in die— ſer Hoͤhe eine Kaſerne zu bauen, halb ausgefuͤhrt hat. Die aͤlteſten Maͤnner des Staͤdtchens Owen erinnern ſich, vor 84 Jahren als Knaben mit den Maurern hinaufgeſchlendert und Steine zu dem Bau geboten zu haben, deſſen Trümmer fie nun überleben. Gegen das Staͤdtchen Owen zu ſind die altern Mauern noch am beſten erhalten, leider aber verhindern fie auch die Totalausſicht von der Höhe, namentlich den Ausblick auf den einen Theil der Flaͤche, die jedoch vielleicht durch den Durch— blick durch die geraͤumigen Schießſcharten an Zauber gewinnt. Hier ſtehen auch noch 4 Halbthuͤrme. Ein Theil der Ecke die⸗ ſer Seite iſt niedergeriſſen, weil Herzog Carl der Graͤfin von Hohenheim Ausſicht verſchaffen wollte. Dieß kommt uns al— len zu gute. Wir lagern uns mit Bequemlichkeit auf die Haide, und blicken bei einem Abendbrod auf Owen und ſeinen Baumgarten, ins Lenninger Thal, und auf einen Theil der Flaͤche hinab bis Kirchheim, Kanſtadt und den Rothenberg. Beſonders ſchoͤn iſt hier die Gebirgsausſicht nach Suͤdweſten, wo auſſer den Bergen des Lenninger Thals (Sulzburg erſcheint wie ein Maulwurfshaufen) der breite Sarg, der den Beure— ner Felſen traͤgt, und von der wunderlichen Volksphantaſie den Namen Baßgeige erhalten hat, ſich vor allen hervorſtellt. Hinter ihm ſchauen Neufens Ruinen ganz mahleriſch hervor, 4 ) Schon Cruſius ſpricht von einem kleinen und großen Po ll, . als Vorhuͤgeln des Arlbergez. 15 N links der Roßberg, rechts Achalm, noch weſtlicher und naͤher der Sattelbogen mit dem lachenden Gravenberg. f Gegen Mittag ſteht noch ein Thurm halb, von innen be— deckt, vormals ein Gefaͤngniß; man kann ihn noch beſteigen. Doch iſt die Mittagsſeite des Schloſſes ſchon weit mehr be- ſchaͤdigt. Ganz verwuͤſtet aber iſt es gegen Morgen und ge— gen Mitternacht, wo das Thor und noch jetzt der Eingang, und ein guter Burgweg von Kirchheim her iſt; auf dieſen Seiten ſind die Mauern bis auf die Fundamente abgetragen. Fuͤr dieſe Zerſtoͤrung entſchaͤdigt die offene Ausſicht von der nordoͤſtlichen Spitze. Auſſer den Eßlinger, Schorndorfer, Welzheimer und Backnanger Bergen erſcheinen in einer Ferne von 5 Stunden die drei abgeſonderten vulkaniſchen Geſtalten des Hohenſtaufen, des Rechbergs, des Stuifenbergs, bet hei— terem Himmel juſt ſo geordnet und ſo wunderbar gefaͤrbt, wie die Burgen der heil. 5 Könige auf dem unvergleichlichen gro— ßen Gemaͤlde Hemlings in der Sammlung der Herren Boiſſerée; vorwärts der Aichelberg, der Turnberg, det Ercken— berg, niedrigere und abgerundetere Vorſpruͤnge der Alb; links gegenuͤber von Teck ganz nahe der ſchroffe Breitenſtein. — Zur Burg umgewendet finden wir von innern Gebaͤnden keine Spur mehr. Das große laͤnglichte Viereck, das die Mauern umſchlieſſen, iſt ſeit kurzem mit jungen Lindenalleen bepflanzt, deren Fortkommen aber zweifelhaft iſt. Nur ein ummauerter Kreis bezeichnet noch die Stelle einer Ziſterne. Nach dem Gemaͤlde, das von dem alten Schloß in ſeinem Beſtande zu Owen in der Kirche im Original und der Copie vorhanden, und jetzt durch Herrn Seyffers treuen aber ver— edelnden Grabſtichel im ſchwaͤb. Almanach auf 1820 (ſo wie Hohenurach) Gemeingut geworden iſt: — nach dieſem Gemaͤlde zu urtheilen, glich das alte Teck mehr einer Stadt als einer Burg, reich an hohen Thuͤrmen, Thoren, Zinnen, Mauern und Wohnhaͤuſern. In dieſer Geſtalt dauerte es bis zum Bauernkrieg, wo der helle Haufen unter Hans Wunde— rers Anfuͤhrung es zerſtoͤrte, und ihm die Geſtalt gab, in der es uns jetzt entgegenblickt. Vis ins Jahr 1575 ſtand noch eine Capelle mit Gemaͤlden und Bildern geziert. — An die Stelle der neuern Kaſerne trat eine Zeitlang eine Melkerei. Auſſer den geſchichtlichen Erinnerungen finden ſich auf Teck auch noch einige Naturmerkwpuͤrdigkeiten. 145 Am unterſten Rande des großen weſtlichen Burgfelſen oͤffnet ſich eine hohe und weite, von der Natur gebaute Grotte, das Sibyllenloch | genannt. Der Weg führt durch den Wald hinab, eines Büche ſenſchuſſes Laͤnge, an dem hohen Felſen vorbei; er gewaͤhrt den einzigen Standpunkt, von dem aus die Truͤmmer auf dem ſchroffen Felſen ſich wirklich kuͤhn und pittoresk ausnehmen. Die Hoͤhle ſelbſt, von Waldgeſtraͤuch umgeben, iſt uͤber Fel— fen ſchwer und, weil fie am Abgrund liegt, mit großer Bes hutſamkeit zu beſteigen; ein paar (freilich nicht ſteife und nicht entſtellende) Staffeln in den Felſen gehauen, waͤren eine große Wohlthat fuͤr den Wandrer. Die Grotte ſelbſt iſt von brau— nen Felſen, die drohend aus der Decke herunterhangen, hoch 7 und ſchoͤn gewoͤlbt, die Ausſicht auf den weiten Weſten und die untergehende Sonne aus ihrer dunkeln Einfaſſung neu und unvergleichlich. Mehrſtimmiger Geſang hallt herrlich. Piſto— len und Schwaͤrmern antwortet ein maͤchtiger Wiederhall aus den Rippen des Berges. Nach einer maͤßigen Tiefe verengt ſich die Hoͤhle ſo, daß man auf dem Bauche hineinkriechen muß. Wohin und wie weit ſie fuͤhrt, iſt unergruͤndet, einige meinen mittaͤglich aufwaͤrts gegen die Burg, wo ſich wieder ein laͤngſt verſchuͤttetes Loch findet. Die Volksſage fuͤhrt ſie zwei Stunden durch des Berges Eingeweide fort, bis nach Guttenberg. An den Eingang pflanzt fie einen großen Hund, den Waͤchter eines ungeheuren Schatzes. In den Kriegen des 16ten Jahrh. forſchten dieſem ſpaniſche und andre Kriegs— knechte nach, und wagten ſich mit vieler Verwegenheit in die Hoͤhle; fie brachten aber nichts andres mit als zerriffne Klei— der. — Den Namen Sibyllenloch hat der Höhle ohne Zwei— fel auch die Volksſage gegeben. Eine Sibylle ſoll hier, als Prophetin und Hexe, gehaust haben, und mit feurigem Zau— berwagen ins Thal hinabgefahren ſeyn. Auf der Stelle, uͤber die der Wagen in der Ebne fuhr, verdorrt noch auf den heu— tigen Tag Gras, Kraut und Halm. Mit jedem Fruͤhjahr erſcheint der rothe Strich queer durch das Feld. Das Phaͤno— men iſt nicht zu laͤugnen. Kommt es vielleicht von einem un⸗ terirdiſchen Gang her, der eine Strecke Feldes unterminiert und das Wachsthum hindert? Ehe man die Teck verlaͤßt, verdient der gelbe Fels noch Schwab, ſchwaͤb. Alb. 10 146 einen Beſuch. Am Ende des Teck⸗ Berges, uͤber deſſen Heide man an einem jetzt verſchuͤtteten Brunnen, der in den trockenſten Jahren nicht verſtegte, und erſt ſeit kurzer Zeit ausgeblieben iſt, voruͤber wandelt, ſpringt dieſer Fels ſchroff in den Ab— grund hinaus, rundum von Felſenmaſſen umgeben, mit einer wilden Ausſicht in den Abgrund, und einer lachenden ins Len— ninger Thal. Geſtein und Erde ſind gelb. Wenige Schritte von ihm einwaͤrts läßt ein enges Loch auf ebnem Felsboden durch einen ſchiefen Gang hinab als in einen Keller blicken. Es oͤffnet ſich unter dem Boden zu einer ziemlichen Woͤlbung und heißt das Vrena-Beutlins loch. Im löten Jahrhundert erzählten die Beurener Bauern folgendes, doch wohl ſchon als aͤltre Sage, was zu Cruſt us Ohren alſo gelangt iſt: In dieſer Hoͤhle hielt ſich ein Weib, mit Namen Verena Beutlin verborgen, und lebte da im ehebrecheriſchen Um— gang mit einem verheuratheten Manne des Dorfes Beuren. Sie gebar und erzog ihm in dieſem Loch zwei Knaben. Oft ſahen die Leute von Beuren den Rauch der Kochenden aus der Höhle ſteigen; fie hielten ihn aber für eine natuͤrliche Ausduͤnſtung des Berges: oft ſahen ſie auch ein rothes Tuch, oder ein weißes herabwehen, mit welchem die Frau dem Ehe— brecher ein Zeichen gab, daß er merken koͤnnte, an was es ihr gebraͤche. Sie meinten aber, der Wind hätte es von un- gefaͤhr dahin getrieben. Denn damals, ſetzt Cruſtus ſelbſtge— faͤllig hinzu, waren die Leute einfaͤltiger, als heutiges Tages. Oft gieng der Mann mit einer Haue und einem Speiſekorb durch das Dorf, aber Niemand ſtellte ſich auch nur im Traum die Urſache vor. Er gehe in den Weinberg eines Buͤrgers von Owen zu arbeiten, dachte man. Endlich, als der aͤlteſte Knabe ſchon ziemlich heran gewachſen war, lief er aus dem Felſen, ward geſehen und die Sache entdeckt. Nun krochen die Leute von Beuren in das Loch, wo fie Mutter und Kin— der in der ordentlich zugerichteten, und mit allem Hausrath wie eine Stube verſehenen Hoͤhle fanden. Jetzt fuͤhrte man ſie heraus, und taufte die Kinder. Der aͤltere gieng dabei an der Hand ſeiner Mutter in die Kirche. — 147 Wir verlaſſen den Berg nicht ohne feiner alten Bewoh⸗ ner, der Herzoge von Teck zu gedenken. Zu der Zeit, wo der Name Wuͤrtembergs zum erſtenmal in der Geſchichte genannt wird, führte Berthold von Zaͤhrin⸗ gen, Herzog in Kaͤrnthen, den Krieg mit dem Gegenkoͤnig ges gen K. Heinrich IV. Adalbert, ſein Urenkel, brachte den Herzogstitel auf ſeine Linie, und wurde Stammvater der Herzoge von Teck, im letzten Jahrzehende des ı2ten Jahr— hunderts. Alle umliegenden Guͤterbeſitzer, deren Namen wir kennen gelernt, dazu die Neidlinger, die Lichtenecker, die Wernau, die Reuſſen waren Dienſtadel dieſer Herzoge. Die ganze Gegend, die ſich vom Teckberge her über Boll und Duͤr— nau, Lothenberg und Heiningen, gegen Göppingen hin er— ſtreckt, gehörte, nur durchſchnitten von den Beſttzungen der Grafen von Aichelberg, zu der Teckiſchen Herrſchaft; außer— dem beſaßen fie noch bedeutende Landſtriche im Unterland und im Schwarzwald. Am bluͤhendſten ſcheint dieſes Haus zur Zeit des Interregnums, nach dem Abgang der Hohenſtaufen geweſen zu ſeyn. Aber im ısten Jahrhundert theilte ſich die große Erbſchaft nach Ludwigs II. und Conrads II. Tod unter 6 Vettern und Bruͤdern, und nun folgte bald Verpfaͤndung und nothgedrungener Verkauf der ſchoͤnſten Güter, und ſchon im J. 1581 gieng das letzte Beſitzthum Teck und Kirchheim aus Herzog Friedrichs II. Haͤnden vollends an Wuͤrtemberg über, das bei Errichtung des Herzogthums auch den Titel auf— nahm. Nur die Herrſchaft Mindelheim blieb ihm und ſeinen 7 Söhnen, von welchen gluͤcklicherweiſe keiner fein Geſchlecht fortpflanzte. Zwei von ihnen widmeten ſich dem geiſtlichen Stand, der eine, Ludwig, ſtarb als vertriebner Patriarch von Aquileja zu Baſel an der Peſt (1439), der andre als — Dok— tor der Theologie und Provinzial zu Baiern. Ausgezeichnete Maͤnner ſcheint das Geſchlecht nicht erzeugt zu haben. Nur Herzog Conrad (T 1292) ward wegen feiner Treue, die er Kaiſer und Reich bewieſen, von Rudolph II. belohnt, daß er aber ſogar zum roͤmiſchen König vorgeſchlagen worden, dafür hat Cruſius kein Belege, als ein altes Meß- buch. Ihr Begraͤbniß iſt in dem Chor der Stadtkirche zu 10 * oe 148 N | x Owen. Herzog Ludwig von Wuͤrtemberg ließ einen Theil oͤff⸗ nen; man fand Schädel und Gebeine von 4 Leibern, alle groß und gewaltig; an Einem der Schaͤdel ein Loch, als von einem Kolbenſtreich, ſo groß wie ein Hühnerey. „Vielleicht war es der Leichnam Conrads III., der im J. 1548 zu Muͤnchen von einem Edeln ermordet wurde. Die Grabſteine ſind noch in der Kirche zu ſchauen. Zu dieſer, der einzigen Merkwuͤrdig⸗ keit des Staͤdtchens De | O wen, 1 (1596 Einw.), nach dem unſre Wandrer auf dem alten Wege zuruͤckkehren, wollen wir uns jetzt wenden. Nur an dieſer ſtattlichen alten Kirche kann man das Städtchen als eine Her— zogsreſidenz erkennen. Alles uͤbrige iſt ſo armſelig und dorf— maͤßig, daß nicht einmal ein leidliches Wirthshaus zu finden iſt, und der Wandrer nach Beſichtigung der Kirche lieber alſo— bald Kirchheim zu wandert. Das Schiff der Kirche, hoch und geräumig, hat auf jeder Seite 3 Säulen, oben im Chor find Spuren von Glasmalerey. Am Taufſtein find unleſerliche Grab⸗ ſteine. Ueber einem zeigte ſich in der neueſten Zeit wiederholt dle ſonderbare Erſcheinung, daß die waͤhrend der Kinderlehre dar- auf ſtehenden Knaben jedesmal Uebelkeiten empfanden. Man ließ aufgraben, fand aber nichts als ein Schwert, ein Meſſer und eine Gabel. Im Chor zeichnet ſich das Grab einer Frau v. Schilling und ihrer Kinder in erhabner Steinarbeit, an der Wand der Kirche das Grabgemaͤlde des erſten Amtmanns der Stadt mit alten Reimen aus. Der beſte Schatz der Kirche ſind 2 Gemaͤlde des alten Teck (ſ. oben). Das eine auf einer ganz kleinen Votivtafel, die den reichen Mann und den ar= men Lazarus vorſtellt, mit der Jahrszahl 1542, renoviert im J. 1675. Das andre größer auf Leinwand, aber wahrſchein— lich Copie des erſtern, doch mit Hinzufuͤgung des ganzen Bers ges, gut renoviert im J. 1806. Die ganze Kirche iſt in gu⸗ tem Stande. — Noch iſt in der Naͤhe von Owen eine Heil- quelle, das Saubad genannt, zu bemerken. Sie ſoll ungefaͤhr dieſelben Eigenſchaften haben, wie das Bollerbad, kam aber durch den Zojaͤhrigen Krieg in Abgang. Wenn unſre Reiſenden von der Teck herabgeſtiegen ſind, und, im Staͤdtchen Owen angekommen, ſich hier in der Kirche umgeſchaut haben, fo koͤnnten fie zwar die Stadt Kirchheim 149 unter Teck vorerſt noch vor ſich en laſſen, und ſich nun ſogleich rechts nach dem Dorfe Bift.agen wenden, das, etwa 1½ Stunden von Owen entfernt, am doͤſtlichen Fuße der Teck liegt; und von wo aus der Gebirgsweg ins Neidlinger Thal ſich erhebt. Doch iſt es rathſamer, ſich Kirchheim zum Hauptquartier zu wählen, theils, weil wohl in Biſſingen und auf der ganzen Tour keine bequeme Schlafſtaͤtte zu finden ſeyn mochte, und Wein und Speiſen zu dem am andern Tage wo möglich im Freien abzuhaltenden Mahle am Beſten von hier aus mitgenommen werden; theils weil man auf die an⸗ dre Weiſe einen ſchoͤnen Weg verlieren wuͤrde. Wer ſich naͤmlich von Owen nach Kirchheim auf den Weg macht, vergeſſe doch nicht, die ſchoͤne, aber wechſel⸗ und ſchat⸗ tenloſe Heerſtraße zu verlaſſen, auch, wenn er im Wagen reist, dieſen nach Kirchheim, oder doch nach dem noch eine halbe Stunde vor Kirchheim gelegnen Dorfe Dettingen, wo ihn das wohleingerichtete Wirthshaus zum Hirſch aufnimmt, vor⸗ anfahren zu laſſen, und den naͤchſten Fußpfad, der ſich ihm links darbietet, in den lockenden Bluͤthenwald einzuſchlagen, der hier von Owen aus dem kleinen Bogen folgt, den die Lauter, jetzt nicht mehr in Gebirge eingeengt, bildet. Er wird hier bald, rechts oder links von der Lauter, denn zu beiden Seiten des Fluͤßchens ziehen ſich Fußpfade hin, im dichteſten Schatten der Kirſchen-Zwetſchgen- und Birnblüthe wandeln, und ſich eben ſo ſehr an der Fuͤlle von Baͤumen, die hier nicht minder gedraͤngt, als im Lenninger Thale ſtehen, als an ihrer Geſtalt und Groͤße ergoͤtzen, worin beſonders die Birnbaͤume, die hier zu blühenden Eichenſtaͤmmen werden zu wollen ſcheinen, und ſich links an einem ſauften Huͤgelrande terraſſenmaͤßig erheben, denen des Lenninger Thals weit vor⸗ angehen. Bei Dettingen, das von dieſer Seite in ſeinem Obſtwald verſteckt liegt, unterbricht den Lauf des klaren Ba: ches hier und da ein Muͤhlrad, und laßt Ihn in anmuthigen Faͤllen ſpielen. Wer gern in dieſem Luſthaine fortgeht, vers folgt ihn bis nach Kirchheim; und dieß ſoll der Fußgaͤnger in jedem Falle thun; wen nach ſeinem Wagen verlangt, der mag, wenn er die ſchoͤnſten Parthieen der Bluͤthe noch einige hun⸗ dert Schritte uͤber das Dorf hinaus verfolgt hat, in dieſes zuruͤcktehren, wo er im Hirſch ſeinen Wagen, und ein Glas hieſigen Gewaͤchſes, das er, von einem guten Jahrgang, fuͤr — 150 * Remsthaler Wein trinken kann, findet, und nach Kirchheim weiter faͤhrt. 0 7 Kirchheim an der Teck, Cine der „ en Oberamtsſtaͤdte des Landes, ſechs Stunden von Stuttgart, am Zuſammenfluß der Lauter und Lindach mit 4505 Einwohnern. Gute Gaſthoͤfe: Poſt, Löwe. Die Stadt hat die bequemſte und reitzendſte Lage, der nichts fehlt, als ein größerer Fluß. Gegen Suͤdweſt, Sud und Oſt bildet die Alb, zuruͤcktretend, ein Amphitheater, aus welchem die Teck, von hier aus einen beſonders mahleriſchen Anblick gewaͤhrend, und andre theils kegel- theils kuppelfoͤr⸗ mige Berge: der Erkenberg, die Lim burg, der Aichel⸗ berg hervorſpringen. Im Suͤdweſten blinken über die Ge- birgswand die Ruinen von Neufen hervor. Zwiſchen dem Gebirg und der Stadt dehnt ſich eine fruchtbare Ebene, zu deren Doͤrfern Jeſingen, Nabern, Biſſingen, Det⸗ tingen wohlerhaltene und reinliche Straßen ſchimmernd ein⸗ laden. Nordoͤſtlich von der Stadt zieht ſich eine Huͤgelkette mit Weinwuchs hin. An dieſer Seite hebt ſich über den Hits gel die Heerſtraße, die ſich jenſeits deſſelben nach Eßlingen und Göppingen ſpaltet. Dicht an ihr, nur eine Viertelſtunde von Kirchheim, iſt ein (vordem) oͤffentlicher Luſtgarten, von ſeinem Beſitzer die Schuſterburg genannt, aus deſſen An⸗ lagen, noch mehr aber von der Hoͤhe der ſich noch weiter hin⸗ aufziehenden Chauſſee, man den ſchoͤnſten Ueberblick uͤber die ganze Gegend genießt. | Nach Werten zieht ſich das flache und offne Lauterthal nach dem Neckar hin, zwiſchen zwei niedrigen Huͤgelreihen, bis zu dem 17 Stunden entfernten Dorfe Koͤngen, das ſchon auf dem Abhange der Filder gelegen iſt, und uͤber das die Stuttgarter Chauſſee von Koͤngen weiter über Den kendorf, den Zollberg, an Eßlingen vorbei, der naͤhere Fußweg aber uͤber Denkendorf (St.), Nellingen Sieg ulrichs J. über die Städte a. 1449) (% St.), Ruith &% St.), über die Filder fort, den Bopſerberg hinab nach Stuttgart (17% St.) führt. Das zu Koͤngen gehörige Wirthshaus zum Schwanen, wohlgebaut und frequent, liegt noch im Thale, dicht am Neckar, uͤber den eine huͤbſche, alte, ſteinerne Bruͤcke führt, von welcher die Volksſage Herzog Ulr ichen von Wuͤr⸗ 151 temberg auf der Flucht vor dem ſchwaͤbiſchen Bund einen Sprung zu Roß in des Neckars Fluthen thun laͤßt. Von dem Saal und Seitenzimmer des Wirthshauſes hat man ſchoͤne Ausblicke auf den Neckar, und auf die Spitzen von Teck, Neu- fen, Achalm, dem Roßberg, die nebſt andern Albhöhen über die waldigen Vorhuͤgel emporragen. b In dem Dorfe Koͤngen ſelbſt wird die Ausbeute merk⸗ wuͤrdiger Ausgrabungen ) aus dem roͤmiſchen Alterthum, die hier im J. 1785 gemacht worden find, aufbewahrt, Bruce ſtuͤcke von Urnen und andern Gefaͤßen, mehrere ganz erhaltene Weinkruͤge (amphoræ) u. ſ. w. Wer Zeit hat, einen Tag in Kirchheim von der Albreiſe auszuruhen, den wird dieſer kleine Abſtecher nach Koͤngen nicht gereuen. Schoͤne Punkte in der Naͤhe Kirchheims ſind noch dle Hahnwaide und der Schafhof. Was die Stadt ſelbſt bes trifft, ſo iſt ſte mit einem Waſſergraben und ſchoͤnen Linden⸗ alleen rings umgeben. Urſpruͤnglich war dieſelbe der Sage nach nur eine mit ſchoͤnen Gemaͤlden gezierte Kirche, deren Spuren zu Sattlers Zeiten noch in der obern Vorſtadt, wo man von Owen herab kommt, zu ſehen waren. Bald, durch den Zulauf zu dieſer, zu einem Dorfe der Tekkiſchen Her— zoge geworden, erhielt ſie von Herzog Conrad II. von Teck Mauern im J. 1270, und in der Folge Baſteyen und Waſſer— graͤben. Lange, fabelt Cruſtus, war die Haͤlfte Kirchheims oͤſterreichiſch. Da hielt ſich zu einer Zeit der roͤm. Kaiſer bei einem Herzoge zu Teck auf. Dieſer erwies ſich ſehr munter und gefaͤllig gegen den Kaiſer; ja, als er eben aufſteigen und wieder fortreiten wollte, hielt ihm der Herzog den Steigbuͤ— gel: dem Kaiſer gefiel dieſe Demuth ſo wohl, daß er ihm ſeinen Antheil an der Stadt Kirchheim ſchenkte. Die Her— zoge von Teck hatten eine Behauſung in ihr, gegen Mor— gen, in einem Ecke der Mauern gelegen. In der Vorſtadt, auch gegen Oſten, ſtand ein großes Frauenkloſter. Aus der Geſchichte des Jungfraunkloſters. Dieſes Kloſter, das Herzog Conrad II. von Teck im J. 1255 geſtiftet haben ſoll, hatte ſonderbare Schickſale. Graf Eberhard der Juͤngere, Vetter Eberhards im Bart, ausſchwei— ) Sie ſollen jetzt nicht mehr dort befindlich ſeyn. Jan. 1825. 152 fend und unbaͤndig, verwandelte durch einen Jugendſtrelch daſſelbe, das wegen Ueppigkeit der Schweſtern in großem Zer⸗ fall war, in einen Tanzſaal, ſo daß ihm ſein betruͤbter Va⸗ ter, Graf Ulrich der vielgeliebte, unter andern Klagen ſchrieb: „„Vor kurzem biſt du gen Kirchheim kommen, und haſt einen Tanz angefangen in dem Kloſter, zwo Stunden vor Mitter— nacht, das denn wider Gott und große Suͤnd' und dazu in hohem Bann iſt. Laͤßſt auch deine Buben und andre ins Klo- ſter ſteigen bei Nacht — — und hat dein ſuͤndlichs, ſchaͤnd⸗ lichs Weſen, das du und die deinen getrieben habt, dir nicht genuͤgt: du haſt deinen Bruder auch mit dir hineingenommen, und habt ein ſolch Tanzen darin gehabt und Schreien, das, wenn es in offnem Frauenhaus geſchehen waͤr, ſo waͤr's doch zu viel (1476). Zufällig haben wir noch ein Nonnenver— zeichniß vom Jahr 1476, und kennen alſo alle Tänzerinnen Eberhards namentlich. Graf Ulrich reformierte nun das Kloſter. Zehn Jahre nachher mußte Eberhard im Bart das Kloſter abermals gegen die Brutalitaͤt ſeines liederlichen Vetters ſchuͤtzen. Dieſer hatte ſich in Geldverlegenheiten an das Klo— ſter gewandt (1486), und als das Kloſter ſich hartnaͤckig wei- gerte, ihm zu willfahren, ließ er es (1487) Tag und Nacht mit 100 Geharniſchten umſtellen, um es durch Hunger zu zwin⸗ gen. Aber Eberhard der Aeltere, an den ſich die Nonnen ge⸗ wandt, erzwang die Einlaſſung eines Proviantwagens. Nach ſieben Wochen, als der Kaifer ſich darein gelegt, und der Bi- ſchof von Conſtanz dem Grafen und der Stadt mit dem Bann gedroht, zog der juͤngere Eberhard ab. Aber im Winter kam er wieder und lag ein volles Vierteljahr ſo hart vor dem Klo— ſter, daß die Nonnen die Baͤume des Klofterhofs zur Feurung abhauen, und ein Sommerhaus im Kreuzgang abbrechen muß—⸗ ten. Aber ſie blieben ſtandhaft; Traͤume, Weiſſagungen, ge⸗ heime Botſchaften des aͤltern Eberhard ſtaͤrkten ihren Muth. Endlich ward der Bann ausgeſprochen, und Eberhard ſandte feinem Bruder einen Fehdebrief (1488 aten Febr.), brach mit 4000 Mann auf, beſetzte ſeines Vetters Staͤdte und drang am 12. Febr. ſchon in Stadt und Klofter ein. Die Nonnen glaub— ten, ihr Feind komme, und baten zagend um ihr Leben; da trat ihr Freund, Graf Eberhard im Bart, als Befreier unter fie. Bald darauf fandte er ihnen feine Gemahlin zu Beſuche: „ſie ſollten fie geiſtlih machen.“ — Dieſe Herzogin ſcheint 153 das Kloſter lleb gewonnen zu haben. Wenigſtens fuchte fie ſich dort ihre letzte Ruheſtatt; fie ward daſelbſt begraben. Im J. 1626, in großer Hungersnoth, ſollte der Amtmann des Kloſters, auf des Herzogs Befehl, Fruͤchte an die Armen um billigen Preis verkaufen. Der Amtmann aber zahlte die wohlfeilen Fruͤchte ſelbſt aus, behielt die Frucht, und wies die Armen ab, die er übel anfuhr: fie ſtinken, er koͤnne fie nicht riechen! Am zten Tag hernach entſtand ein ſchweres Donnerwetter, ſchlug zur Nachtzeit in das Kloſter, und ver— brannte es ſamt der Frucht. Den fluͤchtenden Amtmann er⸗ ſchlug ein Ziegel vom Dache. N Seit 1367 kam die Stadt anfangs theilweiſe an Wuͤrtem⸗ berg. Der beruͤhmte Vertheidiger Hohentwiels, Oberſt Wie— derhold, der hier, als Obervogt, ſeine letzten Jahre ver— lebte und den 15. Jan. 1667 ſtarb, errichtete auf ſeine Koſten zum Beſten der Stadt ein ſchoͤnes Waſſerwerk, und gruͤndete reichliche milde Stiftungen fuͤr die Armen und fuͤr die ſtudie⸗ rende Jugend. 5 Ihre jetzige ſchmucke Geſtalt verdankt die Stadt einem ungluͤcklichen Brande, der am 3. Aug. 16 90 die ganze Stadt mit Ausnahme der lateiniſchen Schule, der Zehendſcheuer und des fuͤrſtlichen Schloſſes einaͤſcherte, und ſelbſt von der Kirche nichts übrig ließ, als ein Gebetbuch, das mitten in den Flam⸗ men wunderbar erhalten blieb. Jetzt erhebt ſich aus den fau= bern Straßen eine ſehr geräumige Kirche mit weithin ſichtba— rem, aber unfoͤrmlich dickem, viereckigtem Thurme. Das alte Schloß aber ſteht noch, ſchon oft zum Wittumsſtitz herzoglicher Gemahlinnen verwendet: heutzutage die Wohnung der edeln Herzogin Louis v. Wuͤrtemberg K. H., Mutter der Koͤnigin v. Wuͤrtemberg Maj. Im Erdgeſchoß dieſes Schloſſes ſah der ehrliche Martin Cruſius, der im J. 1588 auch eine Fruͤhlingsreiſe in dieſe Gegenden von Tuͤbingen aus that, ein wohlausgerüſtetes Zeug⸗ haus, und in einem der Zimmer „die Bonaventura oder den Willkomm, ein langes, hohes, filbernes Schiff, mit allem Schiffsgezeuge ausgeruͤſtet, welches ungefähr J. einer Maas Weines haͤlt, unter dem Boden, auf dem die Soldaten und Schiffleute ſtehen. Dieſen Willkomm muß ein Jeder aus⸗ trinken, der noch nicht auf dem Schloſſe geweſen.“ Der Hof, mehrere hier privatiſterende Adlige, geſellige 154 | Beamte, in Ruheſtand lebende Staatsdiener, und überhaupt gebildete Honoratioren beleben das Staͤdchen und mahen?den Aufenthalt angenehm. Eine taͤgliche Poſt erhaͤlt den Verkehr mit Stuttgart. Auch hat Kirchheim eine Baumwollenzeug⸗ fabrik und Kartenfabrik, liefert viele Schreiner- und Dreher— arbeiten, und hat einen anſehnlichen Kornmarkt. In der neueſten Zeit iſt durch die Thaͤtigkeit der wuͤrdigen Geiſtlichen der Stadt und Didcefe ein Huͤlfsbibelverein geſtiftet worden. Geſchichtlich zeichnet ſich Kirchheim durch ſeine Anhaͤng— lichkeit an Herzog Ulrich bei ſeiner erſten Vertreibung im J. 1519, aber auch durch ſeinen Antheil aus, den die Buͤrger bald darauf, im J. 1525 an dem Bauernkriege nahmen, wo ſie den Aufruͤhrern das Schloß Teck zerſtoͤren halfen. Im Jahr 1519 ermahnte der Obervogt Joͤrg von Ow, als der ſchwaͤbi⸗ ſche Bund die Stadt zum Abfall aufforderte, die Einwohner zur Treue gegen den angebornen Fuͤrſten. Sie wehrten ſich auch redlich, mußten aber der Gewalt weichen. Als in dem⸗ ſelben Jahre der Herzog ſein Land mit Huͤlfe der Schweizer wieder einnehmen wollte, ſtießen die Kirchheimer unter jenem Jorg zu ihm, und halfen ihm Eßlingen belagern. Aber er ward zum zweitenmal vertrieben, und Bundesvoͤlker pluͤnder— ten Kirchheim. Nach ſeiner Ruͤckkehr befeſtigte er die Stadt (1558), und baute das Schloß. Aber die ſpaniſche Beſatzung (1594) verderbte wieder Alles. — In den Jahren 1692 und 1695, während der franzoͤſiſchen Einfälle, blieb die Stadt verſchont. x Route des ſechsten Tages. Von Urach nach Neufen . . 2 St. J St. Nach Schlattſtall . a = Nach Guttenberg mit dem ur⸗ ſprung der beiden Lautern .. m Nach Oberlenningen 1 Unterlenningen und Sulzburg. 7 — e Yo SIWEN 41,6 ua a 5 — Teck hin und her. een ee e eee RR ARE ER „ — een 155 Siebenter Tag. Reiſe ins Neidlinger Thal. Auf geradem und ebenem Wege, der über Jeſſingen und Weilheim fuͤhrt, iſt dieſes lange nicht genug gekannte Thal nur etwas uͤber 3 Stunden von Kirchheim entfernt; da aber die intereſſanteſten Beigaben deſſelben in dem Gebirge zu ſu— chen find, fo thut man wohl, die ebene Straße auf den Rück⸗ weg zu ſparen, und ſich den weitern Hinweg über die Alb ge= fallen zu laſſen, da denn freilich die uͤbrigens ſehr belohnende Tour einen ganzen Tag erfordert. Man macht ſich alſo in der Fruͤhe, ſpaͤteſtens um 6 Uhr von Kirchheim auf. Wer zu Wagen iſt, verfieht ſich mit Wein und kalter Speiſe zu Fruͤhſtuͤck und Mittagsmahl im Freien, und mit mehreren Lichtern, fuͤr den Heimenſtein; je nach Maasgabe der Größe der Geſellſchaft: der Fußgaͤnger ſieht ſich zu dem Ende einen Boten aus, den er bis Ochſen— wang (2% St.) mitnimmt, wo er ohnedem einen neuen, der Gegend kundigen Fuͤhrer haben muß. Der Weg fuͤhrt zuerſt eine Stunde weit, ſuͤdlich, uͤber das ebene Feld, bald zwiſchen Fruchtbaͤumen, auf bequemer Straße nach Nabern, dann weiter in der Ebene fort nach Biſſingen an der Teck (1% St. von Kirchheim), einem anſehnlichen Dorfe mit einer Mar⸗ morſchleiferei. Hier laͤßt man die Teck rechts liegen, und wendet ſich links nach der gegenuͤber ſtehenden Bergwand, de— ren Scheitel eine maͤchtige Felsmaſſe, der Breitenſtein genannt, kroͤnet. Unmittelbar vor dem Dorſe Biſſingen hebt ſich der“ Verg erſt mit grünen Matten, bald mit ſchattigtem Buchenwalde bedeckt. Hier zieht ſich die Ochſenwanger⸗ ſteige an dem ſteilen Berge ſchraͤg und muͤhſam, jedoch auch noch den Reiſewagen (obwohl nicht ohne Vorſpann, die da— her in Biſſingen, wo ſie leicht zu haben iſt, geſchafft werden muß) zugänglich, aufwärts. Der Fußgänger gewahre hier ſei— nes Vortheils und ſchaue, wenn er etwa ein halbes Stuͤnd— chen von Biſſingen gus zuruͤckgelegt hat, ſich von Zeit zu Zeit 156 a in der Waldſtraße um, wo ihm 0 einzelnen Punkten aus den Rahmen der Buchen die einzelnen Vorſprüͤnge der Alb, vorn die Limburg, und in blauerer Ferne der Stulfen⸗ berg und der ſchlauke Hohenſtaufen aufs Schoͤnſte group» piert entgegenblicken. Vor ſeinen Augen aber hebt ſich mit jedem Vorſchritt hoͤher empor die Teck, hinterdurch Neufen, der Sattelbogen mit dem maleriſchen Gravenberg, und wenn ſich in der Hoͤhe die Bergſtraße mehr links wendet, ſo hat das Auge die waldige Senkung des Gebirgs vor ſich, durch die ein Fußpfad ins Lenninger Thal hinuͤberfuͤhrt, von dem die jen⸗ ſeitigen Bergwaͤnde zwiſchen der Teck und dem Rauber, deſ⸗ ſen kuͤhne Mauerſtuͤcke jetzt auch links hin ſichtbar werden, emporragen. Zunaͤchſt zur Linken aber ſieht der Wandrer an der Felswand des Breitenſtein hinauf. Hier wird der Weg immer ſteiler, und erſt, nachdem man wohl 1 ſtarke Stunde oder mehr von Biſſingen aufgeſtiegen iſt, verläßt man den. Wald, und gelangt auf das Plateau der Alb. Den Breitenſtein hat man jetzt umgangen, und er liegt einem eine Viertel⸗ ſtun de ruͤckwaͤrts ab von der Straße; darf aber nicht umgan= gen werden. Er bildet einen großen Felſenkiefer, der ſechs oder ſteben Zaͤhne in die freie Luft hinausſtreckt, auf deren aͤuſſerſte Spitzen man ſich ohne Gefahr ſtellen kann, während der auf dem naͤchſten Vorſprung Stehende den Nachbar uͤber ‚dünnen Geſtein, ſchon halb eine Beute des Abgrundes, ſchweben ſieht. Zwiſchen den Zacken blickt man in den ſenkrechten Abgrund hinab, auf den Huͤgel, der die wenigen Truͤmmer der alten Burg Hahnenkamm traͤgt, die ohne Zweifel von der Ge⸗ ſtalt des Huͤgels ihren Namen hat. Der nordweſtliche, noͤrd— liche, oͤſtliche Horizont iſt offen, mit derſelben Ausſicht dahin, wie von der Teck; der weſtliche und ſuͤdliche Theil wind durch die koͤſtliche Anſicht des hier waldigen Teckbergsz und den breiten Bergruͤcken, durch den er nach Suͤdoſt zu mit der Alb verbunden iſt, und den der Rauber kroͤnt, bedeckt. Aber nen und kuͤhn ragen aufgethürmt über den ganzen Ruͤcken der Beu⸗ rener Fels, die Achalm und Neufen hervor. Wer den Breiteuſtein beſucht hat, trifft mit feinen Rei— ſegenoſſen, die ihn dahin nicht haben begleiten wollen, vor Ochſenwang drauſſen auf der Haide wieder zuſammen. 9 157 Dieſe haben hier, in dem kleinen Filialdorfe der Pfarre Biſ⸗ fingen, ſich nach einem neuen Führer umgeſehen, der unter dem Haͤuflein Haͤuſer leicht aufzufinden ſeyn wird, und um 56 Kreuzer allen Weg und alle Gelegenheit bis nach Neidlin— gen erfahren und freundwillig zeigt. Sind die Reiſenden zu Wagen, ſo berathſchlagen fie auch, ob den von der fünf Vier- telſtunden langen Bergſtraße ermuͤdeten Pferden die ganze Tour bis Neidlingen 5 St. Gebirgsweg, und von da bis Weil— heim 1, bis Kirchheim aber 2 Stunden zugemuthet werden kann. Trauen fie den Thieren die Kraft nicht zu, ſo ſchicken ſie dieſelben, auch mit einem Fuͤhrer, von hier aus uͤber den Randecker Hof und Hepſisau auf geradem Wege den Wald hinab nach Neidlingen, mit der Beſtellung an den Kut— ſcher, in Neidlingen zu futtern, und dann zu dem Waffer- fall zu fahren, und dort im Waldſchatten die Mittagstafel zu ruͤſten. Kür die Fußgaͤnger aber und diejenigen, welche den, durch— aus fahrbaren, Weg zu Wagen machen wollen, geht die Straße gradaus nach Suͤdoſten. Doch iſt es rathſam, da man bis nach Neidlingen zu keiner Menſchenwohnung und keiner Quelle mehr kommt, hier Halt zu machen, und auf einem der ſchoͤ— nen Marmorfelſen, die hier allenthalben ihre Finger und Faͤu— ſte aus der Erde ſtrecken, das mitgebrachte Fruͤhſtuͤck einzu— nehmen. Hier heben ſich links uͤber dem Bogen der naͤchſten Albflaͤche und zwiſchen der Einfaſſung der nahen Waͤlder, in kleinerer und groͤßerer Ferne die Limburg, der Turnberg, der Eichelberg, der Hanberg, mit ihren Kegeln, Kuppeln und Saͤrgen, noch weiter links die drei Spitzen des Stuifen, des Rechbergs, des Staufen in ſchon blauerem Dunſte, wie man fie auf der Teck erblickt. Wenige Schritte von dem Sitze der . Wandrer an der linken Waldkante hinab, trifft man auf rothe und graue Marmorbruͤche, aus welchen das koͤnigl. Reſtdenz— ſchloß in Stuttgart von den Jahren 1811 — 1816 die Zierden fuͤr mehrere ſeiner Saͤle geholt hat. Rechts fuͤhrt der Weg uͤber eine waldige Flaͤche nach dem hohen Albort Schopfloch, und nach der Abdachung gegen Guttenberg und das Leu— ninger Thal. Wer einen Umweg nicht ſcheut, mag die ei— ne halbe Stunde nach dieſer Richtung ſeitwaͤrts gelegene herr— ſchaftliche Torfgrube, aber nicht ohne einen Fuͤhrer von 158 | | Ochſenwang, mitnehmen, und am Heimenftein mit den an- dern zuſammentreffen. i Die Torfgrube ward zu Ausgang der 1780er Jahre von Commerzlenrath Gloͤck⸗ ler in Kirchheim an der Teck entdeckt. Sie liegt auf der Hoͤ⸗ he der Alb in einer unbedeutenden Senkung, von Wieſen um⸗ geben, die zwar einen ſehr gemuͤßreichen Boden, aber keinen eigentlichen Torf enthalten, ungeachtet ſie noch etwas tiefer lie⸗ gen, als der Torfgrund ſelbſt. Dieſer iſt 8 — 10 Schuh tief, und bildet ſich groͤßtentheils durch Sphagnum palustre, welches in ungeheurer Menge ſich aufſchichtet, mit Erdtheilen und an⸗ dern Pflanzen, als Vaccinium, Oxycoccos, uligirosum, Salix repens, Betula Alnus, pubescens etc., Pinus sylvestris, verſchie⸗ denen Salix- Arten, Juniperus communis, Andromeda polyfo- lia etc, verbindet, und durch Zerſtoͤrung der Pflanzentheile dem Torf die Entſtehung giebt. Die Unterlage iſt ein weiß⸗ lichter Thon, und der ganze Platz, welcher auf Torf benutzt werden kann, betraͤgt 59% wuͤrtemb. Morgen. Aus der Torf⸗ ſchichte fließt ſelbſt bei anhaltender Hitze Waſſer hervor, das einen brenzlichten, phosphorſauren Geſchmack hat. Die Farbe des Torfs iſt friſch, roͤthlich- braun; getrocknet, mehr ſchwaͤrz— lich-braun. Die Umgebung des Torfmoors hat ſehr viele Erdfaͤlle in Trichterform. Der Torfgrund ſelbſt iſt ſehr ſum— pfig. Ungefähr 200 Schritte von dem am Torfmoore erbau— ten Wohnhauſe entfernt, in einer Vertiefung, lauft eine gute Quelle, ſelbſt bei anhaltend trockenem Wetter. Das Abwaſ— fer davon verliert ſich in einer Entfernung von etwa 30 Schrit- ten unter dem Boden. — Doch zuruͤck zu unfrer Wanderung. — Nach dem Fruͤhſtuͤck wird aufgebrochen, man wirft der oͤſt— lichen Alb ein Lebewohl zu, die noch eine Zeit lang hinter dem Waldriß hervor blickt, vor deſſen Winkel am Rande der naͤch— ſten Albflaͤche der huͤbſche Randeckerhof lachend daſteht. Vor Zeiten ſtand hier ein Schloß der Edeln von Randeck. Der letzte dieſes Geſchlechts ſoll im J. 1378 oder 1380 als Pa⸗ triarch von Aquileja geſtorben und darauf ſollen die Güter tef- ſelben an Wuͤrtemberg gefallen ſeyn. — Bald tritt man von der Haide in den hier wieder anfangenden Albwald, der dem Ziele näher, und einem Hauptpunkte der heutigen Parthie, dem 159 Heimenſtein entgegenfuͤhrt. Bald befindet man ſich hier im dichteſten Wal⸗ de, unter einem bunten, aber fuͤr das Auge ſehr wohlthaͤtigen Gemiſche der verſchiedenartigſten Baͤume, unter denen ſich im ſpaͤten Fruͤhling die hin und wieder zerſtreuten Holzapfel— Baͤume, deren Bluͤthe an Fuͤlle und Farbe die der beſten Apfelſorten übertrifft, uͤberraſchend auszeichnen. Auch der Bo— den bekleidet ſich hier von Schritt zu Schritt mit einer üppi- gen Vegetation von Gras, Blumen und Kräutern, man merkt, daß man nicht nur von Staͤdten, ſondern auch von Doͤrfern ferne wandelt, und die unendlich wohlthuende Gegenwart ei— ner jungfraͤulichen Natur labt Herz und Auge, während die wuͤrzige Bergluft in dieſer bluͤhenden Einſamkeit Bruſt und Fuͤße ſtaͤrkt, und alle Muͤdigkeit weghaucht. Wenn die Rei⸗ ſenden ſo eine kleine halbe Stunde durch den Wald gewandelt ſind, waͤhrend der ſte ſchon links hier und da die Riſſe, die das Neidlinger Thal in die Bergwand der Alb hinein bildet, hervorklaffen ſehen, ſo ſenkt ſich der Weg einige Schritte jaͤh hinab, und man ſteht an dem ſuͤdlichen Ende des Neidlinger. Thals, in das man rechts hinabſchauen koͤnnte, wenn der üppige Baumwuchs es nicht verhinderte, und das links durch den Heimenſtein verdeckt iſt, vor deſſen Hoͤhle man jetzt, nachdem man von Ochſenwang 1 Stunde, von Biſſingen 2 Stunden, von Kirchheim 5% zuruͤckgelegt, angekommen iſt. Dieſer Heimenſtein iſt eine Felſenmaſſe, die auf der (vom Thal aus gedacht) nordweſtlichen Wand des Neidlin— ger Thals in dieſes gegen Suͤdoſt hinausſpringt. Der Gipfel iſt mit Waſen uͤberdeckt, und bildet eine kleine Heideflaͤche. Man muß aber dieſen nicht eher beſteigen, als bis man ſtch durch das Eingeweide des Felſen durchgedruͤckt hat. Es oͤffnet: ſich naͤmlich hier, am füdlichen Abhang des Felſen, eine finale Hoͤhle in demſelben, die ihn nach Suͤdoſten durchſchneidet, etwa 60 Schritte lang und von innen eng, aber wohlgeformtt, lichtlos, durch herabhaͤngende und auf dem Boden bunt hin— geworfne Steinmaſſen unterbrochen, bald von dreifacher Manns— hoͤhe, bald ſo niedrig, daß man nur gebuͤckt durchkriechen kann. Doch laſſe ſich der Wandrer die kleine, aber ganz gefahr— loſe Muͤhſeligkeit nicht abſchrecken; er zuͤnde getroſt die Lichter an, verwahre ſich (beſonders die Frauen) gegen den Grufthauch 160 der Hoͤhle, und dringe, unter dem Vortritt des Fuͤhrers, die Augen vorſichtig nach unten und oben gerichtet, vorwaͤrts. Nach 50 Schritten faͤllt die Tageshelle wieder von der entge— gengeſetzten, ſuͤdoͤſtlichen Seite herein; die Kluft erweitert ſich, und man tritt aus der Felswand, die ſich rechts und links lang hinzieht, und ſchroff in das Thal hinabſenkt, her⸗ vor. Hier ſteht man auf einem Vorſprung von etwa 8 Schrit— ten ins Gevierte am Abgrund des Neidlinger Thals, das die herrlichſte und uͤberraſchendſte Anſicht gewahrt. Es würde fie noch mehr gewaͤhren, wenn von der Baumgruppe, die den Abgrund, vor dem man ſteht, wohlthaͤtig vor Schwindel be— wahrend, bedeckt, zwei oder drei Baͤume abgehauen waͤren; ein Wunſch, der vielleicht in dem Augenblick, da dieſer Weg— weiſer erſcheint, ſchon erfuͤllt iſt. Alsdann wuͤrde man frei uͤberſchauen, was man jetzt nur mit einiger Mühe zwiſchen den Aeſten der Baͤume gleichſam zuſammen ſuchen muß: dem Auge gerade gegenuͤber als Vorſprung der entgegenſtehenden ſüdoͤſtlichen Thalwand die herrlichen Ruinen der alten Veſte Reiſſenſtein, als Krone eines Felſen, der ſich aus einer Fuͤlle von Wald erhebt. Dieſer Wald uͤberkleidet die ganze obere Haͤlfte des laͤnglichten Bergkeſſels, den das Thal bildet. Vor ſich in den Abgrund hinab waͤre der Blick frei auf die Matten des Thales, das ſich eine halbe Stunde weit von ſei— nem ſuͤdlichen Schluß, durchfloſſen von der kleinen Lindach, mit ſchoͤnem, doch kargerem Obſtbau, als die bisher durch— wanderten Albthaͤler, nach dem Dorfe Neidlingen hinzieht. Dieſes winkt ſchmuck und mahleriſch aus dem tiefen Grunde herauf. Dort ſenken ſich zu beiden Seiten die Bergwaͤnde und das Thal öffnet ſich nach Norden und Nordoſt gegen Weil— heim; doch iſt der Hintergrund nicht ganz offen, ſondern von den ſchoͤnen waldigen Kuppeln des Erkenbergs und Aichel⸗ bergs ſo unterbrochen, daß die zwiſchendurch blickende Ebene gegen Goͤppingen und die Umgegend mit ihren Wieſen, Fel— dern und Obſtgelaͤnden nur das Auge noch mehr, als ein halb— verſtecktes gelobtes Land, anlockt. Gegen Süden und Suͤdwe— ſten endlich iſt das Thal durch einen waldigen. Weihe ganz abgeſchloſſen. Die Aehnlichkeit des Ganzen mit dem Lichtenſteiner Thal iſt unverkennbar, nur daß es kuͤrzer, breiter und bei allem Schauerlichen der Abgruͤnde doch etwas milder iſt. Was es } 161 aber in Vergleichung mit jenem an romantiſchem Charakter verlieren ſollte, das erſetzen zwei Vorzüge reichlich: der Neif- ſenſtein und der Waſſerfall der Lindach, der hier dem Auge verſteckt und uͤberhaupt unſichtbar, bis man vor ihm ſteht, um ſo mehr, als eine gar nicht mehr erwartete Entdeckung unter ſo vielen Naturſchoͤnheiten uͤberraſcht. Von dem angegebenen Standpunkte kehrt man durch die Hoͤhle wieder zuruͤck, denn man iſt von Felswaͤnden umge⸗ ben, und hat keinen andern Ruͤckweg. Dann beſteige man den Gipfel des Heimenſteins, von deſſen Flaͤche man nun die freie Ausſicht in das Thal und eine erweiterte in den gedffnes teren Hintergrund genießt. Der ſchoͤne Fels iſt, verſteckt in ſeiner Einſamkeit, bisher faſt ganz unbekannt geblieben. Nur die muͤndliche Volksſage ſpricht von ihm. Schon der Name (Heim, Heimen Stein) deutet auf die Wohnung eines Rieſen. Auch haͤlt wirklich hier in der Hoͤhle ein Geiſt uͤber einem ungeheuren Schatze die Wache, und harrt auf das Erloͤſungswort. Den Bauern, die in der Abenddaͤmmerung ſich hier im dichten Walde nach Holz geluͤſten laſſen, hat er ſich wohl auch ſchon leibhaftig ges zeigt; fie konnten aber feine Geſtalt vor Schrecken nicht be= halten und beſchreiben. Dieſelbe Hoͤhle hat in Kriegen zu verſchiedner Zeit als Zufluchtsort gedient. Im dreißigjaͤhrigen Kriege, nach der ungluͤcklichen Schlacht bei Noͤrdlingen (7. Sept. 1654), als der befreundete Schwede feindlich im Lande hauste, um die Zeit, von der die Ammen den Kindern noch heute bei uns ſingen: ’ Der Schwed' iſt kommen, Hat Alles weg g'nommen, Hat d' Fenſter 'nein g'ſchlagen, ö Hats Blei 'raus g'graben, Hat Kugeln draus goffen, 1 Hat Alles verſchoſſen. da fluͤchteten viele Familien aus Neidlingen und den umlie⸗ genden Orten mit Hab und Gut nach dieſem Schlupfwinkel. Aber die Schweden kundſchafteten die Namen der Gefluͤchteten in den Doͤrfern aus, und ſtiegen herauf ins Gebirge. Da rie⸗ fen ſie ihnen mit lauter, hallender Stimme und vertraulichem Tone durch den Wald, als würden fie von Freunden und Ver⸗ G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 11 162 wandten aufgeſucht. Folgten die Ungluͤcklichen dem Rufe, ſo fielen ſie unter ihren Schuͤſſen, und ihre Habe ward eine Beute der Kriegsknechte. Waͤhrend des Revolutionskrieges, im Jahr 1796, ließen ſich um dieſelbe Höhle von dem oͤſtreichiſchen Heer einzelne fluͤchtige Rothmaͤntel blicken, die ſich vor dem franzöfifhen Sieger hier geraume Zeit verborgen hielten. Der Reiſſenſtein. Kr So nah diefe Bergvefte dem Wandrer auf dem Heimen— ſtein entgegenwinkt, ſo hat er doch wieder eine Stunde weit zu gehen. Es fuͤhrt naͤmlich der Weg nicht durch das Thal, ſondern man muß daſſelbe, auf der Hoͤhe des Albrandes fortwandelnd, umgehen. Hier wird im dichten Wald, an den Abgruͤnden des Thales, fortgewandert. Lichte Stellen des Waldes gewaͤhren hier und da die koͤſtlichſten Durchblicke bald in die Schluchten, bald auf die Veſte, bald links nach dem Heimenſtein, bald nach Neidlingen und dem offnen Hinter: grund. Beſonders ſchoͤn oͤffnet ſich der Ausblick da, wo man über den fuͤdlichen, geſchloſſnen Bergrand des Thales hin— geht. In die Schluchten, an welche man hier ſtreift, kann man nicht ohne Schwindel hinabblicken. Die Fuͤhrer erzaͤhlen von dem unglücklichen Sprung eines Roſſes dahinab. (Der Wandrer, der feine morgende Tour über Wieſenſtaig und Geißlingen beſtimmt (f. unten), koͤnnte freilich viel abſchnei⸗ den, wenn er ſchon in dieſer Gegend durch Wald und Dornen einen Weg zu dem Neidlinger Waſſerfall verſuchte, und erſt von dieſem aus durch einen Holzriß zum Reiſſen⸗ ſtein hinaufſtiege. Doch iſt es eine muͤhſelige Abkuͤrzung.) — Bis hieher iſt man, von dem Heimenſtein an, in ſuͤdweſt⸗ licher Richtung vorwaͤrts gegangen; jetzt hat man uͤber den Schluß des Thales nach Suͤden eingebeugt: hier ſenkt ſich das Gebirge ein weniges; rechts gehen Fußpfade nach Schopf— loch und Gutenberg: aber unſre Wandrer fuͤhrt der Fuͤh— rer links durch den Wald, nur weniges auf der Bergflaͤche aufwaͤrks; von nun an in nordoͤſtlicher Richtung. Bald endigt der Wald in eine Wieſe, und zieht ſich nur linker Hand noch fort; nun findet man ſich vor dem herrlichen Fel— fen, der, aus dem Waldſaum hervorſpringend, die Ruinen des Reiſſenſteins tragt. Die ganz kſolierten, wie Kri⸗ 7 163 ſtalle aufſprießenden, nur in ihrer Tiefe mit Wald bewach— ſenen Felſen tragen noch einen maͤchtigen Thurm, und breite hohe Schloßmauern mit Fenſtern und weiten Thoren, die jetzt in die freie Luft zu Wald und Wolken hinausfuͤhren. Mit Muͤhe, durch Dornen und Hecken bergauf und ab, durch den Schloßgarten, den die Natur gebildet und mit Wald bedeckte, erklimmt man erſt jetzt den Felſen. Hier iſt wieder eine Hoͤhle, der einzige Eingang in die Veſte, weit enger, aber auch kuͤrzer als die Heimenſteiner, auf Haͤnden und Fuͤ— ßen zu durchkriechen. Dann aber ſteht man mitten in den herrlichen Ruinen des kuͤhnſten Felſenneſtes, die ſich an Maſſe und Geſtalt mit manchen des Neckar- und Rheinthales meſſen duͤrfen. Vom Fuͤhrer gehoben, klettert der keckere Wandrer an den Abgruͤnden des Schuttes hinauf zum hoͤchſten und made tigſten Thurm, wo ſich die Ausſicht auf das Neidlinger Thal von der andern Seite, und eben dadurch gaͤnzlich veraͤndert, wiederholt. Der Heimenſtein bildet jetzt die gegenuͤber— ſtehende Bergwand, und der Hintergrund nach Nordoſt und Norden iſt großartiger und bedeutend erweitert. Dem füdli- chen Schluß des Thales iſt man hier ganz nahe. Betrachten wir das Innre der herrlichen bisher nicht nur unbeſchriebnen, ſondern faſt ungekannten Ruine naͤher, fo. ſtoßen wir zuerſt gegen Suͤden auf das ziemlich vollſtaͤndige Gerippe eines großen Wohnhauſes, des eigentlichen Schloſſes; drei der 40 — 50 Schuh hohen Mauern ſtehen noch ganz, die vierte iſt zur Haͤlfte zerfallen. Das Dach fehlt gar, und der Himmel ſchaut herein. Im Ganzen ſind an allen Waͤnden zuſammen 17 Fenſteroͤffnungen unregelmaͤßig angebracht; in der weſtlichen Mauer zwei rund gewoͤlbte Fenſterrahmen, mit kleinern Oeffnungen. Die Mauern ſind 6 Schuh dick. Den Fenſtern nach zu urtheilen, war das Haus dreiſtockig; an der ſuͤdlichen Mauer iſt ein Thor, das auf einen Balkon gefuͤhrt zu haben ſcheint; jetzt fuͤhrt es in die freie Luft. Auf eben dieſer Seite finden ſich die Spuren eines Ofens oder Kamins. Der Boden dieſes Hauſes iſt jetzt mit wuchernden Ahornen, Eſchen und Steinlinden angefuͤllt. Gegen Nordoſten ſteigt der ſchon erwaͤhnte viereckigte Thurm 70 — 80 Fuß in die Höhe. Nordoͤſtlich von ihm ſtieß an dieſen noch ein drittes Gebaͤude, deſſen Giebel an dem Thurm Spuren gelaffen hat. Auf der Stelle deſſelben ſtehend, ein 11 * 164 Gewölbe unter den Fuͤßen, vor deſſen Löchern man ſich huͤten muß, hat man gegen Norden und Nordoſten die herrliche An- ſicht des hier geoͤffneten Neidlinger Thals; vor ſich den unge heuren Abgrund, auf deſſen Felſen das Schloß ruht, und rings um denſelben eine doppelte Reihe von Mauerruinen und Vor⸗ werkern; alles halbverwitterte Tuffſteine. In den Thurm fuͤhrt ein Loch anſtatt der Thuͤre. Oben allein hat er eine ummauerte Oeffnung anſtatt des Daches. Einige Querbalken laufen in der hoͤchſten Hoͤhe von innen her— uͤber. Nordweſtlich ſchließt ſich Mauerwerk an den Thurm. Gegen Suͤdoſten verbindet dieſen mit dem Wohngebaͤude eine dicht von dem Thurm auslaufende Mauer, die nach in= nen die Vorhalle beſchloſſen zu haben ſcheint, oder einen un⸗ bedeckten Hof. Aus dem Felſen, auf dem fie ruht, führt, zuſammengeſchmolzen mit dem Mauerwerk, die Hoͤhle herauf, die jetzt den einzigen Eingang in das Schloß bildet. In die: ſer Mauer ſind zwei große gewoͤlbte Oeffnungen, die dem Wandrer ſchon, wenn er auf die Burg zugeht, entgegen klaf— fen, viel zu groß nicht nur für Fenſter, ſondern auch für ges woͤhnliche Thuͤren. Es laͤßt ſich nicht wohl eine andre Be— ſtimmung derſelben denken, als daß beide zu gewaltigen, übers einander hinlanfenden Zugbruͤcken die Eingaͤnge gebildet, die etwas abwaͤrts über die Kluft, durch die ſich der Burgfels, gegen Suͤdoſten von der Alb abreißt, geführt hätten. Wirk: lich entdecken ſich auch in der Mitte jenes natuͤrlichen Burg⸗ grabens, unter dem Geſtruͤppe, die Bruchſtuͤcke von zwei Pfei⸗ lermauern, welche fuͤglich jenen Bruͤcken zur Stuͤtze gedient haben koͤnnten. Ohnedem koͤnnen wir an keinem andern Ort, da alle uͤbrigen Seiten von Abgruͤnden umſchloſſen ſind, den jetzt verſchwundnen Haupteingang zum Schloſſe, und dieſen nur vermittelſt einer Bruͤcke, vermuthen. Daß das jenſeitige Albufer, wenn wir es ſo nennen duͤrfen, ein gutes tiefer iſt, als jene Oeffnungen, aͤndert nichts, ſobald wir auch auf ihm noch zwei Pfeiler denken, durch welche die Höhe ausgeglichen worden. Von dleſer Rufne, die jetzt ſelbſt wie ein uralter Rie ſe daſteht, geht noch folgende Rieſenſage: Der Bau des Reiſſenſteins. Droben von dem Berge hoch Schaut herab das Felſenloch, Drinn aus ſeiner langen Nacht Iſt der Rieſe Heim erwacht. Streckt das zott'ge Haupt hervor, Luget durch ſein ſchwarzes Thor; Ihm gefaͤllt das tiefe Thal, Der gewoͤlbte Rieſenſaal. Und er ſehnt ſich nach dem Licht, Weilt in ſeinem Steine nicht; Bald mit Einem Schritt er ſtand Auf der andern Felſenwand. Wie am Berg der Donner grollt, So ſein Wort zu Thale rollt: „Zwerglein! menſchliches Geſchlecht, Diene mir beim Bau als Knecht!“ Wimmelnd kommen ſie heran, Maurer, Steinmetz, Zimmermann; Bauen all auf ſein Geheiß In des Angeſichtes Schweiß. Fertig ſteht der Rieſenſtein, Wurzelt in dem Felſen ein, Woͤlbt den Saal zu Luft und Ruh, Streckt den Thurm dem Himmel zu. An dem hoͤchſten Fenſterloch Fehlt ein einz'ger Nagel noch, Und der Schloſſer zagend ſpricht: Da hinaus gelang' ich nicht. Schad' iſt's doch um das Gebaͤu, Denn es ſteht ſo frank und frei, Wenn der Wandrer es beſchaut, Spricht: es iſt nicht ausgebaut. f 166 Doch der Rieſ' im Augenblick, Nimmt den Knecht bei dem Genick, Streckt zum Fenſter den hinaus, a Daß es allen iſt ein Graus. „Haͤmmre, meine Hand iſt feſt, Daß ſie dich nicht ſinken laͤßt! Schlag den Nagel in den Stein Zwiſchen Erd’ und Himmel ein.“ Draußen haͤngt er ſo mit Schreck, Doch er wagts und haͤmmert keck, Nieder laͤßt der Heim ihn ſacht: Zwerg, du haft es wohl gemacht! Schreitet aus dem hohen Saal Maͤchtig uͤeer Berg und Thal, Langt aus ſeiner Hoͤhle Thor Einen goldnen Schatz hervor. f Auf dem hellen Heimenſtein Nehmen ſie den Baulohn ein, Maurer, Steinmetz, Zimmerknecht, Jedem wiederfaͤhrt ſein Recht. Doch zum Schloſſer ſpricht er: Sohn! Nimm du hin den reichſten Lohn! Halt dich an den Boden feſt, Haͤmmre gut dein Zwergenneſt. ara, ©; Dokumente erzählen von diefer Veſte wenig. Die Gra⸗ fen von Helfenſtein follen in den unterirdiſchen Gewoͤlben Hexen in Verwahrſam gehabt haben. Im J. 1594 wurde ſie von Graf Eberhard von Wuͤrtemberg dem Ritter Hans von Lichtenſtein uͤberlaſſen, das Oeffnungsrecht aber vor— behalten; dieß auch dann, als dieſer im J. 1419 die Burg feinen beiden Tochtermaͤnnern Friz von Sachſenheim und Heinrich von Manſperg abtrat. Im J. 1441 endlich wurde ſie von Dietrich Speth von Eſtetten an Johann Grafen von Helfenſtein um ı900 fl. verkauft, und gehörte dadurch von nun an zu der Reichsherrſchaft Wieſenſtaig. — 167 Neidlingen und der Waſſerfall. | Auch den Reiſſenſtein verläßt man nur durch dieſelbe Höhle wieder, durch die man hineingekommen ff, Der naͤchſte Weg in den Thalgrund und zum Waſſerfall hinunter, geht durch den ſogenannten Holzriß, kann aber nur ſehr uneigentlich ein Weg genannt werden. Zwar iſt man in einer ſtarken Viertelſtunde unten; aber man muß die abſchuͤſſigſte Wald— wand, von Baum zu Baum mehr hinabſtuͤrzen als hinabgehen. Wenn es daher die Zeit erlaubt, ſo moͤchte der weitere Weg, den die Wagen ohnedem einſchlagen muͤſſen, die ſich bis auf den Reiſſenſtein gewagt haben, ſchon um der Bequemlichkeit willen vorzuziehen ſeyn. Er iſt aber wohl auch fuͤr das Auge vorzuziehen. Dieſer fuͤhrt naͤmlich auf der alten Steige dem Reiſſenſteiner Hofe zu, auf einer ſchoͤnen, langen, an Einem Orte durch eine tuͤchtige Felswand geſprengten Wald— ſtraße, erſt ſuͤdoͤſtlich, bald aber gegen Nordoſten gewendet, nach Neidlingen. Von hier an geht man das Thal eine kleine halbe Stunde an der Lindach aufwaͤrts. Man hat hier den Vorzug, den ſchoͤnen Thalgrund immer vor ſich, und dabei links die ſchoͤnſte Anſtcht des Reiſſenſteins, rechts den Heimenſtein zu haben. Schoͤne Obſtbaͤume aller Gattungen ſchmuͤcken den Bach, wie andre Baͤche Weiden oder Erlen. Der ganze Weg von der Veſte bis nach dem Thal— grund und Wafferfali mag auf dieſe Weiſe eine Stun: de betragen. Der Fußgaͤnger, der etwa nicht Gelegenheit hatte, ſich mit Lebensmitteln zu verſehen, kann dann doch auf dieſe Weiſe das Nothduͤrftige entweder im Dorfe ſelbſt ge— nießen, oder noch beſſer, von hier aus zum Waſſerfalle mit- nehmen. Nie id lin g en, an der nordöftlichen Oeffnung des Thales, am Fuße des Er— ckenbergs. Cruſtus nennt ihn Erbkonberg; ſchon zu fei- ner Zeit ſtand das alte Zaͤhringiſche Schloß auf dieſem ſchoͤ— nen Berge nicht mehr. Das Dorf Neidlingen gehoͤrte ur— ſprunglich einer edeln Familie dieſes Namens. Schon im J. 1295 kommt ein Ulrich von Neidlingen als ein Edler vom Gefolge der Grafen von Aichelberg in Urkunden vor, und noch im J. 1416 wird Anaftafia von Neidlingen als Priorin des Frauenkloſters zu Kirchheim genannt. Ein | 168 Diepold von Neidlingen fiel mit hir vielen Rittern in der ungluͤcklichen Schlacht, die Graf Ulrich von Wuͤrtemberg, des Greiners Sohn, am 14. Mai 1347 den Reutlingern lieferte, und die unſer Uhland ſo ſchoͤn geſchildert hat. Vielleicht be⸗ geht der Fruͤhlingswaͤndrer den Todestag jenes Ritters in die— ſem Thal auf ſeinem Erbe. — Spaͤter kam das Dorf an die Herrn v. Freiberg, dann (1579) unter wuͤrtembergiſche Lan⸗ deshoheit. Nach der Zeit ward es dem wuͤrtembergiſchen Canz⸗ ler Jakob Löffler wegen feiner Verdienſte zum Lehen gege⸗ ben, aber nach der ungluͤcklichen Noͤrdlinger Schlacht mußte dieſer fliehen. Der Kaiſer, als Sieger, ſchenkte das Gut Neidlingen einem bairifhen Rathe Namens Reichel. Die⸗ fer mußte es nach dem weſtphaͤliſchen Frieden wieder abtreten, und nun ward es von Herzog Eberhard III., als Donation, dem hochverdienten Wiederhold, dem muthigen Vertheidi⸗ ger Hohentwiels, zu Lehen gegeben. Wiederhold baute ſich hier ein huͤbſches, gethuͤrmtes Schloß, und vermachte der Pfarre und Schule milde Stiftungen. Er ſtarb ohne Leibes⸗ erben, und ſo kam das Dorf wieder an das Kammergut. Jetzt (Sommer 1821) wird fein Schloß als baufaͤllig und unbrauch⸗ bar abgetragen; der Hausrath if verſteigert worden: Wie⸗ derholds Bettlade hat der Pfarrer des Dorfes an fie gebracht, und bewahrt fie als Reliquie des großen Mannes. — Die huͤbſche Kirche iſt neu, und erſt im J. 1746 erbaut. Auf ihrer ſuͤdoͤſtlichen Seite gewährt fie, auf eine Entfernung von etwa 200 Schritten, ein Echo, das mit ſeltner Klarheit und Vernehmlichkeit ganze Saͤtze wiederholt. Neidlingen war einſt von vielen Burgen, einem Windeck, einem Lich⸗ tenſtein u. a. umgeben, von W man jetzt nur MR die Gräben ſteht. Von Neidlingen gelangt man auf dem angegebnen Wege in einem halben Stuͤndchen an den waldigen Schluß des Tha— les gegen Suͤdweſt. Dort nimmt man am beiten am Ein⸗ gang des Waldes das beigebraͤchte Mittagsmahl unter einem dichten Laubdach der herrlichſten Waldbaͤume ein. Es laͤßt ſich kein anmuthigeres Plaͤtzchen denken; der Wald öffnet ſich hier zu einem kleinen Salon, der eine Tafel mit 20 Gedecken be— guem faßt. Kein Sonnenſtrahl dringt durch; ſelbſt gegen un⸗ erwarteten Regen iſt man auf eine Stunde und länger ganz 227 169 5 * gedeckt. Wenige Schritte davon bildet die Lindach vom Gipfel der Alb herab uͤber pittoresfe Felſen den 75 Waſſerfall, den man aber auch ſo nicht eher entdeckt, bis man durch das bunte Gemiſche der ſchlankſten Buchen, Eichen, Ulmen und Ahornbaͤume, die ſich an der Bergwand hinaufziehen, und mit Kirſchbaͤumen und anderm Obſt abwechſeln, hindurch— gedrungen iſt. So klein das Waſſer iſt (an große Waſſerfaͤlle darf man ja hier nicht denken), To ſchoͤn iſt der Fall, fo ro: mantiſch die durch Wald und Berg ganz abgeſchnittne Lage. Nur bleibe man nicht unten ſtehen, ſondern klimme den Fuß: pfad dicht an dem Falle der Lindach, fo weit er fortgeht, hin⸗ auf; erſt links, bis zum Anfang des jaͤheren Falles. Hier laͤßt man ſich vom Führer hinuͤber tragen, und klettert rechts etwa 100 Schritte an gelindern Faͤllen hinauf, bis man auf dem Felſen ausruht, wo der obere Quell aus dem Kalkſtein hervorſprudelt. 5 Haben unfre Reiſenden die heiſſeren Stunden des Mit⸗ tags unter dem Obdach des Waldes zugebracht, ſo wird der bequeme Ruͤckweg nach Neidlingen (/ St.) angetreten. Und hier bieten ſich nun für den Abend und den folgenden Tag zweierlei Touren dar, die ſich unmoͤglich vereinigen laſſen, deren jede ihr eigenthümlich Schönes hat, und die in Go p⸗ pingen am folgenden Abend ihren Vereinigungspunkt finden. Die eine — wir koͤnnen es kaum in Abrede ſeyn, die reiche: re, — iſt die eigentliche Albtour, d. k., ſie fuͤhrt durch das Innre der Gebirge uͤber Wieſenſtaig und Geißlingen; die andre fuͤhrt am Fuße der Alb hin, uͤber Weilheim und das Boller Bad. Wir zeichnen den Wanderluſtigen eine neben der andern, und zwar zuerſt die durchs Gebirge. 170 > Siebenter Abend und achter Reiſetag. CAR Sa AR EL o ner Ueber Wieſenſtaig und Geißlingen nach Goͤppingen. —— (LD2ör Weg nach Wieſenſtaig. Eine neugeſchlagne ſchoͤne Straße (S. S. 167) führt von Neidlingen den Berg hinauf zu dem Reiſſenſteiner Hof. Wer aber den Waſſerfall fruͤher geſehen, der geht ſchon von der Veſte Reiſſenſtein aus, durch ſchoͤne Wieſen, zunaͤchſt nordoͤſtlich uͤber die Albflaͤche nach demſelben Hof, auf dem ein herrſchaftlicher Paͤchter ſitzt. Zwanzig Schritte hinter dem . Hofe geht der Wandrer rechts, den minder betretenen Weg, nicht links. Bald kommt er an eine Ziegelhuͤtte, wo er entweder den Fahrweg waͤhlt, der links uͤber Ackerfeld und Gebirgswald, und erſt dicht am Staͤdtchen den Berg herab— fuͤhrt, oder den anmuthigeren Fußweg vorzieht, der, nur an⸗ fangs ſteinig und ſteil, bald in das ſchoͤne waldumkraͤnzke Wieſenthal hinabfuͤhrt. Hier ſteht man ſich mit einemmal wieder von hohen Albbergen uͤberraſchend umgeben. Kehrt ſich der Wandrer um, fo liegt die oben ganz unſcheinbare Zie⸗ gelhuͤtte aͤußerſt mahleriſch uͤber ihm, und im Hintergrund des Thales winken, dicht an das Waldgebirge angelehnt, die huͤbſchen Doppelthuͤrme der Stiftskirche des Staͤdtchens, deſ— ſen Lage viele Aehnlichkeit mit der von Urach hat. Man ſollte meinen, der reinliche Wieſenpfad, der ſich durch das ſtille Thal ſchlaͤngelt, muͤſſe der Stadt den Namen Wieſenſtaig gegeben haben. Dennoch beweiſen uns die neueſten Forſchun⸗ gen unſrer tiefſten Sprachkuͤndiger aus alten Urkunden, daß der Name urſpruͤchlich Wiſuntesſtalga, (Wieſontesſtaiga) heißt, d. i. Berapfad des Wiſents oder wilden Waldochſen. Die Phantaſie verliert nichts bei dieſer Entdeckung: ſte bequemt ſich gerne dazu, die wilden Waͤlder ringsum mit dieſen ihren Ur— bewohnern zu bevoͤlkern. Hegen doch Thal und Hoͤhen dieſer Gegend noch andre Spuren des Naturzuſtandes auch unter der 171 menſchlichen Geſellſchaft. Die Wieſenſtaiger wiſſen viel von den Freileuten und Freimenſchern zu erzaͤhlen, die unſer Unterland nicht einmal dem Namen nach kennt, die aber hier, wie im Schwarzwald und bis in die Schweiz hinein, ihr Weſen treiben. Dieſe Menſchen, Abkoͤmmlinge, wie man ſagt, von den Zigeunern, aber nicht mit ihnen zu verwechſeln, ſind Landſtreicher, die ſich mit Zeunen- und Korbmachen abgeben. Zu zehn und zwoͤlf ziehen ſie, die Weiber in auffallender, ſtatt— licher Tracht, große oft bildſchoͤne Leute, von Hof zu Hof her— um. Den einſamen Hofbauern preſſen ſie Mehl, Milch und Schmalz und andre Speiſe ab, die fie unter der Drohung, ihnen das Haus uͤber den Koͤpfen anzuzuͤnden, ſich entweder aufs freie Feld zum Mahle liefern laſſen, oder in der Bauern— Wohnung ſelbſt verzehren; Hunde und Dachſe werden gebra— ten; getrunken wird, wo fie Wein finden, getanzt und der Unzucht gepflogen. Eine ſolche Furcht haben die vereinzelten Bewohner dieſer Gegend vor ihnen, daß ſte ſich nicht einmal das Herz nehmen, ſolche Beſuche der Obrigkeit zu melden oder zu geſtehen. Links auf unſrem Pfade nach Wieſenſtaig liegt die einſame Papiermuͤhle, im dunkeln Seitenthal am Urſprung der Fils, Felſen ragen daneben empor; eine be— nachbarte Hoͤhle, das ſteinerne Haus genannt, gewaͤhrt mit ſchoͤnem hallenfoͤrmigem Eingang ein Obdach. Auch in die— fer Gegend haufen regelmäßig die Freileute. Aber der Pa- piermuͤller ſteht in einem Vertrage mit ihnen. Keines darf ſein Haus betreten. Dafuͤr hat er ſich ihnen zinsbar gemacht, und zahlt, wenn ſie vor ſeiner Muͤhle erſcheinen, dem Kopfe zwanzig Kreuzer. Auch die Wirthshaͤuſer der Stadt beſu— chen ſte zuweilen, und geberden ſich unmaͤßig, roh und grob; aber geſcheit und jovial dabei. Ueberbleibſel von Hannickels Bande ſollen ſich mit ihnen vermiſcht haben. Wieſenſtaig iſt ein armſeeliges Staͤdtchen mit 1241 Einwohnern katholi— ſcher Religion. Seine ſtattliche Kirche (neu gebaut im Jahr 1771) hoch und geraͤumig, uͤbrigens modern und ohne Saͤulen mit einem Al fresco gemahlten Platfond und neuen Gemaͤl⸗ den, worunter ſich ein ſterbender Joſeph (Altarblatt) auszeich— net, verdankt es einem Chorherrnuſtift, das hier beſtan— den. Auf dem benachbarten Kirchberge ſtaud naͤmlich ein Bes 172 nediktinerkloſter, das von einem Grafen Ru dolph, wahr⸗ ſcheinlich dem Stammvater des Helfenſtetniſchen Hauſes geftif- tet, und von Biſchof Salomo J., dem Lehrer Otfrieds, geweiht und beſtaͤtigt ward 861. In Wieſenſtaig wird noch eln ſicherlich unaͤchter Stiftungsbrief Kalfer Ludwigs als Copie aufbewahrt. Dieſes Kloſter fol im J. 1087 abgebrannt und in ein reguliertes Chorherrnſtift verwandelt worden ſeyn. In den zwiſchen den Grafen Helfenſtein in dem Stift errichteten Vertraͤgen kommt unſer Herzog Chriſtoph einigemal als Vermittler vor. Der Kirche gegenuͤber ſteht ein fefularifir- tes Frauenkloſter, das die alten Nonnen noch bewohnen, die ein ſehr gutes Lob haben, und Schule hier halten. In ihrer Kloſterkapelle wird jetzt der evangellſche Gottesdienft von dem Pfarrer von Gruibingen beſorgt. 1 Geſchichtliches uͤber die Grafſchaft und Stadt Wieſenſtaig. ao Die Reichs⸗Herrſchaft Wiefenftaig. war in den alten Zeiten Graͤflich Helfenſteiniſch, gehörte unter die aͤlte⸗ ſten Beſitzungen dieſes Hauſes, und die Stadt war Reſidenz dieſes Geſchlechts. Im Jahr 1446 verſezte Graf Ludwig von Helfenſtein halb Wiefenftaig dem Grafen Ulrich von Wuͤrtem⸗ berg, nahm aber im J. 1450 dle Stadt wieder ein ‚ und ges rieth darüber in Swift mit Wuͤrtemberg, doch ward ihm end⸗ lich die Loͤſung der Pfandſchaft geſtattet. Der lezte maͤnnliche Sproß des Helfenfteinifchen Geſchlechtes, Graf Rudolph, ſtarb in dieſer Stadt im J. 1627. Auch die Graͤfin Catharina von Helfenſtein, die edle Gemahlin Graf Ulrichs von Wuͤr— temberg, die Wohlthaͤterin des Spitals von Eßlingen, die Gründerin des Stuttgarter Catharinen-Hoſpitals, deren An⸗ denken kuͤrzlich dankbare Stuttgarter Buͤrger erneuert haben, liegt hier begraben (T in der zweiten Hälfte des maten Jahr⸗ hunderts). — Nach Rudolphs Tode theilte ſich Fuͤrſtenberg und Churbakern in Wieſenſtaigs Beſitz, indem von Rudolphs 3 Toͤchtern 2 ihre Antheile im J. 1642 an den Pfalzgrafen Mar von Baiern verkauften, eine zte aber den Grafen Mar von Fuͤrſtenberg-Moͤskirch heirathete. Im fpanifhen Succeſ- ſtonskriege beſetzte Herzog Eberhard Ludw ig von Wuͤr⸗ tembers den baieriſchen Autheil der Herrſchaft (5. Novbr. 175 170%), und hatte ihn einige Jahre lang inne, wiewohl ange⸗ fochten darüber vom ſchwaͤbiſchen Kreis. In dem Wiefenftat- ger Lagerbuch finden ſich noch wuͤrtembergiſche Reſcripte von dieſen Jahren. Kraft des Friedens von Baden aber mußte Würtemberg die Herrſchaft wieder an Balern abtreten. Nun blieb ſte in deſſen Beſitz, nachdem im J. 1752 auch der fuͤr⸗ ſtenbergiſche Antheil durch Kauf an Bakern übergegangen, bis die ganze Herrſchaft nach dem Preßburger Frieden und dem Beitritt des Koͤnigs Friedrich von Wuͤrtemberg zur rheiniſchen Bundesakte, mit andern Vergroͤßerungen den wuͤrtemb. Lan⸗ den einverleibt wurde. Andre geſchichtliche Merkwöͤͤrdigkeiten bietet Wiefenfalg wenige dar. Bemerkenswerth ift wohl, daß hier noch im J. 1585 fuͤnf und zwanzig Hexen verbrannt worden ſind. „So gar, fuͤgt Cruſtus, der Berichterſtatter, ernſthaft hinzu, reicht dieſe Peſt der Weiber bis auf unſre Zeiten heruͤber.“ Im J. 1648, am Tage Skt. Marks, wurde die Stadt bis auf 125 Haͤuſer, und damit auch die fruͤhere, ebenfalls ſchoͤne und reiche Stiftskirche von den Schweden, abgebrannt, weil die geforderte Contribution nicht aufgetrieben werden konnte. kur das anſehnliche Schloß, in welchem die Grafen von Hel— fenſtein bis auf die Letzten Hof gehalten, ward gerettet. Spaͤter wohnten in dem Schloß der Fuͤrſtenbergiſche und der Baieriſche Vogt. Jezt iſt der eine Flügel deſſelben abgebro— chen, der andre in einen Fruchtkaſten umgewandelt. Der ehe— dem ſehr huͤbſche und wohlerhaltene Schloßgarten iſt in die Haͤnde eines Privatmanns gekommen, und zu e Hausge⸗ brauch umgeſtaltet. Vieſenſtaig iſt ein ziemlich gewerbſames Staͤdtchen von 1231 Einwohnern, meiſt Maurern und Ipſern, welche Win— ters entweder Spindeln drehen, oder mit Geißlinger Drechs— ler⸗Waaren und Peitſchenſtecken, die in dem benachbarten Gansloſen verfertigt werden, im Lande herumziehen. Auch hat es Viehmaͤrkte, und zwei eintraͤgliche Aderlaß⸗-Eiſenfabri⸗ ken. Der Verſchluß dieſer Waare beſchaͤftigt eine bedeutende Anzahl armer Einwohner, die das Fabrikat nach Frankreich, in die Schweiz, nach Tyrol, Böhmen, Kaͤrnthen, Suͤd- und Mittel⸗Deutſchland vertragen. — In der Naͤhe der Stadt fand die ſeit 1805 aufgehobene und ſeit 1806 abgebrochene 174 große Wallfahrt zu Marientods⸗ (oder Doz) Burg, deren ſchon Cruſtus erwähnt. . Wirthshaus: zum Hirſch. Gut. (beſ. gutes Bier). Die Wandrer treffen hier in einem unſcheinbaren, baufaͤlligen Haufe freundliche, beſorgte Wirthsleute, und reinliche Bet: ten. Was vom Abend uͤbrig iſt, mag zu einem Spaziergang nach den naͤchſten Umgebungen angewandt werden. Beſonders lieblich iſt der klare Forellenbach der Fils mit dem blaͤulichten Waſſer, durch deſſen Mitte ſich die grünen Waſſergewaͤchſe in langen Flechten hinziehen, und das uferlos, wie der Liris des Horaz, uͤber die fetten Wieſen hinſchwimmt. Uebrigens iſt dieſes der allgemeine Charakter aller Albwaſſer, ind gilt eben ſowohl von den beiden Lautern, der Erms und der Blau, als von der Fils. e N Ein kleines Fleckchen von wenigen Schritten an der Fils, zunaͤchſt am norſtweſtlichen Ende des Staͤdtchens iſt auch für den Botaniker und den Apotheker merkwuͤrdig, denn auf ihm und ſonſt nirgends in der Umgegend waͤchst der ſeltene und wunderſchoͤne Fieber-Klee (menianthes trifoliata), Route des 7ten Tages mit der erſten Paralleltour des ten Abends. | Von Kirchheim nach Viſſingen . . ı1 St. — Biſſingen nach Ochſenwang . 1 — v — Ochſenwang nach dem Heimenſtein 1 zur Torfgrube — Heimenſtein nach dem Reiſſenſtein 1 — „St. — Reiſſenſtein nach dem Waſſerfall 2 — — Waſſerfall nach Neidlingen . / — — Neidlingen nach Wieſenſtaig. . 1½ — 7% St. 8 St. Va Achter Tag. Er ſte Tour. * Reiſe durchs Filsthal nach Geißlingen und Goͤppingen. Da die Reiſeroute fuͤr dieſen Tag etwas groß iſt, und doch nicht fuͤglich abgekuͤrzt werden kann, ſo thut der Wandrer uͤberhaupt gut, wenn er ſich in aller Frühe auf den Weg macht. Beguͤnſtigt ihn aber das Wetter auf eine eigenthuͤm— liche Art, d. h. iſt heitre Luft unmittelbar nach einem Regen— tag, oder ſchoͤn Wetter bei Weſtwind, das baldige Wetter— veraͤnderung vermuthen läßt: — dann mache er fih ſchon Morgens um halb 5 Uhr auf und ſteige, mit einem Führer, einen der hoͤchſten Albruͤcken, ſuͤdlich vom Staͤdtchen, hinauf, wo er nach einer guten Stunde auf das Plateau der Alb und nach Hohenſtadt kommt, einem der hoͤchſt gelegenen Doͤr— fer des Landes (2825 Wuͤrt. Fuß uͤber der Meeresflaͤche). Der Weg iſt anfangs Fahrſtraße, und fuͤhrt an einem wunderbar geſtalteten Felsſtuͤcke vorbei, das links aus dem hoͤchſten Walde hervorragt. Er heißt das ſteinerne Weib, und gleicht wirklich auffallend einer koloſſalen weiblichen Antike im naſſen Gewande, mit weggeſtrecktem einem Fuße auf einem Blocke ſchwebend, der das Piedeſtall vorſtellt. Der ſchlanke Fels hat nur 26 Zoll im Durchmeſſer. — Wenn man % Stunde geſtie— gen, laͤßt man den Fahrweg links, und zieht ſich rechts den ſteilen Fußpfad hinauf. — In Hohenſtadt beſteigt der Wand— rer den Kirchthurm und ſieht, etwas muͤhſeelig, durch die Fen— ſterloͤcher gegen Werten die Vogeſen, gegen Norden die Berge bei Heidelberg, gegen Oſten die Berge an der Do— nau, der Iſar und dem Inn, gegen Suͤdoſten und Suͤ— den aber die ganze Kette der Tyroler- und Schweizer: Alpen im Morgenſcheine gluͤhen. — Nur hoffe er alles die— ſes nicht bei dauerhaft ſchoͤnem Wetter, bei anhaltendem Oſt— oder Nordoſtwind, auch nicht bei dem truͤbſeeligen und wol- kenreichen Nord- und Nordweſtwind zu ſchauen; dann iſt das Gebirge nicht offen, wie ſich die Bauern ausdruͤcken. Mögen nun aber unſre Reiſenden Hohenſtadt mitnehmen odet nicht, ſo duͤrfen ſie doch einen andern Umweg, anſtatt * w 176 unmittelbar von Wieſenſtaig aus das Filsthal zu verfolgen, nicht ſcheuen: den Umweg uͤber das Doͤrfchen Unter ⸗Trackenſtein, das durch die ſuͤdoͤſtliche Albivand, an die ſich Wieſenſtaig lehnt, von dieſem Staͤdtchen getrennt, in einer romantiſchen Seitenſchlucht des Filsthales hoͤchſt mahleriſch auf einer vom Berge vorgeſchobenen Tuffſteinmaſſe liegt, und einen kleinen, aber ſehenswerthen Waſſerfall in ſeinen Baͤumen und Buͤſchen verbirgt. Von Hohenſtadt geht der Weg kaum eine halbe Stunde weit nordoͤſtlich durch einen herrlichen Buchenwald in den Abgrund hinab, und während man ſich noch in der tief⸗ ſten Waldeinſamkeit glaubt, wird man von dem gellenden Gloͤckchen des katholiſchen Dorfes uͤberraſcht, und ſteht mitten in den unter Obſt und Wald am ktetzten Bergesabhang gela— gerten Haͤuſern. Anders, aber nicht weniger ſchoͤn, blickt es dem Wandrer entgegen, wenn er auf geradem Wege von Wie⸗ ſenſtaig kommend die hohe Bergwand dem Dorfe gegenüber herabſteigt; wo ihm beſonders die freundliche weiſſe Kirche aus dem waldigen Dorfe hell entgegenleuchtet. Dieſes Tracken⸗ ſtein liegt ſo tief in der Schlucht, und ſo dicht an der bu⸗ ſchichten Albwand, daß die Sonne vom ıofen December bis zum ı6ten Januar hier gar nicht ſcheint. Von dem letztern Tag an ſendet fie taͤglich ein paar Minuten länger ihre Strah⸗ len in das tiefe Dorf, bis fie an Lichtmeß das Erſtemal wies der einen Strahl in die Kirche wirft. Wenn ſie da den Pfar⸗ rer anſcheint, ſagen die Bauern, ſo kommt noch eine Kälte nach. Zum Waſſerfall, der unter dem freudlichen Pfarrhauſe, das ein lieber Mann bewohnt, an der Seite eines kleinen Baumgaͤrtchens im Gebuͤſch verborgen herabſtrudelt, fuͤhrt der Weg die Bergſtaffel hinab, an ſehenswerthen Muͤhlwerken vorbei, durch ein natuͤrliches Felſenthor aus Tuffſteinen, über eine Wieſe an einem Kranz von Felsgeſtein vorüber; der Wafz ſerfall ſtuͤrzt uͤber eine ſenkrechte Tuffſteinwand nicht ſehr hoch (etwa 60 Fuß) herunter; aber koͤſtlich uͤberſchattet von Baͤu⸗ men, eine ſchlanke Saͤule bildend, zerſtaͤubter als der Neid— linger; freilich aber durch ſeine Lage erſt Nachmittags, wo die Sonne mit ihm ſpielt, beſonders ſchoͤn. Sein Fall ergießt ſich in eine herrliche von Vergißmeinuichten durchſchimmerte 5 117 Wieſe, und eilt, zum Bach geworden, in die Fils. An Ihm hin wandern unſre Reiſenden aus der Thalſchlucht heraus, mit einem Ruͤckblick auf das ſchoͤne Trackenſtein, das uͤber ſich auf einem hervorſpringenden Theil des Berges die kaum ſicht— baren Ueberreſte des zerſtoͤrten Schloffes Weſterſtetten, das zu Cruſius Zeiten „ein ſchoͤn neu Schloß“ war, auch fel- ber Trackenſtein hieß, und ganz zu feinen Haͤupten auf der Alb den Weiler Ober-Trackenſtein liegen hat. Nach drei Viertelſtunden gelangen ſte ins Filsthal und zuvoͤrderſt nach Go ſpach. Die Gegend wird hier ungleich. Rechts laufen noch kegelfoͤrmige Berge mit ſchoͤnen Waͤldern hin, aber links ſind die Berge einfoͤrmig und kahl; einer davon iſt durch ein Kreutz mit einer Wallfahrt ausgezeichnet. Links auf einem waldigen Kegel ſtellen ſich dem Auge die Ruinen des helfen— ſteiniſchen Schloſſes Hiltenburg dar. Dieſe Veſte war ſeit dem J. 1582, wo die Grafen von Helfenſtein ihr Stammſchloß an Ulm verpfaͤndet hatten, Reſtdenz dieſer Herren geweſen. Hiltenburg nahm ein trauriges Ende: Herzog Ulrich von Wuͤrtemberg war, noch vor ſeinem großen Ungluͤck, ſchon im J. 1516, uͤber den Zwiſtigkeiten mit ſeiner Gemahlin, von Kaiſer Maximilian in die Acht und Aberacht erklaͤrt worden. Er widerſetzte fich dieſem Beſchluß, ſammelte einen Heerhau— fen, zog nach Goͤppingen und von da nach Blaubeuren. Doch brachte er noch in demſelben Jahr (22. Octbr.) einen Vergleich mit dem Kaiſer zu Stande, und zog nun mit feinem Kriegs- volk von Blaubeuren, durch unſer Filsthal, nach Goͤppingen und Stuttgart zu. Als er an der Hiltenburg vorbeizog, wur— de von den Helfenſteiniſchen, den alten Feinden Wuͤrtembergs, die ihren Muthwillen nicht laſſen konnten, mit einer Stuͤckku⸗ gel nach ihm geſchoſſen. Ulrich beſann ſich keinen Augenblick, er ließ das Schloß ſtuͤrmen, und brannte es nieder (9. Nov. 1516). Seit dieſem Tage hat es ſeine jetzige Geſtalt. Auf der linken Seite fuͤhrt, in die kahle Gebirgsſchlucht, der Weg zum Dorfe Gansloſen, das, wohl nur durch ſei— nen Namen, ſeit uralter Zeit das Schilda Wuͤrtembergs iſt; und auf das alle albernen Streiche, die irgend eine Dorfge— meinde begehen kann, unter dem Namen Gansloſer Strei— che gehaͤuft werden. — . Bei Dizenbach (% St.) wird das Thal obſtreich. Das Dorf beſitzt einen merkwuͤrdigen leider unbrauchbar geworde— G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 12 178 nen Sauerbrunnen. Er wurde durch anhaltende Daͤmpfe, die ſich über der Stelle zeigten, in der zweiten Hälfte des ırten Jahrhunderts entdeckt. Aber erſt — ſagt der vor uns liegen⸗ de, im J. 1760 zu Muͤnchen gedruckte, Bericht — „nachdem man ſeit beinahe 100 Jahren vergeblich geſucht hatte, dieſes fuͤrtreffliche Geſundheitswaſſer von den dazu eingedrungenen unedeln Fluͤſſen zu ſondern, iſt endlich in Anno 1755 — dieſe große Gabe der Natur in ihrer vollkommenſten Reinigkeit und erſten unvermiſchten Urquelle entdeckt worden.“ Sie wurde damals mit großen Koſten unter Dach und in ein Brunnen: gehaͤuſe gebracht; die wilden Fluͤſſe ſonderte ein Pompwerk ab; die Beſtandtheile wurden chemiſch unterſucht, die Reſul— tate durch den Druck bekannt gemacht, und das Waſſer von der Akademie der Wiſſenſchaften zu Paris und den gelehrte— ſten Aerzten der damaligen Zeit hoͤchlich angeprieſen. Einige Zeit ward es in großen Parthieen, an 70,000 Bouteillen des Jahrs ), ins Ausland, beſonders nach Balern verſandt Der Dampf war ſo ſtark, daß er Hinunterſtelgenden faſt toͤdtlich ward. Ein „6jaͤhriger Bauer hat dem Verfaſſer als Augen⸗ zeuge ein lebendiges Gemaͤlde von dem Flor der Brunnenan⸗ ſtalt gemacht, den er als Knabe noch erlebt hat. Leider aber unterlag die Faſſung bald einer wilden Quelle, die ſich ſeit⸗ dem mit dem Mineralwaſſer vereinigt, und ihm gewoͤhnlich „ Theile, bei naſſer Witterung aber noch viel mehr, ſuͤßes Waſſer mittheilt. Ein Dorfſchenkwirth iſt jetzt im Beſitz des Brunnens und ſeufzt, daß er nicht etliche 1000 uͤbrige Gulden hat, um das ſuͤße Waſſer auf die Dauer von der koſtbaren Quelle zu ſcheiden. Denn nach den neueſten Unterſuchungen ſoll dieß Waſſer in feinen Beſtandtheilen die auffallendſte Aehnlichkeit mit dem Pyrmonter Brunnenwaſſer haben. Sein Geſchmack iſt auch jezt noch aͤuſſerſt angenehm. Vor etwa eis nem Jahrzehend wurde an der Sonderung gearbeitet; die Ar— beit aber, da der Erfolg nicht ſicher ſchien, und der Aufwand bedeutend zu werden drohte, wieder eingeſtellt. Seitdem ha— ben Privatleute vergebliche Verſuche gemacht ). N *) 24 Bout. hieſſen eine ganze Eur, und koſteten in Dizen⸗ bach 4 fl., in Donauwoͤrt 5 fl., in Muͤnchen 6 fl. u) Weitre Notizen uͤber die alte Anſtalt, aus dem Sgalbuch von Dizenbach und dem Vormerkungsbuch von Wieſen⸗ ſtaig ſ. in Memmingers Jahrb. 3. u. 4 Bd. S. 339. 179 Von Dizenbach führt die Straße durch das Filsthal nach Deggingen (% St.), mit einer reichen Wallfahrtsfir- che links am Walde. Mit dieſem Dorfe ſchließt ſich derjenige Theil des Filsthals, denz die Bewohner das Gaiſſen— thaͤle, Spindelnthaͤle nennen, und die letztgenannten 3 Orte ſind es eigentlich, welche jaͤhrlich eine Maſſe von Spin⸗ deln producieren, und in den Handel bringen. Von hier aus gehen im Frühjahr „die Wieſenſtaiger Jpſer“ in alle Welt aus, und wenn ihnen der Herbſt die Ruͤckkehr in die Heimat gebietet, ergreift der eine den Drehbogen, um Spindeln zu geigen, der andre den Spindelnſack, um ſolche zu verwehrten, und der dritte nimmt Geißlinger Waaren, Aderlaßeiſen und Peitſchenſtoͤcke, und tragt fie in den benachbarten Ländern feil. Von Deggingen, wo der Wandrer die Fils verlaͤßt, fuͤhrt der Weg an Haufen vorbei (/ St.), das jedoch einige Schritte links liegen bleibt. Hier iſt die Gegend, zumal auf der lin— ken Seite, armſeelig, und man befindet ſich mitten im Thale auf der rauhen Alb. Von Hauſen an bekommt die linke Seite durch Felſenſchichten wieder mehr Intereſſe; rechts wer— den die Waͤlder voller, und eine Kante derſelben kroͤnt das ſchmucke, luftige Dorf Tuͤrkheim. So kommt man auf an⸗ muthigem Wege in das Ueberkinger Bad, (425 Einw.), % St. von Haufen, das ſich mit geräumigen Gebaͤuden und einer alten Lindenallee in dem tiefen Gebirgs— thale recht einladend ausnimmt, und im Sommer ziemlich zahlreiche Badegeſellſchaft aus Ulm, Geißlingen und der übri- gen Umgegend verſammelt. Eine wohleingerichtete Wirthſchaft bietet unſern Reiſenden hier ein erquickendes Bad, guten Wein, Forellen, einen ſehr trinkbaren Geſundbrunnen, und von dem hellen Saal eine reizende Ausſicht auf die Garten⸗ anlagen und die Berge an. Von Ueberkingen nach Geißlingen fuͤhrt eine ſehr an⸗ genehme Straße in das geoͤffnetere Filsthal, rechts und links helle Waiden und ſchoͤner Bergwald. Beſonders ſteht man, umgewendet recht in eine mahleriſche, waldige Berg— mulde hinein, deren Kante von dem Dorfe Aufhauſen, wie das Gebirge links von Tuͤrkheim gekroͤnt wird. Vor ſich at hat der Wandrer den Ausblick auf einen Strich des Obſt⸗ 12 * 180 waldes, der bald die Fils begleitend ſie bis nach Goͤppingen einhuͤllt. Die Chauſſee zieht ſich nach dieſem Thale, und fuͤhrt über Altſtadt nach Geißlingen. Unvergleichlich aber durch die Ausſicht, die ſein hoͤchſter Punkt gewaͤhrt, iſt der ſoge— nannte Fußweg, der uͤbrigens auch befahrbar, rechts, über den Abhang des Tuͤrkheimer Berges hinüber, und zuletzt, mit einem Niederblick auf das bisher verborgne Geißlingen, hinabfuͤhrt. Dieſer Niederblick in das wilde Bergthal iſt ſchoͤn genug; aber vorwaͤrts muß ſich das Auge richten, wo das Thal (beſonders im Morgenlichte) ſich zwiſchen den hohen Albwaͤn⸗ den in ſeinem Obſtreichthum und ſeiner Kette von Doͤrfern für den, der aus der rauhen Alb hervortritt, paradieſiſch er— öffnet, aus deſſen Hintergrund der majeſtaͤtiſche Hohenſtau⸗ fen, und zu feinen: Füßen das trauliche Schloͤßchen Staus feneck dem Blick entgegenſteigen. Zwiſchen dieſem Thal und dem Geißlinger Keſſel, oͤffnet ſich ein dritter Ausblick in ein wild romantiſches Thal, in deſſem hinterſten Grunde verbor— gen, unter einem ſchaͤrfbegraͤnzten Felsblock der Graͤflich De⸗ genfeldiſche Sitz Eybach (1 St. von Gelßlingen) liegt, und durch das ſich weiter hinein die Heidenheimer Straß durch das wildgelegene Weiſſenſtein zieht. Geißlingens Lage mahnt auch an Urach; ſteht aber weit hinter dieſem zuruͤck durch die kahleren, zum Theil ausge- hauenen, zum Theil mit jungem Anflug bewachſenen Gebirgs— waͤnde. Auf den hintern Höhen, an die es ſich lehnt, ſtehen die Ruinen der alten Burg Helfenſtein, mehr Felſen als Mauern, auf welchen einſt die Gebäude durch Zugbruͤcken ver⸗ bunden ſtanden; und weiter ſuͤdlich, auf einem abgeſonderten, waldigten und ſchlanken Gebirgskegel der Oedenthur m, ein Vorwerk des Helfenſteins, hoch, ſpitz, von großem Umfang — ſo ſchlank er aus der Ferne erſcheint, — uralt, mit ungeheuer dicken, roh behauenen Mauerſteinen. Um zu dieſem Berg zu kommen, muͤſſen unſre Reiſenden die Stadt durchwandeln. Den Berg ſelbſt führt ein neugebahnter, ſehr bequemer Fuß— weg in 32 Zackengaͤngen hinauf (J St.). Die Ausſicht iſt, fo hoch man ſteht, nicht ſo belohnend, wie auf dem Ueberkinger Fußweg, nur das Doͤrfchen Weiler liegt rechts auf der Alb⸗ kante ſchoͤn ausgebreitet, und auf Geißlingen ſteht man, wie der Vogel im Flug, herab. Dem Goͤppinger Thal aber man⸗ gelt, von hier aus geſehen, der Hintergrund, und den ſchoͤn⸗ dadurch mit dem Ungarnkoͤnig Ludwig. Um dieſe Zeit (1556) 181 ſten Theil deſſelben bedeckt der rechts zu weit vorſpringende Tegelberg. Das gegenüberliegende Helfenſtein, von dem man kaum noch Spuren entdeckt, wird wohl beſſer von hier aus betrachtet, als wieder beſonders beſtiegen. Doch gewaͤhrt eine halb verwitterte Linde, die am Abhang des Helfenſteins nur eine Viertelſtunde von der Stadt ſteht, und daher fuͤr den Bequemeren fehr gelegen iſt, eine ſchoͤne Ausſicht. | Die Geſchichte der Grafen von Helfenſtein mahlt das ſchnelle und uͤppige Wachsthum, aber den noch viel reißend ſchnelleren Zerfall mächtiger Familien. Die Fabel giebt dieſer Familie roͤmiſchen Urſprung, und laͤßt ſie durch Carl den Großen, zur Strafe einer gegen Pabſt Leo veruͤbten Un⸗ bill, mit Zollern und andern Geſchlechtern nach Schwaben ver⸗ pflanzen. Schon im ııten Jahrhundert, unter den verheeren> den Streitigkeiten der Kirche, erſcheint dieſes Geſchlecht als bedeutend und mächtig. Im ı5ten Jahrhundert empörte ſich ein Graf Ludwig von Helfenſtein mit andern ſelbſt ges gen den Kaiſer, Rudolph J., der ihm ſeine (jetzt abgegangene) Burg Spitzenberg im Geißlinger Thal zur Strafe abnahm, und dem Reich einverleibte. Bald erheirathete das Geſchlecht einen Theil der Dillingiſchen Guͤter, und erwarb Blau⸗ beuren. Graf Ulrich III. führte fo ernſthafte Fehden mit den Pfalzgrafen von Tuͤbingen und dem Grafen von Haiger⸗ loch (auch Graf Eberhard von Wuͤrtemberg war darein ver⸗ wickelt), daß Kaiſer Rudolph I. feine ganze Macht nöthig hatte, um dieſelbe zu Ende zu bringen. Aber ſchon dieſen ulrich und ſeinen Sohn gleichen Namens noͤthigten die vielen Haͤndel und der ausſchweifende Luxus die betraͤchtlichſten Be⸗ ſitzungen zu veräußern oder zu verpfaͤnden. Dennoch ſtieg der Glanz des Hauſes noch immer. Carl IV. gab 1551 die Burg Hellenſtein, mit Heidenheim und Giengen, dem Geſchlecht zum Erblehen, ja er ſtiftete zwiſchen der Tochter des Fuͤrſten Stephanus von Bosnien, Maria, und einem jungen Grafen von Helfenſtein eine Vermaͤhlung, und verſchwaͤgerte dieſen gehoͤrte Helfenſtein zu den bedeutendſten Grafſchaften Deutſch⸗ lands, und erſtreckte ſich auf 8 deutſche Meilen in die Laͤnge und nicht viel weniger in die Breite. Mit der reichen Fuͤrſtentochter kam noch groͤßerer Stolz 1 182 und Hang zur Verſchwendung herein. Bisher hatten zwei Vettern die Grafſchaft eintraͤchtiglich verwaltet. Die Vosni⸗ ſche Prinzeſſin fand es vornehmer, wenn ihr Gemahl Herr eines eignen kleinen Landſtrichs, als Mitregent einer ganzen Grafſchaft ware. Es ward getheilt: der aͤltere, ihr Gemahl, erhielt die alte Grafſchaft, der jüngere alles Uebrige, dem Anſcheine nach weit mehr. Aber jener machte Schulden, zer— fiel mit ſeinem Schwager, Graf Eberhard von Wuͤrtemberg, ward im J. 15/2 von einigen Edelleuten gefangen genommen, und den 1. Mai auf Ramſtein, einer Burg Eberhards von Falkenſtein, unwuͤrdiglich ermordet. Die Tochtermaͤnner Ma- ria's festen ſich nun eilig in Veſitz ihrer ſchoͤnen Heirathguͤter, und Mutter und Soͤhne wußten ſich nicht anders zu helfen, als daß ſie die ganze Herrſchaft Geißlingen der Stadt Ulm verpfaͤndeten. Der Contrakt dieſes wuchernden Handelsſtaa— tes, der daruͤber aufgeſetzt ward, war darauf angelegt, den einmal angebiſſnen Apfel ganz zu verſchlingen. Maria aber war ſo gluͤcklich, ſich ihren Leichtſinn zu erhalten. Sie nannte die Ulmer nur ihre lieben Soͤhne: „denn dieſe werden ja meine Erben ſeyn!“ ſprach ſte. — g N Wie der aͤltern Linie mit Ulm, fo gieng es der juͤngern mit Blaubeuren. Die gutmüthigen Moͤnche ſtreckten immer vor, und ließen ſich ein ſchoͤnes Gut nach dem andern ver— pfaͤnden. So ſank die Familie bis zu ihrem Ausſterben im⸗ mer tiefer, zuletzt auf das gleichfalls verpfaͤndete Wieſenſtaig beſchraͤnkt, herunter. Das Stammſchloß Helfenſtein ward von den Ulmern ſelbſt in dem Religionskrieg 1552 zerſtoͤrt. Markgraf Albrecht, der die Ulmer vergebens zur Allianz aufgefordert, hatte ulm vergeblich belagert, ihr Gebiet verwuͤſtet, Helfenſtein ero— bert. Aber am Schluſſe des Jahres vertrieben die Ulmer die feindliche Beſatzung, und demolierten das Schloß, damit ſich kein Feind mehr deſſelben bedienen koͤnnte. Seine Erbauung ſetzt die Sage ins J. 950. Von der Burg Helfenſtein kehren wir nach Geißlingen zuruͤck, das aber gar wenig Bemerkenswerthes darbietet. Die Stadt kam aus Helfenſteiniſchen Haͤnden zuletzt durch Kauf in den Beſitz der Ulmer (1596), in welchem ſie zu den ſchwaͤbi⸗ 185 ſchen Ständen, von Baiern, ſelbſt von dem letzten Helfenz ſtein (T 1627) lange angefochten wurden. Doch blieb es ihnen bis auf unſre neueſten Zeiten, wo es mit Ulm erſt an Baiern und 1810 an Wuͤrtemberg gekommen iſt. . Das Staͤdtchen, mit 2150 Einwohnern, Sitz eines Ober— amts und einer Poſt, iſt unanſehnlich und hat nur wenig neue wohlgebaute Haͤuſer. Seine Drechslerwaaren, welche unter dem Namen Geißlinger Waaren überall hin verkauft werden, ſind beruͤhmt. Es hat einen Kornmarkt und eine Papiermuͤhle. Sehenswerth iſt noch die neue hohe Geißlin⸗ gerſteige, uͤber welche die Straße nach Ulm fuͤhrt; zumal wenn unſre Reiſenden die Seeburger Bergſtraße verſaͤumt ha— ben ſollten. Auf dem Wege dahin treffen fie, unmittelbar vor dem Ulmerthor, die Verfaſſungseiche, welche die patrio— tiſch gefinnten Geißlinger zum Andenken an den gluͤcklich ges ſchloſſnen Verfaſſungsvertrag 1819 gepflanzt, und mit einer ſchuͤtzenden Verzaͤunung umgeben haben. Welter draußen iſt das ſogenannte Roͤthelbad, nur von Geißlingern beſucht, mit guter Bierwirthſchaft, ſehenswerth um der ſchoͤnen Faͤlle wil⸗ fen, die der Bach Rotach bildet. Aus dem Waldgebirge links ragt ein unſcheinbarer Fels, der Geiſſelſtein hervor, an den ſich eine Volksſage knuͤpft, die ein junger Dichter uns in folgender Geſtalt mitgetheilt hat: / Der Geiſelſtein. Erſte Geißlinger Volksſage (von Guſtav Hohbach). Was ſchauet vom Felſen ins Thal herein? Es iſt der Graf von Geiſelſtein. Er ſchaut ſo wehmuthsvoll mich an: Was hat man dem armen Grafen gethan? Es iſt um das heilige Oſterfeſt, | Als fröhlich der Graf fein Schloß verläßt, Er reitet auf die Jagd hinaus, \ Die Knaben bleiben allein zu Haus, „Sie ſahen wohl lange dem Vater nach, Als Hugo zu feinem Bruder ſprach: Sieh, Albert, es ſcheinet die Sonne ſo ſchön, Komm, laß uns hinab an den Burgſee gehn.“ 184 „„Nein, Hugo, ſieh wie die Wolken nafn! Es zieht ein ſchweres Gewitter heran!’ — „Der Vater iſt fern in dem dunkeln Wald, Und die ſchwarzen Wolken verziehn ſich bald!“ „Der ruhige See er ladet uns ein; Komm Albert, und laß das Sorgen ſeyn!“ — „„O ſieh wie die Woge den Fels beſpritzt! Sieh, wie es dahinten ſo ſchaurig blitzt!““ „So geh' ich allein zum See hinab, Und faͤnd' ich im 0 mein fruͤhes Grab!“ — „„Nein, Hugo, zuſammen gehen wir, Und ſollteſt du ſterben, ſo ſterb' ich mit dir!“ 5 Es hat der Vater nicht Ruhe, nicht Raſt, Er durchjaget den Wald in aͤngſtlicher Haſt; Bald ftößt er ins Horn, es iſt ihm fo bang; Es denket die Zeit ihm unendlich lang. — Er eilet nach Haus, er ſtuͤrzt in den Saal, Er ſuchet die Knaben wohl überall, „Wo ſeyd ihr, o Himmel! wo ſeyd ihr?“ — Es bricht Des Vaters Herz, denn er findet ſie nicht! Da ſieht er hinaus mit ſehnendem Blick, Erblicket die Knaben und bebet zuruͤck, Denn ſie ſuchen umſonſt auf ſchwankendem Kahn Im Sturmesgeheule dem Ufer zu nahn. Es hallet der Donner, die Woge braust, Die Blitze zucken, der Sturmwind ſaust; Da beten die Knaben zu Jeſu hinauf: 1 „Nimm gnaͤdiglich unſere Seelen auf!“ Und wie fie fo beten, der Donner ſchweigt, Und im Nachen ein holdes Knaͤblein ſich zeigt; Es ſpricht, umgeben von Himmelsſchein: „Geht nun in das Reich des Vaters mit ein!“ Da ſchauen die Knaben zum Schloß hinan: „Lieb Vater, leb' wohl!“ — Da ſinket der Kahn, Da erkaltet des liebenden Vaters Herz, Es. erſtarret zu Stein vor unendlichem Schmerz. 185 Die Burg iſt zerfallen, der See iſt nicht mehr, Doch blickt noch heute ſchauerlich hehr Ins Thal herab das Haupt von Stein Des armen Grafen von Geiſelſtein. Wenn man die Geißlinger Bergſtraße herabkommt, fo er⸗ blickt man bald rechts am Wege ein klares Bruͤnnlein, uͤber deſſen Urſprung folgende Sage geht. Noch foll alnachtlich des Ungluͤcklichen Geiſt es umſchweben. Das Wunderbruͤnnlein. Zweite Geißlinger Volksſage (von Guſtav Hohbach). Horch, was kommt daher gezogen Aus dem engen Thor? Traurigernſt, mit dumpfem Murmeln Draͤngt es ſich hervor. Todesbleich in ihrer Mitten Kommt ein Suͤnder hergeſchritten. 6 An dem Platze des Gerichtes Iſt man angelangt, Wo er kurze Zeit zur Rede Flehentlich verlangt; Und man fuͤhlet noch Erbarmen, Und gewaͤhret ſie dem Armen. Und mit wehmuthsvoller Stimme Alſo er beginnt: 1 „Wie ein Strom im duͤrren Sande Schmaͤhlich oft verrinnt, So verrinnet auch mein Leben, Das mir Freude nie gegeben. Unrecht habt ihr mich gerichtet, Schuldlos iſt dies Herz. Glaubt mir's! drum wenn meine Se ele Flieget himmelwaͤrts, So entftröme klar und helle Dieſem Felſen eine Quelle!“ Spricht's, und ſinket unterm Schwerte, Und der Henker fragt: f ı56 „Richter hab' ich recht gerichtet?“ Aber eh' er's ſagt, Sieh, da rieſelt klar und helle Aus dem Felſen eine Quelle. Und das Volk erblaßt und betet, Und der Nichter ſpricht: 1 „Herr, mein Gott! wie ich gerichtet Richte du mich nicht!“ | Und noch heute ftrömet helle Aus dem Felſen jene Quelle. > Eine Mittagsraſt reicht vollkommen hin, um alles Be⸗ merk enswerthe Geißlingens und der Umgegend mitzunehmen. Wirthshaͤuſer: Poſt (gut). Löwe. Von Geißlingen nach Göppingen. Der bequemere Reiſende geht oder fährt von Geißlingen durch das lachende Filsthal in faſt ununterbrochenem Obſtwalde äwifchen den grünen Alben, die ſich allmaͤhlich auch wieder in vollere Wälder kleiden, hin, durch die lachenden Dörfer Al⸗ tenſtadt (% St.), Kuchen (% St.), Gingen) (% St.), Kleinfüßen (, St.), von da hinauf nach Stauffeneck (% St.) herunter nach Salach (% St.), nach Großeißlin⸗ gen (/ St.), nach Göppingen (1 St.); fünf gute Stunden. Unſre Wandrer aber, die wir uns ruͤſtiger denken, und die, aus der Tiefe des Gebirges hervorgekommen, der ſteilen Bergpfade gewohnt find, fallen eine Viertelſtunde, ehe fie Altenſtadt erreicht, von der Landſtraße bei einem ſteinernen Bruͤckchen ab, und gehen links einer Muͤhle zu, dann einen Guͤterweg bis an den Fuß des ſogenannten Tegelbergs, den fie freilich muͤhſeelig und ohne gebahnten Pfad erklimmen. Auf dem Gipfel angekommen, wo fie der Geißlinger Schlucht ein Lebewohl ſagen, halten fie ſich ganz links, indem ſie ) Merkwuͤrdig durch folgende uralte Inſchrift über der hintern Thuͤre der Pfarrkirche: Anno incarnationis dominicæ DCCCCLXXXII——— Il regnante domino Ottone Juniore Rege Salemannus Abbas spe æterne mercedis in- ductus hoc Oratorium a fundamentis erexit atque rogatu ipsius a venerabili viro domino Gebehardo d— — — — (dedicatum). (Otto II. ſtarb zu Rom 7. Dec, 985. Otto III. (Junior) ſtarb zu Pano 25. Jan. 1002.) 187 auf der Kante des Gebirgs, das auf der rechten Sekte die Wand des Filsthales bildet, etwa eine halbe Stunde fort— gehen, bis fie auf der Bergebne in einen anmuthigen Hain gelangen, der ihnen die bisher genoſſene reizende Ausſicht in das obre Filsthal entzieht, und fie eine Zeitlang rechts zu gehen noͤthigt, ſich aber bald wieder öffnet, wo fie dann wie— derum links über Feld und Haide “ Stunden an der Kante fortwandeln, bis fie zum Ziele dieſes Umweges gelangen, auf den Eckfelſen dieſer Seitenkette durch ein zweites Luſtwaͤldchen auf den frei herausragenden f N Hohenſtein. Wir tragen kein Bedenken, dieſen Punkt fuͤr einen der ſchoͤnſten auf der untern Alb zu erklaͤren, nicht als ob er ſich in Anſehung der Ausdehnung und Weite der Ausſicht mit den Standpunkten der obern Alb und den großen benachbarten Aus- ſichten auf Staufen und Rechberg meſſen koͤnnte: — der ganze Weſten und Suͤden iſt durch die gegenuͤberliegende Bergwand des Filsthals, deren Endſaͤule der gruͤne Berg bildet, ver⸗ deckt; — ſondern die ſchoͤne Eigenthuͤmlichkeit dieſes Geſichts— punktes bilden die Ruͤcken des Hohenſtaufen, des Rech— bergs und des Stuifenbergs, die hier nicht ſchlank und ſpitz, wie ſonſt uͤberall ſich darſtellen; ſondern als drei breite Kameelhoͤcker, jedoch wohl abgeſondert von einander, und eben in ihrer kahleren Geſtalt in ſeltſamem Contraſt mit der lachen— den Ebene und den üppigen waldigen Vorhuͤgeln, über dieſen emporſteigen. Dazu hat man zunaͤchſt unter ſeinen Fuͤßen Abgruͤnde und maͤchtigen Bergwald, ſo ſchoͤn, wie nur irgend auf dem gruͤnen Felſen oder auf Neufen (mit dem letztern Berg hat unſer Hohenſtein von ſeinem Fuße, Goͤppingen zu, betrachtet, viele Aehnlichkeit). Und aus den naͤchſten Umge— bungen ſpringt, noch halb auf die Berge ſelbſt gethuͤrmt, links ein Huͤgel mit der Ruine Scharffenſtein mit einem ſchoͤ⸗ nen Thurme, einem Mauerviereck und einem ganz erhaltenen Gebaͤude, das jetzt Paͤchterwohnung iſt, — der ganze Hügel von zierlich ſchlanker Geſtalt, ins Auge. Links und tiefer lehnt ſich das alte Staufeneck mit ſeinen braunen wohlerhaltenen Schloͤſſern an den ſchirmenden Rechberg, auf einem niedrigen Huͤgel zufrieden an. Zwiſchen Scharffenſtein und Staufeneck ſteigt noch ein Burgfall, Ramſperg genannt, ebenfalls ganz 188 erhalten, empor. Und weiter hinten ragt ernſt und heilig die hohe Stirn des Meſſelbergs mit einem weithin ſichtbaren Wallfahrt⸗Creuz hervor. Kehrt ſich das Auge von Norden nach Nordweſten, ſo oͤffnet ſich hier die Ausſicht nach den Gebirgs— ſcheiden des Rems- und Neckarthales, das Filsthal mit Goͤp— pingen bis Plochingen, und das ferne Unterland, vielleicht bei beguͤnſtigendem Wetter bis nach dem Odenwald zu, offen. Im Weſten laſſen die naͤchſten Berge jenſeits der Fils doch noch den ſchoͤnen Thurnberg bei Boll, und neben ihm den Wi- chelberg hervorblicken. Ruͤckwaͤrts aber ſchweift der Blick bis Geißlingen und ruht auf dem hohen Albdorf Tuͤrkheim aus. Eine halbe Stunde feſſelt dieſe Ausſicht den Wandrer ge⸗ wiß, und nun ſteht ihm frei, ob er dem Schloͤßchen Schar: fenſtein, das aber ſicherlich eine ſchoͤnere Anſicht als Einſicht gewaͤhrt, zulieb auf einem Umweg (der wohl eines Fuͤhrers beduͤrfen möchte) nach Staufeneck zu gelangen ſuchen will, oder lieber geradezu den Bergwald hinab nach Gingen (, St.). Von da macht er den anmuthigſten Weg an den Pappel- und Erlen⸗reichen Ufern der Fils, bis nach Kleinſuͤßen (1 St.), ein von Groß ſuͤßen nur durch die Fils getrenntes, ſchoͤnes und wohlhabendes Patronat-Dorf (Bubenhofiſch) in einer para= dieſiſchen Lage. Wirthshaus: zum Ochſen Heth Bierbrauerei). Wenn unſre Reiſenden hier unter einem Pappelhaln fi ſich in dem reinen Spiegel der Fils die blauen Albgeſtalten ſatt— ſam beſchaut haben, fo durchziehen fie das Dorf, und ſteigen, an einer Kapelle vorbei, einen kurzen, obwohl etwas ſteilen Huͤgel, im dichteſten Hainesſchatten hinauf nach Staufeneck, deſſen Beſchreibung wir unten bei der Paralleltour dieſer Tage geben werden. Von Staufeneck herab fuͤhrt der bequeme Fahrweg nach Salach (% St.) und von da nach Eißlingen (% St.), wo uns die Landſtraße aufnimmt und nach Goͤppingen geleitet. Wenn irgend die Zeit, und eine theilweiſe Zuruͤcklegung deszbisherigen Weges zu Wagen, auch bei dieſer Tour, wie bei der andern naͤchſtfolgenden, fuͤr denſelben Tag vorgeſchla— genen (ſ. unten), es unſern Reiſenden moͤglich machen ſollte, nach Beſichtigung von Göppingen, die Sonne auf Hohenſtau— fen untergehen zu ſehen, fo wäre dieß das Empfehlenswer⸗ * ' x \ 189 theſte. Wir verweifen fie aber, was dieſen Vorſchlag und die Beſchreibung von Göppingen betrifft, auf die unmittelbar fol⸗ gende Paralleltour. Route des achten Tages, erſte Tour. Von Wieſenſtaig nach Drackenſtein 1 St. nach Goſpach St. nach Diezenbach -» * 5 nach Deggingen . 78 nach Ueberkingen . 1 75 — nach Geißlingen mit N Umgebung 2 7. — nach dem Hohenſtein 2 nach Staufeneck . 2 nach Göppingen . 2 £ 13 % St. Dazu der Weg über Hohenſtadt .. . — Wo moͤglich noch Hohenſtaufen 2 15 % St. Wir kehren nun zu dem Abend des vorigen Tages und deſſen zweiter Paralleltour, nach Weilheim, und dann auf der zweiten Tour des eben durchlaufnen Tages, uͤber Boll nach Goͤppingen, zuruͤck. 190 Zweite Paralleltour des finn Abends. Unſre Reiſenden find vom Waſſerfall nach Neidlin⸗ gen zuruͤckgekommen. Verſpricht der Himmel einen heitern Abend, ſo waͤre es wohl noch der Muͤhe werth, den Erken— berg zu beſteigen, und auf demſelben mit Muße den Son— nenuntergang zu erwarten. Dazu hat man immerhin noch Zeit; denn Neidlingen iſt von Weilheim nur / Stunde ent⸗ fernt, auf ebner Fahrſtraße, ſo daß man mit Bequemlichkeit noch vor der tiefen Daͤmmerung dort ankommen kann. Auch die Limburg, etwas niederer als der Erkenberg, moͤchte zu einem Sonnenuntergang ſehr gelegen ſeyn, und ihr ſchoͤner, gruͤner Gipfel blickt einladend auf Weilheim herab. Weilheim, Staͤdtchen mit 5078 Einwohnern, gehoͤrte den Grafen von Aichelberg; Graf Ulrich, als Feldobriſter Kaiſer Friedrichs II., hatte zur Belohnung ſeiner Verdienſte Stadtgerechtigkeit fuͤr den Ort erhalten, im J. 1517 bekam er Mauern; den Haupt⸗ theil des Staͤdtchens machen aber jetzt die langen Vorſtaͤdte aus. Wirthshaus: zum Loͤwe n. — Weilheim liegt am Fuße des Limbergs oder der Limburg, eines kegelfoͤrmigen Vor— ſprungs der Alb, auf welchem Ueberreſte eines zaͤhringiſchen Schloſſes zu ſehen ſind, in welchem im J. 1078 Berthold der Erſte, Ahnherr des teckiſchen und badiſchen Hauſes ſtarb. Doch koͤnnten es auch die Reſte einer fpäter hier erbauten Ca⸗ pelle ſeyn, die Cruſtus, der hier ſchon kein Schloß mehr fand, noch geſehen hat. Er nennt dieſen Berg den Michelsberg. Weilheim ſelbſt bietet keine andre Merkwuͤrdigkeit dar, als feine ſchoͤne, uralte, merkwuͤrdige Kirche. Nach Reb— ſtocks Angabe ſoll dieſelbe ſamt einem Kloſter ſchon im Jahr 1089 von Berthold (dem Zweiten), Herzog von Zaͤhringen, an dem Orte, wo er wider ſeine Feinde geſiegt, erbaut und von feinem Bruder Gebhard, Biſchof von Conſtanz, einge— weiht worden ſeyn. In der Kirche findet man noch ein altes ng1 Gemaͤhlde, einen Grafen vorſtellend, der diefe Kirche auf den. Haͤnden traͤgt, Gott als ein Opfer dieſelbe darbringend. Satt⸗ ler haͤlt ihn fuͤr einen Grafen von Aichelberg, und fuͤr den Gruͤnder der Kirche. 8 8 Zur bequemern Ueberſicht folgt auch hier die Route des Tten Tages mit der ꝛten Parallel tour des ten Abends. Von Kirchheim nach Biſſingen 1 1½ St. — Biſſingen nach Ochfenwang . . 1 — — Ochſenwang nach dem Heimenſtein — Heimenſtein nach dem Reiſſenſtein — Reiſſenſtein nach dem Waſſerfall N — Waſſerfall nach Neidlingen / — — Neidlingen nach Weilheim . . 17% — auf den Erken⸗ berg u. herab 1/ St.. „Y, St. mit der Trorf⸗ — Weilheim nach Kirchheim . 1% — grube u. dem Erkenbe rg 5% St. 10% St. zur Torfg rube 7 St „ | r Zweite Tour. Meg über Boll und Göppingen nach dem Hohenſtaufen. | Von Weilheim führt die Reiſe in nordoͤſtlicher Richtung zuerſt nach dem Boller Bad / St. Man durchſchneidet auf dieſem Wege einen nordweſtlichen Vorſprung der Alb, der ſich in ſchoͤnen Wellenhuͤgeln herabſenkt. Die eigentliche Ge— birgswand der Alb bleibt rechts liegen. Dort zeichnet ſich ge— gen Suͤdoſt, in der Richtung des Dorfes Gruibingen, eine kahle Stelle am Gebirg aus, die auf Meilen hin, wo nur im 192 Lande die Albkette erſcheint, ſichtbar iſt, und ſich dem Auge als ein rieſenhaftes Schloß, oder eine ungeheure, ausgereckte Felſenhand darſtellt. Es ft aber nichts als ein Erdfall, von den Umwohnern die Erdſchliffe genannt. Oberhalb derſel— ben, ſchon auf der Albflaͤche, liegt das uralte Dorf Grui— bingen, das einem von den Gauen des alten Alemanniens den Namen Gruibingau gegeben, den das Chronicon Got- wicense unter den pagis Alemanniae auffuͤhrt. In ſeiner Nach- barſchaft auf dem Leimberg find Spuren eines alten Burg⸗ ſtalls. Cruſius nennt das Dorf den ehemal. Sitz der Edeln von Laimberg und Geier; ſchon er fand Trümmer auf dem Laimberg und den Lmmingshalden. Uebrigens bieten ſich unſern Wandrern von Weilheim nach Boll vier Wege dar. Der naͤchſte doch wohl nur dann zu waͤhlende, wenn ein truͤber Himmel die Ausſicht von hoͤhern Punkten nicht beguͤnſtigt, führt huͤgelan, über die Wermuth⸗— wieſen, am Reuteberg, einem rechts gelegenen Hügel, vorbei; dann einen waldigen Thalgrund hinauf, der den gruͤ⸗ nen, kleineren Aichelberg (links) und den größeren Turn⸗ berg (rechts), eine dicht bewachſene, waldige Halbkugel ver— bindet. Dieſer letztre iſt durch ſeine Geſtalt eine Zierde der Gegend, und nimmt ſich auch aus der Ferne, z. B. von den Tuͤbinger Hügeln aus geſehen, als runder, mahleriſcher Ge⸗ birgsvorſprung ſchoͤn aus. Cruſtus fuͤhrt eine edle Familie mit Namen Turnsberg auf. Eine Homanniſche Charte bezeich— net die Stelle mit einem Fleckenzeichen, und dem Namen Turn a. Zwiſchen dieſen beiden Bergen koͤmmt man nun auf nicht ganz leicht behauptetem Waldpfade über die jenſeitige Senkung des Gebirgsvorfprunges, und hinab nach dem Weiler Eckwaͤlden, 1 St. von Weilheim. Von hier gelangt man auf ebnem Wege in J. Stunde nach dem Bollerbade. Die übrigen 3 Wege von Weilheim nach Boll ziehen ſich alle anfangs mehr links, der eine durchs Horn, ſchwerlich ohne Fuͤhrer zu finden; der andre, wohl bequemſte und ebenſte durch das Dorf Zell unter Aichelberg; der dritte, be— ſchwerlichſte, aber bei weitem belohnendere uͤber den Weiler Aichelberg ſelbſt, der ſich um die nordweſtliche Seite die— ſes ſchoͤnen Huͤgels, ungefaͤhr wie das Dorf Gravenberg um den Sattelbogen, traulich lagert. Dann nimmt man noch den Gipfel des Aichelbergs ſelbſt mit, den die kaum ſichtbaren 195 Truͤmmer von der Stammburg der Grafen gleichen Namens kroͤnen. Die eigentlichen Ruinen wurden naͤmlich ſchon im J. 1594 vollends niedergeriſſen und weggeſchleppft, um zum Bauweſen im benachbarten Bollerbade zu dienen. Hier ge— nießt man eine weite Ausſicht nach Weſten und Norden ins ebene Land, und zaͤhlt bei 60 Ortſchaften. Die ehemalige Grafſchaft Aichelberg umfaßte die Stadt Weilheim mit einigen Doͤrfern und Weilern, ſo wie die Vogtei zu Jeſſingen. Die erſte Nachricht von dieſem Ge— ſchlecht faͤllt ins Jahr 1131, die letzte ins Jahr 1592. Cruſtus erzaͤhlt von einem Grafen von Aichelberg, dem der Kalfer, zur Strafe feiner Feigheit, die er in oͤſterreichiſchen Kriegsdienſten gezeigt, Wappen und Namen genommen habe. Der eine Theil der Grafſchaft kam nachher an die Grafen von Kirchberg, die ihn im J. 1354 an Graf Ulrich von Würtem- berg verkauften; an denſelben verkaufte den andern Theil Gr. Ulr. v. Aichelberg im J. 1339. Boll (Hoͤhe 1460 Wuͤrt. Fuß.) das Bad, am nordoͤſtlichen Fuße des Aichel- und des Turn⸗ bergs in der Ebene ſchoͤn gelegen, mit einem herrſchaftlichen, ſchloßaͤhnlichen, freundlichen Bau, der Wirthſchaft und Bader vereinigt, und an einen Bademeiſter verpachtet iſt, und an den eine kleine Gartenanlage ſtoͤßt. | Die hieſige Schwefelquelle wurde nicht ſehr frühe bekannt. Cruſtus weiß nichts von ihr; er erzaͤhlt von Boll keine andre Merkwuͤrdigkeit, als daß in der Naͤhe, auf dem Berge Burg halden, das Schloß Lands ehr geſtanden. Solches, fabelt er, ſey (in der Mitte des 8ten Jahrhunderts) der heil. Bertha geweſen, die es niedergeriſſen, und die Kirche des Dorfes Boll von den Steinen gebaut. Doch war nach dem Berichte des Badearztes und Phyſtkus von Goͤppingen D. Hier. Walch, der im J. 1644 ein eignes Tractaͤtchen uͤber dieſes Bad, unter dem Titel: Wuͤrtember— giſcher Wunderbrunn, ſchrieb, die Quelle ſchon ſeit dem zweiz ten Jahrzehend des ısten Jahrhunderts einigermaßen bekannt; in Aufnahme aber kam ſie erſt durch Herzog Friedrich J. von Wuͤrtemberg. Als dieſer im J. 1594 die Bergwerke im Lande hervorzuſuchen befliſſen war, traf man in dieſer Gegend G. Schwab, ſchwab. Alb. 13 194 auf ſchönen Margafit mit Quarz. Zugleich ward man auf die Quelle aufmerkſam, um welche verſchiedene Kranke angefangen hatten, Huͤtten zu bauen und ſich derſelben mit großem Nutzen zu bedienen. Nun ließ der Herzog durch inlaͤndiſche Aerzte, befonders aber durch feinen Leibmedikus D. Joh. Baudi⸗ nus, den Brunnen und das Bad unterſuchen, und in einen Kaſten faſſen. „Alſo dieſer hochnuͤtzliche Wunderbrunn durch ihro fuͤrſtliche Gnaden ſonderbaren Eifer gegen Gott, und auch treue vaͤterliche Vorſorge gegen dero liebe Unterthanen, aus ewigwaͤhrender Milde und Freigebigkeit gegen den Armen und Preßhaften in und außer Lands, mit hoͤchſtem angewendetem Fleiß und Koſten iſt gefaſſet und aufgerichtet, auch herrliche Gebaͤu und Unterkommen, ſamt einem ſtattlichen Garten da— bei gemacht worden.“ Der ehrliche Walch fuͤhrt nicht weniger als 74 Krankheiten auf, die alle dieſer Wunderbrunnen heilen ſoll. „Wann aber freilich, fuͤgt er hinzu, D. Koch und D. Keller nicht auch das Beſte thun, ſo nimmt es gemeiniglich einen ungluͤckſeligen Ausſchlag. Derowegen am fuͤrtraͤglichſten iſt, ſich einer guten Diaͤt zu befleißen, maͤßig zu halten, und nicht mehr einzufaſſen, als die Natur bis wieder zum Ein⸗ ſitzen verdaͤuen kann. Wenig und etwas Guts eſſen, iſt am beſten: will aber einer das Bad viel Eſſens, Banketierens und Kurzweil wegen beſuchen, der kanns beſſer daheim und im Wirthshaus verrichten.“ Hierauf fügt er folgende Vorſchrift, die Diat betreffend, bei, die wir dem Bademeiſter ganz beſonders empfehlen wol⸗ len: „Die Speiſen ſollen im Wunderbad wohl daulich ſeyn, eines guten Saftes, anmuthigen Geſchmacks, wenig Ueberfluͤſſigkeit zeugen, doch taͤgliche Nahrung geben, da— mit das Waſſer die uͤbrigen ſchaͤdlichen Feuchtigkeiten deſto leichter mit ſich nehmen, der Leib des mineraliſchen Waſſers durchdringende Wirkung beſſer ausſtehn, und eine Unordnung im menſchlichen Koͤrper folgen moͤge.“ Doch unſern Reiſenden iſt es um keine Gaben zu thun; fie nehmen ein leichtes Fruͤhſtuͤck ein, genießen vielleicht ein fluͤchtiges Bad und ziehen weiter. Von Boll an entfernt man ſich immer mehr von der Alb, die ſich rechts amphitheatraliſch zuruͤckzieht, und deren Berge, da wo ſie gegen Nordoſt in den Albuch uͤbergeht, nie— * 1 195 drer, flacher, geſtreckter werden. Deſto abwechſelnder in ihren Formen ſtellen ſich dagegen im Ruͤcken der Wandrer die ſchon beſprochenen Vorſpruͤnge dar, zwiſchen welchen ſte am vorigen Tage hervorgekommen ſind, und welche die friſcheſten Waͤlder umkraͤnzen. Vom Bade fuͤhrt eine ſchattige Allee in das kaum eine Viertelſtunde entfernte Dorf Boll, das uͤbrigens nichts Intereſſantes darbietet. Es bleibt unſern Reiſenden links liegen. Dieſe ſchlagen die wohlchauffierte Straße nach Goͤp— pingen uͤber die gelind auf und abſteigende Flaͤche ein, wo bald die drei ſchoͤnen Berge, Stuifen, Rechberg, Staufen, von Oſt nach Norden von der Alb abgelöst, und durch niedre Berg- ruͤcken doch mit ihr verbunden, dem Auge neu entge— gentreten. Links auf einem niedrigeren Huͤgel winkt das freundliche Schloͤßchen Staufeneck. Nach einer kleinen Stunde kommt man nach dem alten Dorfe Bezgenrieth, das unter dem Ramen Pathicanried von einer alten Chronik ſchon zum J. 1110 erwaͤhnt wird. Von da in / St. nach Jebenhauſen, einem reichlich mit Obſt umwachſenen Dorfe, freiherrl. Lies benſteiniſchen Patronats. Hier ſchreiten unter der ziemlich gedruͤckt einhergehenden Bauersleuten behaglichere Geſtalten umher, franzoͤſiſch gekleidete, wohlgenaͤhrte Frauen und Maͤd⸗ chen begegnen uns; in der Mitte des Dorfes, nicht gar weit von der chriſtlichen Kirche, ſteigt ein elegantes Tempelchen auf, die Seitenſtraßen ſind mit kleinen Wohnungen im mo— dernen Geſchmack uͤberbaut, und die klaren Tafelfenſter laſſen im Innern der Haushaltungen ſtaͤdtiſchen Hausrath blicken: — kurz, der Wandrer findet ſich in einer Judenkolonie, ei⸗ ner der zahlreichſten und woͤhlhabenſten des Landes, bei 60 Familien, alſo etwa 300 Seelen, neben 500 chriſtlichen Ein— wohnern betragend. Der Tempel, ihre Spnagoge, iſt erſt feit 1807 erbaut, mit gewoͤlbten Fenſtern und einer hebraͤi— ſchen Inſchrift von außen, von innen mit Predigt- und Bet⸗ ſtuͤhlen, Emporkirchen und erhandelten Kronleuchtern geziert, auch einfach verblendet. — Jebenhauſen hat ein Schloß und einen gehaltreihen, in feinen Beſtandtheilen dem Goͤp— pinger aͤhnlichen Sauerbrunnen, vor Zeiten „beides zum Baden und Trinken in gemeinem Brauch und Ruf.“ Dieß ruͤhmt D. Jak. Theod. Tabernaͤmontanus von ihm, der ihn am Ende des ı6ten Jahrhunderts beſchrieben hat. Von hier zieht ſich die Straße maͤhlig aufwaͤrts, durch— 13 * — 196 ſchneidet einen anmuthigen Hayn, und fuͤhrt die Hoͤhe wieder hinab, wo bald aus dem ſchoͤnen Filsthal die neugebaute Stadt Goͤppingen freundlich hervorragt; waͤhrend im Hin— tergrunde der Hohenſtaufen nun ſchou ganz nahe vorgetreten iſt, und den Rechberg und den Stuifen hinter ſich, und gleich— ſam nur in ſeinem Gefolge gelaſſen hat. Die Stadt liegt in Gaͤrten und fruchtbarem Gelaͤnde; das Thal iſt weit geoͤffnet und lachend; die Fils, ein raſcheres und breiteres Fluͤßchen, als die kleinen Waldbaͤche, auf die der Reiſende bisher geſto⸗ ßen iſt, belebt mit ihrem Schlangenlaufe die Gegend; viele einzelne Pappeln und Linden heben ſich hoch uͤber den niedern Obſtwald des Thales, und gewaͤhren dem Auge erwuͤnſchten Wechſel. Im Oſten ſteigt der Hohenſtaufen auf, den Suͤd— oſten nimmt die Bergwand der Alb gegen Geißlingen ein, links davon laͤchelt Staufeneck; — hinter ſich im Suͤden und Suͤdweſten hat man leichte Hügel mit Waͤldern, dem Westen und Norden zu ſaͤumen zwei Huͤgelraͤnde das Filsthal, das nicht allzuuͤppig, aber freundlich mit Obſt und Matten, und Dorf an Dorf, ſich dem Neckarthal entgegenſenkt. Eine breite Bruͤcke führt über die Fils, und fo iſt man, nachdem man ein halbes Stuͤndchen von Jebenhauſen zuruͤck⸗ gelegt, in Göppingen Bus Gaſthoͤfe: das Creutz (in der Hauptſtraße). — Der Apoſtel. Geſchichtliches. Die Stadt, die freilich ſeit 1782 in ganz verwandelter Geſtalt daſtehet, iſt uralt. Eine unverbuͤrgte Sage laͤßt ſte von einem Herzoge von Schwaben, Hohenſtaufiſchen Geſchlechtes, erbaut werden, wo— fuͤr jedoch vielleicht auch das Hohenſtaufiſche Wappen zeugt, das vor einiger Zeit in der Stadtmauer gefunden worden. Nach der Blaubeurer Chronik hätte fie ſchon im Jahr 1110 Graf Conrad von Würtemberg beſeſſen, und nach der obenerwähnten Sage iſt ſte im J. 1124 mit Mauern umgeben worden. Im J. 1154 beſtaͤtigte Kaiſer Friedrich J. in die⸗ fer Stadt die Stiftung des Kloſters Lorch. — Im J. 1559 finden wir ſte von den Augsburgern, Conſtanzern und andern Staͤdtiſchen belagert. — U 197 In ihrer aͤlteſten Geſtalt hatte die Stadt ihre Pfarr: kirche auſſerhalb der Mauern; innerhalb war die Skt. Jo⸗ hannis⸗Capelle. Aus jener alten Pfarrkirche machte Graf Ulrich im J. 1448 mit des Papſtes Erlaubnis ein Stift „Oberhofen.“ Die Sage ſchreibt auch dieſes Stiftes Gruͤn— dung der h. Bertha zu. — Zu Anfang der Reformation lebte unter den Chorherrn des Stifts einer, Namens M. Martin Cleß von Uhingen, ein beguͤterter Mann. Dieſer wurde, als des Lutherthums verdaͤchtig, von ſeinen Collegen gehaßt und angefeindet. Darum machte er ſich am Montag vor Frohn— leichnam 1529 mit feiner Mutter auf, und begab ſich, mit Zuruͤcklaſſung aller feiner Güter, zu dem edeln Phil. v. Rech berg auf das Schloß Ramſperg, wo er ſich ein Zeitlang auf— hielt, und das Pabſtthum ganz abſchwur. Darauf erhielt er im J. 1550 ein Kirchenamt in Biberach und heirathete. Er wurde hernach der erſte evangel. Stadtpfarrer in Goͤppingen, und ſtarb 1552 als Prediger an Skt. Leonhard zu Stuttgart. Noch bluͤhet ſein Stamm in Wuͤrtemberg, und hoͤrt nicht auf, dem Vaterland tuͤchtige und gelehrte Maͤnner zu erzeugen. — Noch im Jahr 1514 vermehrte Herzog Ulrich das Perſonale dieſes Stiftes; als er aber nach ı5jähriger Verbannung, mit der evangeliſchen Lehre im Herzen, in ſein Land zuruͤckgekommen war, ließ er, in Folge der im J. 1554 angefangenen Refor— mation, dieſes Stift abgehen, und die Johanniskapelle ward zur Pfarrkirche, mit zwei evangeliſchen Predigern erhoben. Die Kirche des Stiftes zerſtoͤrte im J. 1565 der Wetterſtrahl. Ueberhaupt ſcheinen gewiſſe Staͤdte zum Brandungluͤck vorher— beſtimmt zu ſeyn. Schon im J. 1425 war die ganze Stadt durch die Flammen verzehrt worden. „Ein armes, aber dabei keuſches und andaͤchtiges Weiblein,“ erzaͤhlt ein Zeitgenoſſe jenes Brandes, „weiſſagte lange vor der Einaͤſcherung dieſer Stadt mit klaͤglichem Geſchrei den Einwohnern jenes Ungluͤck, das über fie kommen muͤſſe, weil ihre Sünden es nicht anders haben wollen. Dabei bezeichnete fie das Haus des Mannes, in dem das Feuer zuerſt angehen wuͤrde. Dieſer wollte nicht fuͤr einen Verraͤther und fuͤr den Urheber der Brunſt gehalten werden, verließ darum freiwillig, und ohne daß ihn Jemand gedrungen, die Stadt. Aber weil ihn Jedermann fuͤr einen ehrlichen Mann hielt, wurde er gezwungen, die Stadt und ſein eigen Haus wieder zu bewohnen. Bald darauf kam in 198 ſeinem Hauſe (durch welchen Zufall, oder welches Gerichte Gottes, weiß man nicht) ein Feuer aus, das die naͤchſten Haͤuſer in Brand ſteckte und die ganze Stadt einaͤſcherte.“ Cruſius, der dieſe Geſchichte nacherzaͤhlt, ſchließt hieraus: „daß man das weibliche Geſchlecht nicht allezeit verachten muͤſſe.“ Schon nad) dieſem Brande wurde Göppingen ziemlich ſauber aufgebaut. Sein ſchoͤnes Schloß ins gevierte ge— baut, mit Waſſern umgeben und durch Bruͤcken zugaͤnglich, wurde unter Herzog Chriſtoph eine Zierde der Stadt. Die Gebaͤude waren ziemlich ſchoͤn, die Straßen reinlich, hier und da von Baͤchlein durchfloſſen. Bei Ulrichs Vertreibung im J. 1519 bemaͤchtigte ſich ihrer die Bundesarmee. Philipp von Rechberg, der Lange, hatte fie einen Tag und eine Nacht eifrig vertheidigt, und die Feinde ſtark beſchoſſen, als aber ein an den Herzog abgeſandter Bote ohne Hoffnung des Entſatzes zuruͤckkam, uͤbergab er die Stadt. — Im Bauernkrieg treten auch die Bauern der Goͤppinger Gegend auf. Sie find es wohl, die dem ſchwaͤbiſchen Bund, uͤber deſſen Unmacht ſie ſpotteten, die Bauern-Sprichwoͤrter zuzogen: „der Bund iſt in einen Sack verſtrickt, er hat ein Bein abgefallen, er liegt zu Goͤp⸗ pingen im Sauerbrunnen.“ Als aber Ru d. v. Ehin⸗ gen und Lu dw. Helfrich v. Helfenſtein, Hauptleute in Schwaben, die Aufruͤhrer geſchlagen, und deren viele getoͤdtet, waren die Goͤppinger Bauern die erſten, die ſtch ergaben, 3. Apr. 1525. — Als Ulrich ſchon wieder vom Kalfer Carl V. zu Gnaden angenommen war, mußte doch Göppingen, wie viel andre Städte des Landes, vom J. 1547 an 12 Compag⸗ nien ſpaniſches Kriegsvolkes als Beſatzung erhalten. Der Kaiſer that dieß, ſo lang er ſich in Ulm aufhielt, um mehre— rer Sicherheit willen. Die fremden Gäfte hausten fürchterlich mit Stehlen, Straßenraub und Mord. Mit Mühe ward fie Ulrich im J. 1550 los. Darauf ward von Herzog Chriſtoph im J. 1562 von den Mauerſteinen der abgetragnen Burg Ho— henſtaufen ein neues Schloß erbaut, und ein Garten an— gelegt. 5 Jetzt hatte die Stadt Ruhe bis zum 3ojaͤhrigen Krie— ge. Da ward fie im J. 1645 von dem bairiſchen General Jean de Werth überfallen, geplündert und der Wittwe des 5 199 Erzherzogs Leopold von Oeſterreich, Claudia, uͤberlaſſen. Dieſe behandelte die ketzeriſche Stadt feindſeelig, nahm die Kirchen hinweg, und geſtattete nicht, daß an die Stelle des abgeſtorbenen Predigers ein andrer berufen würde. Vergebens beſchwerte ſich der Landesfuͤrſt, Eberhard III., unterſtuͤtzt von den Fuͤrbitten der Churfuͤrſten und Reichsdeputierten zu Frank— furt, beim Kaiſer. Dieſer wollte feiner Baaſe nicht zuwider ſeyn, und die Herzogin wußte ihr Unrecht in beredten Druck- ſchriften zu beſchoͤnigen. Erſt nach ihrem Tode und mit dem weſtphaͤliſchen Frieden wurde die arme Stadt im J. 1649 an Wuͤrtemberg zuruͤckgegeben. Nun erholte ſte ſich wieder, und es ward, in beiden Kirchen gepredigt, denn auch auſſerhalb der Mauern hatte ſich die Kirche des Chorherrnſtifts Oberhofen wieder aus der Aſche erhoben, und war jetzt zur evangeliſchen Sommerkirche geworden. Sie ſteht noch. Seitdem wurde die Stadt durch Fabriken (Wollenband, Barchend, Hüte) bluͤhend, fie erhielt eine Bleiche und meh⸗ rere Papiermuͤhlen. Im Franzoſenkriege vom J. 1688 drohte ihr der Mordbrenner Melac neue Verwuͤſtung; fein Vorha— ben fcheiterte jedoch, wie in Schorndorf fo auch in Goͤppin— gen, an dem Muthe der Weiber. Daß aber die Stadt eine der ſchoͤnſten Staͤdtchen des Landes wurde, dafuͤr ſorgte der Daͤmon des Brandes, der im J. 1782 zum drittenmal erſchien, und die ganze Stadt einaͤſcherte. Schön und regelmäßig ſtieg fie aus der Aſche wieder auf, in Quadrate eingetheilt, welche die Straßen durchſchneiden, die eben und zu beiden Seiten gepflaſtert ſind. Die Stadt hat 4549 Einwohner, eine Poſt, und manche anſehnliche Privatgebaͤude. Sie liegt 9 Stunden von Stuttgart entfernt, wohin die ſchoͤne Heerſtraße uͤber Uihingen 1½ St., am Schloͤßchen Filſeck vorbei, Eber— ſpach 1 St., Reichenbach 1 St., durch das liebliche Fils— thal führt, von da bei Plochingen % St. in das Neckar⸗ thal einführt, und durch Altbach % St., Zell / St., Ober— eßlingen 4 St., Eßlingen / St., Canſtadt 2 St., nach Stuttgart 1 St. geleitet. Vor dem obern Thor, jenſeits der Fils, hat Goͤppingen auch einen eiſenhaltigen Sauerbrunnen, der dort aus dem Berge hervorquillt und ſehr angenehm zu trinken iſt; auch unfre Albwandrer, wird er, mit Wein und Zucker gemiſcht, hier 200 und inder Umgegend manchesmal erquicken. Mit ihm iſt eine mineraliſche Badeanſtalt verbunden, jetzt nicht mehr ſehr haͤufig beſucht, aber ſehr heilſam. Vor Zeiten beſuchten dieſen Brunnen Schweizer, oeſterrel cher, Augsburger und andre Gaͤſte, wie eine kleine zu ſeinen Ehren von dem latein. Schullehrer M. Falkenſtein zu Goͤp⸗ pingen im 16ten Jahrh. gedichtete Elegie bezeugt. „Dieſer Sauerbrunnen, erzaͤhlt Rebſtock, hat öfters herr— liche und wunderbare Kuren gethan; maßen denn a. 1492 ein Buͤrger zu Ueberlingen geweſen, Namens Peter Breimol- ber, welcher ſehr viel gefraͤßiger Wuͤrm' in ihm gehabt, daß er in dritthalb Jahren hundert und dreißig Mal- ter Fruͤchte gegeſſen: gebrauchte dahero dieſen Sauerbrunnen, der ihm auch geholfen und die Wuͤrmer vertrieben.“ Aber auch an einem andern, edlern Gaſte hat er ſeine Kraft erprobt. Er hat vor bald dreihundert Jahren dem Lande ſeinen Herzog Chriſtoph gerettet. Dieſer hatte ſeit ſeinem x — — Aufenthalt in Italien und Frankreich an den Folgen erhalte nen Giftes zu leiden, und keine Arzeneien wollten ihm von feiner Leibesſchwachheit helfen. Als er, von feiner Statthal— terſchaft aus Moͤmpelgart zuruͤckgekommen, nach ſeines Vaters Ulrichs Tode die Regierung angetreten, iſt ihm, unter vielen Rathſchlaͤgen, auch endlich der Gebrauch dieſes Sauerbrunnens, als einer nuͤtzlichen und heilſamen Arzenei, angeprieſen wor— den. Er folgte dem Rathe, denſelben eine Zeitlang ordentlich zu trinken, fleißig, und befand fie. auf wich Gebrauch alſo, daß der fromme Fuͤrſt, obwohl er feine vollkommene Geſund— heit nicht gar erreicht hatte, doch wohl damit zufrieden war, und Gott dem Allmaͤchtigen darum dankte. Weil es aber mit ſeinem Befinden wohl um ein gut Theil beſſer, als vor dem Gebrauch des Brunnens gieng, doch im Ganzen aber im alten Stande blieb, wurde ihm der Brunnen das andre Jahr noch einmal gerathen. Hier fand er in und nach dem Gebrauch weitere Beſſerung, doch kam er auch jetzt noch nicht zur voll— kommenen Geſundheit. Vertrauend auf Gottes und ſeiner Natur Kraft, kam er im dritten Jahr zum drlittenmale und trank da zwei Monate. Nun fand er von Tag zu Tag ſolche Beſſerung, daß er endlich zu lang erwuͤnſchter, vollkom— mener und beſtaͤndiger Geſundheit des Leibes gekommen iſt. * x 201 So ſagt uns in feiner ausfuͤhrlichen Beſchreibung diefes Brunnens Tabernaͤmontanus, der es feinem Landesherrn, eis nem Churfuͤrſten, welcher es aus Chriſtophs Munde ſelbſt hatte, ſo wie wir es hier berichten, nacherzaͤhlt hat. Chriſtoph ge— wann dadurch ſo guten Glauben an den Goͤppinger Brunnen, daß er auch ſeinen ſchon halb aufgegebnen Sohn Eberhard dahin ſchickte. Aber freilich an dem verdorbenen Sohn konnte die keuſche Quelle das Wunder nicht verrichten, durch das fie den unverdorbnen Vater geheilt. Der Prinz trank viel Wein, und den Sauerbrunnen als Loͤſchmittel für den fieberhaften Durſt des Rauſches ſo unmaͤßig, daß er gegen das Verbot des Arztes auch die Nacht uͤber das Sauerwaſſer ſtets bei der Hand haben mußte. Er ſtarb zu Göppingen im ꝛ24ſten Jahr feines Als ters an einem Schlag, 2. Mai 1568. — Schlimm waͤre der Sauerbrunnen auch einem Vorfahren Chriſtophs bekommen, wenn wir der i Sage Glauben beimeſſen dürften. „Eberhard der Guͤtige war bei faſt ſechzigjaͤhrigem Alter etwas ſchwaͤchlich, doch vor menſch— lichen Augen ohne Gefahr des Todes. Um feiner Gefundheit zu pflegen, begab er ſich in das Bad bei Goͤppingen, und be— diente ſich deſſen ganz wohl und munter. Da ſagte einsmals ſein Leibarzt zu ihm: Gnaͤdiger Herr! beſtellet euer Haus und ſorget fuͤr eure Seele, ihr werdet innerhalb fuͤnf Stunden abgefordert werden. Der Graf antwortete: Wie kann das ſeyn, da ich und ihr kein Anzeichen vom Sterben an mir wahrnehmen? Ueberdieß iſt mir vorlaͤngſt geweiſſagt, daß in dieſer Stadt Göppingen ein Weibsbild in Einer Stunde mit mir ſterben werde. Dieſes Weib aber iſt, ſo vlel mir kund, noch nicht einmal krank! — Da meldete der Arzt, daß dieſes Weib jetzt eben mit allen heiligen Sakramenten verſehen wor— den ſey, und in den letzten Zuͤgen liege. — Noch iſt mir ein ander Merkmahl angeſagt, fuhr der Graf fort, das ſich vor meinem Tode zeigen muß. Mir iſt geoffenbart, daß ein Baum dieſes Thales, den ich und du wohl kennen ler bezeichnete ihn), zuvor umfallen werde. Der ſteht aber, ich habe geſtern beim Luſtwandelu unter ſeinem Schatten geruhet! — So iſt auch dieſes erfuͤllt, erwiederte der Leibarzt; heute iſt dieſer Baum gefallen. Sende deinen Diener, daß er es ſchaue. Und * 202 es war dem alſo. Da erkannte der Graf, daß ſein Tod vor der Thuͤr ſey, bereitete ſich und ſtarb in ſechs Stunden.“ (16. May 1417). Er liegt in der Stiftskirche zu Stuttgart begraben. Dieſe Wundergeſchichte hat der Caſtellan von Stuttgart in Gegenwart des Provinzials der Dominikaner erzaͤhlt, der Provinzial dem Joh. Nider von Ißny, Prof. der Theol. und Dominikaner zu Baſel; deſſen Buch, Formi- carium genannt, hat es dem Cruſius hinterbracht, Cruſtus uns. — Huͤbſche Punkte in der Nahe find außer dieſem Brun⸗ nen noch: der Bierkeller auf einer maͤßigen Anhoͤhe vor der Stadt. — Die fuͤnfundzwanzig Linden auf dem Wege nach Schlatt, unter deren Schatten man Tiſche und Ruhebaͤnke findet. — Der Katzenſteig. ‚m Ein entfernterer Spaziergang führt die Alb hinauf zum grünen Berge nach der Wirthſchaft der Ziegelhuͤtte, in der Richtung nach Geißlingen (2 St.), von wo aus man eine weite, herrliche Ausſicht ins ebnere Land genießt. g Weg nach Hohenſtaufen. 1 Der Wandrer hat jetzt von Weilheim bis Goͤppin gen Stunden zuruͤckgelegt; der Aufenthalt auf dem Eichelberg, in Boll, am Goͤppinger Brunnen und in Goͤppingen ſelbſt, nimmt auch einige Stunden hinweg, ſo daß er wohl das Mittageſſen in der letztern Stadt einnehmen wird. Der naͤchſte, ſehr an— muthige Weg nach dem Hohenſtaufen, deſſen Dorf und Berg— ſpitze ihm wieder entgegenblickt, ſobald er die Stadt verläßt, betraͤgt nur 2 kleine Stunden auf einer ſeit 1808 ſehr ſchoͤn angelegten Chauſſee, deren Fortſetzung vom Dorfe Hohenſtau— fen an durch Lenglingen geht, und ſich mit der Hauptſtraße A die von Stuttgart und Lorch nach ſchwaͤbiſch Gmünd uͤhrt Wenn man Goͤppingen durch das untere Thor verläßt, fo liegt rechts die angenehme Vorſtadt, Carlsſtraße genannt, die mit einer Pappelallee bepflanzt iſt. Hier zieht ſich in ſuͤd— oͤſtlicher Richtung die ſchoͤne Kunſtſtraße nach Geißlingen. Die Straße nach dem Hohenſtaufen aber fuͤhrt links, erſt eine halbe Stunde zwiſchen fruchtbaren Feldern hin, dann durch eine große Viehweide, endlich ins ſogenannte Oberholz, eis nen großen Eichwald, der ſelbſt zum Luſtwandeln angenehm iſt. Iſt man auch hier eine balbe Stunde immer bergauf fort⸗ 203 ’ gegangen, fo verliert fih das Laubholz in einen dichten Tanz nenwald, das Linſenholz genannt. Da Tannen auf der Alb ſehr ſelten ſind, ſo glaubt man ſich mit einemmal in den Schwarzwald verſetzt. Dazu ſteigt die Bergſtraße immer hö= her, die Bäume werden immer dichter, und laſſen nur felten links die Senkung in das ebnere Land, rechts die Thalzungen ahnen, die dieſen Vorſprung von der Albkette trennen. Zu— letzt gelangt man in ein duͤſtres Erlenwaͤldchen, das der Voͤ— gel Geſang, ſelbſt das Lied der Nachtigallen uͤberraſchend durch— toͤnt. Unvermuthet wird es heller, und man blickt links in ein tiefes Wieſenthal, meiſt mit Baͤumen bepflanzt, und un— ten einen lieblichen Weller, Hohenrein genannt. Aber der Hinaufblick gegen Staufen hat im Anfang etwas Finſteres und Wildes. Man ſteht nun, ſelbſt ſchon auf einem hohen Berg— ruͤcken, am Fuße des Kegels, der ſich über dem Dorfe Hohen— ſtaufen erhebt, und deſſen Gipfel einſt das alte Kaiſerſchloß kroͤnte. Wenige Haͤuſer des Dorfes fallen ins Geſicht. Links ſteht man auf einem Huͤgel, die Spielburg genannt, han— gende Kalkſteinfelſen, als wenn ſte die Lava waͤren, die ein ehemaliger Vulkan heruntergeſtuͤrzt haͤtte. Eine Ziegelhuͤtte liegt einſam daneben. Die Stille der Umgebungen, die Hoͤhe, auf der man ſchon ſteht, das hingeſtreute Dorf, die Geſtalt der Bergſpitze, alles das gemahnt den Wandrer mehr an die Schweiz, als irgend eine andre Stelle unſres Landes. — Die ſchoͤne Straße fuͤhrt nun noch bis zum Dorfe eine betraͤchtliche Anhoͤhe hinauf, die aber zur Linken bald eine ſehr ſchoͤne und lachende Ausſicht auf die Thaͤler und Hügel des niedern Lan⸗ des entwickelt. — Wer mit ſeiner ganzen Reiſe Eile hat, kann nun aller— dings nichts Beſſeres thun, als dieſen naͤchſten, uͤberaus ſchoͤnen Weg von Göppingen nach Hohenſtaufen einzufchlagen. Wenn er jene Stadt etwa um 1 Uhr Nachmittags verlaͤßt, ſo iſt er vor 5 Uhr im Dorfe. Dieſes und der Berg mag ihn 2 Stunden feſſeln. Eine dritte und vierte wendet er auf den Rechberg. Wenn er dieſen vor 7 Uhr verläßt, fo mag er noch am Schluſſe des Tages, nach 9 Uhr, im Staͤdtchen Heubach am Fuße des Roſenſteins eintreffen. Die Route des öten Tages, zweiter Tour, wäre dem⸗ nach die: 7 — 204 Von Weilheim nach Boll 2 20% St. Von Voll nach Goͤppinge n — Von Göppingen nach dem Dorfe Hohenftaufen . ½ — Aüf den Gipfel und he, en Rechberg .. 14 — + Nach Heubach Nie Ne 5 N 27 ui 9% 4 St. Dennoch ſollten unſre Reiſenden, welche die zweite Pa⸗ ralleltour gemacht haben, wenn ſte irgend Muße haben, die Genuͤſſe fuͤr dieſen und den kommenden Tag beſſer vertheilen. Nach dem eben angegebenen Plane würden fie die, an ſich ſehr aͤhnlichen Ausſichten des Staufen und des Rechbergs, beide unmittelbar auf einander, in einer und derſelben, der Nach- mittagsbeleuchtung, ſehen. Dieſe Ausſichten-Jagd konnte ſie leicht ermuͤden, und der Sonnenuntergang gienge ihnen auf dem Wege nach Heubach, der im Thale fortlaͤuft, und we⸗ nigſtens eben gegen Weſten nichts Sonderliches bietet, ganz vexloren. 1 Sie follten alſo wo moͤglich den Staufen zum Sonnen⸗ Untergang benutzen, den Sonnen-Aunfgang des andern Morgens aber für den Rechber gſparen. Um nun die heutis ge Tagreiſe voll zu machen, und die lange Zeit vom Mittag bis zum Sonnenuntergang gehoͤrig zu benuͤtzen, bietet ſich ih⸗ nen der erwuͤnſchteſte Umweg von Goͤppingen uͤber Das Schloß Staufeneck *) dar. Dleſe Burg liegt auf einer maͤßigen Hoͤhe, die ein Theil des Rehgebirgs iſt, das, ein Auslaͤufer der Alb, mit dem Rechberg (d. i. Rehberg), wo es wieder höher anſteigt, en⸗ diget. Sie ſteht gerade da, wo das Lauterthal aufhoͤrt und das Filsthal anfaͤngt, auf dem Felſen der Huͤgelkette, die hier eine Ecke bildet. Von Goͤppingen fuͤhrt der naͤhere, weit ſchoͤnere, aber minder bequeme Weg über das Dorf Klein-Sieſſen an der 7 ) Die Beſchreibung dieſes Schloſſes iſt aus Gottſchalks Nitters burgen, mit den noͤthigen Abkuͤrzungen ausgezogen, mit Beyfuͤgung von wenigem, was der Verfaſſer nach eigner Be⸗ ſichtigung hinzugeſetzt. ‘ 205 Fils, von welchem aus man einen ziemlich ſteilen Waldweg hinaufſteigt, um in die Burg zu kommen. Der andre ges maͤchlichere Weg, die Fahrſtraße, führt über Salach, und von da auf einer laͤngern Berglinie, zunaͤchſt am Schloßberge mit Pappeln beſetzt, allmaͤhliger aufwaͤrts. Jener mag ıY%, dieſer 1 Stunden betragen. Der Vorhof der Burg iſt ein großes Viereck, mit einem laufenden Brunnen, eingeſchloſſen von Oekonomiegebaͤuden neuerer Bauart; ein einziges iſt laut der Aufſchrift von 1592. Dem Vorhofe liegt das alte Schloß erhoͤht in der Fronte. Man geht mittelſt einer ſteinernen Brüde über den tiefen Schloßgraben, der jetzt in einen ſchoͤnen Wieſen- und Baumgarten umgeſchaffen iſt, durch ein gewoͤlbtes Thor in den engern Hof der Burg, in dem eine verſchuͤttete Ciſterne ſteht. Er wird durch die beiden Hauptgebäude der Burg ge— bildet: rechts ſteht das ſogenannte neue, links das alte Schloß. Das letztere iſt mit einem koloſſalen, runden Thurm verbunden, der uralt, ohne untern Eingang, aus den ſchoͤnſten, gelben Sandſtein-Quadern erbaut, 42 wuͤrtember— giſche Ellen im Umkreiſe, gegen 54 Ellen in die Hoͤhe haͤlt. Erſt in der Höhe, von etwa 30 Fuß iſt, nach der Seite des alten Schloſſes, eine Thür. Der innre Raum iſt ohne Fen—⸗ ſter, und diente vermuthlich immer zu einem Gefaͤngniß. Der Boden, auf den die Thuͤre fuͤhrt, iſt mit Dielen belegt, von denen man eine aufheben kann, um die Gefangenen in den unterſten Theil hinunterlaſſen zu koͤnnen. Die Luft kn dieſer Tiefe iſt ſo mephitiſch, daß das Licht in einer hinuntergelaſſe— nen Laterne augenblicklich erliſcht. Unten trifft man nichts mehr an, als einen eiſernen Seſſel ohne Armlehne. Auf der entgegengeſetzten Seite, einen Stock hoͤher, hat der Thurm noch eine Thuͤre, die in ein menſchlicheres Gefaͤugniß fuͤhrt. In dem oberſten Stocke des alten Schloſſes oͤffnet ſich eine dritte Thuͤre in dieſem Thurme, durch die man auf Stiegen auf die oberſte Ruine deſſelben gelangt, wo 8 kleine Fenſter durchgebrochen ſind, aus welchen man eine uͤberraſchende Aus- ſicht ins Weite genießt. Man kann ſich kaum des Gedankens erwehren, daß die Stellung der Fenſter abſichtlich und mit großem Sinn fuͤr Landſchaften ſo angeordnet worden, wie ſie es iſt. So bietet das noͤrdliche den Hohenſtaufen aufs Schaͤrfſte abgegraͤnzt dem Auge entgegen; das zte nordoͤſtliche — 206 NR 1 ebenſo den Rechberg, nichts weiter; das dritte oͤſtlicher den Stuifen, das vierte Schloß Ramſperg, und hinter ihm den Meſpelberg, das fünfte füdöftlih den Scharfen⸗ ſtein, das ſechste den Gruͤnenberg mit dem Geißlinger Thal, das ſiebente die Alb gegen Gruibingen, das achte endlich die Teck und im Hintergrund das Unter— land. Oft ſchon iſt dieſer Thurm vom Blitze getroffen wor— den, und daher auch das Dach nicht mehr im alten Zuſtande. Das alte Schloß iſt, bis auf den oberſten hoͤlzernen Stock, von Stein, nach Bauart und Einrichtung ganz alt, juͤngſt noch zum Theil, vom proteſtantiſchen Pfarrer von Sa— lach, bewohnt, der hier die angenehmſte Ausſicht auf Donz⸗ dorf, das obere Filsthal, Klein- und Groß-Sießen, und weiterhin an die ſchwaͤbiſchen Gebirge genoß. Den Gottes- dienſt verrichtete er in einer Capelle des zweiten Stockes, des ren Einrichtung aber erſt aus dem ırten Jahrhundert ſtammt. Jetzt hat dieß aufgehoͤrt. Das neue Schloß, ganz von Stein und juͤngeren Al⸗ ters, war im ırten Jahrhundert der Wohnſitz zweier Raugraͤ— finnen, der Toͤchter einer Freiin von Degenfeld, die durch ihre Schoͤnheit, ihren Geiſt und ihre Bildung in alten und neuen Sprachen die Liebe des Churfuͤrſten Carl Ludwig von der Pfalz fo feſſelte, daß er fie ſich (im J. 1657) zur linken Hand antrauen ließ, und ihr den Titel einer Raugraͤfin von der Pfalz auswirkte. Spaͤter war dieſes Schloß die Woh- nung des herrſchaftlichen Obervogts, iſt aber jetzt ganz unbe— wohnt und nicht eingerichtet. Die Ausſicht dehnt ſich da ge— gen Suden und Weſten über Salach, Großeißlingen und Ho— henſtaufen tief ins Wuͤrtembergiſche aus. Vom oberſten Stock dieſes Schloſſes ſtuͤrzte ſich im J. 1761 die Frau des Degen— feldiſchen Obervogts, wahnſinnig durch Eiferſucht, herab und zerſchellte an den Felſen. Der Zugang zur Burg wurde ehemals vom Schloßhofe aus durch einen tiefen Graben geſchuͤtzt, der wahrſcheinlich mit Zugbruͤcken gaͤnzlich geſperrt war. Gegen die andern Sei— ten war ſie durch die gerade Abdachung des Felſen und durch Thuͤrme und Vorwerke, deren Ueberbleibſel noch ſichtbar ſind, geſchirmt. Der Huͤgel iſt noch immer von Waldungen, doch ſeit neueren Zeiten, zwiſchen Schloß und Wald mit ſchoͤnen Wieſen und edeln Obſtgaͤrten umgeben. Auch ein Weinberg, 207 den im Süden, gerade unter dem Felſen, die Raugraͤfinnen hatten anlegen laſſen, iſt jetzt in Wieſe verwandelt. Einzig in ſeiner Art iſt der Schloßgarten, vor dem Thor am Wege nach Hohenrechberg, mit gutem Gemuͤſe und den edelſten Obſtgattungen beſetzt, durch die weitausgedehnte Ausſicht über Doͤrfer, Weiler, Höfe, Berge, Thaͤler, Waͤl— der und Felder, die wie auf einer Charte vor Augen liegen; und ſelten moͤchte man in einem Garten auf einem Berge durch eine ſolche unerwartete Erſcheinung uͤberraſcht werden. Geſchichtliches uͤber Staufeneck. Erbaut hat die Burg Staufeneck ums J. 1080 Ludwig von Staufen, ein Sohn Friedrichs von Buͤren, und angeblich ein Bruder Friedrichs, des erſten Herzogs von Schwaben aus dem Buͤren'ſchen Hauſe. Ein eignes, reiches und hochadliches Geſchlecht von Staufeneck erſcheint erſt um die Mitte des ı5ten Jahrhunderts, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß daſſelbe mit Buͤren und Rechberg Eine „Samitte bildete. Die Staufeneder kommen in Urkunden vom J. 1259 bis zum J. 1530 vor. Aber vom J. 1555 an erſcheinen Conrad von Rechberg, der Biedermann genannt, und feine Nach— kommen im Beſtitze Staufenecks. Dieſe Staufenecker-Rechberge, eine ſehr beguͤterte Linie, bluͤhten bis zum J. 1599, wo der letzte Sproͤßling derſelben, Albrecht Hermann, in einem Al— ter von neun Jahren ſtarb. Seine Guͤter kamen nun an ſeine Mutter, und an ſeines Vaters und Großvaters Schweſtern. Seines Vaters einzige Schweſter, M. Magdalena, trat ihr Erbſchaftsrecht an Herzog Friedrich I. von Wuͤrtemberg ab; dieſer ließ Staufeneck im Novbr. 1599 mit Gewalt wegneh— men, weil man ihn nicht gutwillig einlaſſen wollte. Weil aber Gertraud von Burgmichlingen, die Mutter, ihren Wittwenſtitz hier hatte, fo zog er die Mannſchaft wieder weg. In der Theilung erhielt der Herzog mit dieſer Mutter Staufeneck und Salach; verkaufte ihr aber ſeine Haͤlfte des erſteren. Die Mutter, bald wieder verheirathet, verkaufte Staufeneck an einen Herrn v. Freiberg zu Juſtingen, unter deſſen Soͤh— nen es (1642) an deren Schwager Fritz von Gu va durch Kauf kam; deſſen Wittwe verkaufte die Herrſchaft (1665) an den Freiherrn Ferd. v. Degenfeld (den Vater jener Raugraͤfin von der Pfalz). Die aͤlteſte ihrer Toͤchter vermachte es ihrer 208 Nichte, elner Gräfin von Degenfeld-Schonburg (1755), und in dieſes Geſchlechtes Beſitze iſt die Herrſchaft bis auf den heutigen Tag. Wenn ſich unſre Wandrer in dieſer Burg, die ſchon da- rum zu den ſehenswerthen gehoͤrt, weil ihre Hauptgebaͤude noch nicht Ruinen find, zur Genuͤge umgeſchaut haben, fo treten ſie nun unmittelbar den Weg nach Hohenſtaufen an. Dieſer fuͤhrt vorerſt wieder in das Thal nach Salach hinab (% St.), wo der Hoh enſtaufen von feiner ſuͤdlichen Seite geſehen ganz vereinzelt erſcheint, und ſich beſonders ſchoͤn dem Auge darſtellt; ſodann uͤber Krummwaͤlden (% St.) zwi⸗ ſchen Wäldern und Wieſen nach dem Dorfe Hohenſtaufen ( St.) hinauf. Di das Dorf. Wirthshaus: zum Lamm. Das Dorf Hohenſtaufen, in alten Urkunden der Markt Staufen genannt, iſt wahrſcheinlich von Friedrich dem Alten, dem erſten Herzog von Schwaben aus dem Geſchlechte Staus fen, vom J. 10) an, wo er auch die Burg erneuerte, er— baut. Die Buͤrger waren 15 auf dieſe letzte Zeit dem Verge leibeigen. Im zojaͤhrigen Kriege ward der Ort, nach der Nördlinger Schlacht (1634), von den Bewohnern verlaſſen, und ſpaͤt und langſam wieder bevoͤlkert. Der Hauptnahrungszweig des Dor⸗ fes iſt Viehzucht. Die Bewohner ſind arm, aber geſund und zufrieden. Die herrliche Luft laͤßt viele zu hohem Alter ge- langen. Schon Cruſtus fand einen hochbejahrten Pfarrer hier. Der jetzige iſt 80 Jahre alt. Die 200 Haͤuſer, aus welchen das Dorf beſteht, meiſt arınfeelige Hütten, bieten nichts Merk⸗ wuͤrdiges dar. An der Spitze des Orts ſteht die Kirche, ein unſcheinbares ſteinernes Haͤuschen, deſſen Thurm, die einzige Zierde, vor 100 Jahren um 40 Schuh niedriger gemacht wor— den, weil er die Gewitter herbeizog. Doch darf ſie von dem Wandrer nicht vorbeigegangen werden. Denn an der Wand ne— ben der Canzel ſieht man die Spuren einer zugemauerten Thüre; auf der neuen Mauer dſt das Bild des Kaiſers Frie— drich Barbaroſſa gemalt, und über einen Haupte folgende, einzig ſchoͤne Inſchrift: 209 Hic transibat Caesar. Der großmaͤchtigſt Kaiſer wohl bekannt, Fridericus Barbarossa genannt, das demuͤthig edel deutſche Blut, uͤbt ganz und gar keinen Uebermuth; auf dieſem Berg hat Hof gehalten, wie vor und nach ihm die Alten; zu Fuß in dieſe Kirch' iſt gangen, ohn allen Pracht, ohn Stolz und Prangen, — durch dieſe Thuͤr, wie ich bericht, iſt wahrlich wahr und kein Gedicht. Amor bonorum, terror malorum. Die Verſe mögen aus dem ſechzehnten Jahrhundert ſeyn; berichten aber nichts Unwahrſcheinliches. Denn Kaiſer Frie— drich I., obgleich er nie anhaltend hier Hof hielt, ward doch auf Staufen erzogen, und ruhte auch als Kaiſer je und je auf ſeinem Schloſſe aus, von dem ein beſondrer Weg in die Kir⸗ che des Dorfes herabfuͤhrte. Das Bild iſt in ſeiner jetzigen Geſtalt von Carl Heideloff aus Stuttgart im J. 1814 auf Veranſtaltung des wuͤrdigen Greiſes, Herrn Pfarrers Ammer— muͤller, neu gemalt worden: das frühere war von dem PfR- rer M. Walz im J. 1725 beſorgt worden, wie die Unterſchrif- ten beſagen. — Durch Bild und Inſchrift an die Erinnerung und Ver— gangenheit gewieſen und ſo gehoͤrig vorbereitet, betreten unſre Wandrer den Pfad, der ſich den gruͤnen Heidekegel hin— aufſchlaͤngelt und in einer Viertelſtunde auf den Gipfel des Berges fuͤhrt, auf dem einſt das alte Kaiſerſchloß ſtand. (Hier beginnt für die Reiſenden erſter Tour der neun— te Tag.) 4 f Berg Hohenſtaufen. Höhe 2411 W. F.) Es iſt dem Reiſenden genugſam geſagt worden, daß er auf dem kahlen Gipfel keine Ueberreſte einer herrlichen Kai— ſerburg mehr ſuchen darf. Zwar hat der fruͤh vollendete Schenkendorf, der begeiſterte Saͤnger deutſchen Reiches, deutſcher Eintracht und Freiheit, im April 1815 ein ſchoͤnes G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 14 1 Lied bei den Ruinen der Hohenſtaufenburg geſungen. Er ruft dem Feuer des Himmels, ihm den Weg zu zeige: Kommt, ihr Blitze, brecht hervor, Daß ich finden mag das Thor Zu der Burg der Hohenſtaufen! Er beſtelgt auch wirklich im Liede die Höhen, ſieht die Truͤmmer, ſchaͤrft ſich Schwert und Sporn an den alten hei— ligen Steinen, und ruft endlich den Mauern ein Lebewohl zu, deren Steine der neue deutſche Bund uͤberdauern ſoll. Kein Wandrer darf ſich durch dieſe ſchoͤne Viſton des Dich— ters irre machen laſſen; denn fie iſt durch und durch ein Traum, und der Berg, auf dem der Saͤnger ſo ſchoͤne Rui— nen entdeckte, lag wohl ſo fern und unkenntlich von ſeinen leiblichen Augen, als die herrliche deutſche Zukunft, die er be— ſang, von ſeinen geiſtigen. Das einzige wirkliche Ueberbleibſel der Burg iſt ein kleiner Reſt von Mauerwerk am aͤußerſten ſuͤdlichen Rande der oberſten Bergflaͤche, wo wahrſcheinlich der Eingang in die Burg war. Dieſer Ueberreſt beſteht nicht einmal aus Qua= dern, ſondern nur aus wohlverkitteten Bruchſteinen, die nun, ts über dieſen letzten Trümmern ſorgfaͤltig gewacht wird, noch lange Zeit ſtehen koͤnnen. Damit jedoch die Phantafie unſerer Reiſenden es leichter habe, den Berg wieder mit Ruinen zu uͤberbauen, fo führen wir fie in die Geſellſchaft eines Begleiters, deſſen Bekannt ſchaft fie auf dieſer Reiſe ſchon lange gemacht haben. Der alte Martin Cruſius auf feiner, Luftwandrung am Fuße der Alb-im J. 1588 beſuchte auch dieſen Berg, 65 Jahre nach der Zerſtoͤrung des Schloſſes. Dieſer beſchreibt die Truͤmmer der Burg, die er antraf, folgendermaßen: „Wir langten in dem Dorfe Staufen an, welches unter⸗ halb des Schloſſes liegt. Das Thor der Burg ſah links gegen das Dorf herunter. Als wir am Berg unter einem Linden— baum ausgeruht, fuͤhrte uns der Dorfpfarrer M. Johann Maier auf dieſes uralte und ſehr beruͤhmte Schloß. Ich hoffte, noch etwas Gemaltes daſelbſt zu ſehen: ein roͤmiſcher Adler, oder die Wappen der ſchwaͤbiſchen Herzoge. Aber dieſe ſind weiland geweſen; jetzt war nichts zu ſehen, als bloße Mauern und Thuͤrme, ohne Ziegel und Holz. Lieber Gott! ſoll eine - 211 ſo große Herrlichkeit der maͤchtigſten Fuͤrſten und Monarchen zu einem ſo ſcheußlichen Anblicke gediehen ſeyn? Kein Kaiſer, kein Fuͤrſt iſt mehr da: keine Hofleute, keine Ritter, keine griechiſche Irene *), keine andre Kaiſerin, keine Herzogin, kein Frauenzimmer: kein Geraͤuſche mehr der Menſchen, keine Trommete hoͤrt man weit und breit erſchallen. Alles iſt ver— ſchwunden, wie ein Rauch, alles iſt hinweggeflogen, wie ein Vogel. Ein Bauernſchultheiß hat jetzt die Schluͤſſel zu dem Thor, welches fuͤr Alter faſt wurmſtichig iſt: er maͤhet das Gras, das im Schloßhofe hoch ſtehet: der Holderbaum waͤchſt da und dort in den Winkeln. Auch was noch heutiges Tages von Mauern uͤbrig iſt, wird nach und nach weniger, da die Steine zu andern Gebäuden nach Geoͤ » pingen geführt werden. Wir waren bei zwei Stunden auf dem Schloß, und be⸗ trachteten alles fleißig. Da erbarmte uns des menſchlichen Elends, daher ich auch das Lied geſungen: | „Mag ich Ungluͤck nicht widerſtahn“ ). und M. Euſebius ***) ſchoß, anſtatt eines Abſchieds, fein Ge— wehr uͤber die Mauer ab, als wir wieder en gehen wollten. — — — * Gemahlin Herzog Philipps von Schwaben, erxwaͤhlten roͤ⸗ miſchen Königs, der 1208 durch Otto von Wittelsbach ers mordet wurde. *) Ein Beweis, daß der alte Cruſius Sinn und Gefuͤhl hatte. Welcher Wandrer wird nicht noch jetzt gerne auf dem kahlen Huͤgel folgenden Vers jenes alten Liedes leſen: Richt (ich), wie ich woll', itzund mein Sach Weil ich bin ſchwach, Und Gott mich Furcht laͤßt finden: So weiß ich, daß kein G'walt bleibt feſt, Iſts allerbeſt, (d. i. mag es auch das allerbeſte ſeyn,) Das Zeitlich' muß verſchwinden. Das ewge Gut Macht rechten Muth, Dabei ich bleib, Wag' Gut und Leib; Gott helf mir's uͤberwinden! rec) Die Reiſenden waren: Cruſius, mit feinem ıljahrigen Sohn Urban; M. Euſeb. Stetter, Praͤceptor an der anato— liſchen Schule zu Tuͤbingen, und M. Abel, Profeſſor Muſi⸗ ces im theol. Stifte daſelbſt, a des Abtes Abel Vinarius zu Lorch. 14 * 212 Ich will aber Lage und Geſtalt des Orts und Schloſſes bezeichnen: Unten das Dorf Staufen, von dannen ſteigt man links auf den Schloßberg. Daſelbſt iſt faſt in der Mitten eine kleine Ebene, wo weiland wie man ſagt, Taͤnze gehalten wur— den. Hernach, wenn man weiter hinaufgeht, kommt man an das Thor von zwei Fluͤgeln, welches das einzige iſt. Der Berg ſelbſt iſt rund, wie ein hoher Spitzhut, doch an einem Theile laͤnger als breit. Wir giengen auch außerhalb um die Mauern herum, und es iſt ringsum wenig Raum uͤbrig, alſo daß man das Schloß nicht mehr haͤtte erweitern koͤnnen, als jetzt der Umfang deſſelben iſt, weil der Berg ziemlich gaͤh iſt. Man kann aber an zwei Orten hinaufgehen: erſtlich auf einem muͤhſamen und engen Fußwege, zu deſſen Rechten jener Tanz⸗ platz iſt; da ſind es 450 Schritte vom Dorfe bis zum Thor. Hernach auf einem breitern Umwege, der mehr zur Rechten des Berges gegen Lorch iſt, und auf welchem man fahren kann. Wenn man bei dem Thor hineingegangen iſt, ſtehet a man nun zwei Theile des Schloſſes, den einen zur Rechten, den andern zur Linken, beide mit einer Mauer von einander abgeſondert. In dem zur Rechten iſt heutiges Tages kein Gebaͤude, außer ein Stuͤck von einer Mauer ſondern der Platz iſt voll Gras. Deſſen Laͤnge und Breite hat ungefaͤhr 46 meiner Schritte. In dem Eck rechts vom Thor, das gegen das unten gelegene Dorf Staufen ſteht, iſt eine Capelle ger weſen. In dem Ecke links, nicht weit vom Thor, neben der abſondernden Mauer, ſteht ein Brunnen, jetzt mit Steinen gefuͤllt. In den Ecken und neben den. Mauern, ſind in beiden Theilen des Schloſſes Baͤume und Stauden. Nun iſt mitten in der unterſcheidenden Mauer ein Thor, durch das man in den andern Theil des Schloſſes, welcher zur linken iſt, hinein gieng. Dieſer Theil iſt 60 Schritt lang und 10 breit. Alſo iſt die Laͤnge des ganzen Schloſſes 106 meiner Schritte. Zur linken Hand, *) wenn man zu dieſem Thor hineingeht, ſteht ein Thurm, welcher damals noch 52 Schuh hoch war, und der Mannsthurm genannt ward, in welchen man die Gefan⸗ genen legte. Er hatte nur von oben, nicht von unten den — Auf dem Abriß hat Eruſius dieſen Thurm zur rech⸗ ten Hand vom Thore gezeichnet, 219 Eingang. Neben dieſem Thurm, auf der Seite der Mauer, wo man von Staufen zum Thor hinaufgeht, war die Woh- nung des Frauenzimmers. Allda war auch unter der ab— fondernden Mauer ein Weinkeller, welcher mit Steinen ſchier angefuͤllt iſt. Ich wollte hineinkriechen, konnte aber nicht. Es find Bäume dabei. Im aͤußerſten Eck dieſes Theils, welches im Hineingehen zur rechten Hand iſt, ſteht ein Thurm, der Bubenthurm genannt. Unten, an der Mitte der naͤchſten Seite, iſt eine Hoͤhle, welche man das Heyden loch heißt. Vielleicht iſt ſie damals ausgegraben worden, das Schloß zu faͤllen, als es weiland von Lotharius dem Sachſen, der mit Kaiſer Conrad III. Krieg fuͤhrte, belagert wurde ). Auch in dem Hofe bieſes andern Theils waͤchſt Gras, welches abge— maͤht wird. Die Mauer, welche das ganze Schloß umfaßt, iſt beinahe 7 Schuhldick, an einem Ort hoͤher, am andern nie⸗ derer, weil viel davon eingefallen, oder hinweggefuͤhrt worden. Das fuͤrnehmſte an der Mauer ſind die Quaderſteine, welche an allen 4 Seiten neben behauen worden, ſo daß das mittlere Viereck uͤber die 4 Nebenſeiten herfuͤrgehet, wie die Steine an der Nuͤrnbergiſchen Stadtmauer. (Bekannte Bauart des ı2ten und ı3ten Jahrhunderts). Die Steine find noch roth von dem Brande, da die Bauern das Schloß angeſteckt. Man kann auf der Mauer umher gehen, und wer ein ſcharf Geſichte hat, der ſteht da bis an den Rhein (den Fluß ſelbſt jedoch nicht, was der Lage nach unmoͤglich iſt). — In allen Theilen des Schloſſes iſt kein Bildniß, keine Inſchrift, kein Wappen, keine Farbe mehr. Alles iſt durch Feuer, Regen oder boͤſe Zeiten ausgetilgt. Was ein ſchoͤner Koͤrper war, iſt jetzt nur ein Beingerippe. — Der Schultheiß ackert in dem innern Hof und ſaͤet Frucht darauf.“ So weit Cruſtus. In der Skt. Johanniskirche zu Gmuͤnd iſt ein Gemaͤlde erhalten worden, welches Hohenſtaufen zeigt, „wie es damals geweſen (abgebildet in Pfiſters ſchwaͤb. Alma— *) Es find zwei Höhlen, ziemlich enge, feuchte Felsloͤcher, etwa 4 Schuh hoch, und in der Laͤnge noch auf 2 Ruthen zugaͤnglich, das obere und untere Heidenloch genannt, am weſtlichen Abhang des Gipfels, wie Cruſius auch hier den Ort bezeichnet, im Grundriß giebt er ihn faͤlſchlich ſuͤdlich an. Sie ſcheinen vielmehr Werke der Natur als der Kunſt zu ſeyn. a 214 nach von Heideloff). Dieſes zeigt die nordöftliche Seite der Burg mit 5 kleinen Mauerthuͤrmen, 2 groͤßern Thuͤrmen im Innern und wieder gegen Abend, wo das Hauptgebaͤude gewe— ſen zu ſeyn ſcheint, eine dritte Thurmſpitze. Den Bubenthurm kennt es nicht, und ſcheint überhaupt die Burg in noch Alterer Geſtalt darzuſtellen, als ſie Cruſius ſah. Geſchichte der Burg Staufen. Eine Geſchichte des Geſchlechts der Hohenſtaufen wird niemand in dieſem Wegweiſer ſuchen wollen. Das Noͤthigſte, wie wir es bisher bei den minder allgemein be nten Ge⸗ ſchlechtern der Mittheilung werth gefunden, ken feder aus der allgemeinen Weltgeſchichte: fuͤr das Einzelne der Raum zu enge, und uͤberdieß iſt in der Schrift des wuͤrdigen Ammer⸗ muͤller: Hohenſtaufen, oder Urſprung und Geſchichte der ſchwaͤbiſchen Herzoge und Kaiſer aus dieſem Hauſe u. ſ. w. aufs allergenuͤgendſte geſorgt. Auf dieſes Leſebuch EBENEN wir jeden, der dieſem Berg vorzugsweiſe feine Aufmerkſamkeit widmen will. Wir aber begnügen uns, hier das Noͤthige von den Schickſalen der Burg aus dieſer und andern Schriften auszuziehen: Zu Büren, Beuren (entweder dem Dorf Waͤſchenbeu— ren, eine Meile von ſchwaͤbiſch Gmuͤnd, oder der Burg Buͤren, jetzt das Waͤſchenſchloͤßchen *) genannt) war in den aͤlteſten Zeiten eine der angeſehenſten Familien Schwabens anſaͤſſig, die ſich von Buͤren nannte. Friedrich von Buͤren hatte einen Sohn, der auch Friedrich hieß, und ums Jahr 1070 — je nach⸗ dem man die zweldeutigen Ausdruͤcke der Chronikenſchreiber jener Zeit deutet. — Erbauer oder Wiederherſteller der Burg Stoiphe, d. i. Staufen ward, vielleicht auch das Dorf am Fuße gründete und bevölkerte. Er nannte ſich auch von nun an nicht mehr Friedrich von Buͤren, ſondern von Staufen. Kaiſer Heinrich IV. machte ihn 1080 zum Herzog von Schwa— ben und gab ihm feine Tochter Agnes zur Frau. Diefer ward der Ahnherr des Hohenſtaufiſchen Geſchlechts. Aus ſeiner ) Dieß iſt ein uraltes Gebäude, mit einem tiefen Graben ums geben, zwiſchen Hohenſtaufen und Lorch, / Stunde von Wäz ſchenbeuren gegen Mitternacht, auf einer ſchoͤnen Flur ges legen. 215 Nachkommenſchaft giengen in einem Zeitraume von 117 Jah- von ſechs deutſche Kaiſer nach einander hervor: Conrad III., Friedrich I., Heinrich VI., Philipp, Friedrich II., Conrad IV. bis mit Conradins Enthauptung 1269 das Geſchlecht der Ben henſtaufen erloſch. — Durch die Beſitzungen Friedrichs von Staufen in dieſen Gegenden kam der Sitz des Herzogthums in das oͤſtliche Schwaben. Ulm wurde Hauptſtadt, und da die Hohenſtaufen in das Erbe des ſaliſchen Kaiſerhauſes eintraten, wurden die beiden Herzogthuͤmer Schwaben und Franken in ihrem Haufe vereinigt. Moͤglich waͤre es daher, daß Friedrich von Buͤren auf Antrieb ſeines Schwiegervaters K. Heinrichs IV. abſichtlich dieſe Burg in der Naͤhe der Saliſchen Erbguͤter erbaut habe; zumal da ſich auch ein Staufen, ein Büren und ein Waiblin— gen, die leicht die aͤltern Urſitze des Hauſes geweſen ſeyn koͤnnten, auf dem Hertfelde, gerade wie um unſer Hohenſtan⸗ fen herum, befinden. In der Mitte des ı2ten Jahrhunderts, als König Lud wig VII. von Frankreich dem erſten Hohenſtaufiſchen Kaiſer Conrad UI. bedeutende Huͤlfsleiſtungen auf feinem Kreuzzuge geleiſtet, wollten die Moͤnche von St. Denis bei Paris durch jenen ihre angeblichen Anſpruͤche auf die Burg Hohenſtaufen bei dem Kaiſer geltend machen. Schon zu Carls des Großen Zeiten hatte ihr Abt, Fulrad, allerlei Schenkungen in Schwa— ben für das Kloſter erhalten. Dazu ſollte auch der Berg Ho— henſtaufen gehoͤren. Der Kaiſer aber war nicht zu der Aner— kennung jener Rechke zu bewegen. Er wollte ſeine Stamm— burg von keinem Kloſter, viel weniger von einem auswaͤrtigen, abhaͤngig wiſſen. Uebrigens beſaß damals Conrad III. nur Einen Thurm auf dem Schloſſe, der andre mit allem uͤbrigen gehörte feines alteren, verſtorbenen Bruders Sohne, dem da— maligen Herzog in Schwaben, nachherigen Kaiſer Friedrich J. Barbaroſſa. Nach des Erbauers, Friedrich J. Tod naͤmlich, ſcheinen ſich die beiden Söhne, Friedrich U. Herzog in Schwa— ben, und Conrad, Herzog in Franken (nachheriger Kaiſer) in die Stammburg getheilt zu haben, doch fo, daß der ältere, . als ſchwaͤbiſcher Herzog, den Vorzug erhielt. Barbaroſſa hat zwar mehr als Einen kaiſerlichen Pal⸗ laſt in verſchiedenen Gegenden des Reichs angelegt, doch biel- ten er und ſeine Nachfolger die vaͤterliche Burg immer in 216 Ehren und waren oft in dieſer Gegend, dieß bezeugt auch die oben angefuͤhrte Inſchrift der Kirche des Dorfes Staufen. Als Koͤnig Philipp, Friedrich Barbaroſſa's juͤngſter Sohn, der ſeinem Bruder, Heinrich VI. auf dem Throne gefolgt war, im Kriege wider feinen Gegenkaiſer Otto IV. auf dem Schloſſe Altenburg bei Bamberg durch Otto von Wittelsbach erſchlagen wurde (1208), floh ſeine Gemahlin Irene, der ihr einiger Troſt entriſſen war, die fremde, hochſchwangre Frau, auf ihres Ge— mahles Sta mmſchloß Hohenſtaufen. Sie war des griechiſchen Katſers Iſaak Angelus, des Comnenen Tochter, und zuerſt dem Sohne Tancreds, Koͤnigs von Sicilien, Roger verlobt, von Kalſer Heinrich VI. aber, nachdem er jenen gefangen und ge— blendet, ſeinem Bruder Philipp vermaͤhlt worden. Der Schrek— ken beſchleunigte ihre Entbindung kurz nach ihrer Ankunft auf Hohenſtaufen. Sie brachte eine unzeitige Geburt zur Welt und ſtarb bald darauf. „An welchem Tag oder in welchem Mo— nat ſolches geſchehen, das hab' ich nirgends finden koͤnnen — ſagt Cruſius — wiewohl mir vor zwei Jahren oft im Schlaf vorgekommen, als wenn fie den 27. Januar 120g geſtor⸗ ben wäre. !!! Sie ſtarb, wenn andre nicht auch traͤumten, den 28. Aug. 1208. Acht Tage vor ihrem Tode ſtellte ſie zum Seelenheil ihres vom ſchrecklichen Tod uͤbereilten Gemahls, dem Kloſter Adelberg noch einen Schenkungsbrief aus, in dem fie ih Maria nennt, und der mit den Worten beginnt: „die Gerichte Gottes ſind unerforſchlich.“ Unter den wenigen treu⸗ gebliebenen, die dieſen Brief als Zeugen unterzeichnet, iſt der vornehmſte ein Graf Ludwig von Würtemberg. Die andern waren alle ſchon zu Otto IV. uͤbergetreten. Ihr Leich⸗ nam ward von Hohenſtaufen nach dem Kloſter Lorch gebracht. und dort beygeſetzt. Da ſich Hohenſtaufen nicht unter Conradins Vermaͤcht— niſſen befindet, ſo ſcheint es von den letzten Kaiſern dieſes Hauſes als Reichs burg betrachtet worden zu ſeyn, und ſo blieb fie denn auch bis auf Carl IV. Reichsdomaͤne, wenn fie anders nicht (wie andre Urkunden vermuthen laſſen) eine Zeit lang in den Haͤnden der Schenken von Limpurg und darauf der Herren von Rechberg geweſen. Aus Carls IV. Beſitz kam die Burg Hohenftaufen mit Achalm durch Pfandſchaft an den “ofen Eberhard von Wirtemberg den Greiner 1547. Im 'tekrieg vom Kaiſer wieder genommen, und den Erzherzo⸗ 217 gen von Oeſterreich gegeben, kam fie endlich durch Verträge ſeit 1578 in Wuͤrtembergs ſtchern Beſitz7 in welchem fie blieb; wie gerne, bewieſen die Einwohner des Dorfs Hohenſtaufen, die im ı5ten Jahrh. verpfaͤndet, mit eignen Opfern die Ge wißheit erkauften, unter Wuͤrtemberg bleiben zu koͤnnen. So blieb es anderthalb Jahrhunderte bis der Bauernkrieg auch dieſem uralten und beruͤhmten Schloſſe den Untergang brachte. Schon im J. 1519, bei Herzog Ulrichs Landesver— treibung, eignete ſich Georg Staufer von Bloſenſtauffen, da— mals Obervogt zu Goͤppingen, wahrſcheinlich auf ſeinen Na— men bauend, daſſelbe mit etlichen Doͤrfern an. Er wurde aber bald abgewieſen. Dennoch erſcheint er bald darauf wie— der als Burgvogt und Feſtungscommandant von Staufen, was begreiflich iſt, da Herzog Ulrich noch immer vertrieben war. Endlich im Jahr 1525 kamen die aufruͤhriſchen Ellwanger und Schenk-⸗Limpurgiſchen Bauern das Thal herunter und lager— ten ſich am Fuße des Berges. Die Beſatzung von Hohenſtau— fen beſtand nur aus 32 Mann. Der Burgvogt Staufer war abweſend und in Göppingen, Für ihn führte Michael Reiſe ſenſtein auf Vilseck das Commando. Als die Bauern von unten herauf das Schloß mit Stuͤcken zu beſchießen anfiengen, antwortete zwar die Beſatzung und toͤdtete einige derſelben. Da ſie ſich aber zu laͤngerem Widerſtande zu ſchwach und ganz ungeruͤſtet fühlte, verlor fie bald den Muth und floh davon. Da ward die ehrwuͤrdige Burg von den zuͤgelloſen Bauern eingenommen, ausgeraubt und verbrannt. Cruſtus erzaͤhlt die nähern Umftände aus dem Munde eines Augenzeugen, des hochbejahrten Wirths und Schultheiſſen von Staufen alſo: die Zahl der Bauern ſey nur klein geweſen, der Ueberfall aber bei Nacht geſchehen. Diener und Waͤchter des Schloſſes er— ſchreckt, meinten, der Feind ſey mit einer groͤßern Macht zu: gegen, warfen in der Angſt die Schluͤſſel von der Zinne zu ihnen hinunter, verbargen ſich hier und dort, und machten ſich davon. Durch dieſe Kriegsliſt ſey das Schloß eingenommen, gepluͤndert und eingeaͤſchert worden. Geringer Widerſtand der Waͤchter haͤtte es retten koͤnnen. Andre ſagen, der Com— mendant habe ſich eine Weile mit feinen Knechten und Maͤg— den gewehrt, die heißes Waſſer hinabgoſſen und Steine hin— unterwarfen, weil es ihnen an Buͤchſen gebrach. Als aber die Zahl der Bauern ſich vermehrte, habe Reiß „den Reißaus 1 7 218 genommen“ und ſey nach Filseck geflohen. Auch ſein 18jäh⸗ riger Knecht, Peter oft, ſey gluͤcklich entronnen. Die ergrif— fenen aber haben die Bauern von den Zinnen hinabgeſtuͤrtzt. Ausſicht vom Hohenſtaufen herab. Das Ausgezeichnete dieſer Ausſicht, das nur noch die vom Rechberg mit ihr gemein hat, iſt der freie Ausblick nach allen Seiten, auch nach der ſuͤdlichen und ſuͤdoͤſtlichen, wo auf den andern Albgipfeln allen das Auge auf der Gebirgsflaͤche un— mittelbar aufliegt, hier aber noch über Hügel und Ebnen ſchwei⸗ fen darf; ehe es auf der Albwand, von der dieſe Auslaͤufer mehrere Stunden vorwaͤrts ſpringen, zu ruhen kommt. Bei ganz heiterem Himmel iſt uͤberhaupt die Ausſicht, beſonders gegen Weſten, wo fie faſt ſchrankenlos iſt, von dieſen beiden Bergen entzuͤckend, und wird von denjenigen Wandrern, die einen Sonnenuntergang bei wolkenloſem Himmel hier genoſſen haben, meiſt unbedingt allen andern Albausſichten vorgezogen. Wer jedoch dieſelbe Ausſicht bei umwoͤlkterem Horizont und nicht vom Sonnenlichte, das auch die dunkelſten Tannenwaͤlder uͤbergoldet, ringsum verklaͤrt geſchaut hat, der wird unfrer Be- merkung in der einleitenden Ueberſicht Recht geben muͤſſen, daß man hier doch eine weit dunklere, ebnere und darum ein— foͤrmigere Flaͤche vor ſich hat, als auf den Hauptgipfeln der Mittelalb, die auf runde Huͤgel, in lachende Oüßthäler, auf ſaftige Laubwaͤlder herunter blicken. Was das Einzelne der Ausſicht betrifft, fo hat man gegen Oſten gekehrt den unterſten Theil der Alb, der den Namen Albuch führt, mit feinem Fuͤrſten, dem Roſenſtein vor ſich. Laͤuft der Blick von Oſten nach Suͤden, ſo verweilt er zuerſt auf dem Rechberg, deſſen Schloß auf dem tiefern Vorſprung, deſſen Wallfahrtskirche anf dem kahlen Gipfel, deſſen freund— liches Dorf an der Seite dem ſeltſam geſtalteten Hoͤcker ein la— chenderes Anſehen giebt, als der etwas kahle Ruͤcken ſonſt ha— ben würde, und das Ganze zu einer fremdartigen aber anmu— thigen Erſcheinung macht. um den Rechberg her lagern ſich die naͤhern und fernern Albruͤcken: der Hornberg, der Stui— fen, der Bernhardusberg mit einer Wallfahrt, noch weiter rechts winkt aus der Tiefe Staufened, dann kommen die Bere ge des Geislingerthals, der gruͤne Berg, und in der Richtung gegen Schlatt und Eſchenbach der hohe Fels „auf der weißen 219 Mauer“ genannt. Suͤdlich und ſuͤdweſtlich der Hauberg, der Breitenſtein, Teck, der gelbe Fels, Neufen, Achalm, Hohen— zollern, alles auf engen Raum zuſammengedraͤngt und hinter einander geſchoben, weſtlich die Flaͤche bis zum Schwarzwald, die Filder; nordweſtlich der Stromberg und der Heuchelberg im Hintergrund, im Vordergrund Ebene mit lauter einzelnen Tannenwaͤldern; im Norden der Welzheimer Wald, die Loͤ. wenſteiner Berge; und einige blaue ferne Gipfel in der Rich— tung von Schwaͤbiſchhall, vielleicht ſchon fraͤnkiſche Gebuͤrge; im Vordergrunde die Stadt Gmuͤnd, groß, wohlgelegen. Nord— oͤſtlicher in blauer Ferne der Schöneberg von Ellwangen, und nun iſt der Kreis vollendet und das Panorama ſchließt ſich wieder mit dem Albuch im Nordoſten, als deſſen aͤußerſte Spitze ſich hier „der Braune“ noch ein recht tuͤchtiger Berg der ſonſt geſtreckteren Kette, darſtellt. Wer die unzaͤhligen Oreſchaften, die er uͤberſteht, mit Namen kennen lernen will, dem empfehlen wir als Führer den Dorfbauer Carl Friedr. Seitz von Staufen, als der Gegend vollkommen kundig; einen guten Tubus hat der Lammwirth vexſprochen anzuſchaffen. Auf dem Berge ſelbſt mag der Wandrer noch, bevor er ihn verläßt, das auch von Cruſtus erwaͤhnte Heidenloch be— ſuchen, das noch immer dieſen Namen fuͤhrt. Es ſind dieß zwei enge Höhlen auf dem weſtlichein Abhang des Gipfels, das obre und untre Heidenloch genannt. Sie gehen in den Rippen des Berges aufwaͤrts und wer kriechend hinauf klet— tert, findet ſie bald ſo erweitert, daß er aufrecht darin ſtehen kann. Von dieſem Abhang hat man gegen Nordweſten uͤber weiches Fruchtfeld hin, den beſten Niederblick auf das ſoge— nannte Wa ſcherſchloͤßchen, oder die Burg Beuren (Waͤ— ſchenbeuren, wie noch das benachbarte Dorf heißt), die Wie— ge des Staufiſchen Geſchlechts. Die Route fuͤhrt unſre Rei— ſenden nicht daruͤber, es koͤnnte aber von dem Alterthums— freund am eheſten von, hier oder von Gmünd aus ein Abſtecher dahin gemacht werden; von beiden Punkten mag es etwa 2 Stunden entfernt ſeyn. Er trifft nicht viel mehr als uralte Mauern dort; wird aber mit Schmerz und Unwillen von den alten Leuten dort hoͤren, daß vor nicht ſo langer Zeit in dem Schloͤßchen ſchoͤne uralte pergamentene Urkunden mit großen Inſiegeln zu finden waren, die ein vormaliger Vogt, 220 der dort haußte, feinen Kindern zu verſchneiden gab!! Den Na men leitet man von Waͤſen, Waſen ab; ein Alterthumsfreund wollte an Wasgau-Beuren denken, weil das Geſchlecht dort Verzweigungen hatte; oder noch einfacher und wahrſcheinli⸗ cher den Namen von Weſtenbeuren, mit korrumplerter Ausſprache ableiten; wie denn der Reiſende wirklich zwiſchen dem Rechberg und dem Roſenſtein an einem oͤſtlichen Beuren, jetzt Beuren in den Bergen genannt, voruͤber kommt. Von dem Gipfel des Hohenſtaufen kehren die Wan⸗ drer ins Dorf Staufen zuruͤck, erfriſchen ſich, falls fie erſt des Morgens gekommen ſeyn ſollten und dann wohl die Son- ne aufgehen geſehen haben, oder uͤbernachten im obengeſetzten Falle. Route des achten Tages, zweiter Tour. Von Weilheim nach BI nuch Betzgentieth 27. Veen nach Jebenhauſen * Ai Göppingen iR Geradenwegs nach Dorf Staufen . . 2 — auf den Berg und herab. - » . 7 — 175 5 6 /½. St. Oder aber mit der Tour nach Staufeneck: Von Weilheim nach Göppingen. . 5% St. nach Staufeneck über Sieſſen . ı% — nach Salach! Mel „ee ee nach Krummwaͤlden N nach Staufen r. . „ „ ME iin Berg „ „ e . — 85 8 % St. * a 221 Neunter Tag. ueber den Rechberg nach Heubach auf den Roſenſtein nach ſchwaͤbiſch Gmuͤnd. Weg nach dem Rechberg (1% St.) der auf einem Sattelbogen des Gebirges fort, anfangs uͤber den ſogenannten Aas ruͤcken fuͤhrt, auf dem die Chauſ— ſee nach Gmuͤnd am Ende links abfuͤhrt; worauf ein Fuß⸗ weg rechts eingeſchlagen wird, der rechts und links eine ſchoͤne Ausſicht gewährt, auf dieſem geht man eine / Stunde fort, bis man an 2 Haͤuſer gelangt, wo ja nicht rechts abgegangen wird, ſondern gerade fort; bald beginnt man zu ſteigen, kommt durch einen ſchmalen Tannenwald, und uͤber die noch ſchma— lere Kante eines Erddamms, die mit Planken verſehen iſt, wo der Wandrer einen Augenblick bei der Ausſicht verweilend, gerne ruhen wird. Links erblickt er hier den Salvatorsberg von Gmuͤnd, rechts die untre Alb, hinter ſich den Hohenſtau— fen. Weiter gegangen, iſt man bald an den obern Fuß des Rechbergs gelangt, wo das Dorf, das Schloß, und die Wall— fahrtskirche, eins hinter dem andern gar maleriſch vorblicken. Bald wird der Fußpfad ſchmal und ſteil und die Reiſenden kommen zwiſchen den Doͤrfern Vorder-(Rechberg) Weiler und Hinter- (Rechberg) Weiler, durch einige Haͤuſer des erſteren zu— erſt nach der Burg Hohenrechberg 995 die um ein ziemliches tiefer als der Gipfel des Berges auf einem abgeſonderten Huͤgel ſteht, deſſen Mittelfelſen ſte, ernſt und alterthuͤmlich, und noch ganz erhalten, kroͤnt. Auf einer großen ſteinernen Bruͤcke, die uͤber das Thaͤlchen fuͤhrt, das die Burg von dem Gipfel des Rechbergs trennt, und unter deren Bogen ſich eine koͤſtliche, durch die Bruͤckeneinfaſſung einzige Ausſicht nach dem Hohenſtaufen und dem ganzen Suͤd— *) Aus Gottſchalks Ritterburgen ausgezogen, mit eigenen ‚Zu: 2 * 222 werten eröffnet, — gelangt man in den von Oekonomiegebaͤu— den umgebenen Vorhof des Schloßes. Eine Bruͤcke von Holz, die einen großen Graben bedeckt, verbindet es mit dem Berge und fuͤhrt zu einem zweiten Thor, unter welchen ſich ehemals wahrſcheinlich das Burgverließ mit einem Thurm befand. Ein drittes führt in ein enges Dreieck von Gebäus den; ein viertes zu dem innern Vorhof, auf mehreren Stufen zu einem tiefen Felſenbrunnen. Das eigentliche Schloß hat die Form eines Hufeiſens, das auf dem noͤrdlichen Fluͤgel durch ein zweites Gebaͤude ſortgeſetzt und geſchloſſen iſt. Das ganze zeugt von hohem Alterthum. Die erſte Etage des Wohngebaͤudes iſt von ſtarken Sandſteinquadern aufge- fuͤhrt, die am Berge ſelbſt gefunden werden; die zwei andern aus Gebaͤlk. Das ganze Schloß iſt durch Renovationen in baulichem Stande erhalten, die innere Einrichtung neuer. Seit dem Ausſterben der Hohenrechberg'ſchen Hauptlinie (1585) dient es nur zur Wohnung der herrfchaftlihen Beamten; feit geraumer Zeit wohnt nur ein Jäger da. Im zweiten Ge⸗ ſchoß iſt die Burgkapelle. Dahin und in den dritten Stock wo noch Herrſchaftszimmer und ein großer alter Saal find, kam man ehemals auf einer ſteinernen Wendeltreppe in eis nen hohen Thurm, den aber Chr. Hans von Rechberg (1651— 1676) abbrechen, und die Stufen in das Schloß Illereichen fuͤhren ließ. An ſeine Stelle kam eine gewoͤhnliche bedeckte Treppe. PVerfallener als das Schloß find feine Mauern und Thuͤr⸗ me. Die letztern ſtanden, wahrſcheinlich bewohnt, links der aͤußerſten Mauer, welche den tiefen Graben umgab, der koloſ— ſalſte iſt erſt vor ein paar Jahrzehnden als baufaͤllig, abgebro— chen worden. — Auch von Vorwerkern, Gewoͤlben und unter— irdiſchen Gaͤngen ſind Spuren an manchen Stellen des Berges vorhanden, der Berg ſelbſt iſt reich an petrefakten. Von der Geſchichte des Geſchlechtes und Schloſſes Hohenrechberg. Was von der Erbauung dieſer Burg in der erſten Haͤlfte des ten Jahrhunderts erzaͤhlt wird, iſt muͤßige Erfindung der Chronikenſchrelber. Zu jener Zeit, erzaͤhlen ſie, als das Chri— ſtenthum ſchon in den Waͤldern Alemanniens Wurzel zu ſchla— - 0 323 - gen anfing, wohnte auf der Teck noch ein mächtiger Heiden⸗ fürft, der alle verfolgte, die ſich zum Chriſtenthum von feinen Goͤtzen bekehrt hatten. Der bekehrte Herzog Rumelius von Alemannien ſammelte ſeine Edeln gegen ihn und lagerte ſich mit einem gewaltigen Heere am Fuße der Teck. Die Feinde ruͤckten einander entgegen, die Waffen der Chriſten ſtegten; 15000 erſchlagne Heiden bedeckten das Schlachtfeld. Unter den Gefangenen befanden ſich 4 Brüder, die einen rothen Loͤ⸗ wen zum Abzeichen hatten; dieſe ſchickte der Sleger in das Land zwiſchen der Rems und Fils, um ſich dort anzuſtedeln⸗ Sie ließen ſich taufen, erbauten hier die Burg Rechberg und wurden die Stammvaͤter des noch jetzo blühenden Geſchlechtes. So weit die Fabel. Ein Thal in der Nähe Hohenrechbergs fuͤhrt noch jetzt den Namen Chriſtenthal, und bis in die aͤlteſten Zeiten zuruͤck, haben ſich die Grafen von Rechberg ſtets vom rothen Loͤwen geſchrieben. Glaublichere Nachrichten vom Daſeyn des Geſchlechts ha— ben wir erſt feit dem ı2ten Jahrhundert. Bei einem großen Turnier, das Herzog Wolf von Baiern in der Stadt Zuͤrich im Jahr 1165 abhielt, erſcheint auch ein Ritter Conz von Rechberg. Zu derſelben Zeit lebte Ulrich von Rechberg, der Marſchall der ſchwaͤbiſch-ſtaufiſchen Herzogs- und Kaiſer— Familie (F 1202), ein andrer Ulrich von Rechberg, als Biſchof von Speyer (T 1195), und als Biſchof von Augsburg, Siegfried v. Rechb. (f 1227). Der letztere kam waͤhrend des Kreuzzuges im J. 1216 ſammt andern Heerfuͤhrern aus Deutſchland, um die halb ausgehungerten Belagerer von Da— miata zu unterſtuͤtzen, die ſich den Befehlen eines roͤmiſchen Pralaten entzogen, und unter der Anfuͤhrung der Deutſchen, Damiata in kurzem den Unglaͤubigen entriſſen. Nach dem Er— loͤſchen des ſtaufiſchen Hauſes, ſcheinen dieſe Edeln fi beſon— ders an das ſchnell aufbluͤhende Haus der Grafen von Wuͤr— temberg angeſchloſſen, und durch deſſen Freigebigkeit ihre Beſitzungen vermehrt zu haben. Eine eigne Linie der Rech- berge bluͤhte, in Faurndau. Die Kriegsthaten eines Hans von Rechberg ſchildert Johann von Muͤller in ſeiner Schweizergeſchichte. Derſelbe rieth Grafen Ulrich von Wuͤrtemberg vom Kriege mit dem boͤſen Pfaͤlzer Fritz ab; allein er verlor durch Hofintriguen die * = 224 Gunſt des Grafen; der Krieg brach aus, und Ulrich gerieth in die ſchmaͤhliche Gefangenſchaft auf Heidelberg. Erſt ſeit dem Jahr 1300 erſcheint die Burg Rechberg beſtimmt und als Beſitzthum des Geſchlechts, und zum erſten— male ſchreibt ſich Albrecht in einer Urkunde vom J. 1317 von Hohenrechberg. Der Name kommt vom Rehgebirge, deſſen Spitze es kroͤnt; und dieß iſt wohl nach den Rehen benannt, deren es in den Nadelhoͤlzern, mit welchen das Ge— birge ehemals bewachſen war, viele geben mochte. Die Fa= milie fuͤhrt auf dem Helm einen Rehbock, und im Schilde die alten 2 aufrecht ſtehenden und einander den Rüden kehrenden rothen Loͤwen. Das Jahr 1449 war ein hartes Jahr fuͤr die Burg. Da ward ſte im Staͤdtekrieg erſt von den Gmuͤndern und Hallern angegriffen, der Wald verbrannt, das Gebiet verheert. Aber der Rechberg, der in dem Schloß befehligte, that einen gluͤck⸗ lichen Ausfall und ſchlug die Staͤdter aufs Haupt. Noch im ſelben Jahre eroberten aber die Rothweiler das Schloß mit Sturm und toͤdteten die 19 Mann, die die Beſatzung bildeten. Religioͤſer und kirchlicher Freiſinn regte ſich in dem ſonſt acht katholiſchen Geſchlechte. Ums J. 1489 begab ſich folgende Geſchichte. N | 1 Wilhelm von Rechberg und der paͤpſtliche Legat. Des Rechbergs Ritter ſtreift im Wald, Sonſt faͤngt ein edles Wild er bald, Heut will's ihm nicht gelingen. Im Guͤrtel ſteckt der letzte Pfeil, Er zieht nach Haus, er hat nicht Eil, Er läßt kein Huͤfthorn klingen. Vor ſeines Baierherzogs Schloß Steigt er am Abend ſpaͤt vom Roß, Und wandelt durch die Hallen, Da kommt ein fremder, welſcher Mann Mit Haſt und ſchwerem Athem an, Der will ihm nicht gefallen. Er hat ihm Augen, wie ein Luchs, Geſchmeid'gen Ruͤcken, wie ein Fuchs, 225 Und rechte Geiersklauen, Hat einen Bauch, wie ein Praͤlat, Und einen Gang, wie ein Legat, Demuͤthig ſtolz zu ſchauen. & Der ſchnarrt ihn an mit welſchem Ton: „Wo iſt dein Herzog, lieber Sohn? Dir bring' ich Gottes Seegen! Doch deinem Herrn den ſtrengen Spruch Des Kirchenhauptes, und den Fluch, Wenn er ſich ſetzt entgegen.“ Er wirft das Haupt frech in's Genick, Mit Siegel und mit Seidenſtrick Zeigt er des Papſtes Schreiben. Dem jungen Deutſchen wallt das Blut, Er iſt dem Herzog treu und gut, ur: Kann nicht gelaffen bleiben. Entriſſen hat er ſchnell den Brief, Ballt ihn zuſammen, ſtoͤßt ihn tief Dem Welſchen in die Kehle: „Den Geifer, den dein Herr geſpien, Verſchlucke, ſprach er, ſelber ihn, Er freſſe deine Seele!“ Es ward der Pfaffe blau und roth, Ihm will das ſeltne Abendbrod, Das trockne, nicht behagen. N Er würgt und athmet hoch empor, Es klafft der Mund ihm wie ein Thor, Er kann es nicht vertragen. Da denkt der Deutſche ſeiner Jagd; 8 Diana, ruft er, keuſche Magd, Du haſt dieß Wild beſcheeret! Doch mundet ihm das Futter nicht, Drum ſey zum leckeren Gericht Der Loͤffel ihm verehret! Den Pfeil er ſtracks vom Bogen ſchießt, Den Brief er ſammt dem Pfaffen ſpießt, G. Schwab, ſchwäb. Alb. 15 226 Der fahrt den Hals hinunter. „Jetzt hab' ich erſt gejaget recht, Jetzt ſattle mir das Roß, mein Knecht, Jetzt bin ich wieder munter!“ 5 Die Heldenthat bekam dem Ritter ſchlecht; er ward dar— uͤber in den Bann gethan, und der rechtglaͤubige Herzog Georg von Baiern wollte mit ihm nichts zu thun haben. Des trefflichen Philipps von Rechberg, zu den Zel- ten der beginnenden Reformation, wuͤrtembergiſchen Obervogts zu Goͤppingen, und ſeines edeln Schutzes, den er dem vom Religionsfanatismus verfolgten Martin Cleß angedeihen ließ, iſt bei Goͤppingen gedacht worden. Derſelbe iſt es, der unter fo vielen Adelichen, auf die Herzog Ulrich ehemals Ber: trauen geſetzt hatte, ihm beinahe allein treu blieb, und ihn in ſeinem Ungluͤck troͤſtete. Auch zu Ende des ſechzehnten Jahrhunderts lebte ein edler Utz von Rechberg auf dem Schloß, welcher ein eifri⸗ ger Lutheraner war. Er kaufte Luthers Poſtille und andere Buͤcher, woraus er alle Sonntage ſeinem ganzen Hauſe die Predigten ſelbſt vorlas, und zuvor und hernach Pfalmen fang. „Solches wird man an wenigen Orten antreffen,“ ſagt Cruſtus. Ein andrer Utz von Rechberg, der zu Herzog Chri⸗ ſtophs Zeiten auf dem Schloſſe hauſ'te, ein hitziger Juͤngling, brachte einen wuͤrtembergiſchen Bedienten um. Es zog daher auf Befehl Herzog Chriſtophs die junge Mannſchaft aus dem Amte Schorndorf mit etlichen Stuͤcken dahin, und ſchlug ihr Lager auf dem Gipfel des Berges, bei der Wallfahrtskirche auf. Utz entfloh zum Burgfrieden. Aber eine adeliche Frau (ſo ſpricht Cruſtus geheimnißvoll), fuͤhrte ihren Sohn an der einen Hand, und trug mit der andern die Schluͤſſel des Schlofe ſes, die bot fie dar, und bat demuͤthig mit Thraͤnen um Frie- den. Eine nicht geringe Genugthuung erfolgte. Die Unmaͤ— ßigkeit hat nachher den Juͤngling vor der Zeit weggerafft. Im letzten Jahre des 50jaͤhrigen Krieges litt das Schloß gewaltig, indem es (im J. 1648) von der franzoͤſiſchen Beſatzung zu Schorndorf mit Liſt eingenommen ward. Doch ſteht es feſt und wuͤrdig von Geſtalt bis auf dieſen Tag, wie ſein Geſchlecht noch bluͤht, das in den neueſten Zei— + 227 ten in den Grafenſtand erhoben, feinen Ruhm auf dem Schlachte feld wie im Kabinette behauptet hat. Ehe wir das Schloß Hohenrechberg verlaſſen, muͤſſen wir auch der Geiſter erwaͤhnen, die nach der Volksſage hier hauſen. 5 Der erſte, der Rechbergiſche Klopferle, ſoll ſich bei dem Tode jedes Familienglieds mit feinem Pochen hoͤren laſ— ſen, ſobald der Kranke rettungslos iſt, bis zur Todesſtunde. Als Urſprung der Sage erzählt ein alter Aufſatz im Rechber— giſchen Familienarchive folgende Geſchichte von Ulrich II. von Rechberg und ſeiner Gemahlin, Anna von Venningen, vom Jahr 1496. Der Klopfer auf Hohenrechberg. Romanze. | „Was hilft es mir, zu ſchauen In's weite Land hinaus? Daß ſie mir ließen bauen Auf hohen Berg mein Haus? Wenn ich doch nicht erkunde Den trauten Ehgemahl! Ich ſpaͤh zu jeder Stunde Umſonſt durch Berg und Thal. Er hat mich hold umfangen, Er kuͤßte mir den Mund, Iſt auf die Fahrt gegangen Mit ſeinem treuen Hund. Das Thier thaͤt er mir ſchicken, Ei, wie es froͤhlich lief! Es hieng ihm von dem Ruͤcken Die Taſche mit dem Brief. Ach, wie ſeit vielen Tagen Harr' ich vergeblich ſein! Ach weh mir, muß ich klagen Den guten Boten mein? Mein Herr hat ihn geſendet, Gewiß er ſandt' ihn ab! Hat er die Treu gewendet? Treu bleibt er bis in's Grab!“ 15 * Sie mag nicht ſchaun die Helle Des Himmels in dem Saal, In dunkler Burgkapelle Sucht ſie der Hoffnung Strahl, Da betet fie fo bruͤnſtig, Hat Eine Bitte nur: „O Heil'ge, ſeyd mir günftig, Zeigt ſeinem Thier die Spur!“ Wer hindert an dem Beten Mit lautem Pochen ſie, Wer wagt's hereinzutreten? Die Frau ſank ſtill in's Knie! „Wer iſt es, der mich ſtoͤret Aus meiner frommen Ruh?“ Die Herrin ſpricht's empoͤret; „O klopfteſt ewig du!? Sie tritt erzürnt zur Schwellen Und oͤffnet ihm das Thor; Da ſteht mit dumpfem Bellen Der treue Hund davor. Er ſchmeichelt ihr ſo bange, Und winſelt und wird ſtumm; Sie ſchaut, ſie ſtarret lange, Doch haͤngt kein Brief ihm um. Sie geht mit ſchwankem Tritte, Verhuͤllt ihr Angeſicht: „Erhoͤrt iſt meine Bitte, Die rechte that ich nicht!“ Sie ſitzt im Trauerkleide, Die Todtenglocke ſingt, Sie harrt im tiefen Leide, Bis man die Leiche bringt. Und als nach kurzen Wochen Sie ward zum Tode krank, Da hdret fie ein Pochen, Bis daß ihr Auge ſank. 229 Erfüllt ift, was im herben Erkrankten Sinn ſie bat: Will wo ein Rechberg ſterben? Der ew'ge Klopfer naht. Wirklich ſcheint Ulrich nicht auf Hohenrechberg geendet zu haben; denn am loten Sept. 1496 lud feine Frau den Ulmer Magiſtrat erſt auf den 26ſten zum Leichenbegaͤngneß nach Donz— dorf. Der Hund mit der ledernen Brieftaſche am Halsbande, war vormals in einem Zimmer des Rechbergiſchen Schloſſes Weiſſenſtein abgebildet zu ſehen. Das andre Gefpenft iſt | Der Staufergeiſt, ein Licht, das bei Sturm und Regen, beſonders zur Herbſt— zeit, oft in entgegengeſetzter Richtung von Hohenſtaufen bis nach Hohenrechberg wandelt. Nach dem Laͤuten der Betglocke, fieht man ihn, nach dem Ausdruck der dortigen Landleute, am Ho— henſtaufen liegen, und ein Feuer verbreiten, gleich einem an— gezuͤndeten Backofen. Ploͤtzlich erhebt ſich der Geiſt, nimmt ſeinen Weg auf dem ſchmalen Erdruͤcken, welcher Hohenſtau— fen und Hohenrechberg verbindet, bald langſam, bald ſchnell über die Tannenbaͤume, geht links an der Burg vorbei, bis an einer Stelle unter der Kirche auf dem Berge, von da kehrt er auf demſelben Wege zuruͤck, und bleibt nach der Meinung des Landmanns bis zur Morgenglocke am Hohenſtaufen liegen, wo er ſodann wieder verſchwindet. Schon Cruſtus kannte beide Sagen, wenn er ſchreibt: „Von dem Schloß Rechberg gehet die Rede, daß, wenn ein Donnerwetter ſey, und drei kleine blaue Lichtlein allda geſehen werden, fo habe man ſich vor der Gefahr des Don— ners nicht zu fuͤrchten. Es ſterbe auch jemand von dem Rech— bergiſchen Stamme, er moͤge gegenwaͤrtig oder abweſend ſeyn, ſo oft ein Geiſt poche, oder mit irgend Etwas ein Getön mache.“ Wir verlaſſen nun das Schloß Hohenrechberg, bei dem ſo mannigfaltiger Stoff uns lange feſtgehalten, und ſteigen hinauf zum Gipfel des Rechbergs. (¼½ St.) N (Edhe 2556 W. F.) 5 Ihn kroͤnt eine weithin ſichtbare, ſchmucke und moderne ka— tholiſche Kirche, mit einer ſehr freguenten Wallfahrt „zur N 230 ſchoͤnen Marta von Rechberg,“ deren ſchon Cruſius ge⸗ denkt. „Nach jeder Krankheit, ſagt er, bringt der Menſch, wenn er geſund wird, ein Opfer laut ſeines Geluͤbdes. Als, wenn er von dem Schmerzen ſeines Fußes befreit wird, haͤngt er einen waͤchſernen Fuß daſelbſt auf. Man haͤngt auch der Maria viel Sachen um den Hals, bisweilen laͤcherliche und ungereimte Dinge, welche zu nennen die Schamhaftigkeit ver— beut. Zu ſolcher Zeit find viel Laͤden und Stände der Kraͤ⸗ mer und Handelsleute da.“ — Hinter der Kirche ſteht das Pfarrhaus, wo unſre Wan⸗ drer von einem freundlichen, in hohem Grade gefaͤlligen und der Gegend ſehr kundigen Geiſtlichen wohl aufgenommen, und auf Verlangen mit gutem Weiſſenſteiner Bier erquickt wer⸗ den. Sie finden hier eine Karte und einen Tubus. Der Berg hat noch genug Fläche, um die vortreffliche Ausſicht vom Rechberg nach allen Seiten hin ungehemmt genießen zu koͤnnen. Sie iſt im Ganzen faſt dieſelbe wie auf dem Hohenſtaufen, wie es ſich bei der ſehr nachbarlichen Lage und fait gleichen Hoͤhe nicht anders erwarten laͤßt. Das Eigenthuͤmliche der⸗ ſelben iſt gegen Weſten der Niederblick auf Hohenrech— berg und der Hinblick auf den nur wenig niederer liegenden ſchlanken Hohenſtaufen mit ſeinem Dorf, hinter dem ſich die große Flaͤche des tieferen Landes, unendlicher durch die ſen Vordergrund erſcheinend, fortſetzt. Eben fo gewinnt die Aus⸗ ſicht gegen Nordoſten durch die vorgeſchobne Wallfahrtskirche, auf der ſich das Auge auflegt, neuen Reitz. Die groͤßte Zierde des Panorama's aber iſt, wenn der eigenthuͤmliche Charakter des Wetters ihren Anblick beguͤnſtigt, die herrliche Kette der Vorarlberger Alpen, die im oͤſtlichen Hintergrunde über einem Theile unſrer untern Alb, den Horizont vom Meſ— ſelberg bis gegen Ueberkingen einnimmt, dem bloßen Auge ſichtbar ift, und ſchon mit des Pfarrers kleinem Fern— rohr in ihre Zacken und Schluchten und Thaleinſchnitte ver— folgt werden kann. Ohne Zweifel muß dieſelbe Kette auch auf dem Staufen geſehen werden, doch wird man ſte am eheſten hier unter der Anleitung des freundlichen Bergbe⸗ 231 wohners entdecken, wenn fie überhaupt ſichtbar iſt: denn der Wegweiſer geſteht, daß er viermal auf dem Gipfel des Stau: fen und dreimal auf dem des Rechbergs geſtanden, und nur Einmal ſo gluͤcklich geweſen, dieſe fernen Berge, aber auch in voller Pracht zu ſehen. Nur auf Einem andern Punkte der Alb iſt er auch ſo gluͤcklich geweſen. Am eheſten darf man ſich vor Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang Hoffnung dazu machen. Ein dankenswerthes Panorama der Ausſicht vom Rechberg iſt von Sebald Baumeiſter in Gmuͤnd erſchienen. Der⸗ ſelbe verſpricht uns aͤhnliche Ausſichten von andern hohen Punkten zu liefern. — Da der Rechberg kein bloßer Stand— punkt fuͤr eine Ausſicht iſt, ſondern als Ruhepunkt und Her— berge betrachtet werden muß, ſo wird fuͤr den Aufenthalt auf demſelben zum wenigſten eine Stunde beſtimmt werden muͤſſen; dannmachen ſich unſre Reiſen den auf den Weg nach dem Roſenſtein. Vom Gipfel des Rechbergs fuͤhrt der Weg zuerſt nach Hinter⸗(Rechberg) Weiler („St.), das noch hoch auf dem oͤſtlichen Abhange des Berges liegt, von da nordoͤſtlich zur Tiefe hinab durch den Wald nach Waldſtetten St., dann in der fruchtbaren Ebene fort bis nach Bargau (2 St.). Den et- was einfoͤrmigen Weg verkuͤrzt der ſchoͤne Anblick der Al b und des Albuchs (vielliecht Alb- Bugs, Alb-Beugung), wie ihre Fortſetzung heißt. Jene endet mit dem ſchoͤnen, hohen Ruͤcken des Bernhardusberges, der ihre Schlußſaͤule bil— det, und fuͤr den Wandrer, der laͤnger in dieſen Gegenden verweilt, zunaͤchſt auch beſteigenswerth iſt. In dem Keſſel, deſ⸗ ſen Hintergrund er vorſtellt, liegt in Obſt und Matten, faſt wieder an die lieblichen Thaͤler der Mittelalb mahnend, das Doͤrfchen Weiler in den Bergen. Von hier an zieht ſich der Albuch hinunter, aus welchem im Vorder-Grund der Roſen— ſtein mit ſeinen wenigen aber ſchoͤnen Truͤmmern uͤberraſchend hervorſpringt. Wem der naͤchſte Weg von Waldftetten nach Bar gau zu einfoͤrmig iſt, der gehe über Unter: und Ober⸗Bettringen. Von Barg au weiter in der Ebene nach Buch (/ Gtunde), von da an den ſuͤdweſtlichen Fuß des Ro- ſenſteins zum Staͤdtchen Heubach, das in Obſt gehuͤllt, recht einladend ſich an ein Bergthal ſchmiegt (/ St.). 232 H eubach (1042 Einw.) eln armſeliges Bauernſtaͤdtchen, eine Meile oberhalb Gmuͤnd, eine Stun de vom Rems fluß, eine Meile vom Koch er fluß gelegen; ſchon im J. 1560 den Grafen von Wuͤrttemberg zu— gehoͤrig, ohne daß man ſagen kann, wie ſte ſolches bekommen. Wirthshaus zum Roͤßle. Von dieſem Staͤdtchen erzaͤhlen die Chroniken, daß es vor alten Zeiten hoch oben auf dem benachbarten Bergrüden, dem Hohenberge geſtanden, der dem Roſenſtein gegenüber die an— dre Seite des Heubacherthales bildet. Damals hieß es nicht Heubach, ſondern Hochſtatt und ſtand ſchon, als Gmuͤnd nur ein Zollhaus, Stuttgart nur eine Stuttenhuͤtte, Ulm nur ein Dorf war. Mauren, Graͤben, Kammern und Keller waren zu Cruſtus Zeiten noch ſichtbar, aber alles mit der Waldung, die den ganzen Berg bedeckt, uͤberwachſen; die Leute der ſpaͤ— tern Zeit aber waren der Arbeit uͤberdruͤßig, daß ſie Fruͤchte und alles Andre auf einen fo hohen Berg tragen mußten, und fien⸗ gen deßwegen an, am Fuße des Berges ſich Huͤtten zu bauen. So verſchwand allmaͤhlig Hochſtatt, und Heubach kam an ſeine Stelle. Aber auch dieſes ward mit der Zeit immer kleiner. So wenig Unmoͤgliches dieſe Erzaͤhlung hat, fo iſt man doch verſucht, ſie fuͤr mythiſch zu halten, da dieſelbe Sage bei ſo manchen Staͤdtchen, namentlich bei Rothenburg am Neckar, und bei Waiblingen wlederkehrt. Heubach bietet keine ganz üble Herberge, auch zur Mit⸗ tagsruhe. Den Nachmittag oder Abend verwendet der Wan⸗ drer, um den letzten Gipfel der ganzen Albreife, den Ro- ſenſtein zu beſteigen, der ins fruchtbare Remsthal hervorſprin⸗ gend, die Reihe der ſchoͤnen Höhen würdig beſchließt, und oh- ne allen Zweifel einer der herrlichſten Berge des Gebir— ges iſt. Der Rofenftein mit feinen Truͤmmern ?). Im Suͤden mit der Gebirgskette des Al buchs verbun⸗ 1 Aus den Mittheilungen meines Freundes, Herrn Pfarrers M. Dillenius in Oberbebingen am Fuße des Roſenſteins, in deſſen Geſellſchaft ich den Berg 2 mal beſtiegen, und der dies ſelben noch ausführlicher den Ritterburgen von Gottſchalt einverleiben wird. ww 233 den zieht der Berg dem Remsthale folgend, von Oft nach Suͤdweſt, am Fuß 1 Stunde, auf dem Ruͤcken % St. lang. Aus dem ſaftigen Grün eines Laubwaldes ſchimmern feine ſchroffen, an manchen Orten uͤber 100 Fuß hohen Felswaͤnde. Auf der ſuͤdweſtlichen Spitze des Berges, auf dem Rand eines durch Natur und Kunſt iſolirten Felſen von 100 Fuß Höhe, find die Ruinen eines Schloſſes der Ritter von Ro- ſenſtein. Ein ſchroffer Felſengraben ſcheidet die Burg ge— gen Norden und Nordoſt vom Berge, gegen Oſten iſt die Kunſt der Natur entgegengekommen und hat den Fels mit Mauren befeftigt. Auch in feinen Umgebungen war alles zur Befeſti— gung des ſchon an ſich faſt unbezwinglichen Schloſſes gethan. Der alte Martin Cruſius ſchreibt am Schluſſe des 16. Jahrh. (etwa im J. 1595.) von demſelben alſo: „das ſehr alte Roſenſteiniſche Schloͤßlein liegt abgeſondert, wie der Lich— tenſtein. Zu unſrer Großaͤltern Gedenken hat allda nur ein Caſtellan gelebt, und iſt da eine große Viehheerde gehalten worden. Einmal, als dieſe eben uͤber die Bruͤcke gegangen war, fiel dieſe ein, und die Leute haben ſich allmaͤhlig nach Heubach begeben. In dem Berge waren unterirdiſche Gaͤnge, zu deren Eingang man hoch ſteigen mußte. Auf der andern Seite war ein Vorhaus an dem Schloͤßchen, ſo groß als die— ſes. Das ganze Schloß hatte nicht weniger Weite als das Schloß zu Tuͤbingen ohne die Graͤben.“ Jetzt trifft der Wandrer nur wenige Ueberreſte von dieſer Felſenburg an. 5 Auf dem aͤuſſerſten. Rande des Berges gegen Weſten ſteht noch eine 16 Fuß hohe 6 — 7 Fuß dicke Mauer aus Quadern. Vier hohe Fenſteroͤffnungen gewaͤhren einen herr— lichen Blick in die Tiefe und uͤber die weite Landſchaft hin, beſonders gegen Nordweſten. — Auch im Rechtwinkel gegen Norden, wo fi ruͤckwaͤrts der Ueberreſt eines Thurmes zeigt, und gegen Süden, ſteht noch etwas von der Mauer. Wohl uͤber 150 Fuß ruͤckwaͤrts gegen Suͤdoſten ſteht noch eine ziem— lich lange zum Theil 20 — 30 Fuß hohe, mit Epheu bewachſe— ne Mauer auch an einem ziemlich ſteilen Abhang. Vielleicht war hier das Vorhang, von dem Cruſius redet, vielleicht der Garten, von dem eine alte Urkunde redet. Von dieſer Seite ſteigt man jetzt nicht ohne Beſchwerlichkeit in den vor= maligen Garten und Schloßraum hinauf, der voll Schutt und 234 Geſtraͤuch iſt. — Jenſeits des obgedachten Felſeugrabens, der die Burg gegen Norden und Nordoſt umzieht, iſt ein zweiter, von drei Seiten freier Fels von 96 Fuß Hoͤhe, der Laͤ r⸗ menfels noch heute genannt, (ein modernerer Name heißt ihn den Allarmplatz), wahrſcheinlich vor Zeiten mit einer Warte verſehen. Dieß iſt der ſchoͤnſte Punkt fuͤr die Ausſicht, beſonders gegen Oſten und Nordoſt. Auch hier zeigen ſich ge— gen Weſten Spuren eines zweiten Grabens, der dieſen Fels ebenfalls vom ruͤckwaͤrts liegenden Berge trennte. Von hier aus mochte eine Zugbruͤcke über den Graben ins Schloß füh- ren. So weit die Felſenwaͤnde von dieſem Graben aus auf bei: den Seiten ruͤckwaͤrts gegen Weſten laufen — jetzt iſt es wal— dige Wieſe voll wohlriechender Kraͤuter und uͤppiger Waldblu⸗ men, — war Alles zum Burgraum gezogen, und ein dritter von Norden gegen Süden laufender Graben ſchloß das Ganze, als unbezwingliche Veſte, von dem immer hoͤher ſteigenden Berge ab. — Tief unter dem Fuße des Schloßfelſen gegen Suͤden qnillt noch eine lautre, nie verſtegende Quelle, noch heut zu Tage der Schloßbrunnen genannt, die nach glaubwuͤrdiger Sage oben nur verſchuͤttet und verdraͤngt ward, und fo einſt dem Schloffe ſein Waſſer ſichern mochte. Eine andre Sage affickert den Wandrer, der auf dem Burgraum ſtehend, nach dem ſtolzgeformten Hohberg, dem hoͤchſten Berge des Aalbuchs, hinuͤberſchaut ganz Wunder: lich, und macht ihn uͤber die ſeltſame Phantaſie des Volkes la- chen: — Denn der Fuͤhrer erzaͤhlt ihm ganz ernſthaft, daß von jenem Berge heruͤber nach der Burg (wohl eine halbe Stunde durch die freie Luft) in grauen Zeiten — eine le⸗ derne Brücke geführt habe. Daß man ſich dabei ja nicht in hiſtoriſche Deutungen verliere, davor warut die Wiederkehr derſelben Sage an ganz verſchiednen Orten, wie z. B. im Neid⸗ linger Thal; ja ſogar in der ſaͤchſiſchen Schweiz, bei den Vorſpruͤngen der Baſtey und des Lilienſteins. Ehe wir dieſe Vorderſeite des Roſenſteins verlaſſen, muͤſ— ſen wir noch einer beruͤhmten Legende gedenken, die ſich an die Zinne eines Felſen auf des Berges ſuͤdweſtlicher Spitze knuͤpft. Schon Cruſtus erzaͤhlt: „da ſtehet man an dem Felſen die Figur eines rechten Fußes, als ob ſie kuͤnſtlich hin⸗ 235 eingedruͤckt wäre. An dem andern Berge, der Igegenüberliegt und der Scheuelberg genannt wird, fieht man die Fußſtap⸗ fen des linken Fußes, der eben fo ſchoͤn iſt. Davon die alten Weiber dieſe Fabel erzählen: Chriſtus, welcher wegen der Ju— den dahin geflohen ſey, habe dieſe Fußſtapfen hineingedruͤckt. Daher nehmen ſte des Waſſers daſelbſt, und meinen aberglaͤu⸗ biſch, es ſey gut fuͤr die Augen.“ a Fuͤr einen habſichtigen Raubritter mochte allerdings der Anblick der Burgen Teck, Neufen, Rechberg und Hohenſtaufen, und hinterwaͤrts der fetten Probftei Ellwangen viel Verſu chen ⸗ des gehabt haben, und das gute Volk der Umgegend mochte wohl denken, daß der Satan dem Herrn alle Reiche der Welt nirgends beſſer zeigen konnte, als auf ſeinem Roſenſtein, der, wie unſer ganzes deutſches Land, zu Chriſti Zeiten wenig Vers leitendes dargeboten haben mag. Nachdem der Herr, faͤhrt übrigens die Sage fort, den Satan überwunden und in die be⸗ nachbarte „Teufelsklinge“ geſtuͤrtzt, ſey er hoch uͤber das Thal von Heubach hinweg auf den gegenuͤberliegenden Scheu— elberg geſchritten, und zum Andenken an dieſe Geſchichte habe ſich ſein Fuß im dieß- und jenſeitigen Felſen abgedruckt. „Herrgottstritte“ hieß das Bolk dieſe koloſſalen Fußtritte. Bei dem auf dem Roſenſtein ward mit der Zeit ein Marien- bild errichtet und ſchaarenweiſe zu ihm gewallfahrtet. Allein im J. 1579 fiel der Wallfahrtsplatz dem proteſtantiſchen Wuͤr⸗ temberg zu, und im J. 1657 verbot endlich eine evangel. Sy⸗ node dieſe Wallfahrt. Jedoch mit der rigoroſen Vollziehung des Befehls ward noch 85 Jahre zugewartet. Erſt als uͤber der Spitze dieſes Herrgottstritts einſt eine morgendliche beleuch⸗ tete Nebelſaͤule die Sage von einem leibhaften Beſuche der Mutter Gottes auf dem Kampfplatz ihres Sohnes, und damit eine Wallfahrt mit vielen Unordnungen veranlaßte, erließ der Herzogl. Adminiſtrator Friederich Carl im J. 1740 durch ſeine fuͤrſtliche Canzley einen ernſtlichen Befehl, in dem es unter andrem heißt: „ und wollen zugleich dir, dem Vogten “) gnaͤdigſt und gemeſſenſt befohlen haben, DAB Her der Platz quaestionis in der Stille unterminieret, und mit unterlegtem Pulver in die Luft geſprenget, ſofort aber der Platz und das Loch mit ) Piſtorius, zu Heubach. 7 256 Stein gerlegelt, tief verſchuͤttet, auch was dieſes fuͤt einen Effekt bei der fuperftitiofen Nachbarſchaft gehabt, wohl attendf- ret, ... . nicht minder das gipferne Martenbildlein zur fuͤrſtl. Canzlei unterthgſt. eingeſchickt werden ſoll.“ Dieß ge⸗ ſchah den 14. Jun. 1740, und vom 16. meldet der Vogt dem Dekanatamt Heidenheim: „daß der aberglaͤubiſche Tritt, ſo ohnehin nichts anderſt, als ein von Aelte der Zeit und dem Regenwaſſer successive und durch puren Hazard formiertes Loch, Schrunze oder Riß geweſen, mit einem guten Partikel des Felſen in die Luft geſprengt worden.“ Die Zeit hat auch die Spuren hievon verwiſcht. Der Fußtritt des Scheuelbergs ſoll nur ausgehauen und noch lange auf dem Heubacher Rathhaus aufbewahrt worden ſeyn. 5 Bevor unſre Reiſenden den Vorſprung verlaſſen und ſich zu den übrigen Naturwundern dieſes herrlichen Berges wenden, mögen fie in dem Schatten der Ruinen und des ſich durchſchlingelnden Waldes auch noch k Geſchichtliches von der Burg leſen; fo wenig Ausbeute dieß auch gewährt. Leider ſchweigt die Geſchichte über die Entſtehung der Burg ganz, die ſehr glaubliche Ueberlieferung macht fie zu einer bloßen Raubrit⸗ terveſte und nur von ihrem Fall haben ſich zweierlei Sagen erhalten. Nach der einen ſoll der Kriegshauptmann einer kaiſerli⸗ chen Truppe, die zu Vertilgung des Raubneſtes unter Rudolph J. (vielleicht im J. 1290, wo mehr als zo ſolcher Burgen zer: ſtört wurden) ausgeſandt war, auf der Jagd in den Forſten um die Burg einen Liebeshandel mit einem Fraͤulein vom Schloſſe angeſponnen haben, und von dieſer heimlich (ja ſogar durch das heimliche Gemach, ſpricht das um die romantiſche Wendung der Sage wenig bekuͤmmerte Volk) in die Burg aufs genommen worden ſeyn, wo er dann zum Danke ſeinen Brü- dern die Thore geoͤffnet habe, und worauf die Burg zerſtoͤrt worden ſey. f . Die andre Sage ſetzt die Zerſtoͤrung in Verbindung mit der Beißwanger Capelle, die der Wandrer eine Stunde von Heubach freundlich aus der Ebne winken ſteht. Schade, daß dieſe Capelle erſt am Ende des 15. Jahrhunderts, als Roſenſtein laͤngſt Ruine war, erbaut worden iſt! 237 Die Beißwanger Capelle. Legende. Die Ritter von dem Roſenſtein, Sie ritten aus beim Sonnenſchein, Sie ritten aus mit ihren Knappen, Wenn mit den düftern Nebelkappen Die Berge regendurſtig nickten, Und in die Ebne finſter blickten, Ja, wenn das Wetter blitzt und kracht, Sie ritten aus in ſchwarzer Nacht; Denn immer war der Fang gelungen, Wenn durch die ſtille Niederungen, Ein Wandersmann, ein Kaufherr zog, Und ſichre Fahrt die Straße log. Jetzt zogen ſie an einem Morgen, Koch war die Welt in Schlaf ee Von ihrem hohen Felſen aus, Zur Ebne nach dem Gotteshaus. Das hob ſich aus den gruͤnen Matten In feiner Linden kühlem Schatten, Als fuͤrchtet' es, umrankt mit Laub, Von keiner Seite Hohn und Raub. Es hiengen an den ſchmucken Waͤnden, Geſtiftet rings von frommen Haͤnden, N Die Weihgeſchenke ſilbern, golden; Marien dargebracht, der holden; Dem Glaͤubigen zur Augenwaide, Dem Raͤuber zur geheimen Freude. Dahin lenkt ſich der Ritter Zug, So raſch gieng nie der Pferde Flug; Der Boden iſt ſo feſt und trocken, Die goldnen Sonnenſtrahlen locken, Und hoͤhnend ſpricht die freche Schaar: Wie iſt der Himmel hell und klar, Unendlich wolkenlos und blau! Maria winkt, die ſchoͤne Frau, Dort aus der Fenſter Glanz verſtohlen, Die Gaben ihrer Gunſt zu hohlen. Ein einzig Silberwoͤlklein helle 2 338 | x Schwebt laͤchelnd über der Capelle! Die Reiter fluͤgeln ihren Lauf; Die kleine Wolke ſteiget auf — Erſt duftig in dem Sonnenlichte, f Drauf, ſich entfaltend, Schicht' auf Schichte: Sie traben an von Glut ermattet, Da fuͤhlen ſie ſich jaͤh beſchattet! Die Sonn’ iſt hin, die Wolke grau - Lauft uͤber in des Himmels Blau. — - „Was iſt's? noch ſchreckt' uns nie ein Regen! Dort winkt uns die Capell' entgegen!“ Sie fprengen ruͤſtig an zum Ziele; Herab vom Roß, hin gehts zur Diele, Sie treten zu den Hallen ein, \ Des Silbers winkt, des Goldes Schein, Die Jungfrau ſehn ſie in der feuchten Geſteine Glanz entgegenleuchten: Ausſtrecken ſie die freche Hand — Da zuͤckt es durch die Deckenwand, Ein einz'ger Blitzſtrahl faͤhrt hernieder; Die gold'gen Waͤnde leuchten wieder, Die ganze Wolke rauſcht herein, Ein Regenguß, durch Wand und Stein; Er ſchwemmt der wilden Raͤuber Leichen, Begleitet von des Donners Streichen Fort aus dem Heiligthum mit Macht. Da leuchtet neu der Sonne Pracht, Da lacht das Feld verklaͤrt, erneuet, Die ganze Schoͤpfung ſteht erfreuet, Es woͤlbt ein ſeel'ges Himmelblau Sich uͤber dem geſchirmten Bau. Derſelbe Blitzſtrahl fol nun nach der Sage auch die Burg Roſenſtein zerſtoͤrt haben. Nach Zerſtoͤrung der Burg, erzaͤhlt die Tradition weiter, habe ſich die Familie von Roſenſtein nach Schweden ge— fluͤchtet, und dort ſollen ſich noch jetzt Abkoͤmmlinge derſelben vorfinden. Uebrigens erſcheinen auch bei uns nach der Zerſtoͤ— rung uoch Edelleute dieſes Namens. Ein Haug von Roſen— ſtein verkaufte das Schloß Roͤthenberg im J. 1338 an 239 den Schenken Albrecht von Limburg, ein Georg von No fenftein erſcheint bei dem Turnier zu Stuttgart im J. 1484. Mit dieſem aber erliſcht der Name ganz in der Geſchichte. Er ſelbſt muß ein Vertriebener geweſen ſeyn, denn die Burg gehoͤrte damals ſchon erweislich denen von Woͤllwarth. Wer fie unmittelbar nach jener Zerſtoͤrung beſeſſen, wer wieder aufgebaut, iſt ungewiß; Cruſius laͤßt ſie dem Edeln von Rechberg einmal gehoͤrt haben. Urkundlich aber iſt, daß fie ſchon im naten Jahrh. ein Weſtzthun der Grafen von Oettingen war und von ihnen im J. 1560 mit Lauterburg, Heubach und Aalen an die Krone Böhmen verkauft ward. Un— ter Carl IV. wurde es mit denſelben Orten durch Tauſch dem deutſchen Reich einverleibt. Im J. 1377 verpfaͤndet fie der Kaiſer an den Grafen Eberhard den Greiner von Wuͤrtemberg; dieſer (vor 1431) an die Familie von Woͤllwarth. Im J. 1431 löste fie Conrad von Frauenberg von den Woͤll⸗ warths zu lebenslaͤnglicher Nuznießung ein; 22 Jahre ſpaͤter wird fie zum zweitenmal woͤllwarthiſch (im Jahr 1455), aber bald wieder von Wuͤrtemberg eingeloͤst. Zum drittenmal ver— pfaͤndet es Graf Eberhard der jüngere an die v. Woͤll w arth im J. 1480. Die zweite Zerſtoͤrung der Veſte moͤchte in den Bauern— krieg fallen, wenn fie nicht (wie Erufius obige Angabe vermus then laͤßt) nur durch die Laͤnge der Zeit und den haͤufigen Wechſel der Herren baufaͤllig geworden. Wenigſtens verließ um dieſe Zeit Joͤrg von Woͤllwarth das Schloß, und ver⸗ tauſchte es mit einem neuerbauten oberhalb Heubach, das noch ſteht und die Jahrszahl 1524 nebſt dem woͤllwarthiſchen Wuppen uͤber dem Eingange traͤgt. Das Schloß Roſenſtein laͤßt indeſſen die Sage der Gegend noch bis gegen das Ende des ırten Jahrh., nur nicht mehr, von Adeligen bewohnt ſeyn. Schon Herzog Chriſtoph naͤmlich drohte den Brüdern Baſtian und Joͤrg Renwart von Woͤllwarth mit der Pfandſchaftsloͤſung (1565), und noͤ⸗ thigte fie, wuͤrtemb. Oberhoheit anzuerkennen und einen Amt— mann von Wuͤrtemberg in Heubach e ehen Sein Sohn Ludwig löste die Pfandſchaft wirklich (4579). Nur das Schloß im Staͤdtchen Heubach behielten ſich die Woöllwarth als Eigen⸗ thum vor. Nach und nach zogen ſich die maͤnnlichen Sproͤß⸗ linge auf ihre Guͤter Lauterburg, Effi ingen, Hohenroden. Das 240 Schloß in Heubach aber ging an den Gemahl einer Wöllwarth, einen Hauptmann v. Weſen uͤber (1696), der als wuͤrtemb. Kriegsraths-Vicepraͤſtdent, ohne Kinder, ſtarb, und deſſen Helm, Harniſch, Lanze, Fahne, Stiefel und Sporen die Heu⸗ bacher im Chor ihrer Kirche, zum Dank fuͤr viele milde Stif⸗ tungen, als Heiligthümer aufgehängt haben. So viel von der Geſchichte der Burg. | Aber der Wanderer hat noch den Genuß des Beſten vor ſich. Es ſind dieß die Naturſchoͤnheiten des Roſenſteins. Im Allgemeinen herrſcht auf dem Bergruͤcken die uͤp⸗ pigſte Vegetation, und er bietet einen großen Reichthum an Albgewaͤchſen, welche in der niedern Gegend nicht vorkom⸗ men, an Mooſen, Geſtraͤuchen, Blumen aller Art, beſonders den ſchoͤnſten wilden Roſen dar, die den lieblichen Namen des Berges rechtfertigen, und in Menge den Felſen entſproſ— ſen. Die ſaftigſten Erdbeeren kann ſich der Wanderer mit jedem Schritte pfluͤcken, und wenn er Wein und Zucker zur Labung mit ſich fuͤhrt, auf dem Gipfel die beſte kalte Schaale improviſteren. Vor Allem aber zeichnet ſich der Roſenſtein durch ſeine herrlichen Felskluͤfte und Hoͤhen aus, die der Reiſende auf der ganzen Albwanderung nicht ſchoͤner geſehen hat, und die mit dem großartigen Eindruck, den ſte hinterlaſſen, die ganze Reiſe wuͤrdig ſchließen. Das erſte und naͤchſte bei den Schloßruinen iſt, wohl 100 Fuß tief unter den Grundmauern der Burg, auf der Suͤdſeite, eine Hoͤhle in dem Felſen, der das Schloß trug, Das kleine Haus genannt. Ihr Eingang uber 30 Fuß hoch, 20 breit, in Geſtalt eines gothiſchen Thores, öffnet ſich da, wo der Fels auf dem Bergruͤcken aufgelagert iſt. 30 bis 40 Perſonen koͤnnen ſich hier bequem vor Regen und Sturm ſchuͤtzen. Ungefähr 40 Fuß von dem Eingange, in der Mitte der Höhle, die ſich aufwaͤrts zuſpitzt, iſt ein 10—ı2 Fuß hoher Felsblock aufgethuͤrmt, der den hintern Theil der Hoͤhle ver— birgt, jedoch beſtiegen werden kann. Hinter ihm iſt der nie— drigere, minder zugängliche, immer noch 40 Fuß ſich fortzie— hende Theil. — Dieſe Hoͤhle ſoll ſich nach der Volksſage durch den ganzen Berg oͤſtlich bis in eine dort befindliche zweite, 241 die ſogenannte Scheuer, gezogen haben, der unterirdiſche Gang der Ritter zu ihrem Raubmagazin geweſen und erſt in neueren Zeiten verfallen ſeyn, wie denn noch vor 50-60 Jah- ren ein Buͤrger von Heubach den Weg dadurch gemacht habe. Allein das Volk datiert ſolche Geſchichten immer vorwaͤrts und in das Zeitalter ſeiner naͤchſten Vaͤter. Dieſelbe Sage finden wir naͤmlich, nur in Einem Punkte verſchieden, ſchon im ı6ten Jahrh. bei Cruſtus mit folgenden Worten: „Unter dem Schloͤß— lein gehet ein ſchmaler Fußweg herum, der zu einer fuͤrchter— lichen Hoͤhle fuͤhrt, die eine halbe Meile Wegs hinein, und hernach in dem naͤchſten Dorf in eines Bauern Scheuer ihren Ausgang hat. Solches haben zween Maͤnner, die mit brennenden Fackeln durchgegangen, in Augenſchein ge— nommen.“ Das Dorf muͤßte Lautern, tief am Fuße des Berges ſeyn. Wahrſcheinlich aber hat Cruſtus feinen Gewaͤhrs— mann, der mit der Scheuer jene andere oͤſtliche Höhle meinte, nicht recht verſtanden. Von jenem kleinen Haus aus koͤnnte der Wanderer am bequemſten den ehemaligen Roſenſteiner-Herrgottstritt beſuchen und dann auch einen Abſtecher nach der fuͤdweſtlich von der Spitze des Roſenſteins gelegenen Teufelsklinge machen. Abgeſchieden von der übrigen Welt, durch himmelhohe waldige Berge vor der Sonne Strah— len faſt beſtaͤndig verborgen, oft von dichten Nebeln umzogen, graunvoll durch die Zerſtoͤrungen des Waſſers im Kampfe mit den Waldfelſen, unheimlich durch eine aus unergruͤndlicher Tiefe hervorſtrudelnde Quelle, konnte dieſer Platz recht finnig _ mit dem nahen Roſenſtein und ſeiner Verſuchungsgeſchichte als Strafort des Satans in Verbindung geſezt worden ſeyn. Eine wilde, am Fuße des ſchoͤngeformten, hohen Schenelbergs gegen Süden aufwärts ſich ziehende Waldklinge, von vem oft ſehr hoch ſteigenden Waldbache zerriſſen, mit Kalkfelſen locken, uͤber welche das Waſſer ſtuͤrzt, angefuͤllt, fuͤhrt auf einmal vor eine ſteile 250250 Fuß hohe Felſenwand, welche ſich in einem Halbkreiſe ſchließt, und ringsum mit Buchen, Bergahorn und anderm Laubholze bewachſen iſt. Wohl uͤber 100 Fuß tief un— ter dem erſten, ploͤzlichen Hervortreten dieſer Felſenwand aus dem Waldberge auf einem Abſaz in der Mitte des Halbkrei— ſes, ſtrudelt die Quelle aus einem unergruͤndlichen Keſſel auf— waͤrts und ſucht ſich hier einen Ausweg. Von da aus ſchleicht G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 16 242 2 ſie bei trockener Witterung in einem breiten, ſilberweiſſen Streifen über verſteinertes Moos in drei verſchledenen Ab⸗ ſaͤtzen hinab, im Ganzen mit einem Falle von 111 Fuß. Bei Regenwetter aber waͤchst die Quelle ſo, daß ſie mit donnern⸗ dem Geraͤuſch in einen Staubbach verwandelt, herabſtuͤrzt. Satan ſucht ſich alsdann nach der Sage ſeiner Haft in dem Felſenbauche zu entledigen. Weiter erzaͤhlt die Volksſage — die bei Höhlen und Quellen dieſer Gebirge allenthalben wie: derkehrt, und bei der Formation dieſer Berge eben nicht immer unwahrſcheinlich tſt — daß der Keſſel dieſer Quelle, die jezt beinahe unzugaͤnglich iſt, mit einer Oeffnung auf dem Al— buche, und dieſe auch mit der Quelle der Brenz, am jenfeiti- gen Abhange des Gebirges bei Koͤnigsbronn in Verbindung ſtehe. Spreu, in jene Oeffnung geworfen, ſey theils hier bei der Teufelsklinge, theils jenſeits bei der Brenz-Quelle zum Vorſchein gekommen. Ja, in grauer Vorzeit ſey auf dem waſſerarmen Albuche ein ſchoͤner Bach gefloſſen, aber boͤslicher Weiſe — mit Queckſilber (1) verſenkt worden, und jezt in ſolchen niedrigern Quellen zum Vorſchein gekommen. f Von dieſem Abſtecher, der ſich uͤbrigens auch vor der Ve— ſteigung der Burg von Heubach aus machen laͤßt, kehren wir auf den Roſenſtein zuruͤck und wandern nun an der nordweſt— lichen Kante ſeines Bergruͤckens, wo ſich der Wald von Zeit zu Zeit zur herrlichſten Ausſicht aufreißt, in oͤſtlicher Richtung eine halbe Stunde (nicht ohne Fuͤhrer) fort, bis wir, einer noͤrdlichen Senkung des Bergwaldes ein wenig abwaͤrts fol— gend, zur zweiten Hoͤhle des Berges, zur ſogenannten Scheuer gelangen. Dieß iſt ein von der Natur in einen gegen Norden 96 Fuß, gegen Weſten 55 Fuß hohen Felſen eingebildetes Gewoͤlbe mit verſchiedenen Boͤgen, am nordoͤſt⸗ lichen Abhange des Berges, uͤber dem romantiſch gelegenen Dorfe Lautern. Das Gewoͤlbe hat eine Laͤnge von 132 Fuß, eine Breite von 20, eine Höhe von 30-40. Gegen drei Seiten, Oſten, Norden und Suͤden iſt die Hoͤhle offen und bietet aus den beiden erſteren Oeffnungen, von welchen die eine gegen Oſten 24 Fuß, dle andere gegen Norden 32 Fuß breit iſt, eine herrliche Ausſicht neben den wildeſten, ſchroffſten Felſenwaͤnden und uͤber den tiefer liegenden ſchoͤnen Wald hinweg, in die Umgegend dar, dee oͤſtliche beſonders ſchoͤn gegen Ellwangen, Aalen und den Albuch. Entzuͤckend iſt vornehmlich der Mor— 243 genſonnenſtrahl bei unbewoͤlktem Himmel, den die geräumige Grotte durch dieſe oͤſtliche Oeffnung auffaͤngt: zumal wenn man, wie unſere Wanderer, durch eine kleine Schlucht vom Berg herab zuerſt an den nur 16 Fuß hohen füdlihen Ein⸗ gang gelangt. Beide Oeffnungen ſind ſo hoch und breit, daß ein beladener Heuwagen bequem durchfahren koͤnnte, was ohne Zweifel der Hoͤhle den Namen gab. Die ziemlich glatten, reinlichen Seitenwaͤnde und die vielerlei Bogen erinnern an die maͤchtige Woͤlbung eines Ritterſaales. Nach Regenwetter tropft das Gewölbe. Der Boden iſt ſandig, und gegen die Oeffnungen hin mit Pflanzen bewachſen, die fich alle gegen das von Oſten hereinbrechende Licht kehren. Die noͤrdliche und weſtliche Oeffnung ſind, trotz des dichten Waldes, wegen ihrer Groͤße, weither vom Thal aus ſichtbar, was ſchon allein die Sage entkraͤftet, daß dieſe Scheuer ein geheimes Raubmaga— zin der Ritter vom Roſenſtein geweſen. Ueberdieß findet ſich keine Spur eines verbindenden Ganges zur Burg, und das Ganze ſcheint unangetaſtete Raturſchoͤpfung. Unſre Wandrer verlaſſen dieſe unterirdiſchen Hallen, aber das Schoͤnſte erwartet fie noch. Es lſt dieß das ſogenannte „Haus,“ auch zum Unterſchied von dem kleinen Hauſe das „große Haus“ genannt. Nur etwa 150 Schritte links abwaͤrts ſchlaͤgt ſich der Wandrer von der noͤrdlichen Oeffnung der Scheuer, muͤhſelig durch dichtes Waldgeſtraͤuch; ſo kommt er an eine, weniger aus der Ferne bemerkbare, dicht von Baͤumen bewachſne Felſenbucht. Ueberraſchend ſchaut ihm hier der Eingang in dieſe dritte Hoͤhle, gegen Norden gekehrt, in Geſtalt eines koloſſalen, gothiſchen, kunſtgerecht geformten, ſpitz zulaufenden Thores entgegen, das 24 Fuß breit, 50 — 60 Fuß hoch iſt. Das Gewoͤlbe ſelbſt ſchlingt ſich in ungefaͤhr vier verſchiedenen Bogen bergeinwaͤrts, und wird gegen dem Hin— tergrund niedriger. Die Hoͤhle zieht ſich etwas aufwaͤrts, und ihre Tiefe betragt 100 Fuß, ihre Breite 50. Die Seitenwände ſind voll Riſſe und Einſchnitte, die, wie dicke Adern, von oben herablaufen. Eine eigene Art von Moss ſitzt in den poroͤſen Oeffnungen der Felſen, und überall zeigt ſich Kalkſinter. Im Hintergrund liegt ein ungeheurer Felsblock in die Queere, von 10 — 12 Fuß Hohe, kleinere Steine umgeben ihn, die konſe— quente Volksphantaſte macht jenes zu dem Tiſche, dieß zu den Stuͤhlen des Hauſes. Unſern dichteriſchen Wanderern 16 * 244 wird das großartige Ganze eher wie ein Tempel mit Altar und Stufen erſchienen; zumal da an beiden Geitenwän- den und im Hintergrunde die kleinern und durch beſtaͤndiges Tropfen ausgehoͤhlten Felsbloͤcke wie dazu beſtimmt ſcheinen, um darauf zu dem Hochaltar bequem emporzuſteigen, und mancher tiefe Felſenriß der Woͤlbung wie eine Niſche nur auf das Heiligenbild zu warten ſcheint, das Platz in ihr nehmen ſoll. — Uebrigens gewaͤhrt auch dieſe Hoͤhle, deren Inneres fo ausgezeichnet, man möchte ſagen heilig-ſchoͤn iſt, nach Auſ— ſen eine freundliche Ausſicht über den niedrigern Wald herab auf die noͤrdliche Flache. So iſt der Roſenſtein durchwandert, wenn ein der Gegend beſonders kundiger Führer nicht etwa Reiſende, die keine Um— wege und Beſchwerden ſcheuen, noch, manchen minder bekann⸗ ten Höhlen und Felsloͤchern zuführt, die alle ihr eigenthuͤmli⸗ ches Intereſſe haben. — Schloß Lauterburg. Unſre Wanderer haben jetzt den ſchoͤnſten Theil des Alb- gebirges geſehen, und ſchließen, um nicht ganz mit der un⸗ terirdiſchen Natur zu endigen, die Bergreiſe wuͤrdig mit einem Seitengang in ſuͤdlicher Richtung, bis ſte der Fuͤh— rer durch den ſchoͤnſten Buchenwald nach / Stunden, zu den Ruinen des vor etwa go Jahren abgebrannten Woͤll-⸗ warthiſchen Schloſſes Lauterburg, bei dem Gebirgsdorfe gleichen Namens, bringt. Das große, unbedeckte, hohle Ge— baͤude: ein einfoͤrmiges Viereck, mit der Menge feiner aus—⸗ gebrannten Fenſterhoͤhlen, ſteht, etwas abgeſondert von dem hinterwaͤrts geſtreckten Dorfe, ſchwermuͤthig da, und ſchaut hoffnungslos zwiſchen zwei hohen Waldbergen in eine roman— tiſche Schlucht'hinab, in deren Tiefe abermals eine Lauter, ein ſo klarer Bach, wie ſeine Namensſchweſtern, rauſcht, und das Dorf Lautern am Beginn der freundlicheren Ebene ſtch mahleriſch lagert, von welcher ein ſchoͤner Abſchnitt zwiſchen den grünen Einfaſſungen der Wälder des Albuchs, Ellwangen zu, ſich ausdehnt. Von den verwirrten Sagen uͤber den Brand des Schloſſes heben wir die, der ſchwermuͤthigen Erſcheinung angemeſſenſte heraus, deren Coſtume wir, um fie freier bearbeiten zu koͤn⸗ nen, in elne frühere, ritterliche Zeit verlegen. 245 Schloß Lauterburg. Ro man z e. 1 „Laß ihn pochen, laß ihn pochen! 11918 Liebchen, wer auch drauſſen iſt. Sollſt mir ja mein Leibmahl kochen, Weil du noch alleine biſt!“ Sprachs der Buhle vor der Kuͤchen Zu der falſchen Edelfrau; Aber drauſſen zahlts mit Fluͤchen Vor dem Schloß im Waldesgau. An dem Feuer ſtand die Boͤſe: Macht ſie nur die Gluth ſo roth? Der herein will mit Getdͤſe, Iſt ihr Mann, od'r iſt der Tod. Beide nahen der mit Schrecken, Die gebrochen hat die Zucht. Schauer kommen wohl der Kecken, Ja, ihr Mann iſts, der ſie ſucht. Aus dem Wald kommt er gezogen Abends, auf die kurze Jagd, Nach dem Buhlen hergeflogen, Eh die Schande wird vollbracht. Und ſie ruͤhrt mit beiden Haͤnden, Gieſſet Milch und miſchet Salz, Zwiſchen rothen Feuerbraͤnden Praſſelt 7 dem Topf das Schmalz. „Weib, wirſt du nicht ein mich laſſen, Haut mein Schwert entzwei das Thor!“ Und die Falſche muß erblaſſen, Und der Buhle faͤhrt empor. Eilt zum Stall nach ſeinem Pferde, Sich zu retten vor der Wuth. Und es laͤuft die Frau vom Herde, Steigt hinab im kranken Muth. x 2 66 Doch die Welle zuͤrnt im Keſſel, — Und die Flamme leckt hinein, | 8 4 Und das Feuer bricht die Feſſel, | Lodert auf in wildem Schein! Heerd und Kuͤche ſtehn in Flammen, Eh die Hausfrau drunten iſt, Schlaͤgt die Glut um fie zufammen, Goͤnnt dem Buhlen keine Friſt. Durch die Waͤnde faͤhrt das Feuer, Und der heiſſe Rachegeiſt Frißt an Haus und Hof und Scheuer, Bis die letzte Fuge reißt. 0 Mit dem Jagdſpeer und dem Hunde \ Steht der Ritter vor dem Haus, Und es wirft ihm aus dem Schlunde Die verbuhlten Leichen aus. Da entwandelt er zum Haine In der letzten Flamme Schein; Baut ſich aus dem Schutt der Steine Eine Huͤtte, ſchwarz und klein; Birgt ſich vor dem Licht der Sonne, Friſtet kaum des Lebens Laſt, Jagt im Walde ſonder Wonne, Legt ſich nieder ohne Raſt. f Von diefen traurigen Gedanken erhole ſich der Wanderer durch einen Umblick in der ſchoͤnen Thalſchlucht. Wenn es ihm noch einmal recht aͤlblich zu Muthe geworden iſt, fo führt der Wegweiſer durch den dichten, tiefen Wald hinab, um ihn nicht mehr bergauf zu fuͤhren, in das freundliche Lautern, das durch feine Lage und eine eintraͤgliche Kaͤſerey an die Schweizerdoͤrfer erinnert („St.). Von da mag der Gewerbs— kundige den ſchoͤnen Eiſenwerkern zu Unterkochen 6. St.) und Waſſeralfingen 5 St.) einen beſondern Tag widmen, wobei er Aalen (2 St.), die ehemalige Reichsſtadt, die auſſer ihrem ſeit dem Revolutions-Kriege unſterblichen Spion keine 247 Merkwürdigkeiten darbietet, zum Mittelpunkt machen kann. Unſre Luſtreiſenden aber wandern nach Moͤgglingen (J. St.), wo ſie bei dem Augsburger Fuhrmann vortreffliches Augs⸗ burger Bier erquickt; und von hier auf der Heerſtraße über Unterbebingen (/ St.), Diſſenhofen (1St.), Rindelbach (/ St.), nach Gmünd 6, St.). Route des neunten Tages. Vom Hohenſtaufen nach Rechberg 17 Waldſtetten 7. = Bargau 2 Buch 7. Heubach 7. Teufelsklinge hin und her 17 Roſenſtein 1 den Höhlen ı FF Lauterburg % Lautern % Mögglingen 75 Gmünd 2 Y | € 11 % Ohne Hohenſtaufen, von Rechberg aus a U l E i n. % „„ RS, . „ & 9 „5 Mit dem Berge Hohenſtaufen - 12 Stunden. 1 248 Zehnter Ta g. Gmund und Lorch. Schluß der Albreiſe. Schwaͤbiſch Gmuͤnd. Höhe 1115 W. F.) Gaſthoͤfe: Poſt. Rad. | Lage. Gmünd, ehemalige freie Reichsſtadt, jetzt wir: temb. Oberamtsſtadt, liegt in dem fruchtbaren Thale der Rems, die daſſelbe in der Richtung von Oſten nach Weſten durchſtroͤmt. Die Umgebungen der Stadt, nahe und ferne, find. Berge und Wälder mit mannigfaltig abwechſelnden Thaͤ— lern. Gegen die Nord- und Suͤdſeite reichen hohe Hügel. nahe an die Stadt, mit Baum- und Gemuͤſegaͤrten bedeckt, und mit freundlichen Land- und Gartenhaͤuſern uͤberſaͤet. Ent⸗ fernter ſind die Berge gegen Weſten, wo das Thal von dich— ten Tannenwaͤldern eingeſchloſſen, ſich dem Kloſter Lorch zu kruͤmmt: freier und weiter endlich breitet ſich das Thal gegen Oſten aus, wo die Ausſicht auf die nicht ſehr weit entfernte oͤſtliche Alb, namentlich auf Staufen und Rechberg, einen ſchoͤnen Anblick gewaͤhrt. Das Remsthal ſelbſt iſt reich an Gaͤrten und Wieſen, und der beſte Standpunkt fuͤr die Stadt und umgeg end der benachbarte Straß dorfer Berg. Hier macht der ſchoͤne Anblick des ehemaligen Frauenklo— ſters Gotteszell, das gegen Oſten ſich halb hinter die Stadt verſteckt, den Beſchauer vergeſſen, daß es in ein Zucht— haus umgewandelt iſt, und gegen Weſten nimmt ſich die Skt. Catharinenpflege (der Hospital), unter vielen Gar— tenhaͤuſern und Muͤhlen beſonders gut aus. Der ganze Um— kreis iſt uͤberdieß mit vielen Doͤrfern, Weilern und Höfen au— gefuͤllt. Die Stadt liegt von Goͤppingen 4, von Schorndorf 5, von der ehemaligen Reichsſtadt 1 5, von Hohen⸗ rechberg ı%, von Hohenſtaufen 2% Stunden entfernt. Hat ſich der Wandrer die Umgegend beſcauet, ſo wendet er ſich zum 249 Innern der Stadt: Gmuͤnd iſt eine anſehnliche Stadt, mit einem Umfang von etwa 3500 Schritten, laͤnglich gebaut, mit ſtarken Mauern, feſten Thuͤrmen, Laufgraͤben, die jetzt angebaut find, und fünf geraͤumigen Thoren. Die Einwohner⸗ zahl beträgt nach den neueſten Zaͤhlungen 52/1 katholiſche, 287 lutheriſche; die Zahl der Haͤuſer etwa 1200. | Das Sehenswuͤrdigſte der Stadt find ihre Kirchen, von welchen gegenwaͤrtig fuͤnf dem oͤffentlichen Gottesdienſt gewid— met find, darunter Eine dem proteftantifhen. Von den Kir⸗ chen innerhalb der Mauern iſt die erſte Die Pfarrkirche zum heil. Kreuz, eine ſchoͤne, große von Quadern, ganz im Geſchmack des naten Jahrhun— derts (von 1551— 1577) gebaute Kirche, deren Gewoͤlbe auf 22 koloſſalen Saͤulen ruht. Leider iſt der herrliche Bau laͤngſt von ſeinen beiden Thuͤrmen entbloͤßt, die am Charfreitag 1497 eingefallen und ſeitdem nicht wieder aufgebaut wordegz f nd. Die aͤltere Pfarrkirche war Die Johanniskirche, in welcher die Benediktiner zu Lorch bis 1297 den Gottesdienſt beſorgten, von wo an Gmuͤnd erſt ſeinen eignen Pfarrer bekommen zu haben ſcheint. Ihre Bauart iſt ſchoͤn und maffiv, zum Theil vorgothiſch, und ſo— mit die Kirche ihrer urſpruͤnglichen Anlage nach, wohl noch vor das lite Jahrhundert zu ſetzen. Ihre Wände, beſonders die Einfaſſung unter dem Dach, find mit hieroglyphenartigen Figuren in erhabner Arbeit angefüllt. So iſt an der untern Ecke gegen Suͤden, eine ſitzende, gekroͤnte Frau eingehauen, mit einem Kind auf dem Schvoß; des Kindes linke, der Frau rechte Hand haͤlt etwas, das einem Apfel gleicht, uͤber ihnen erſcheint ein Engel, der ſeine Haͤnde ſegnend uͤber beide aus— ſtreckt. Von den untern Hieroglyphen zeichnen ſich zwei ges kuppelte Hunde in vollem Lauf mit einem Maͤnnchen aus, das in ein Jagdhorn blaͤſt. Daneben iſt noch ein andres Maͤnn⸗ chen, und eine Figur, drei in einander geſchlungenen Bretzeln aͤhnlich, Zweifelsſtrick vom Volke genannt. An dem Giebel gegen Weſten, ungefaͤhr in der Mitte, erblickt man ein Mann chen, dem ein Teufel die Naſe wegreißt., Ueberdieß ſind viele zahme und wilde Thiere, meiſt ſehr rauh ausgearbeitet in die Quaderſteine der Kirche eingehauen. Die Deutung der Haupt— figuren beruht in des Volkes Munde, theils auf der Jagdluſt und den Ritterſpielen der alten Zeiten, theils auf einer Sage 250 von der Herzogin Agnes, Gemahlin Friedrichs von Staufen und angeblicher Stifterin dieſer Kirche (eine Annahme, nach der ihre Erbauung erſt in das Ende des ııten Jahrhunderts fiele). Dieſe ſoll hier auf der Jagd ihren Ehering verlo- ren und wieder gefunden haben, oder gar verirrt und in Faͤhr⸗ lichkeiten gerathen, auf wunderbare Weiſe gerettet worden ſeyn. Das Maͤnnchen, dem die Naſe weggeriffen wird, iſt nach der Tradition der Baumeiſter, an dem der Teufel dieſe Operation vertragsmaͤßig vorgenommen, weil er verſaͤumte, das Gebäude in der verſprochenen Zeit herzuſtellen. Im In⸗ nern der Kirche iſt nur ein auf Tuch gemaltes Bild merkwür⸗ dig, das die Burg Hohenſtaufen und die Gegend vorſtellt, ehe Gmünd erkſtirte, und wohl ſchwerlich muͤſſige Erfindung eines neuern Malers, ſondern Copie eines alten Bildes iſt. Die Kirche hat einen ſchoͤnen, aber eigenthuͤmlich geformten, bis zur oberſten Spitze ganz maſſiv gebauten Thurm, der Schwindelſtein genannt. — In der Grabſchrift eines J. Kirſſeneſſer laſſe man fi die verfälfchte Jahreszahl 1050 nicht verfuͤhren. N f Das daneben ſtehende Veits-Kirchlein ſcheint noch viel alter zu ſeyn, und iſt vielleicht das Kirchlein, des ſchon vom Abt Volrad zu St. Denys (reg. 768 — 814) hier er⸗ bauten Kloͤſterleins. | Die heil. Geiſts- oder Hospitalkirche, an den Spi- tal angebaut, alt und winklicht, iſt fuͤr den Gottesdienſt der Spitaͤler beſtimmt. In ſeiner Gruft ſollen die in den Tur⸗ nieren gebliebenen Ritter begraben ſeyn. Es konnte kaum Raum fuͤr ein paar Mönche und die Bewohner der umliegenden wer nigen Hoͤfe haben, die an der Stelle Gmuͤnds und vielleicht ſchon dieſen Namen führend, ſtanden. N Ä In der Franziskanerkirche am Schulcollegium, ift der gewoͤhnliche Gottesdienſt der Schuͤler. Die ehemalige Auguſtinerkirche iſt für die Proteſtan⸗ ten eingerichtet. Die größere und ſchoͤnere Dominikanerkirche und die Skt. Ludwigskirche beim ehemaligen Frauenkloſter die- ſes Namens, ſind geſchloſſen und zu Magazinen umgewandelt. Die Kapuzinerkirche ſammt dem Kloſter iſt abge⸗ tragen. Außer dieſen Kirchen ſind noch 2 Capellen in der Stadt, 251 die eine zu Sankt Georg an dem Federgaſſenthor, die an⸗ dre zu Sankt Sebald in der Waldſtetter Gaſſe. ö Außerhalb der Mauern ſteht die Skt. Leonhardskirche auf dem Gottesacker, und nahe bei eine Capelle zu unſers Herrn Ruh, an der Straße nach Aalen. ü Weſtlich von der Stadt fuͤhrt ein bequemer Spaziergang einen Huͤgel hinauf, an den Leidensſtationen des Herrn (in Holz gearbeitete Figuren unter bedeckten Haͤuschen) vorbei, nach der ſehenswuͤrdigen Wallfahrtskirche Skt. Salvador mit einem ſchoͤnen Thurm; wo man eine einladende Ausſicht auf die Stadt, deren Umgegend und die Gipfel der benachbar— ten Alb genießt. Die Kirche ſelbſt beſteht in zwei uͤber ein⸗ ander ſtehenden Capellen, die in einen Felſen einge⸗ hauen ſind (ſonſt der Epperſtein genannt), und die ein ordentliches Dach bedeckt. In der untern Capelle iſt das Wallfahrtsbild auf dem Nebenaltar, Chriſtus am Kreuz aus Stein gehauen, fo wie daneben die Bildniſſe Markaͤ und Jo⸗ hannis. Die Capelle iſt kellerartig und erhaͤlt durch Fenſter, die in den Felſen gebrochen ſind, Licht. Ruͤckwaͤrts iſt in den⸗ ſelben Felſen eine Clauſe eingehauen, die vor Zeiten ein Ere⸗ mit bewohnte. Nicht weit davon, unten im Thale, ſteht die Skt. Ca⸗ tharinenkirche, bei dem Spital gleichen Namens. Etwas weiter oben gegen die Stadt zu liegt die Capelle Skt. Joſeph. a Endlich hat Gotteszell noch eine Kirche, in welcher der evangeliſche Stadtpfarrer den Zuͤchtlingen predigt. Das Zuchthaus ſelbſt iſt ein ſchoͤnes, helles, geraͤumiges zu fei- nem Zwecke wohl eingerichtetes Gebaͤu, das in einer nicht un⸗ freundlichen Umgebung eine halbe Viertelſtunde nordoͤſtlich von der Stadt, an der Straße nach Aalen liegt. Es war vordem ein Frauenkloſter, im J. 1240 von 2 Wittwen, die Schau p⸗ pen genannt, erbaut, und hatte das Ungluͤck, dreimal ein Raub der Flammen zu werden, das erſtemal im Religionskrieg 1546, das letztemal 1609. — Die gewöhnliche Arbeit der Zuͤchtlinge iſt Wollenſpinnen. | Die Bauart der Stadt iſt nicht regelmaͤßig aber doch geraͤumig. Bemerkenswerth ſind noch: das ſchoͤne, moderne Rathhaus (1795 gebaut), die Oberamtei, die Kaſerne 252 (das ehemalige, ſeit 1764 neugebaute Domlnkcanerkloſter), der Hospital; das Induſtrieſchulge baude Skt. Ludwig, ein von ehemaligen Kloſterfrauen beſorgtes Maͤdcheninſtitut (im J. 1445 für Seelſchweſtern, Krankenwaͤrterinnen, geſtiftet); das Schulcollegium Skt. Ludwig lein Minoritenkloſter, 2212 von Walter von Rinderbach erneuert und begabt); die Schmalzgrube vor Zeiten — die latein. Schule und Gmuͤnds Stadttheater, im Erdgeſchoß Criminalgefaͤngniſſe; die ſchoͤne deutſche Schule, ehemals das Waiſenhaus (1768 er⸗ baut); das Geraͤthhaus der Stadt (ehemals die Ruͤſtkam⸗ mer); das Kornhaus, das Werkhaus, das Armen⸗ haus; die Fuggerei, d. i. ehemalige Wohnung eines Grafen Fugger; das koͤnigl. Taubftummeninttitut, deſſen Vorſte⸗ her der verdienſtvolle Gründer deſſelben, Herr Ritter Alle iſt. — Mehrere der ſchoͤnſten Gebäude verbrannten im Jul. 1795 Doch find noch manche geſchmackvolle und maffive Privatgebaͤu⸗ de da, die der Stadt ſehr wohl anſtehen. | Nun Geraͤumige Plaͤtze ſind der Marktplatz vor dem Rath⸗ haus, und der Kaſernen- oder Paradeplatz. en Von der Einwohnerſchaft in Gmuͤnd machen di Goldſchmiede (ſo heißen alle, die in Gold, Silber, Semi⸗ lor, Tomback und Meſſing arbeiten), einen der bedeutendſten Theile aus. Es ſind ihrer 500, und der Wohlſtand und die Lebhaftigkeit der Stadt, haͤngt ganz von dem Handel und dem bluͤhenden Zuſtand dieſer Manufakturiſten ab. Leider iſt dieſer ſehr geſunken und ſeit vielen Jahren ſo unbedeutend, daß die meiſten derſelben keine Arbeit und keinen Verdienſt haben, waͤhrend die Gmuͤnder Handelsleute ehemals ſelbſt in Frank⸗ reich, Holland und den Niederlanden nicht unbedeutende Waa⸗ renlager hatten. Einen beſondern Einfluß hat dieſes Gewer- be auf die 1 5 Buͤrgerliche Tracht der Weiber, die jedoch immer ſeltner wird und bei den meiſten der franzoͤſiſchen Mode weichen muß. Sie beſteht in mehreren langen Roͤcken, einer Schuͤrze, einer ziemlich ſteifen Schnuͤrbruſt, einem Wamms mit kurzen Aermeln und Manſchetten, einer hellbraunen Band— oder kleinen niedlichen Drahthaube. Hierzu werden nun bei Feſtkleidern, zumal der Wohlhabenden, meiſtens gute ſeidene Stoffe, Gold- und Silberborden und ſchoͤne Spitzen verwen— det; wie denn überhaupt der Putz mit Gold- und Silberge— 255 ſchmeide, Ohrenringen, Halsbaͤndern, Ketten, Schnallen und der⸗ gleichen, als Hauptartikel des inlaͤndiſchen Handels, auch an den Bewohnern dieſer Stadt von jeher nichts Ungewoͤhnli— ches war. Neben jenen Goldwaaren find auch noch Strümpfe, Muͤz— zen u. ſ. w. aus Baumwollengarn, ein Hauptzweig des Gmuͤn— der Handels, eben fo hölzerne Tabackspfeifenkoͤpfe (ulmer⸗ köpfe), die in den benachbarten Orten Waldſtetten, Rechberg u. a. verfertigt, von den hieſigen Silberarbeitern ſchoͤn be— ſchlagen und nach außen verfuͤhrt werden. Seit geraumer Zeit hat Gmünd auch eine Bucheruckerei von ‚eine Verlagshandlung (C. C. Ritter). Ehemalige Verfaſſung det Reichsſtadt Gmünd. Die Regierung von Stadt und Land befand ſich in den Händen eines Magiſtrats (Raths), der aus 3 Bürgermei- ſtern, 2 Ober- und 5 Unter - Städtemeiftern und 4 Senatoren befand. Von den letztern waren 3 bei der Contributionskaſſe angeſtellt, und hießen Caſſierer. Der ste und juͤngſte war zugleich Bauherr. Von zwei Conſulenten war der erſte Canzleidi⸗ rektor, der zweite Stadtſchultheiß. Der regierende Bürgermeifter, welcher 4 Monate im Amte war, hatte die Rathsſitzungen anzuſagen und war Refe— rent. Die Beſchluͤſſe erlangten durch die Majoritaͤt des Ralthes Guͤltigkeit. Die Conſulenten hatten dabei berathende, in Rechtsfaͤllen aber entſcheidende Stimmen. Die 5 Buͤrgermeiſter, die 2 Oberſtaͤdtemeiſter und die 2 Conſulenten bildeten den gehei— men Rath, der die Angelegenheiten der Landſchaft und alle Sachen, die keinen Verzug litten, beſorgte, daruͤber aber dem ganzen Rathe zu referiren hatte. Die Stadtkammer (Staͤdtemeiſterſtube), beſtehend aus ſaͤmmtlichen 5 Staͤdtemeiſtern, beſorgte die Stadtoͤkonomie, alle Baulichkeiten, Feueranſtalten, Stadtwaldungen und das ſtaͤdtiſche Rechnungsweſen. Der Amtsoberſtaͤdtemeiſter war ı% Jahr im Amt. Der Bauherr ſtand unter der Direktion der Stadtkammer. Die 5 Caſſiere püldeten das Steueramt (Caſſter⸗ mane), nahmen von Stadt und Laud die Steuern ein, leiſteten 254 die Reichs- und Kreisſchuldigkeiten und beſorgten das Con⸗ tingent. Sie ſtellten dem Rathe Rechnung. b Die Rathsſtellen wurden durch den Rath mittelſt Wahl nach Stimmenmehrheit vergeben, und durch ihn auf dieſelbe Weiſe die Rathsglieder zu einer l ö en Stelle befoͤrdert. Was fuͤr ein demokratiſches Element ſtand dieſer Oligarchie zur Seite? das Recht, das die Buͤrgerſchaft hatte, fuͤnf Syndicos, Anwaͤlde, aus ihrer Mitte zu waͤhlen. Dieſen mußten die Stadtrechnungen zur Einſicht vorgelegt werden, und ſie durften, wenn ſich die Buͤrgerſchaft beſchwert glaubte, oder bei willkuͤhrlichen Handlungen des Rathes Vor— ſtellungen machen, und im hoͤchſten Falle die Appellation an die oberſten Reichsgerichte ergreifen. Erſt in den neuern Zeiten wurden bei außerordentlichen Faͤllen, welche der Krieg herbeifuͤhrte, die buͤrgerlichen Syn⸗ dici immer, manchmal ſogar auch die Zunftvorſteher zu den Berathungen eingeladen, und ohne ihre Beiſtimmung nichts vorgenommen. Jeder Bürger hatte übrigens gleiche Rechte, und jeder, der die erforderlichen Eigenſchaften hatte, konnte zum Regimente kommen. Nur mußte, wer ſich als Bürger einge— kauft, 6 Jahre lang Buͤrger ſeyn, ehe er zum Rathsglied er— nannt werden konnte. Die Buͤrger waren von Frohnen und Wachdienſten frei. 0 Buͤrger aber war nur der Einwohner der Stadt Grnuͤn d. Die Bewohner des reichsſtaͤdtiſchen Gebiets was ren keine Buͤrger, ſondern Unterthanen. Ihre erſte In ſtanz war ihr Amtsvogt, den der Rath aufſtellte. Auch keine Zuͤufte hatten fie; ſondern es mußten ihre Hand: werker ſich den Zuͤnften zu Gmuͤnd einverleiben laſſen. Die Landbeſitzungen Gmuͤnds waren nicht unbedeutend. Sie theilten ſich in zwei Aemter, deren jedes einen Amts— vogt hatte: 1) das Amt Betringen mit 18 Doͤrfern und Weilern, welche Gmuͤnd groͤßtentheils ganz beſaß; darunter ſind die beiden Betringen und Bebingen, Weiler und Beuren in den Bergen, Lautern; dann viele Hoͤfe, worunter Beißwang. 2) Das Amt Spreitbach mit 16 Doͤrfern und Weilern, worunter Spreitbach, Zimmerbach, Mut hlangen, Wetzgau und viele Hoͤfe. N — 255 Sontingent ftellte die Stadt zur Reichsarmee 57 Mann zu Fuß, zum Regiment Baden-Durlach, und 11 Reiter zu Wuͤrtemberg-Dragoner. Auf den Reichstagen hatte ſie ſeit den aͤlteſten Zeiten ihre Repraͤſentanten. Ä | Geſchichtliches über Gmünd, Die Sage über Gmuͤnds Urſprung haͤngt mit jener ale— manniſchen Geſchichte zuſammen, deren wir beim Rechberg Erwaͤhnung gethan. Die auf dieſem Berge angeſtedelte neue chriſtliche Colonie, fol naͤmlich zum Behuf ihrer Jagdfreuden hier im Thal einen Hof gebaut, und nach ſeiner Beſtimmung Gmuͤnd, d. i. Gaudia mundi, Weltfreuden genannt haben. (Viel wahrſcheinlicher leitet ſich indeſſen der Name von der hier erweiterten Mündung des Remsthales ab; Rems⸗ Gumuͤnd, wie Neckar⸗Gmuͤnd bei Heidelberg.) Jene Begeben— heit fiele zwiſchen die Jahre 650 — 699. Eine beſtimmtere Nachricht iſt, daß Carl der Große (768—814) dem Abt Volrad von St. Denys die Erlaubniß gab, im Herzogthum Aleman— nien mehrere Kloͤſterlein an verſchiedenen Orten zu gruͤnden, unter anderm auch zu Gamundia. Dieſer Ort muß alſo, wenn auch nur als Hof, damals ſchon vorhanden geweſen ſeyn. Aus ſeiner Dunkelheit ſtieg aber Gmuͤnd erſt empor, als das benachbarte Geſchlecht der Büren auf den ſchwaͤbkſchen Herzogsſtuhl, und dann auf den Reichsthron erhoben ward. Der neue Herzog, Friedrich von Schwaben (1080 — 1105) brauchte zur Schöpfung feines Hofſtaates eine benach— barte Anſtedlung von Handwerkern, Kuͤnſtlern und Kaufleuten. Dieſe ſammelten ſich in Gmuͤnd, und ſo mag ſchon in dieſer Epoche der erſte Grund zu dem Hauptgewerbe der Stadt, der Gold- und Silber-Arbeit, gelegt worden ſeyn. Die Herzoge thaten alles, um dem wachſenden Städtchen aufzuhelfen, ge: ſchickte Bauleute führten herrſchaftliche Haͤuſer in der Nach⸗ barſchaft auf; beſonders ſchmuͤckten ſie den Flecken mit der noch ſtehenden Johanniskirche; die wahrſcheinlich dem 1102 von Herzog Friedrich und ſeiner Gemahlin Agnes in der Nach— barſchaft geſtifteten Benediktiner-Kloſter Lorch einverleibt ward. Der Ort ſelbſt aber wurde wohl damals, wie andere, durch einen ſtaufenſchen Vogt regiert. Friedrich der Einäugige von Staufen, Herzog von 256 Schwaben, umgab Gmünd mit Mauern (1110). Sein Sohn Friedrich der Rothbart, als er von dem Kreuzzuge, in welchen er feinen Oheim, den Kaiſer Conrad (1148) be⸗ gleitet, zuruͤckgekommen war, fand den Vater todt, und uͤber— nahm die Regierung des Herzogthums Schwaben. Bald dar— auf (1152) ſtarb auch Conrad, und Barbaroſſa ward zum Kaiſerthron gerufen. Unter ihm, dem Freunde der Kunſt und des Gewerbes, ſcheint Gmuͤnd wirklich zur bedeutendern Stadt geworden zu ſeyn; er ſoll ſich oͤfters hier aufgehalten, dem Flecken Stadtrecht, andre Freiheiten, auch das Wappen, ein ſilbernes Einhorn im rothen Schilde, ertheilt haben. Unter der Regierung feiner Soͤhne, Heinrichs VI. (71197) und Philipps (1208), wuchs die Stadt immer mehr; viel adeltge Geſchlechter aus der Nachbarſchaft hatten ſich buͤr⸗ gerlich in ihr niedergelaſſen. Je mehr im Anfange des ı5teit Jahrh. das Anſehen des hohenſtaufenſchen Kaiſerhauſes ſank, hub und befreite ſtch der einzelne, und ſo mag auch dieß der Zeitpunkt geweſen ſeyn, wo Gmuͤnd, wahrſcheinlich durch ein erkauftes Privilegium, 17 5 eigne Munkcipalitat erhielt. Doch war die Stadt, ſo lange noch Hohenſtaufen lebten, ihren angebornen Herrn von ganzem Herzen ergeben. Bei den unaufhoͤrlichen Kriegen Friedrichs UH. mit dem Pabſte, hielt Gmünd treulich zu ihm, fandte ihm Hilfsvoͤlker nach Italien, und zog ſich dadurch den Haß des heil. Stuhls zu. Ein Prieſter Albertus befahl im Namen des Pabſtes, im J. 1240, dem Biſchof zu Aichſtaͤdt, die Stadt Gmünd und alle, die dem Kaiſer Huͤlfe ſandten, in Bann zu thun. Aber der Bifchof gehorchte nicht. — 15 | Seit Gmünd zur freien Stadt geworden, hatten die Buͤr— ger, wahrſcheinlich freiwillig, ihrem Adel die Regierung über: laſſen, um ungeſtoͤrter ihr Gewerbe treiben zu koͤnnen. Härte und üble Wirthſchaft aber ſcheinen die Buͤrgerſchaft erbittert zu haben; fie entriß ihm im J. 1284 die Regierung, jagte ihn zur Stadt hinaus, und zerſtoͤrte ſeine benachbarten Schloͤſſer, Eitakofen, Brogenberg, Eitzelburg, Rinderbach und Wolfsthal. Zum erſten Buͤrgermeiſter waͤhlten ſie aus ihrer Mitte Bernhard Klebzagel. Doch ſcheint ſich der Adel bald wieder mit der Stadt verſoͤhnt zu haben, indem er 257 nicht nur wieder in die Stadt eingelaffen, fonderu ſchon 1295 wieder zu Rathsherrn gewaͤhlt wurden. f Im J. 1349 war aber die Stadt ſchon wieder im Kriege mit den Adelichen, und Ulrich von Rechberg toͤdtete ihr auf einem Streifzuge 40 Buͤrger. Im J. 1355 erhielt die Stadt von Kaiſer Carl IV., den Grafen von Wuͤrtemberg, Eberhard den Greiner, zum Schutzherrn. Im J. 1375 trat fie nebſt andern Reichsſtaͤdten, in ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß mit ihm, gerieth aber ſchon im folgenden Jahre mit dem Grafen und dem Kaiſer in blu— tige Fehde, weil der letztere, wie er es nicht ſelten in Geld— verlegenheiten machte, die Reichsſtadt gegen baares Geld an den Grafen verſetzte, der nun die Auslage mit Wucher von der Stadt zu erpreſſen ſuchte. Die Staͤdte und mit ihnen Conrad von Rechberg, wahrſcheinlich einer ihrer Hauptleute, wurden nun in die Acht erklaͤrt, und um das Elend voll zu machen, fieng im J. 1377 die Peſt an, ſchrecklich in Gmünd zu wuͤ— then. Schon in dieſem Kriege ward das Rechbergiſche Waͤ— ſchenſchloͤßchen, die Stamburg der Büren zerſtoͤrt. — Doch ward noch in dieſem Jahre Friede mit dem Kaiſer, und im J. 1379 endete auch die offne Fehde mit dem Greiner. Im J. 1381 trat Gmuͤnd dem allgemeinen Staͤdtebund bei. Daher es aufs neue 1588 in die Fehde mit Eberhard verwickelt ward, welche mit der Schlacht bei Doͤffingen endete. Im J. 1395 fielen die Gmuͤnder abermals in Wuͤrtemberg ein, und beraubten das Schloß des Seefried von Zyllichard, zwi— ſchen Eibach und Treffelhauſen im Roggenthal. Endlich er= folgte die vollkommene vertragsmaͤßige Ausſoͤhnung im J. 1595. Die Reichsſtadr hatte früher keine Beſttzungen; nun er⸗ hielt fie allmaͤhlig benachbarte Ortſchaften und Höfe, theils durch Kauf, theils durch Schenkung, meiſtens von den Herren von Rechberg, im Laufe des laten Jahrhunderts. Im J. 1407 wuͤthete die Peſt in Gmuͤnd; img J. 1433 er⸗ theilte Kaifer Sigmund der Stadt den Bann, über das Blut zu richten. Im J. 1449 ſehen wir die Stadt ſchon wieder mit Eßlingen in eine Fehde gegen den Grafen Ulrich von Wuͤrtemberg wer— wickelt, zu Folge deren auch, Ulrich von Rechberg den Gmuͤndern abſagte, die zwei Rechbergiſchen Kloͤſter zerſtoͤrten, aber aus einem Hinterhalt angegriffen, mit großem Verluſt zuruͤckge⸗ G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. | 17 258 trieben wurden. Bei Nellingen wurden fie mit den andern Staͤdten von Ulrich aufs Haupt geſchlagen, und nun PER im J. 1450 die Ausſoͤhnung. Um dieſelbe Zeit ſcheint Gmuͤnd kunſtreiche Leute, in Ver⸗ fertigung der damals gebraͤuchlichen Kriegsmaſchinen, in ſeiner Mitte gehabt zu haben, denn Graf Ulrich machte im J. 1450 mit dem Stadt⸗Werkmeiſter Jakob Eyſelin einen Vertrag, ihm zwei werfende Handwerke, damit man in die Städte und Schloͤſſer große Steine werfen koͤnnte, zu verfertigen, auch ihm zwei oder drei Leute einzulehren, wie man ſolche Werke machen und gebrauchen muͤſſe. H Zum Dank fuͤr die ſtaͤdtiſche Huͤlfe in der Fehde K. Frid⸗ richs gegen den Herzog Ludwig von Baieru 1462, ward das Wappen Gmuͤnds, wie das der uͤbrigen Reichsſtaͤdte, in den Reichsſturmfahnen gar zierlich um den doppelten Adler her— geſetzt. Im J. 1482 ward auf der Gmuͤnder Bitte von Graf Eber⸗ hard ein Landgericht in der Stadt errichtet. Als im J. 1495 Eberhard zum Herzog erhoben wurde, ſchickten die 1 ihm einen zweifach vergoldeten Becher, auf beiden Seiten den Schild Gmuͤnd. Im J. 1497 fielen durch die Schuld unvorſichtiger Aus: beſſerer die zwei Kirchthuͤrme der Stiftskirche ein. Doch ge? ſchah kein anderes Ungluͤck dabei. Im J. 1504 ſtand die Stadt Gmünd dem Herzog Ulrich im pfaͤlziſchen Kriege ſo maͤnnlich bei, daß er ihren Truppen beim Abzug eine ſchoͤne Summe Geldes austheilen ließ. Die weitern Merkwuͤrdigkeiten des 1ꝛ6ten Jahrhunderts verweiſen wir in einen beſondern Anhang. Zu Anfang des ırten Jahrhunderts ward die Stadt, drei Wochen lang von Herzog Joh. Friedrichs von ee Obriſten, v. Reichau, jedoch fruchtlos, belagert. Im zojaͤhrigen Krieg ward es von den Schweden und 1657 von der Peſt hart mitgenommen. Den 21. Jan. 1652 wurde Melch. Beſtlen „wegen Unholden Werk“ enthauptet und verbrannt. Im J. 1701 ward ein Aufruhr der Buͤrgerſchaft gegen die Regierung mit Muͤhe gedaͤmpft. 259 Im ſpan. Succeſſ. Krieg überliefert die Stadt 1705 den ſiegreichen Franzoſen die Schluͤſſel. Daſſelbe geſchieht im Re— volutionskrieg am Schluſſe des Jahrhunderts 1796 und 1800. Die Merkwuͤrdigkeiten und Umgebungen Gmuͤnds neh— men unſern Reiſenden immerhin einen halben Tag weg, wenn ſie ſich vor dem Schluß der Reiſe auch nicht zu einem ganzen Raſttag verleiten laſſen. i Der Nachmittag wird alsdann am ſchicklichſten zu einem Ausflug nach Kloſter Lorch benutzt, das 1“ Stunden von Gmünd an der Stuttgarter Chauffee gelegen, denjenigen, die ihr Ruͤckweg nach Stuttgart und ins Unterland fuͤhrt, ohnehin auf dem Wege liegt. Der Weg auf der Heerſtraße dahin, iſt ſehr angenehm durch ein ziemlich ſchmales Wieſenthal, mit niedern, aber wohlgeformten Tan— nenhuͤgeln rechts und links bekraͤnzt, und in mehreren Schlin- gungen ſich fortziehend, zur linken Seite die Rems, die in immer freundlichere Gegenden zu fuͤhren verſpricht. Der Tan— nenwald gereicht dem Auge, das ſchon lange ſich an die Buchen- waͤlder der Alb gewoͤhnt hat, zur angenehmen Abwechslung, und es wird dem Wandrer zu Muth, als wenn er nun un⸗ mittelbar von der Alb dem Schwarzwald entgegen gienge. Auch ſteht er auf dem Huͤgel, das die Kloſtergebaͤude Lorchs kroͤnen, ſchon auf der Staffel eines Tannengebirges, das nie— driger als die Alb und der Schwarzwald, doch immer zu den hoͤheren Wuͤrtembergs gehört, und einen eigenthuͤmlichen Cha= rakter hat; er ſteht am Fuße des Welzheimer Waldes. Das Dorf Lorch, groß und wohlhabend, liegt am Fuße des Kloſterhuͤgels und empfaͤngt den Wandrer zuerſt mit ge⸗ raͤumigen Straßen, huͤbſchen Haͤuſern und guten Herbergen (Sonne). — Der Huͤgel ſelbſt iſt in zehn Minuten beſtiegen. Eine uralte Linde auf einem Vorſprung vor den Kloſtermauern gegen Suͤdweſten, ladet in ihren Schatten ein, und hier iſt der Niederblick in das anmuthige Waldthal der Rems recht eigens thuͤmlich reitzend. Kehrt man ſich links und wandelt von We⸗ ſten gegen Oſten an den Mauern hin, an welchen Nebenlan= ben Schutz gegen den rauheren Himmel ſuchen, ſao blicken über hr Ni U 260 der jenſeitigen Huͤgelwand der Rems und ihren Tannen die ſchoͤnen Spitzen der untern Alb, Hohenſtaufen, Rechberg, Ro⸗ ſenſtein, mit jedem Schritt wieder eine andre, mit jedem Sonnenblick wieder anders beleuchtet, lauſchend und zauberiſch hervor. * Aus der ernſtheitern Gegend durch die dunkeln Thore und Vorhoͤfe tretend, muß der Wandrer von der uralten, ſchmuck— loſen, duͤſtern Kloſterkirch e, in deren Nacht er jetzt eintritt, wunderbar afficiert werden. Sparſame, zum Theil verbaute, Fenſter ſtreuen ein Licht in die gruftaͤhnliche Halle, das erſt dann erhellt, wenn das Auge ſich an die vorherrſchenden Schat— ten gewoͤhnt hat. In dieſem Helldunkel gewahrt der Wandrer ſowohl in dem Schiffe der Kirche, als in deren Chor eine ſchoͤne Anzahl von Grabſteinen, die, das mittlere, Altaraͤhnliche, ausgenommen, nach der alten Sitte Theile des Fußbodens ausmachen. Das Herz muß ihm ſchlagen, wenn er von dem Fuͤhrer hoͤrt, daß er hier uͤber lauter Gräber des hohen— ſtaufiſchen Geſchlechts wandelt. Da aber dem Gerede halb unterrichteter Fuͤhrer am wenigſten zu trauen iſt, ſo hoͤre er lieber den Geſchichtſchreiber an, ſelbſt wenn dieſer manche ſchoͤne Taͤuſchung zerſtoͤren ſollte. Sattler giebt uns folgendes ſtolzlautendes Verzeichniß der Staufiſchen Graͤber, das wir aus andern Notizen fo er⸗ gaͤnzen: In der Kirche ſelbſt: das Grab Herzog Friedrichs I., 1 1105 und feiner Gemahlin Agnes, König Heinrich IV. Tochter T 1145, der Stifter des Kloſters, und unterhalb der— ſelben Ludwigs und Walthers, der beiden Brüder Fried- richs, wie auch Judiths (v. Baiern), der Mutter von Kaiſer Friedrich Barbaroſſa. Im Chor waren drei Gräber (eedoch ſchon zu Cruſius Zeit nur noch Eines vorhanden; vielleicht Irene's.) Naͤmlich: 1) in der Mitte liegt Heinrich, roͤm. König, Sohn König Conrad II., 7 vor feinem Vater 1150, und Friedrich, Herzogs in Schwaben. Dieß war ein Bruder von Heinrich, der eine Tochter Heinrichs des Löwen, Richenza, zur Gemahlin hatte und kinderlos ſtarb. 2) Auf der rechten Seite der Vater dieſer beiden, König Conrad II. T 1152, mit ſeiner Gemahlin Gertrud von Sulzbach, und vier Soͤhr nen (Brüder der unter Nro. 1 genannten): Reimbold. Friedrich der jüngere. Wilhelm und Friedrich. Die beiden letztern Namen find in jedem Fall irrig, denn einen — f 261 dritten Friedrich hatte Conrad nicht und einen ſtaufiſchen Wil⸗ helm kennt die Geſchichte nicht; obgleich Cruſius in einer alten verfificirten Moͤnchsgrabſchrift zu Lorch dieſen Namen auch las. 3) Auf der linken Seite: Irene oder Maria Graeca, Toch- ter des griech. Kaiſers Iſaak, die Gemahlin des ungluͤcklichen Königs Philipp, von der wir bei Hohenſtaufen geſprochen + 1208); dieſer fügt Sattler noch ihre Tochter Beatrix bei; da aber Irene eine unzeitige Geburt zur Welt gebracht hat, an der ſte ſelbſt ſtarb, ſo liegt wohl dieſe bei ihr begraben, nach dem Zeugniß der lat. Moͤnchsgrabſchrift; eine deutſche Ueberſetzung in Knittelverſen aber, die Cruſtus auch anfuͤhrt, macht dieſe unzeitige Geburt zu einer Tochter Beatrix. Daher wohl Sattlers Irrthum, den auch Cruſtus theilt. Da⸗ gegen erwaͤhnt die angefuͤhrte lat. Moͤnchsgrabſchrift bei den vier Kindern Conrads und Gertruds ſtatt eines Fried— richs, der nie exiſtirt hat, einer Beatrix. — Vor den Staf- feln des Chors ſah man ehemals noch zwei Graͤber, in deren einem Reginald, in dem andern Friedrich begraben lie⸗ gen ſollten, angeblich Söhne Kaiſers Philipp (2) Sattler hat dieſe letztere Notiz auch von Cruſius. Das ganze obige Ver⸗ zeichniß ſcheint ſich bei Sattler überhaupt auf Cruſius, bei dieſem auf jene, ſpaͤteren und truͤgeriſchen, Moͤnchsgrabſchrif— ten, und des Lorcher Kloſtermoͤnchs, Spindlers, Zeugniß zu gründen, der unter andern auch den Sohn Barbaroſſa's, Friedrich, der doch auf ſeines Vaters Zug in Aſien ſtarb, hier begraben ſeyn laͤßt. Leider zeigt ſchon der bloße An⸗ blick, daß die jetzt vorhandenen Grabmaͤhler neuere Ar⸗ beit ſind. Auch die Geſchichte beſtaͤtigt dieſes. Cruſtus führt jenen Lorcher Conventual, Fr. Jak. Spindler von Goͤppin⸗ gen, an, der erzaͤhlt, wie er von den „Alten des Convents,“ deren Namen er nennt, als Augenzeugen gehoͤrt, daß im Jahr 1475 „das Grab der Stifter aufgethan, der Stein aufgehebet, und neu gemacht worden.“ „Da hat man funden viel Gebeins, klein und groß; ſind unter ſolchen viel, die drei Spannen lang geweſen ſeyn. Auch viel Hauptſcheden (Schaͤdel). — Und beſonders als aufg e⸗ than ſind worden die Graͤber von der Sakriſtei: hat man gefunden Hauptſcheilen, an welchen noch huͤbſch gelb Haar iſt geweſen, und auch kleine Spoͤrnlein, auch an⸗ der Ding, das man vor Alter nicht hat können erkennen, was 262 es ſey. — Es find auch im Langmuͤnſter etliche Sachen in den Felſen gehauen. Denn der Fels ſteigt allda auf bis zu dem Paviment (Eſtrich), darin die Stifter ſamt den andern ſind begraben worden.“ — Eine neue zZerſtoͤrung erfuhren wohl die Gräber bei der Verwuͤſtung des Kloſters durch die Bauern im J. 1525, von der es erſt im J. 1547, „da es etlicher maßen wieder neu er⸗ baut ward“ ſich erhohlte. » Welche alſo von den ſtaufiſchen Familiengliedern hier beigeſetzt worden, auch, ob ihre Gebeine ſpaͤter hieher gebracht worden ſeyen, laͤßt ſich nicht mit Gewißheit beſtimmen. Am ſicherſten iſt es wohl von Herzog Friedrich I, dem Stifter des Kloſters, der im J. 1105 ſtarb, deſſen Gebeine aber nach handſchriftlichen Nachrichten erſt im J. 1140 hieher gebracht worden ſeyn ſollen ); und von der Katferin Irene, wie⸗ wohl das Kloſter Ebrach in Franken noch mit Lorch um dieſe Ehre ſtreitet. Auſſer dieſen Grabmaͤlern ziehen verbleichte Gemaͤhlde beruͤhmter Staufen an den Saͤulen der Kirche die Blicke des Beſchauers auf ſich. Cruſius hat fie noch farbenhell ge⸗ ſehen. Hier iſt fein beſchreibendes Verzeichniß derſelben: 1. Friedrich J., Herzog in Schwaben, und ſeine Gemah⸗ lin Agnes, halten knieend mit erhabenen Haͤnden das Kloſter in die Hoͤhe, als gutthaͤtige Stifter. Er als ein alter, grauer Mann, in einem gruͤnen Kleid von Pelz. Sie in einem fleifch- farbigen Rock, daruͤber ein braunblauer Mantel iſt. 2. Friedrich 1. der Einaͤugige, des erſten Sohn, in ei⸗ nem rothen Kleid und gruͤnen Struͤmpfen. 3. Deſſen Sohn Friedrich der Rothbarth. Sein *) Sein ſteinernes Grabmal, das jezt, wie ein Altar in der Mitte ſteht, und das ſchon Cruſius ſo fand, ſtammt von jener Renovation her, von welcher Spindler ſpricht. Es iſt faſt 11 Spannen lang, 6 breit und 6 hoch. Um ſeine 4 Seiten, im oberſten Umgang find folgende Worte eingehauen: 1. Anno Domini 1102 war dieß 2. Kloſter geſtift. Hier liegt begraben Herzog Friedrich von Schwaben. Er und 3. ſein Kindt, dieß Kloſters Stifter geweſen ſind. 4. Sein Nachkommen liegen auch hiebei. Gott ja allen gnaͤdig ſey. Gemacht im J. 1475. Ru \ 263 Kleid iſt ein grüner Rock, und fein Barth roth, in zwei Theile getheilt. Cruſtus fand, daß er dem D. Eberhard Bidenbach, ſeiner Zeit Abt zu Bebenhauſen, aͤhnlich ſah. 4. Kaiſer Heinrich M. in einem himmelblauen Pelz— kleid und gruͤnen Struͤmpfen. 5. Kaiſer Friedrich II. in einem braunblauen Kriegs⸗ Habit. ; 6. Conrad, roͤmiſcher König, im grünen Kleid und ro⸗ then Struͤmpfen. 7. Conradin, ein junger Herr von ſchoͤnem Angeſichte, geharniſcht, mit einem Schwert in der rechten Hand; ein lauger Talar haͤngt ihm uͤber den Ruͤcken. Der Helm liegt zu ſeinen Fuͤßen. Ueber dieſem Bild iſt folgende Figur: Er liegt auf einem Block. Der Scharfrichter laͤßt das Beil an einem Seil auf deſſen Nacken fallen. Hinter dem Scharfrichter ſitzt der Pabſt auf dem Thron, ſamt einem Cardinal und Carl von Anjou. a 8. Der Koͤnig Philipp und Irene. Sie halten knieend eine Tafel in die Hoͤhe, er mit der rechten, ſte mit der linken Hand. Ihre Kleider bedecken die Füße. In der Mitte die- ſer Tafel iſt Chriſtus am Kreuz, darunter Johannes und Maria; rechts die Opferung Iſaaks, links die erhoͤhte Schlange Mofis. Philipp tragt eine Krone, hat rothe Haare und Bart (wie fein Vater Barbaroſſa), einen braunblauen Kragen von Seide um den Hals, einen gruͤnen Rock mit Pelz verbraͤmt. Irene iſt gekrönt, trägt hinten, unter der Krone eine braunblaue Haube, vorn etwas weiſſes; hernach einen weiſſen Kragen und braunblauen Rock mit Ermeln, die hinten eng, vornen weit ſind; Rock und Ermel ſind mit Gold ver— braͤmt. Ueber jener Tafel aber ein Bild Mariens mit dem Jeſuskind, das Wappen des Kloſters, und die drei Bildniſſe Pauli, Maris und Petri. 5 Saͤmmtliche Gemaͤhlde muͤſſen Cruſtus alt erſchienen ſeyn, denn er ſpricht noch von einer unbedeutenden Figur aus neuern Zeiten. — Eine Abbildung dieſer merkwuͤr— digen Gemaͤhlde, mit den Farben unſers Cruſtus aufgefriſcht, iſt kuͤrzlich in der „Anſicht der Kloſterkirche zu Lorch, durch Sebald Baumeiſter in Gmuͤnd,“ erſchienen. 264 Die dritte Merkwuͤrdigkeit der Kirche iſt das alte Fami⸗ lien⸗Begraͤbniß der Woͤllwarthe. Vierzehn Steinbilder Woͤll⸗ warthiſcher Ahnen (aus den Jahren 1409 — 1567) find an zwei Seiten und an der obern Mauer des Gewoͤlbes aufgeſtellt. An Einer Statue ſteht die Inſchrift. Die Buchſtaben waren golden, und wurden daher im Bauernkrieg von den Aufruͤh— rern geraubt. — Auf eine graͤßliche Weiſe zeichnet ſich das Steinbild Ulrichs von Woͤllwarth (T 1505) aus; dieſe Statue hat einen zerfreſſenen Bauch, aus dem Haupt kriecht eine Schlange, ein Froſch und eine Eidechſe. Er ſoll auf der Jagd verirrt und ſein Leichnam im Wald in falten Zuftande gefunden worden ſeyn. — Endlich ſah Cruſtus noch folgendes, wunderbar Aegis Gemaͤhlde zu Lorch, das, wahrſcheinlich kurz vor ſeiner Zeit verfertigt, ſich in einer mit dergleichen Raritaͤten bemahlten alten Abtsſtube noch heut zu Tage vorfinden moͤchte: ä „Man ſieht einen Baum, auf welchen Jemand ſteigt. Der Honig fließt. Es ſind zwei Maͤuſe, die unten den Baum benagen, eine weiße und eine ſchwarze. Der Tod ſitzt auf einem ſchnell laufenden Eichhorn, und haͤlt einen geſpann⸗ ten Bogen, worauf ein Pfeil liegt. Es ſind Schlangen da, es iſt ein Drache da. Dabei ſtehen deutſche Reimen, welche die Auslegung mittheilen: der Baum bedeutet des Menſchen Le⸗ benszeit. Der Menſch ſteigt hinauf und begehrt ſtets langer zu leben. Er will Honig eſſen, d. i. eitle Wolluͤſte genuͤßen. Die weiße Maus bedeutet den Tag, die ſchwarze die Nacht: beide benagen den Baum, d. i. die Zeit hat Gewalt, die Na⸗ tur umzukehren, fie verzehrt das Leben und Alles. Der Tod verfolgt uns mit einem verderblichen Anlauf, er ſpannt ſei⸗ nen Bogen, drohet den Untergang und bringt ihn auch. Der Menſch wird eine Speiſe der Wuͤrmer (Schlangen). Der alte Drache iſt der Teufel, welcher ihn zu verſchlingen ſucht.“ Geſchichtliches über Lorch. Das Dorf Lorch, Laureacum, deutet, wie die Stadt und das ehemal. Erzbißthum Lorch in Oeſtreich, vermoͤge ſeines Namens auf roͤmiſchen Urſprung, wie denn die letztere auch wirklich in einer bekannten roͤmiſchen Topographie ſchon genannt it. Unſer Dorf war ein altes Beſitzthum der Frevherrn von Buͤren oder Staufen, und auf dem Huͤgel, wo jetzt das BR 265 Kloſter ſteht, damals der Marienberg, oder Liebfrauen— berg genannt, ſtand eine Vurg dieſes Geſchlechts. Sattler ſah noch einen Thurm davon, den die aufruͤhriſchen Bauern im J. 1524 vergebens verſucht hatten, abzubrechen. In dem Dorfe Lorch hatte nach Cruſtus ſchon Hildegard, die er Wittwe eines Heinrichs von Staufen oder Büren und geborne Graͤfin von Helfenſtein nennt, die aber eine geb. Gräfin von Hohenlohe und Gemahlin eines Friedrich (von Buͤren?) war, eine Kirche und ein Stifthaus zu bauen angefangen. Es ge» hoͤrte aber zu dem Ehrgeiz aller alten Familien des damali— gen Zeitalters, ein eignes Familienkloſter zu haben. So ward von Friedrich von Staufen, dem erſten Herzog dieſes Ge— ſchlechts in Schwaben, und ſeiner Gemahlin Agnes, und von ihren Soͤhnen, Friedrich und Conrad die Burg in ein Be— nediktinerkloſter verwandelt und das Canonikerſtift im Dorfe Lorch vielleicht damit vereinigt. Hier ſollte fuͤr ſein, ſeiner Voreltern und Nachkommen Seelenheil unablaͤßig gebetet wer⸗ den, hier wollte er einſt ruhen, und ſeine Nachkommen in ge— weihter Erde um ſich verſammeln. Das neugeſtiftete Kloſter wurde von Friedrich im J. 1706 mit Hirſchau'ſchen Moͤnchen beſetzt. Die Familie behielt ſich den beſondern Schirm uͤber das Kloſter vor. Kaiſer Friedrich J., des Herzogs Enkel, war es, der, ehe er noch die Krone anſgeſezt, den Kloͤſterlingen als Schirmer beſonders gefiel, und ihnen von Kaiſer Conrad bewilligt wurde. Als Kaiſer beguͤnſtigte er das Kloſtet auf alle Weiſe und befreite es von allen unguͤnſtigen Leiſtungen. Auch Heinrich der VI. und Friedrich II. hielten die Schirms— vogtey über das Kloſter als Familieneigenthum aufrecht, ob— gleich das Kloſter etwas mistrauiſch gegen den letztern war. Sein Sohn Conrad der IV. ſtand noch in gutem Vernehmen mit dem Kloſter. Aber ſeit den Staufen ihr deutſches Erbe nicht mehr genuͤgte, und ihre Habſucht nach dem gefaͤhrlichen Suͤden grief, hatte das Kloſter manchen harten Kampf um ſeine Guͤter, Freiheiten und Rechte zu kaͤmpfen, und noch mehr als, nachErloͤſchung des Staufenſchen Hauſes, Rudolph von Habsburg, den keine Familienanhaͤnglichkeit an das Kloſter feſſelte, — obgleich er die Verordnungen ſeiner erhabenen Vorfahren ehrte — den Schutz einem feiner Keihsbeamten und Getreuen zu uͤbertragen ſich vorbehielt. Nach Rudolphs Tode warfen ſich endlich die Moͤnche Graf Eberhard von 5 266 Wurtem berg in die Hände (1291), und nun übte dieſes Haus die Schirmvogtei; aber die Moͤnche benuͤtzten die naͤchſte beſte Zwiſtigkeit Wuͤrtembergs mit dem Kaiſer, (Graf Ulrichs mit Ludwig) und begaben ſich 1551 wieder unter des Kaiſers Schutz; und doch hatte Wuͤrtemberg die Vogtei treu und un— eigennuͤtzig geuͤbt und Kaiſer Carl, empfahl im J. 1373 und 1577 das Kloſter dem Grafen ausdruͤcklich. Kaiſer Wenzel er— laubte im J. 1398 dem Kloſter, einen allgemeinen Schutzherrn über feine Güter. zu waͤhlen und nach Velieben wieder ab— zudanken. Doch ſcheint Wuͤrtemberg eine fortwaͤhrende Schirm⸗ gerechtigkeit daruͤber geuͤbt zu haben, wie denn Graf Ulrich zu Wuͤrtemberg daſſelbe im J. 1462 wegen aͤrgerlichen Lebens der Mönche durch den Abt zu Hirſau und den Prior zu Gi: terſtein reformierte. Trotz feiner reichen Beſttzungen ſteckte das Kloſter ſich ſehr fruͤhe in Schulden bei Juden und Chriſten und mußte im J. 1290 ſeine Weinberge, die es bei Stuttgart beſaß, verpfaͤnden. Der Pabſt aber ſuchte ihm durch reiche Ablaͤße zu helfen. Doch fuhr es mit Verkaufen und Abtretungen fort. Indeſſen war es, als der furchtbare Bauern-Aufruhr herannahte, noch reich um genug die Empoͤrer anzulocken. Schon an dem Auf— ruhr des armen Conrad im J. 1514, hatten die Lorchiſchen Unterthanen Theil genommen, wurden aber zu Paaren getrie— ben und mußten dem Abt ſchwoͤren, die Sturmglocke nicht mehr zu ziehen, nicht auszuwandern, eine Geldſtrafe und den ordentlichen Leibzins zu entrichten. Aber die Verheerungen des Bauernkriegs im J. 1524 konnte das Kloſter nicht abwen⸗ den, ja keines wurde harter getroffen. Am Oſtermontag dieſes Jahrs empoͤrten ſich die Schenfi- ſchen Bauern. Ihr Haupt und Canzler war Wolfgang Kyr— ſenbeiſſer, Pfarrer zu Frickenhofen: ihr Faͤhnrich, Juden⸗ hut von Weſten. Mit ihnen verbanden ſich die Bauern von Gelbingen, Thann, Sontheim, Velberg und an der Viſchach. Mit ſolcher Mannſchaft zogen fie auf Hohenſtaufen los, deſſen Schickſal wir oben erzaͤhlt haben. Am 29. April bemaͤchtigten fie ſich Lorchs, brannten das Gotteshaus von Grund ab, pluͤnderten die Kleinodien und Koſtbarkeiten, und erklaͤrten alle Privilegien des Kloſters für aufgehoben. Den Abt Seba- ſti an aber erfchlugeu fie; die Mönche trieben fie ins Elend. Eine Menge Dokumente, die das gleichfalls bedrohte Kloſter 267 Murrhard hieher gefluͤchtet, wurden mit ein Raub der Flam⸗ men. Die Bauern hatten eine Zeitlang hier ihr een tier (ſ. Anhg. über Gmünd). Veroͤdet lag das Gotteshaus nun bis zum J. 1547, wo es neu aus der Aſche emporſtieg. Unter dem Abte Benedickt Reb— ſtock ward das Kloſter von Herzog Chriſtoph reformiert und nach deſſen Tode 1565 der erſte evangel. Abt, Georg Udal ernannt. Bei ſeinem Nachfolger Abel Vinarius (Weinlin) kehrte Grufius ein, und lobt feine Tafel. Im zo jährigen Krieg ward das Kloſter 2 mal wieder von den Katholiſchen beſetzt, das erſtemal im J. 1651. von kaiſerl. Commiſſarien, das andermal im J. 1634 nach der Noͤrdlinger Schlacht von den Moͤnchen. Erſt mit dem weſtphaͤliſchen Frieden ward es en und von 1651 an wieder mit evangeliſchen Aebten eſetzt. — Hier verlaͤßt der Wegweiſer ſeinen Wandrer. Wer nach Tuͤbingen zuruͤck will ohne Stnutgart zu berühren, ſucht den Weg nach Nürtingen über Schorndorf(2 /, Schlichten (1), Thomas hart (%, Hegenloch (%, Reichenbach (%, Hochdorf (/, Steinbach (,, Wendlingen (), Unterboihingen (%, Oberboihingen (0, (Nuͤrtingen /; zuſammen 9 Stunden. Schorndorf zieht ihn an durch ſeine alten Feſtungswerker, und durch die Erinnerung an die Heldenthat feiner Weiber, die im J. 1688 auf den Waͤllen erſcheinend die Franzo— ſen abtrieben; Nuͤrtingen, ein liebes, geſelliges Staͤdt⸗ chen, durch ſeine herrliche Lage am Neckar, an einer Vorhuͤgel— kette der Alb gegen S., im Hintergrunde Neufen gegen S. W. Von der Albkette kann der Wandrer hier am beſten auf der Wolfſchluger Höhe (1 St. von Nürtingen noͤrdlich), Ab⸗ ſchied nehmen. — Das Staͤdtchen Nuͤrtingen hat von ſeinem reichen Spital ſchoͤne Gebaͤude, eine huͤbſche Neckarbruͤcke, ein altes Schloß, und ſein Kirchhof iſt durch den Krieg mit Kai— fer Rudolph I. im J. 1286 berühmt. — Von Nürtingen geht der Weg über Neckarthailfingen (1, Schlair⸗ dorf (4) Waldorf (1), Luſtnau (2), nach Tuͤbin⸗ gen (/. (oder am Neckar fort über Mittelſtadt, Plie tz⸗ hauſen und Kirchentellins furt). 268 Wer nach Stuttgart heim reist, geht auf der Landſtraße über Schorndorf (2 /, durch das liebliche Remsthal nach Waiblingen 6 7 St.), Kanſtadt (2 St.), Stuttgart ( S. (zuſammen (8 / Stunden.) Ihn wird es nicht reuen bei Gruonbach (2 St. von Schorndorf, im Remsthal) die mit Reben und Wald beſetzte Anhoͤhe rechts (/ St.) zu beſteigen und in dem koͤſtlichen, hochgelegnen Dorfe Buch der wohlbekannten Albkette, die ſich hier mit einem unver- gleichlichen Vordergrund darſtellt, ein Lebewohl zu ſagen. Bei Großheppach (% St. von Gruonbach) verlohnt ſich der Ab— ſtecher nach Beutelſpach (ſuͤdlich „ St.), wo einſt uͤber dem Flecken die Burg Beutelsbach und in demſelben das Stift mit dem Erbbegraͤbniß der Grafen von Wuͤrtemberg ſtand. Beide wurden 151 zerſtoͤrt. In der Kirche findet der Wan⸗ drer einen Grabſtein, der das aͤlteſte Wuͤrtemb. Wappen ent⸗ haͤlt. Dazu eine Menge uralter eingemauerter Steine mit Symbolen, welche ganz an die der Belſener-Kirche erinnern. Von Beutelſpach gieng der unter dem Namen des armen Conrad (Koin Rath) bekannte Bauern-Aufruhr im J. 1518 aus. An dem benachbarten Cappelberg, den die Bauern ver⸗ ſchanzt hatten, führt die Reiſenden die Straße rechts vorüber. — Den letzten Abſchied von der Alb nimmt der Stuttgar— ter auf dem Kahlenſtein (% St. von Stuttgart), einem herrlichen Punkte, den der Geſchmack des Koͤnigs Wilhelm ſich zu einer Luſtwohnung beſtimmt, und von welchem aus er den Mittelpunkt des Gebirges, die ehrwuͤrdige Teck und in der cähe den alten, Stammſitz Wuͤrtembergs, den Rothenberg, mit ſeinem erſten Denkmale, ſcheidend begruͤßt. ’ 269 Erſter Anhang. Andeutung zweier Touren nach der Donau— ſeite der Alb, die in Verbindung mit der vorſtehenden Reiſe zu bringen ſind. Allgemeine Bemerkung. Die ganze Donauſeite der Alb zu bereiſen waͤre zwecklos; das Gebirge verflacht ſich hier allmaͤhlig, ſo daß es nur in breiten Haiden oder waldigten Huͤgeln, hier und da faſt un— merklich in die Donauebne herablaͤuft, und zum groͤßern Theile keine Reize und keine Merkwuͤrdigkeiten darbietet. Dagegen laufen von dem Gipfel und der Mittelflaͤche der Alb aus noch einige ſchoͤne Thaͤler, vom Schluſſe der Muͤndung zu gerechnet, ſuͤdlich, nach der Donauſeite, deren Geſtaltung, Fluͤſſe, Schloͤſſer wohl Anſpruch auf Beſuche machen koͤnnen; unter dieſen zeichnen wir das Lauchertthal, das Brenzthal, das Blaut hal, das Schmichenthal, und vor allen das Lauterthal aus. Sie werden von minder hohen Bergen gebildet, da ihr Schluß meiſt ſelbſt ſchon auf bedeutender Gebirgshoͤhe iſt, und ihrer Oeff— nung zu die Gebirge immer flacher werden; auch iſt ihr Grund meiſt nur ein reinliches Wiesthal ohne, oder mit wenigem Obſt, und mehrere find ſelbſt in Beziehung auf die Berge, etwas arm und kahl; doch haben namentlich das Lauterthal und das Blauthal eine gewiſſe jungfraͤuliche Unſchuld, die ſte hoͤchſt anziehend macht, das Lauterthal neben derſelben Zunge fraͤulichkeit, Reichthum an Waͤldern und Burgen, und das Brenzthal an Felſen und Schloͤſſern. Um dieſe Thaͤler von der Neckarſeite aus aufzuſuchen, geben wir nun kuͤrzlich zwei Touren an, wobei immer auch einige Segmente der Donauebene mit in die Reiſe gezogen werden. * Er ſte Tour. Ueber das Hardtgebirge an die Donau nach Sigma— ringen und das Lauchertthal hinauf. Antritt der Tour: Bei Lautlingen (ſ. S. 35.), oder Ebingen (ſ. S. 34.). a 7 ‚270 Austritte Bel Undingen, zwiſchen Genkingen und dem Schloß Lichtenſtein, oder bei dem letztern (ſ. S. 65.) Reiſeſtunden: 24% Marſchroute: Von Lautlingen nach Meß ſtet⸗ ten (a St.), nach Schwenningen durch das wilde Hardt: gebirge (2%; St.), nach dem Schloßgut Werenwag an der Donau (% St.), koͤſtlicher Niederblick von einem Felſen auf die Donau. — Jetzt die Donau abwaͤrts nach Hauſſen im Thal (% St.), Unterneidingen (/ St.), Falkenſtein ( St.), beim Thiergarten (/ St.) über die Donaubruͤcke; nach Gutenſtein % St.), nach Tilſingen (1 St.), In⸗ zighofen % St.), Laiz über die Donau zuruͤck (% St.); bald wieder hinuͤber uͤber die Donau, nach Sigmaringen , St.) Zuſammen von Lautlingen uber Werenwag nach Sigmaringen: 10% St. Von Sigmaringen (über die Donau) nach Dorf Sigmaringen ( St.), hier Eintritt ins Lauchertthal. Ueber die Eiſenſchmidte nach Hitzkofen (1% St.), nach Bingen ( St.), Hornſtein (% St.), Jungnau (/ St.), Dorf Vöhringen (% St.) Allerliebſte Gegend mit Felſen und Waſſerfaͤllen der Lauchert. Schweizerhaus (brave Herberge). Nach Voͤhringen Stadt (Felfen und Höhlen, aber oͤde) (4 St.), nach Inneringen (% St.), nach Het⸗ tin gen (1% St.), nach Gamerdingen (Schloß) (% St.), Bronnen (4 St.), Kloſter Marienberg (% St.) auf der Hoͤhe (ſehr ſchoͤne Waldparthien) mit einem lieblichen Blick ins Lauchertthal. Moͤgerkingen (% St.), Haufen an der Lauchert (/ St.), Stetten (St.) an Erpfingen vorbei nach Undingen (27, St.), nach Genking en (1St. S. S. 59.) oder von Moͤgerkingen auf die Albhoͤhe nach dem ſigma— ringiſchen Staͤdtchen Trochtelfingen (% St.), dann über Wald und Albgebirg nach Schloß Lichtenſtein, theilweiſe ſehr gute Fahrſtraße (27 St.) Zuſammen von Sigmaringen nach Genkingen: 14 St., nach Lichtenſte in: 12 St. | 271 Zweite Tour. Durch das obere Lauterthal herab, ins Glasthal, über Zwiefalten nach Riedlingen, auf den Buſſen, nach Munderkingen, durchs untere Lauterthal hinauf, ins Schmichenthal nach Blaubeuren; durchs Blauthal nach Ulm, über Albeck ins Brenzthal, nach Heidenheim; uͤber Koͤnigsbronn und den Albuch. Antritt: Bei Muͤnſingen (ſ. S. 244.) Austritt: Bei Lauterburg im Albuch (ſ. S. 119.) Reiſe ſtunden: 55 — 56 St. 1. Oberes Lauterthal. Von Muͤnſingen nach Steingebronn (1 St.), einem Dorf, das von ſeinem Quell den Namen fuͤhrt, wie denn uͤberhaupt dieſe Gegend der Alb waſſerreich iſt. In der eaͤhe die Buchhalden und der Guckenberg mit ausge— zeichneten Ausſichten, vom leztern auch nach der Alpenkette. Dann nach Gomadingen an der Lauter und am Fuße des in naturhiſtoriſcher Hinſicht merkwuͤrdigen Sternenberges (St.), auf deſſen Sattel ein Quell entſpringt, der Offenhauſen zufließt; der Gipfel wuͤrde eine ungemeine Ausſicht gewaͤhren, wenn ausgehauene Plaͤtze da waͤren. Von Gomadingen nach Offenhauſen (/ St.), einem herrſchaftlichen Stut— tenfohlenhof. Die uralte Kirche mit dem angehaͤngten Kloſterge baͤude (beides ein Fruchtkaſten), verdienen wegen der fonderbaren Geſchichte des abgegangenen Nonnenklo— ſters Offenhauſen eine Beſichtigung.“) Im Garten des *) Die Umwohner ſollen es zur Strafe, daß fie Kaiſer Friede rich II. auf einem Feldzuge nach Sicilien nicht begleiten wollten, haben bauen muͤſſen, und für 72 Jungfrauen hin- laͤnglich ausſtatten (im Jahr 1250). Man wollte dadurch die uͤbelberuͤchtigten Offenhaͤuſer bekehren. Aber vergebens erhielt das Kloſter den Namen Gnadenzell. Der böfe Geiſt der Dorfbewohner pflanzte ſich auf die Nonnen fort. Angebliche Verwandte der Herren von Lupfen, der Haupt⸗ ſtifter des Kloſters, beſuchten gar haͤufig daſſelbe mit luſtigen Geſellſchaftern. Mahlzeiten, Trinkgelage und Taͤnze entweih⸗ ten die heiligen Mauern, und wenn bei einer oder der an⸗ dern Nonne die ſchlimmen Folgen ſichtbar wurden, ſo zog 272 Kloſters (durch den Thorwarth um ein kleines Trinkgeld zu öffnen), entſpringt aus Felſen in drei klaren, ſprudelnden Quellen die Lauter, das anſehnlichſte der Albfluͤßchen dieſes Namens, und treibt alsbald eine Muͤhle. Von Offenhauſen, etwa uͤber den Sternenberg nach Gomadingen zuruͤck (1% St.), und nun an der Lau⸗ ter fort (immer Chauſſée), nach dem ſchoͤnen herrſchaftlichen Hauptgeſtuͤtte Marbach. Hier ſind die Mutterſtutten befindlich. Den Flor der Stutterei gruͤndeten zwei beruͤhmte Stuttenmeiſter, Hartmann Vater und Sohn; beide wurden ſteinalt und wirkten hier zuſammen über go Jahre. Der Vater richtete das Ganze unter Eberhard Ludwig ein; der Sohn ſtarb, über 80 Jahre alt, im J. 1820. Er hieß noch immer Hartmann der Junge, und iſt der Verfaſſer eines klaſſiſchen Werkes uͤber Pferdezucht. Jetzt ſteht das Geſtuͤtte unter der dieß nichts andres nach ſich, als kurze Entfernung aus dem Kloſter, „damit die Waͤnde nicht (von Kindern) beſchrieen würden,” Graf Eberhard im Bart dachte im J. 1463 ernſtlich auf eine Reformation des Kloſters. Er erſchien per— ſoͤnlich, ſtrafte mit Worten den Unfug, und ließ aus gu— ten Kloͤſtern Muſternonnen kommen, die aber bald von Hun⸗ ger gequält, unter Fluch und Gelächter der einheimiſchen, abziehen mußten. Jetzt ſperrte Eberhard das Kloſter allem maͤnnlichen Zutritt; nach 15 Jahren beſuchte er es wieder, und ſandte den Nonnen einen ehrlichen Beichtvater. Von dieſem lernten ſie zwar das Chorſingen; aber ſie plagten ihn mit allen erſinnlichen Bosheiten, legten ihm Hafenſcherben, Teller und andres auf die Treppe, um zu hoͤren, wenn er kaͤme, und die verbotnen Dinge wegſchaffen zu konnen. Der Alte ward krank weggebracht, und auch fein Nachfolger weg- gebiſſen. Endlich dachte man darauf, die Rotte aufzuldͤſen, und in einzelne Kibſter zu vertheilen. Nun ſchafften fie alle Kleider, Betten, Hausrat) aus dem Kloſter, verſteckten, was ſie nicht wegſchaſſen konnten, oder kauften Früchte und ſuͤße Weine dafuͤr. Aber die Reformirſchweſtern erſchienen mit dem Kanzler des Grafen, und am ꝛ2ſten Sept. 1480 Eber⸗ hard ſelbſt, mit ſeiner Gemahlin, zahlreichem Gefolge und unzaͤhligen Zuſchauern. Jetzt wurden den Nonnen alle Vers waltungsſtellen abgenommen, das Entwendete zuruͤck erpreßt, eine neue Suübpriorin und Schaffnerin ernannt. Die alten Nonnen wurden in andre Kldͤſter geſteckt. Obgleich nach 3 Jahren der Blitz die Kirche und eine Reformierſchweſter traf und Zweifel gegen die neuen Regentinnen erregte, ſo erhiel— ten ſich dieſe doch. Beſſere Zucht ward eingefuͤhrt und Graf Eberhard ſchenkte dem Kloſter einige Kirchenſaͤtze. 273 Aufſicht des verdienſtvollen Stallmeiſters Authenrketh. Jaͤhr— lich zur Beſcheelzeit kommen die vorzuͤglichſten Hengſte aus dem herrſchaftlichen Marſtall zu Stuttgart mit einem Stall— meiſter hieher. Die geworfenen Fohlen werden im Herbſt abgeſtoßen, die Stuttenfohlen nach Offenhauſen, die Hengſtfohlen nach Guͤterſtein und von dort zur Som— merweide nach Skt. Johann. Von Marbach fuͤhrt eine treff— liche Chauſſse ab von der Lauter, in ein noͤrdliches Seitenthal nach dem huͤbſchen koͤniglichen Jagdſchloß Graveneck (4, St.), das auf einen Hügel aumuthig gebaut ift. Der erſte Gründer iſt Herzog Chriſtoph, der auch einen Theil der feinen Tan— nenhayne angelegt haben ſoll, die, Fremdlinge auf der Alb, das Schloß umgeben. Von dem Viereck, das Chriſtoph hier erbaut, ſteht nur noch der hintre Theil, aber auch dieſer von Herzog Carl in den ı76oger Jahren umgeſchaffen. An der vor— dern Seite wurde damals ein neuer Bau, dag jetzige corps de logis aufgefuͤhrt, das jetzt ſo freundlich vom Huͤgel herabſchaut, und aus deſſen Saͤlen man die huͤbſche Ausſicht in das von Buchenwaldungen ſchoͤn umkraͤnzte Thal genießt. Es enthaͤlt noch ein ſchaͤtzbares Gemaͤlde von Harper, Graveneck und ſeine Umgegend vorſtellend. Rechts und links lehnt es ſich an die Wurzeln zweier alten Thuͤrme, deren abgetragne Kegel zu Altanen benutzt worden, und die auch noch aus Herzog Chri— ſtophs Zeit ſtammen. An die Schloßgebaͤude reihten ſich von hinten eine betraͤchtliche Anzahl andrer Haͤuſer; aber viele ſind jetzt abgebrochen; namentlich wurde das Theater unter Koͤnig Friedrich nach Monrepos verpflanzt; der Offiziantenbau iſt von dem regierenden Koͤnig dem Verein der Muͤnſinger Privaten fuͤr Veredlung der Pferdezucht eingeraͤumt worden. An der Hauptallee der jetzt groͤßtentheils eingegangenen Anlagen ſte— hen noch ſeltſame Kaſematten, von Herzog Carl erbaut, ohne daß man deren Gebrauch recht einſehen koͤnnte. Sie ſeyen mit Vorhaͤngen verſehen geweſen und der Herzog habe darin der Kuͤhle des Abends, bei ſaurer Milch und andrem laͤndli— chen Mahle genoſſen, erzählen die altern Bewohner. Das Schloß wird von einer kleinen Invalidengarniſon bewacht. Ein Hausſchneider zeigt das Innere dem Fremden. Am Fuße des Huͤgels hat der Foͤrſter (ehedem Burgvogt), ſeine Woh— nung. Eine herrliche Ausſicht gewaͤhrt der benachbarte Ort buch, ein waldiger Berg (meiſt Buchen, wenig aufge⸗ G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 18 274 drungne Tannenſchonung), etwa » Stunde von Graveneck, hordoͤſtlich, rechts von der ſchoͤnen Muͤnſingerſtraße. Man name einen kundigen Führer von Graveneck und laſſe ſich hinauf geleiten, bis zu dem ausgehauenen Platz, „wo des Burgvogts Haͤuslein ſtand.“ Hier ſteht man gegen Oſten und Suͤden weit uͤber die wogige Albflaͤche hin, links bis zum Stoffelberg bei Ehingen, rechts bis zum Buſſen, der, trotz der Entfernung von 9 Stunden, hoch und deutlich mit Kirche und Ruine erſcheint. Hinter ihm links mehrere Huͤgelreihen des Oberlandes, namentlich die Tettnanger Berge und die Waldburg. Endlich ſind bei beſonders guͤnſtiger Wit— terung in ununterbrochener Kette links vom Buſſen, die Ty⸗ roler und die Vorarlberger Alpen, die letztern vom Kopfe bis zum Fuße, ſelbſt dem bloßen Auge, mit allen Schluchten ſicht⸗ bar; rechts vom Buſſen ein ſchoͤner Theil der Schweizergebirge mit ewigem Schnee. Namentlich ſchien mir hinter dem Buf: ſen der Sentis hervor zu ragen, und noch weiter rechts koloſſaler der Glarniſch *). — Noch iſt für den Botani⸗ ker ein kleines Felsthal zwiſchen Graveneck und Steingebronn merkwuͤrdig, der Baundelteich genannt, das in ſeinem en⸗ gen Raume eine Menge der ſeltneren Albpflanzen eee wie man ſte nicht leicht beiſammen findet. Da die Tour von Muͤnſingen nach fen ha een Marbach und Graveneck noch füglih zur Nedarfeite der Alb gerechnet werden mag, ſo iſt fie hier ausfuͤhrlich an⸗ gegeben worden. Ueber das weitre Lauterthal folgen nun unſerm Plane gemaͤß, nur Andeutungen. — *) Ich ſetze zum Beſten des Wandrers Tag, Stunde und Wit⸗ terung, wo ich alles dies geſehen, bei. Es war der 2gſte März 1823, Abends /½5 — ½6 Uhr. Gefallnes Wetter glas. Weſtwind. Der dͤſtliche und ſuͤdliche Himmel gegen das Gebirge hin hell; dieſes beleuchtet; denn auch der Weſten war wolkenlos,; aber der ganze uͤbrige Horizont mit truͤben Wolken bedeckt. Am andern Tage fiel Regen ein. Der Pfarrer von Steingebronn, Herr M. Buſch, mein Freund und Begleiter, war zum 8ten Mal auf dem Punkte, und hatte die Schneegebirge, jene fruͤhern, ſieben Male nicht geſehen. So ſelten beguͤnſtigt ihren Anblick die Witterung. Aber ich zweifle nun keinen Augenblick mehr, daß ſie auch auf der Lochen und vielen andern hohen Albpunkten ſichtbar ſind. 275 Von Gra veneck nach Marbach (/ St.) und zur Lau⸗ ter zuruͤck; dann dem Laufe derſelben und der guten Straße immer gefolgt: nach Dapfen (% St.), (in der Mühle gute Forellen), nach Waſſerſtetten (St.), Buttenhau— fen (St.), neues Schloͤßchen mit etwas altem Gemaͤuer. Hier beginnen die Schoͤnheiten und bald die unermuͤdlichen Wendungen des reinlichen Lauterthals; die Waͤlder und die Burgen. Nach Hunderſingen (/ St.), Hohenhun— derfingen, herrl. große Burg-Ruine (vor Zeiten Helfenſteiniſch), links auf einem Huͤgel, des Neckars und Rheins würdig. Bickishauſen (% St.), die Straße ſchlaͤn⸗ gelt ſich um eine hoͤchſt maleriſche Ruine, Waͤlder, Kruͤmmungen, Felſen. — Die Gegend wird fader bei Ho— hengundelfingen (% St.), links auf dem Berg Ruinen eines Burgſtalls; rechts Niedergundelfingen ebenfalls mit Ruinen. — Jetzt wieder Waͤlder und Kruͤmmungen; Witt— ſteig (% St.), gute Herberge beim Oberſchultheiß. Wein. Fiſche. Weiter: Rechts auf der Hoͤhe Schloß Derneck, fuͤrſtenbergiſch; Mauern und Thurm (noch nicht Ruine), gegen- über, links von der Straße, die Bettelma'nnshoͤhle, nach Weiler (, St.), mild und ſchoͤn. — Herrlich und felſenvoll bis Indelhauſen (/ St.) — Ferner bis Anhauſen (% St.), zwiſchen Felsbloͤcke hingeſtreut. — Jetzt wieder pit— toresk. Zwiſchenhuͤgel am Fluß. — Bald 2 Schloͤſſer, links Schilzburg (v. Spaͤthiſch) altfraͤnkiſch, bewohnbar; rechts die weit ſchoͤnere Maiſenburg, jetzt Ruine (Reichlin — Meldeckiſch) % St. Oben koͤſtlicher Blick das felſigte, roman— tiſche Lauterthal abwaͤrts. Unweit hinter der Burg an einer waldigen, ungeheuren Felswand eine Hoͤhle, unzugaͤnglich, im Sojahrigen Krieg Zuflucht vor den Schweden. Auf der Höhe ſoll einſt das Staͤdtchen Hayingen geſtanden ſeyn (ewig wiederkehrende Volksſage!) Bei Matfenburg verläßt man das Lauterthal und geht nach Hayingen; das kleinſte Staͤdtchen im Land auf oͤder Alb (/ St.), (ehem. Obermarchthaliſch). Nach Ehrenfels , St.), Normaͤnniſches Schloß mit ſchoͤnem Keller. — Herr— liche Höhle mit einem See, aus dem im wildeſten Tannen grund die Ach entſpringt, und ſogleich die Wimſener Muͤhle treibt; leider iſt ſeit Graf Normanns Abreiſe zu den Griechen kein Kahn mehr da, um die Hoͤhle zu befahren. — Jetzt durch | 18 * 5 2 = 276 das furchtbar- enge, ſchauerlich-ſchoͤne Aaſch- oder Glas⸗ thal nach Zwiefalten (2 St.) (beruͤhmte, ehem. von dem Grafen von Achalm 1089 geſtiftete Benediktiner Abtey in einem ſtillen Albthal, am Zuſammenfluß der zwiefaͤlltigen Aach. Im Kloſtergebaͤude jetzt das Irrenhaus des Koͤnigreichs). Von Muͤnſingen bis Zwie falten 12 % St. 2. Von Zwiefalten auf den Buffen, Von Zwiefalten auf den Buſſen 5 Wege: entw. 1) über Baach (/ St.), Daugendorf (1 / St.), Riedlin⸗ gen (1 St.), (eine der 5 Donauſtaͤdte, 1587 Einw. Oberamt), Goͤffingen (, St.) fo weit Chauſſee. — Offingen (St.) Buſſen (/ St.) zuſammen von Zwiefalten St. Oder 2) von Zwiefalten nach Daugendorf (/ St.), nach Unlingen (/ St.), Buſſen I St.); zuſammen 2 % St. Oder 5) von Zwiefalten nach Zwiefaltendorf (St.), Dietelhofen (St.), Uigendorf (% St.), Buſſen (% St.), zuſammen 5 J¼ St. Der Buſſen ein niedrer, waldiger Huͤgel mit einer unaus⸗ ſprechlich ſchoͤnen Ausſicht auf ganz Oberſchwaben und die Kette der Tyroler, Vorarlberger, Schweizeralpen bis ins Ber— neroberland, alle faſt bis an ihren Fuß ſchon in ihrer ganzen Rieſengroͤße ſichtbar. Boſonders ruht das Auge auf dem naͤchſten, dem Sentis im Appenzell, der wegen feiner Naͤhe auch hier als der hoͤchſte erſcheint. Auf dem Berg eine Kirche nebſt den Ruinen von 2 Schloͤſſern, wovon das eine Thon als Sitz Graf Gerolds, eines Schwagers von Carl dem Großen, vorkommt. — Bei dem Kirchendiener findet der Wandrer einen Tubus. Bon Zwiefalten auf den Bu ſ⸗ ſen: 3 — 4 St. 3. Vom Buſſen bis Hayingen. Untres Lauterthal. Von Buſſen nach Uigendorf (, St.), nach Ob er⸗ wachingen (% St.), nach Haufen (St.), nach Munder⸗— fingen (1St.), einer der 5 Donauſtaͤdte, aber dorfmaͤßig, mit etwa 1600 Einw. Starke Spinnerey und Dochtfabrikation. Hier über die Donau nach Untermarchthal ( St.) Schoͤner felſigter Einfluß der Lauter in die Donau. Nach 277 Obermarchthal ( St.) jenfeits der Donau; ſchoͤne ehe— mal Praͤmonſtratenſer Reichsabtey, Taxis gehörig. Herrli⸗ cher Niederblick auf die Donau. Durch die Gegend führt die ſogen. Dauphine-Straße, auf welcher die ungluͤckliche Königin Antoinette von Frankreich als Braut hinzog. Zuruͤck über die Donau; an den Burgen Rechtenſtein und Rei⸗ chenſtein vorüber (/ St.), nach Oberwilzingen (St.), nach Hayingen (1 St.). Vom Bu ſſen bis Hayin⸗ gen 5 % St. f 4. Von Hayingen nach Ebingen. Hayingen, ehemals kl. marchthaͤliſches Staͤdtchen, auf der oͤdeſten Alb, winzig klein. Gutes Ulmer-Bier. — Von Hayingen nach Erbſtetten (1 St.), nach Mundingen (1 St.), nach Mühlheim (1 St.), nach Ehingen (1 St.), Oberamtsſtadt und Poſt an der Donau, mit etwa 2500 kathol. Einw. Lyceum; reicher Spital; ſchoͤne Kirchen; anſehnliches Landhaus der ehem. vorderoͤſtr. Staͤnde, Rittterhaus des vorm. Rittercantons Donau, aufgehobne Kloͤſter; Baumwollenſpin— nerey, Tuͤrkiſchrothfaͤrberey. — Einfluß der Schmichen in die Donau. Von Hayingen nach Eh ingen 4 % St. 5. Schmichenthal. Von Ehingen nach Blaubeuren. Von Ehingen nach Berkach (% St.), nach Kleinal: mendingen (St.), nach Schmichen (1%), (in der Naͤhe Schloß Steußlingen, vor dem die Wohnung der Herrn dieſes Namens. Tief im Grunde die Schmichen). Hier ver— laͤßt man die Schmichen und geht nach Schelklingen, Haupt— ort der ehem. Grafſchaft dieſes Namens (% St.), ganz nahe das ehem. Benediktiner⸗Kloſter Urſpring. Urſprung einer Aach, die in die Blau faͤllt. Noch ſuͤdweſtlicher Ruinen des Bergſchloſſes Muſchenwang.) Nach Blaubeuren / St.) Von Ehingen bis Blaubeuren etwa 5 St. 6. Von Blaubeuren *) nach Ulm. Blauthal 1 Lautrachg rund. Blaubeuren Oberamtsſtadt und Poſt, in wildem aber etwas kahlem Felsthale am Urſprung der Blau (Blautopf. ) Zwei kleine Stunden von Blaubeuren gegen Weſten, bes + 278 i aͤuſſerſt mahleriſch. Im Durchmeſſer 30 W. F. breit. Tiefe: 65 / W. F.) etwa 1700 Einw. Ehem. von dem Pfalzgrafen von Tuͤbingen 1085 geſtiftetes Benediktiner-Kloſter; jetzt nie⸗ deres evangel. Seminar. Merkwuͤrdige Kirche mit ſchoͤnen Schnützbil dern (der Grafen von Helfenſtein, fruͤhern Ber ſitzer Blaubeurens, und Andrer) an den Kirchſtuͤhlen. Skt. Jo⸗ hannes⸗Altar mit 4 ſehr ſchoͤnen, altdeutſchen Ge: maͤlden auf Goldgrund, die Geſchichte des Taͤufers dar— ſtellend; das Ganze von dem Meiſter Georg Suͤrlin aus Ulm (1496). Sage: als Suͤrlin fertig war, fragten ihn die Moͤn⸗ che, ob er ſich getraute, einen noch ſchoͤnern Altar zu machen. Als er ſolches bejahet, ſo ſtachen ſte ihm die Augen aus. Da ſchnitzelte er fein eigen Bildniß ohne Gebrauch der Augen aus Holz, wie ſolches noch an der Wand bei der Sakriſteythuͤre zu ſehen iſt. 8 Bei dem ſogenannten Blauhaͤus lein ſtand das Berg- ſchloß Blauenſtein. Auf einem Huͤgel im Thal Ruinen der Veſte Ruck. — findet ſich, eine Viertelſtunde von dem Dorfe Sontheim, in der ſogenannten Kohlhalden am Fuße eines Berges das ſogenannte Sontheimer Erdloch, eine maͤchtige Hohle. Der Eingang hat die Geſtalt eines Kellerthors mit einer großen Kellertreppe. Da öffnet ſich denn auf einmal eine weite Hoͤhle, die einen wahren Tempel bildet, der mehr als 1000 Menſchen faſſen Könnte, Unter ihren Nebenhoͤhlen zeichnen die Bauern die Teufelskuͤche oder den Backofen aus. Dieſe erſte große Halle verengt ſich bald in einen links abfuͤhrenden Gang, auf dem man bald, durch enge Schlupf⸗ winkel, bald durch (5 6) kleinere Hallen kommt; nun wird, nach dem man mannshoch hinabgeſtiegen, die Hoͤhle wieder breiter, bald hoch, bald niedriger, voll Tropfſteinen, Steinſinter und Lac Luna, wie die Nebelhoͤhle. In der Mitte dieſes Theils der Hoͤhle liegt ein großer Cubikfels, wie ein Wuͤrfel, deſſen Seite etwa 6 Fuß halten mag, rauh und voll Tropfſtein⸗ zacken. Nun fuͤhrt ein Felsportal in den hinterſten Theil der Hoͤhle; allein hier machen zerſtreute Felsſteine das Vordringen ſehr gefaͤhrlich. Dieſer Theil iſt uͤbrigens ſo geraͤumig, daß eine zweiſpaͤnnige Kutſche ohne Hinderniß umkehren koͤnnte. Am aͤuſſerſten Ende der Höhle findet ſich viel S elenit, der ſich rhomboidaliſch zerſplittert. Auch iſt da ein großer Tropf— fein, von feiner Geſtalt das Gloͤcklein genannt. Noch bis gegen das Jahr 1790 hielten die Sontheimer Bauern alljaͤhr⸗ lich am Pfingſtmontag Schmauß und Tanz in dieſer Hoͤhle. Vor Zeiten ſoll ſie ein Zufluchtsort der Wildrer geweſen ſeyn. 274. Reiſe durchs Blauthal, ein ungemein friedliches, ge— wundenes Wieſenthal zwiſchen felſigen Waͤldern; die Blau ein uferloſes, jungfraͤuliches Fluͤßchen. — Von Blaubeuren nach Gerhauſen % St.), links auf dem Berge die herrli— che waldige Ruine von Hohengerhauſen oder dem Ruſ— ſenſchloß wielleicht von dem alten Geſchlecht der Ruſſen, Reuſſen, denen auch der Reiſenſtein gehört haben mag). Ungeheurer in die Lüfte ragender halber Schwibbogen. Sprich— wort; Ruck, Ruck, gieb acht daß dich Gerhauſen nicht ver— druck! Von Ger hauſen nach dem Hof Altenthal (St.), nach der kalten Herberge (1 St.), (Virthshaus; Fiſche.) Herrlingen; mit dem freyherrl. Bernhauſ. Schloß Ober herrlingen auf dem Berge Schloß Klingenſtein, Truͤm⸗ mer auf einem Felſen. Links Abſtecher in den koͤſtlichen Lau— tracher-Grund zum Ur ſprung der Lautrachloder La u—⸗ ter) unter einem großen Felſen. Weiter weſtlich ganz un— wegſam die Ruinen Lauterburg oder Lauterſte in. Sage: Theophraſtus Paracelſus ſoll hier feine chem. Pro— ceſſe gemacht haben. Schoͤne Quellen unter der Burg gegen Mitternacht. Dorf Lauterach oder Lautern. Uralte Kir: che (angeblich von Ludwig dem Frommen) mit Hochaltar, Al— tar in der Nebenkapelle, beide vergoldet und mit Bild: hauerarbeit. Uralte Glocke mit der Inſchrift Anno dumini MXX. ic. Gemalte Emporkirchen. An der Lauter waͤch st das nasturtium maximum, an den Bergen das sedum montanum und andre feine Arzneykraͤuter. Zuruͤck nach Herrlingen. Der ganze Abſtecher: 2 St. von Herrlingen nach Ulm (ı % St.). Auf dem Wege ragt hinter einem Berg das Ulmer Muͤnſter koloſſal hervor. Rechts die ehemal. Reichsabtey Soͤſ⸗ lingen mit der angeblich von Carl dem Großen gebauten Skt. Jacobs⸗-Capelle. Von Blaubeuren nach Ulm mit dem Laut rach⸗ grund: 6 / St. 7. Von Ulm nach Heidenheim. Brenzthal. ulm, Kreis: und Oberamtsſtadt an der bar. Graͤnze mit einem Oberpoſtamt, ehemal. Reichsſtadt und Feſtung (ſeit 1805 gefchleift), an der Donau beim Einfluß der Blau; an 1200 Einw. Gymnaſium. Spital. Zwangsarbeitshaus; Rathhaus mit kunſtreichem Uhrwerk und Glasmalerey; Zeughaus. 380 Wengenkloſter. Obere Stube (Leſegeſellſchaft) mit leichtem Zutritt fuͤr die Fremden. Der Fiſchkaſten; das deutſche Haus (vorm. Commende), worin die Collegien der Finanzkammer und der Regierung; Bibliotheken: die Stadtbibliothek; die Kraf— tiſche, die Schermar'ſche, die Gymnaſtumsbibliothek; die Privatbibliotheken der Hrn. Praͤlat v. Schmid und Prof. Vee— ſenmayer. — Muͤnſter ). — *) Das Mänſter oder eigentlich die Pfarrkirche zu Ulm iſt eins der größten und merkwuͤrdigſten Denkmale der altdeut⸗ ſchen Baukunſt. Im J. 1377 wurde der Grundſtein dazu gelegt. Den Namen des erſten Baumeiſters kennt man nicht, es iſt aber nicht unwahrſcheinlich, daß es Meiſter Ulrich von Enſingen geweſen, mit welchem 1392 ein Vertrag ge- ſchloſſen wurde, der noch vorhanden. 1449 wurde das Gewoͤlbe des Chors und 1488 das gan⸗ ze Innere der Kirche vollendet. Man hat eine ausfuͤhrliche Beſchreibung des Muͤnſters von Elias Frick, welche kuͤrzlich neu aufgelegt und mit denſelben Kupferſtichen geziert worden, welche die alten Aus⸗ gaben begleiten. Nach dieſer Beſchreibung iſt der Chor 100 Fuß, das Schiff bis an die unterſte Thuͤre 316 Fuß, mithin das Ganze 416 Fuß lang. Die Breite des Chors betraͤgt 52 Fuß; die Breite des mittlern Gewoͤlbes des Schiffs ebenſo viel, die Nebengewoͤlbe des Schiffs, deren ſich an jeder Seite zwei befinden, find 50 Fuß, alſo jedes dieſer 4 Gewoͤlbe 25 Fuß breit. Die Höhe des Chors beträgt go Fuß, des mitt⸗ lern Gewoͤlbes im Schiff aber 141 ½ Fuß, daher dieſes eins der hoͤchſten in Deutſchland, ja in Europa iſt, die Hoͤhe der Seitengewoͤlbe beträgt 70 7 Fuß. Der Chor iſt mit praͤchtigen, noch wohlerhaltenen Glasma⸗ lereien geſchmuͤckt: auch bewundert man in demſelben ein ſehr kunſtreiches Sacrament-Haͤußlein, welches Georg Suͤrlin der ältere 1469 — 1470 verfertigte, derſelbe ſchnitzte auch das ſehr reich und fein verzierte hoͤlzerne Geſtuͤhl im Chor. Der ſchoͤne Taufſtein in dem Nebengange an der Suͤd— ſeite des Schiffs ward gleichfalls von Georg Suͤrlin dem, als tern 1470 verfertigt, Auf dem Altar am Eingang des Chors befindet ſich eine treff—⸗ lich gemalte Tafel mit Fluͤgel, die Maria mit dem Kinde, die Anna, und ſaͤmmtliche Verwandte, mit ihren Kindern dar⸗ ſtellend; man liest darauf die Inſchrift — 1521 M. S. Praͤlat v. Schmid hat den Namen des Malers ent- dekt; er heißt Martin Schaffner von Ulm. Weiter iſt noch die kunſtreiche Kanzel im Schiff zu be: merken, welche Georg Suͤrlin der jüngere 1510 verfertigt hat. 281 Gärtnerei. Gewerbe mit Leinwand, allerlei Victualien, Ta⸗ bakspfeifenkoͤpfen. Bleichen. Schiffergewerbe. Bedeutender Speditionshandel. Donaupoſt nach Wien. Donaubruͤcke. Aus⸗ ſicht auf die Alpenkette. Gaſthoͤfe: Goldner Hirſch. Goldnes Rad. Schwarzer Ochs (herrlich an der Donau gelegen) Pflug, (ein Brauhaus). Aus ſtchtſtandpunkte: der Michelsberg. Der Muͤn⸗ ſterkranz; der Lug ins Land an der Donau; der Gal— genberg; und der höhere Kuhberg; die „ſchoͤne Aus⸗ ſicht“ auf dem Wege nach Thal fingen; der Ausgang aus dem Thalfinger Thal; die Hoͤhe vor dem Bade. A. Luſtorte und Abſtecher: die Friedrichs au. Das Stein⸗ haͤule Promenaden um die Stadt; das Ruhethal. Oerlingen, Thalfingen, der (einer geſchloßnen Geſell— ſchaft gehörige aber ſehr zugaͤngliche) Geſellſchaftsgarten, das Schießhaus (diefe 3 auf der bairiſchen Seite), der Blumenſchein. Soͤflingen. Wiblingen, ehem. Bene⸗ dikt. Abtei mit herrlicher Kirche. Elchingen mit reicher Kirche. — Das Illerthal. — Bon Ulm Landſtraße) nach unterhaslach (1 Et.) Albeck (St. ) Städtchen mit dem alten Schloß Albeck. Nach Neh— renſtetten l % St.), Haufen 6 St.,) nach einer Stunde gelangt man an die Brenz bei der ſchoͤnen Ruine Eſelsburg “); und noch weiter links dei Dettingen liegen die ſehr ſchoͤ— nen Trümmer des Bergſchloſſes Falkenſtein, (vormals Te— ckiſch). Eigenthuͤmlich ſchoͤne Gegend. Große Krümmung Auch die Neidhardt'ſche und Beſſerer'ſche Familienkapelle ver: dienen Beſichtigung. Das Aeuſſere des Muͤnſters wurde nie ganz vollendet; am meiſten blieb der Thurm zuruͤck, er wur— de 1492 — 1491 nur bis zum Kranz vollendet, und iſt bis dahin 237 Fuß hoch. Manverwahrt in der Sacriſtei noch den Riß, wie der Thurm hat werden ſollen, nach dem wäre er uͤber 500 Fuß hoch geworden; Moller und Wiebeking häben in ihren Werken verkleinerte Abbildungen davon gegeben, welche viel getreuer find, als die in Fries Beſchreibung. Oberbaurath Klinsky beſchaͤftigt ſich mit Meſſung und Zeichnung des Muͤu— ſters, und Praͤlat v. Schmid hat eine ſehr reichhaltige Samm— lung zu einer urkundlichen Geſchichte deſſelben angelegt. ) Eine ſchoͤne Sage von der Eſelsburg hat der beliebte Ju— gendſchriftſteller und Sänger der Alb, Herr Pfarrer Mag es nan, jetzt zn Hermaringen, im Morgenblatt mitgetheilt. 282 des Fluͤßchens, das hier ruͤckwaͤrts fließen zu wollen ſcheint. Von Haufen nach Herbrechtingen (St.) an der Brenz, ehem. Auguſtinerkloſter. Eine Stunde ſeitwaͤrts, links, das ehemal. Reichsſtaͤdtchen Giengen an der Brenz; Sauerbrun⸗ nen. Eine halbe St. ſeitwaͤrts, rechts Klofter Anhauſen im J. 1125 geſtiftet, von dem Pabſt Honorius U. (reg. 1124 — 1130; als von einem pago Alb ae (ſ. S. 1 unſrer Schrift) redet. Von Herbrecht ingen nach Heidenheim CG 7. St.), Weg von Ulm bis Heidenheim: 7 % St. 8. Von Heidenheim über Koͤnigsbronn nach Schloß Lauterburg. Heidenheim, an der Brenz. Gegend: Felſigt, wech— ſelnd, aber kahl. Oberamtsſtadt, Poſt. Hauptort der ehem. Herrſchaft Heidenheim, etwa 2200 Einw. Sehr gewerbfam. Dratzuͤge. Herrſchaftl. Eiſenſchmelzwerk, Cottonfabrik, Ma— ſchinenſpinnerey in Baumwolle, Leinen- und Baumwollen-Zeug⸗ Weberey; Bleiche. Papfermuͤhle. Toͤpfer. Leinwandhandel. Schaͤfer-Korn-Markt. Die Stadt liegt am Fuß des geraͤumi⸗ gen Felſenſchloſſes Hellenſtein, in ſeiner bisherigen Geſtalt von Herzog Friedrich ausgebaut, mit Saͤlen, Rundelen und Saͤulen, ſeit kurzem zur Ruine gemacht; ſehr beſteigenswerth. Alterthuͤmlich. Tiefer Brunnen. — Schoͤner Standpunkt: Ottilienberg. — Roͤmiſches Alterthum in der Kirchenmauer. Heidenlocd mit einer Sage, die den berühmten Hamelner Kinderraub widerholt. Wirthshaͤuſer: Krone ꝛc. Von Heidenheim das Brenzthal hinauf nach Schnaitheim % St.) Schloß. nach Aufhauſen (% St)., (Anfang des Albuchs und feiner Wald huͤgel) nach Königs: bronn (1 % St.). Urſprung der Brenz aus tiefem, dun⸗ kelblauem Felſenkeſſel. Traurig ſchoͤn; dem Blautopf aͤhnlich. ehemal. Ziſtercienſerkloſter. Herrſchaftl. vortreffliche Eiſenſchmelz⸗ und Hammerwerke, wozu Izelberg ge⸗ hört. — Von Koͤnigsbronn aus, mit einem Führer durch die ſchoͤnen einſamen Fußpfade des Albuchs zwiſchen Ir— mansweiler (rechts) und Bartholoma (links) durch, nach Schloß Lauterburg (2 / St.) oder über Barthol om aͤ (2 St.) (hohes Bergort, mit beruͤhmtem ſchon von Erufius be= 283 ſchriebenem Markte) Straße nach Lauterburg (1 St.) hier Wiedereintritt in die Neckarſeite der Alb. Weg von Heidenheim nach Lauterburg 5 — 6 Stunden. weit e rmlen han g. Gmünd im Bauernkrieg und in den Reli— gionshaͤndeln. Aus ungedruckten und bisher unbekannten Originalurkunden “). In wie weit der Bauernkrieg auch Gmuͤnd beruͤhrt, lag bisher ganz im Dunkeln. Der Wandrer wird ſich auf dem Schauplatze der Begebenheit ſelbſt gern einige Proben aus dem Funde mittheilen laſſen, der dieſes Dunkel aufklaͤrt. Am Ende des April 1525 war eine wilde Bauernhorde von Hall hergekommen, hatte ſich bei dem benachbarten Lorch gelagert, dort am 26ſten dieſes Monats die alte kaiſerliche Burg zerſtoͤrt, und das Benediktiner-Kloſter verbrannt. Gleich darauf geſchah daſſelbe mit Hohenſtaufen. Von Lorch aus nun ergieng folgendes Schreiben an den Rath von Gmuͤnd, das wir, ſo wie alle uͤbrigen in dieſer Sache gewechſelten Briefe, in der Urſchrift vor uns liegen haben: „uUnſern freundlichen Gruß zuvor! Fuͤrſichtige und weiſe, guͤnſtige liebe Herrn! beſonders gute Freunde! So, als wir in bruͤderlicher Liebe verſammelt (ſind), und unſre Be— gehrung (iſt), Durchzug bei euch zu haben, damit wir mit un— ſerm Haufen von euch ungehindert paſſteren und ziehen moͤgen, bitten und begehren wir hiemit euer ſchriftlich, frei, ſtrack, ehrbar Geleite bei (durch) Zeigern dieſes Briefs, uns daſſelbig unabſchlaͤgig zuzuſchicken, und damit keine Verharrung ) Fasciculus actorum über die 126 Original- und andere Aus thentiſche Uhrkunden und Beylaagen, deren in deß heyl. Roͤm. Reichs Statt Schwaͤb. Gemuͤnd durch ein ganzes Saͤ— culum von anno 1525 bieß 1655 angedaurte Lutheriſche Nelis gionstroublen von No 1 bieß No 126. Zuſammengetragen anno 1738.“ a Bei Anweſenheit des Wegweiſers zu Gmuͤnd im Jahr, 1821, von deſſen Freunden aus dem Raub einer Regiſtratur hervorgezogen, und ſeitdem zur Benutzung mitgetheilt. 284 zu haben. Das wollen wir uns zu euch zu freundlicher und bruͤderlicher Liebe gende und geneigt ſeyn, ſolches zu ver⸗ ſchulden (Y. Geben Montags nach dem Sonntag Miſericordia Domini. Anno DXXV. Wir Hauptleuth und des gemeynen hellen Hauffen Aufſeher, vnnd Rethe zu Lorch.“ Der Rath antwortete dieſen ungeſtuͤmen Predigern chriſt⸗ licher Freiheit und Gleichheit mit Stolz und Wuͤrde, wie folgt: „Wir Burgermeiſter und Rath der Stadt ſchwaͤbiſchen Gmuͤnd entbieten den Hauptleuten, Raͤthen und gemeinen Ausſchuß des hellen Hauffen unſern Gruß. Euer Schreiben, uns jetzo bei (durch) dieſen euren Boten zulge)kommen, mit Begehr, Durchzug bei uns zu geben, und unverhindert paſſie— ren laſſen, und dabei auch ein ſchriftlich Geleit zuzuſchicken, haben wir Alles ſeines Inhalts hoͤren leſen. Dieweil Uns aber nit gelegen, auch ganz nit verantwurtlich iſt, euch durch unfre Stadt laſſen zu ziehen, fo haben wir auch nit Macht Jemand auſſerhalb unfrer Stadt zu vergleiten. So ihr aber je Willens ſeyen (ſeyd), euren Fuͤrzug um uns zu haben und fuͤrzunehmen, wollen wir uns zu euch verſehen, ihr werden (t) euch gebuͤrlich halten, uns, die Unſern, und alle unſre Zugehoͤrigen und Verwandten nit beleidigen noch beſchaͤdigen. Deß Alles wir euch getreuer Meinung uff euer gethan Schreiben nit wollen bergen; darnach haben (habt ihr euch) zu richten. Deß zu Urkund haben wir Hape} Stadt a ee f *) Inſtegel gedruckt an diefen Brief, der geben it Montag hir lippi und Jakobi Anno DXXV, Auf dieſe Antwort ruͤckte die Bauernſchaar, wie es ſcheint, vorwaͤrts, an Gmuͤnd vorbei, und lagerte ſich in dem eine halbe Stunde von der Stadt entfernten Gmuͤndiſchen Dorfe Muthlangen. Von hier aus ſendet fie den Gmuͤndern abermals ihren „freundlichen Gruß in bruͤderlicher Liebe.“ Ihr „guͤtlich und freundlich Begehren und Bitte“ iſt dießmal, daß der Rath ſeinen Mitbuͤrgern vergoͤnnen moͤchte, „eine Lie— ferung Weins und Brods“ in das Lager der Bauern zu fuͤh⸗ ) Unleſerlich. - 285 ren. „Dagegen jedem genugſamliche Bezahlung geſchehen fol.” Sie „haben auch in ganzem gemeinem hellen Haufen ernſtlich, auch bei Verlierung Leibs und Guts verboten“ den Gmuͤnder Unterthanen und dem Kloſter zu Muthlangen „keine Ueberlaͤſtung zuzufuͤgen.“ Den Gmuͤndern, die herauskommen wollen, bieten fie ſichres Geleite. Dieſer Brief iſt mit weit groͤßerer Maͤßigung geſchrieben, als der erſte. Die Unterſchrift lautet noch ochlokratiſcher: „Hauptleuth und Naͤthe und gan- zer gemeiner heller Hauff, itzundt zu Muthlang.“ Die Antwort des Raths findet ſich nicht. Vielleicht ſchaͤmte er ſich derſelben, denn fie war ohne Zweifel willfaͤh— rig, da ein Geleitsbrief, den die Bauern dem Rath und der ganzen Gemeinde ausgeſtellt, vorhanden tft. Ihm iſt das Wappen des Haufens, eine Wage und unter derſelben eine Glocke, beigedruckt. In einem Schreiben vom Mittwoch entſchuldigt ſich der helle Haufe gegen Rath und Gemeinde Gmuͤnd, „daß etliche von ihnen, naͤmlich der Hauptmann von Gaildorf und Neu— hof (2) mit ſamt ihren Mithelfern, ohne Mitwiſſen und Heiſ— fen der Hauptleute und des Ausſchuſſes in das Kloſter Gotteszell eingefallen, und den Frauen Gewalt bewieſen haben. Es werde ihnen ſchon nachgeeilt. Sie moͤchten ihnen ſolches nicht verargen und in keinem Weg ver— gelten.“ Noch in einer Nachſchrift fuͤgen ſie bei: „Auch, ſo ſey euch kund, daß wir den Hauptmann von Galldorf ſchon im Gefaͤngniß haben.“ | Der nächte Brief der Hauptleute und des Ausſchuſſes iſt von Gaildorf, Sonntag Jubilate, 1525 datiert. Sie ſchi⸗ cken „Gnad, Fried, und Einigkeit in Chriſto Jeſu“ zum Gruße voraus. Aus dieſem Schreiben geht hervor, daß Rath und Gemeinde Gmuͤnd Unterhaͤndler in das Lager der Aufruͤh— rer geſchickt, und daß dieſe in gutem Einverſtaͤndniß von den Bauern gegangen: „Als Ihr juͤngſt im hellen Haufen von uns geſchieden, euch erboten, wo ihr uns und dem ganzen hellen Haufen was Friedlichs und Guts zu handeln chaͤttet), davon ihr willig und dienſtlich uns thun wollet, davon Haupt- leut und Raͤth mit ſamt dem gemeinen hellen Haufen ein ſonderlich Gefallen (haben): deß verhoffen (wir) zu eurer Weisheit, ſolchem eurem Zuſagen Folg zu thun.“ Dafür er⸗ bieten fie den Gmuͤndern ihren „Unterthänigen gefliffenen 256 Dienſt“ und entſchuldigen fih wegen „der Schmach und Laͤ⸗ ſterung, ſo etliche der Raͤthe und gemeinen hellen Haufens gethan.“ Nun ruͤcken fie noch mit ihren eigentlichen Wuͤn⸗ ſchen, die Reformation betreffend, heraus, fie kommen auf das „Evangelium, das bis hieher klein und wenig in eurer Stadt gehandelt worden iſt,“ und unterſtuͤtzen „das Begehr und den Fuͤrtrag der armen Unterthanen und Landſaſſen.“ „Iſt dar— auf unſer unterthaͤnig Bitt' und Begehr, wollet das Gottes Wort mit ſamt den zwoͤlf Artickeln helfen handhaben u. T- w. — N Eine Antwort auf dieſes Schreiben von Seiten des Gmuͤn⸗ der Magiſtrats findet ſich nicht; er ſcheint aber durch feine frühere Willfaͤhrigkeit in große Verlegenheit gerathen zu ſeyn. Nicht nur muͤſſen ſich mehrere Gmuͤndiſche Bürger und Unterthanen zum hellen Haufen mit ihrer Perſon geſchlagen haben, ſondern in der Stadt ſelbſt ſcheint ſich religioͤſer Reformations⸗ und politiſcher Revolutkons⸗Geiſt ſehr ernſtlich ge⸗ regt zu haben. Denn das naͤchſte, was jene Akten enthalten, iſt folgende demuͤthige Proklamation der ſtolzen Senatoren an die Gemeinde Gmuͤnds: „Guͤnſtigen lieben Herren und Freunde! Nach⸗ dem ſich bishero eine Spann- und Irrung verloffen und bege—⸗ ben hat, zwiſchen einem ehrbaren Rath eins, und etlichen von einer frommen Gemeinde anderstheils: daſſelbige hat ein ehrbar Rath zu Herzen genommen, in Betrach⸗ tung, daß wir Alle unter einander, Vaͤter, Soͤhne, Brüder, Schwager und gute Freunde ſeyen [vive la nation I], und, fo uns Allen etwas widerwaͤrtiges begegnen und zuſtan wuͤrde, — das der allmaͤchtig Gott verhuͤten woͤlle, — ſo wuͤrden und muͤßten wir alle aus bruͤderlicher und bürgerlicher Liebe, Leib, Ehr' und Gut bei einander laſſen. Deß ſich ein ehrbar Rath zu euch allen als ihren lieben gehor— ſamen Burgern gaͤnzlich verſehen will; erbeut ſich auch ein ehrbar Rath, das Alles gegen euch Alle, und Jeden inſonder treulich zu beweiſen; und damit wir aber alſo bei einander in brüderlicher Lich und bürgerlicher Einigkeit blei⸗ ben mögen, und unter uns Fried' und Einigkeit nach Aus⸗ weiſung des goͤttlichen Gottsworts gehalten werde: ſo hat ſich ein ehrbar Rath entſchloſſen, daß ein ehrbar Rath und eine fromme Gemeinde zuſammen ſchwoͤren — 2 0 fi und verpflichten follen, daß fie einhelliglich das heilig Evangelium und Wort Gottes wollen ein⸗ ander helfen handhaben, ſchuͤtzen und ſchirmen, Leih und Gut dabei bleiben laſſen; auch alle boͤſe Ordnung und Satzung dieſer Stadt abthun, und gut Ord— nung auf helfen richten, wie ſich gebuͤrt, nach allen ziemlichen Dingen, und ſoll alsdann aller Unwill und Irrung, fo ſich deßhalben zwiſchen uns allen begeben hat, todt und ab ſeyn, und keiner will das Alles gegen den Andern raͤchen, noch . . . in kein Weiſe noch Wege, Alles ungefaͤhrlich. Aktum Montags nach Laͤtare, halbvaſten. Anno MDXXV. “ Am Donnerſtag darauf erlaͤßt der Rath auch an die abtruͤnnigen Hinter ſaſſen, die ſich zu dem hellen Haufen geſchlagen, eine ſehr gemaͤßigte Aufforderung, die von einem Mandat begleitet ward, das von den kaiſerl. und ſtaͤn⸗ diſchen Raͤthen zu Ulm, „mit unſrer Herren, der dreier Hauptleute des Bunds, eigenem Betſchier verſtegelt,“ dem Rathe zugekommen iſt. Mandat und Brief uͤberbringt ihnen der Gmuͤndiſche Spitalmeiſter, als Abgeordneter des Raths. Sie werden freundlich gewarnt: „daß wahrlich zu be— ſorgen, ſo Ihr und der gemein Hauf alſo uff ihrem Fuͤrneh— men verharren, und nit abziehen wuͤrden, daß das Alles euch zu großem merklichem Verderben Leibs und Guts reichen moͤchte; daß wir als eure Herren und Gutthaͤter euch und gemeinem hellen Haufen zu Ehren und Gut, und ſon— drer Neigung nit haben woͤllen verhalten; darum ſo er— mahnen wir euch — — — daß ihr euch Angeſichts dieſes Briefs wieder anheim thut und als die Gehorſamen haltet: ſo wol— len wir dieſer Handlung gegen euch in Argem nit gedenken u. ſ. w.“ (Dieſe Amneſtie muß dem Rath ſauer geworden ſeyn zu ertheilen: denn es heißt im Concept an— fangs: ſo wollen wir dieſer Handlung gegen euch in Arg em gedenken: das Woͤrtlein nit iſt erſt hineingeflickt.) Als dieſe Ermahnung nichts gefruchtet und ein neues Mandat von Ulm gekommen war, ſo ward abermals der Spi— talmeiſter mit dieſem und einem zweiten, kaͤltern und kuͤrzern Brief an die Rebellen (die immer noch zu Muthlangen gela⸗ gert waren) geſchickt. Aus dem naͤchſtfolgenden, ſehr unleſerlichen, Aktenſtuͤck, geht fo viel hervor, daß dieſe letzte Miſſton ihrengweck nicht verfehlt, daß 288 Mi die Bauern unter ſich uneinig geworden, daß 5432 Mann ſich bereits ihren verſchiedenen Herrſchaften wieder gehorſam er= zeigen, und nicht viel über 100 Mann beharrlichen Wider⸗ ftand leiſten. Dagegen drohen in der Stadt ſelbſt Uneinigkeit und Unruhen. Das Datum iſt von Samſtag nach Laͤtare. Diooch ſcheint dieſes ganze Jahr ruhig voruͤber gegangen zu ſeyn. Ernſtlicher wurden die innern Unruhen im folgenden Jahr (1526). In dieſer Zeit muß Gmuͤnd der Reformation ſehr nahe geweſen ſeyn. Andreas Altheimer, ein aus⸗ getretener Gmuͤndiſcher Praͤdikant, ſchreibt von Wittenberg aus zweimal an den Rath (Sonntag vor Antonti, und am Skt. Bartholom. Abend). „Er hat ſich verſchiedener Zeit zu Gmuͤnd mit einer Buͤrgerin ehlich geheirathet; und fie zu Kirchen und Straßen gefuͤhrt, als Ihre Weisheit wohl wiſſend iſt.“ Der Kaiſer befiehlt nur, daß, wenn ein Prieſter ſich heirathet, man ihm ſeine Pfründe nehmen ſoll. Weil er nun vorher „keine Pfruͤnd' nit gehabt, auch keine begehrt,“ ſo bittet er, ihn nur als einen Beiwohner und Pfrahlbuͤrger handeln und wandeln zu laſſen, wie auch andre Reichsſtaͤdte mit ihren „ge⸗ eheten Prieſtern thun.“ Der Rath wendet ſich deßhalb an den ſchwaͤbiſchen Bund, der dem Prieſter die Stadt unbedingt verbietet. B Mag nun dieſe oder eine andre Geſchichte den Gaͤhrungs— ſtoff aufs neue aufgeregt haben: genug, es folgt ein Concept ohne Datum, deſſen durchaus unleſerlichen Inhalt eine zweite Hand am Schluſſe ſummariſch folgendermaaßen auslegt: „Dieſer Tagen erſchien unter den Buͤrgern ein neuer Aufruhr. Sie laufen haufenweiſe mit Harnifh und Geweh— ren zuſammen; wollen das reine Evangelium haben; nehmen mit Gewalt einen boͤſen Buben, der in der Pfarr⸗ kirche geſtohlen, aus dem Gefaͤngniß, fallen in die Kloͤſter und berauben dieſelben, nehmen die Thorſchluͤſſel zu ſich, ſeß en den Rath ab, und belegen die Stadt mit neuen Steuern, ſetzen neue Rathsglieder ein, und bemaͤchtigen ſich des ganzen Regiments. Sind aber wieder vom ſchwaͤbiſchen Bund zum Gehorſam gewieſen worden. Der Neftauration kam im J. 1529 eine Seuche zu Huͤlfe, in welcher Buͤrgermeiſter, Rath und Zunftmeiſter jeden, der ſchwach und krank iſt, warnen, ſich nicht von einer chriſtlichen Gemeinde abzuſondern, ſondern ſich mit dem Sakrament „als 289 i der edelſten, koſtbarlichſten Arznei ſeiner Seele“ verſehen zu laſſen, und das nit zu verachten, bis uff das kuͤnftig Concllium, fo jeßo uff aller heiligen Tag gen Trient angefagt. Aber wer irgend Beſchwerde hat, des Sakraments halber, warum man das nit zu beiden Geſtalten geb' — der mag ſich zu unſrem Doktor und Pfarrer verfuͤgen, oder an ſeinen Pre— diger: (fo) wird er gründlich aus heiliger, evangeliſcher, goͤttlicher Schrift Bericht empfahen (). „Wer aber in ſei— ner Hartnaͤckigkeit und feinem Irrthum verharrt, dem fol das chriſtliche Begraͤbniß nit gedeihen, ſondern ler ſoll) durch den Waſenmeiſter (Schinder) begraben werden.“ hi In demfelben Jahr nahm Gmünd, nach Cruſtus, oͤſtrei⸗ chiſch⸗wuͤrtembergiſche Veſatzung auf, und 7 Ketzer wurden hin⸗ gerichtet. f Im Innern der Stadt ſcheint es jetzt ruhiger geworden zu ſeyn; um ſo drohender erhob ſich der Sturm von auſſen. In den Akten tft hier eine Luͤcke bis zum J. 1546, die durch die Zeitgeſchichte ſehr begreiflich gemacht wird. | Im J. 1550 bildete fich nämlich der ſchmalkaldiſche Bund der proteſtantiſchen Fuͤrſten gegen den Gewiſſenszwang, im J. 1556 ward er auf 10 Jahre erneuert; im J. 1546 den 20. Jul. wurden die Bundeshaͤupter, der Churfuͤrſt Johann Friedrich von Sachſen, und der Landgraf von Heſſen in die Acht erklaͤrt, und ſie ſelbſt auch ſchickten dem Kaiſer den Fehdebrief. Am 25. Nov. kam der Churfuͤrſt mit dem Bundesheere nach Hei⸗ denheim, und Gmuͤnd ſchloß ſeine Thore. Fuͤrſtliche Geſandte erſchienen und unterhandelten mit ſtaͤdtiſchen Abgeordneten wegen der Uebergabe; aber die Buͤrgerſchaft blieb unter den Waffen und der Buͤrgermeiſter Rauchbein verwarf zweimal die Vorſchlaͤge. Nun war das Bundesheer, 40000 Mann ſtark, herangeruͤckt, und mit dem 26ſten Nov. ward die Stadt be⸗ ſchoſſen, waͤhrend der Buͤrgermeiſter an der Spitze ſeiner Leute unter fliegenden Fahnen in banger Erwartung auf dem Markte ſtand, jedoch von den Mauern das Feuer erwiedern ließ. Endlich nach vergeblichen Capitulatlonsverſuchen, mußte ſich die Stadt auf Gnad' und Ungnade ergeben und 7000 Gulden be— zahlen. Buͤrgermeiſter und Rath warfen ſich dem Churfuͤrſten zu Fuͤßen. Die Akten aus dieſer Zeit mochten aus Vorſicht von den Gmuͤndern ſelbſt vernichtet worden ſeyn. Uebrigens behandelte Otto von Luͤneburg die Stadt ſehr edel, nur G. Schwab 7 ſchwaͤb. Alb. 1 9 290 an dem Buͤrgermeiſter Rauchbein, der früher grauſame Reak⸗ tion gegen die evangeliſch geſinnten Buͤrger geuͤbt hatte, und au den Geiſtlichen, welche, beſonders die Minoriten, von An⸗ beginn der Reformation gewaltthaͤtig entgegen gekaͤmpft hat⸗ ten, vergriffen ſich die Subalternen, und einer der ſtaͤdtiſchen Abgeordneten, der Stadtarzt D. Leonhard Haug (bei Cru⸗ ſius Hugo), wurde ſogar von dem ſaͤchſiſchen Marſchall Wolf gefangen fortgefuͤhrt. Aus den von hier an wieder beginnen⸗ den Akten erhellt, daß ſeinen Landsleuten der Ort ſeiner Haft verborgen blieb. Seine Hausfrau ſchreibt ihm nach „N.,“ recht ruͤhrend-fromm, daß fie gern Alles, was ihr von der Pluͤnderung geblieben, ja „das Hemd am Leibe darſtrecken will, damit er erledigt werde“ G6. Febr. 1547). FR; ueber die religioͤs⸗politiſche Folge dieſer Eroberung ſchwieg bisher die Geſchichte. Durch die Akten wird ſie aufs merk⸗ wuͤrdigſte ergänzt. Am 2. Dez. 1546 laͤßt naͤmlich Churfuͤrſt Johann Friedrich nach der Eroberung von Neckarsulm eine ausfuͤhrliche Aufforderung cfe iſt im Original vorhanden) an die Stadt ergehen: fie ſoll das Pabſtthum und alle katholiſchen Ceremonien abſchwoͤren, und die augs⸗ burgiſche Confeſſion annehmen. Buͤrgermeiſter und Rath gehorchen, und Gmuͤnd iſt fuͤr den Augenblick evangeliſch. Dieß erhellt aus dem Schreiben des Raths an die Stadt Nürnberg vom riten Dez. 1546. In dieſem heißt es: „— Nun iſt aber uns unter An⸗ derem in dem Eyd, fo wir fr Churf. ꝛc. — geſchworen, auf⸗ gelegt, von dem Pabſtthum und abgoͤttiſchen Ceremonien und Miß brauchen abzuſtehen, — und dagegen das heilfertige und allein ſeeligmachende Gotteswort — augsburgiſcher Con⸗ feſſton — anzunehmen, und nach gelehrten, chriſtlichen und rechtſchaffenen Predigern — zu trachten, die — uns das goͤtt⸗ liche Wort, ſamt chriſtlicher Religion, auch Ceremonien, dem— ſelben gemäß, pflanzen und anrichten. Dieweil nun wir in dem gehorſamlich zu erzeigen uns ſchuldig erkennen, ſo —“ bitten fie die Nürnberger, ihnen „einen oder zween ihrer (Its theriſchen!) Praͤdikanten zu ſchicken, mit dem Befehl, daneben unſre Kirch helfen zu ordnen und zu reformiren — wie das Alles der augsburgiſchen Confeſſion nach ſeyn ſoll.“ Und das, bis ſie ſelbſt Praͤdikanten nachgezogen haͤtten. Doch ſcheint es dem Rath ſo ernſt damit nicht geweſen 291 zu ſeyn. Die ungluͤckliche Schlacht bei Mühlberg (24 Aprin 1547) brachte den Churfuͤrſten und feinen Verbündeten in des Kaiſers Gewalt, und der ſchmalkald. Bund Löstezfih auf. Bald wurden die Evangeliſchen zu Gmuͤnd wieder wie eine ketzeriſche Sekte angeſehen. Im J. 1555 (iöten Sept.) reicht der Gmuͤn— diſche Stadtpfarrer Jakob Spindler, ein Lorcher Venediktiner— Moͤnch, der erſt 7 Jahre Vikar in Gmünd und dann Pfarrer war, eine Klagſchrift wegen kirchlicher Mißbraͤuche beim Rath ein, wo er unter andrem klagt, daß neuerdings auch eine Pfarre im Spital entſtanden ſey — da doch hergebrachter Weiſe nur Ein Pfarrer zu Gmuͤnd ſeyn ſoll; und daß dieſer Spitalprediger auf der Canzel nicht berge, wie er lutheriſch ſey; daß er die Fuͤrbitte der Heiligen laͤugne, die ſakramenta⸗ liſche Ohrenbeichte nicht für noͤthig halte, ja ſelbſt bekenne, er habe viele Jahre nicht gebeichtet; daß er das Abendmahl in beiderlei Geſtalt und ohne Conſecration reiche u. ſ. w. Fer⸗ ner daß auch ſeine (des Stadtpfarrers) zwei Helfer ungehor— ſam und unfleiſſig werden, „fahren ihn an, wie hauende Schwein’; daß das „Fleiſchfreſſen“ in dem Faſten ein⸗ reiſſe u. ſ. w. ö Der Rath aber beſchließt, „daß allen dieſen Punkten reme⸗ dirt und dem Jakob Scheppel ſein aͤrgerliches Spitalpredigen ganz verboten ſeyn ſolle.“ In den Jahren 1555 und 1557 „ſteiften ſich die Wider⸗ ſpenſtigen noch auf die bei den Reichstagen zu Augsburg und Regenſpurg anweſenden lutheriſchen Fuͤrſten.“ Aber umſonſt. Im Jahr 1561 (24. Sept.) dankt der paͤbſtl. Nuntius zu Wien, Zacharias Delphinus, in einem lat. Hirtenbrief den Gmuͤndern für ihre katholiſche Treue. Im J. 157% (12. Jau.) ſpricht der Gmuͤnderrath mit ſeinen „lieben Freunden“ den Buͤrgern von der Ketzerey und Rebellion, die der ſtin⸗ kende, meineidige Moͤnch Luther) angerichtet und ver— weigert den Ketzern den Mitgenuß der Communkon. Der von den Gmuͤndern angerufene Biſchof von Augsburg aber hilft die religioͤſe Contre-Revolution vollenden, und die Akten han⸗ deln nur noch von einzelnen ungehorfamen Augsb. Confeſ⸗ ſions⸗Verwandten; die fie ausſchaffen und ihnen das Bürgerrecht nehmen, und fuͤr die ſich andre Reichsſtaͤdte vergebens ver— wenden. Mit lebhaftem, katholiſchem Eifer wendet ſich auch der Rath oft an Reichstage und Kaiſer, wegen ſeiner ketzeri⸗ 19 * 7 ſchen Unterthanen. Eine urkundliche Antwort des 010 Ma: rimillan II., während des Religionsfriedens (Wien, 20. Febr. 1577) mahnt ſte zur Toleranz. — Kaiſer Rudolph U. aber ſchreibt (12. Sept. 1588). an den Biſchof von Augsburg, daß „der mehrer Theil der Gmuͤnder ein guet katholiſch Voͤlklein“ ſey, daß es aber doch hochnoͤthig ſey, das wach- ſende Unkraut (der Sektiſchen) auszurotten. Denn ketze⸗ riſche Praͤdikanten aus der Nachbarſchaft, Poſtillen, Catechiſ- men ſchlichen ſich noch immer ein. Und noch am Schluſſe des Jahrhunderts verbanden ſich verſchiedne Bürger augs burgiſcher Confeſſion zu Gmuͤnd, hielten bei Tag und Nacht heimliche Zu ſammenkuͤnfte in Gmünd, ließen ſich eine Supplikation ſtel⸗ len, und ſandten mit derſelben aus ihrer Mitte, den Bürger und e mene Sebaſtian Terzago auf den Reichstag zu Regensburg. Im J. 1594 aber ſitzt dieſer Mann zu Gmünd - im Stadtgefaͤngniß, geſteht nach einiger Braun und muß Urphede ſchwoͤren. Damit ſchließen die Religionsgeſchichten dieſes Kabıkum: derts. — Die Akten aus dem folgenden betreffen hauptſaͤchlich den zojaͤhrigen Krieg, und enthalten faſt lauter duͤrre Ver— handlungen mit den ſchwediſchen Generalen über Contributio— nen und Donationen, namentlich mit dem ſchwed. Obriſten Chriſtoph Martin v. Degenfeld. Darunter finden ſich ein paar intereſſante Schreiben des ſchwed. Reichskanzlers Axel Oxenſtiern in Copien. Dritter Anhang. Ueber die Alterthuͤmer der Belſener Capelle. Es wird unſern Leſern willkommen ſeyn, zu hoͤren, was ſchon vor langer Zeit gelehrte Maͤnner des Vaterlandes, uͤber dieſe Alterthuͤmer gedacht haben: Vermuthungen, die wir aus den reichen Materialien der neueſten Archäologie und Symbo⸗ lik, namentlich aus Creuzers Schatze zu ergaͤnzen und zu be— richtigen ſuchen wollen. Saͤmmtliche Figuren erinnerten fie unwillkuͤhrlich an aͤgyp⸗ tiſche Sinnbilder, wie ſie noch weit unverkennbarer auf an— dern in unſrem Vaterland entdeckten Alterthuͤmern vorfoms , 1 293 men. Der Farren- oder Kuhkopf, mahnte ſie an dle aͤgyptl⸗ ſche Göttin Iſis, die den Mond, das Mondsjahr, die Frucht— barkeit, deren Symbol der Mond iſt, und ſodann die zeugende Natur uͤherhaupt bezeichnet; dieſe ward als Mond mit Kuh— hoͤrnern am Kopfe vorgeſtellt, ja oft ihr Kopf ganz in den einer Kuh verwandelt. Damit festen fie die Nachricht des Tacitus in Verbindung, der uns berichtet, „daß ein Theil der Schwaben (die, wenn fie wirklich ein abgeſondertes Volk, und kein bloßer Nomadenname verſchiedner deutſcher Volker waren, erſt im vierten Jahrhundert nach Chriſti Geburt in unſre Gegenden eingewandert find) — der Iſis opfre. Das Bild, das ſte dabei anbeteten, ſey einem Jachtſchiffe aͤhnlich, womit fie, meint Tacitus, andeuten wollen, daß dieſer Got— tesdienſt fremd und uͤbers Meer gekommen ſey.“ Aber jenes Jachtſchiff deutet wohl noch unmittelbarer auf aͤgypti⸗ ſchen Urſprung. Denn wer kann ſich hier erwehren, an das heilige Schiff mit dem Iſtskopf, auf den Skulpturen des großen Tempels der oberaͤgyptiſchen Stadt Philaͤ und an das Schiffahrtsfeſt der Iſis zu Rom zu denken, und war es doch allgemeine aͤgyptiſche Sitte, die Goͤtter auf Schiffen fahrend, darzuſtellen; ohne Zweifel weil ihre Mythen das Feuchte, das Waſſer fuͤr das urſpruͤngliche Element aller Zeugung anſahen. Aus einer Nachricht eines andern Schriftſtellers aus dem Mit: telalter, wußten unſere Gelehrten, daß die alten Deutſchen dem Mond Ochſenkoͤpfe geopfert, ein mit dem aͤgyptiſchen verwandter Opferbrauch. Und nun kam ihnen auch die Tra⸗ dition der Umgegend ſelbſt zu Huͤlfe, die noch heut zu Tage verſichert, daß der benachbarte Farrenberg, den Namen von den Farren habe, die dort zum Goͤtzenopfer geweidet worden, uud daß der ſchoͤn und breite geebnete, mit luſtigem Gehege verſehene Weg, der noch jetzt hinauffuͤhrt, aus eben jener Hei⸗ denzeit herruͤhre. So konnten ſte den Gedanken, daß jene Koͤpfe Iſits⸗ oder Mondsſymbole ſeyen, nicht abweiſen, fie find nur zweifelhaft, ob ſte es fuͤr deutſche Goͤtzenbilder oder für troͤmiſche halten ſollen; da ja auch die Römer bekanntlich dem Iſtsdienſt, den’ fie ſchon frühe, mittelbar, von den Grte⸗ chen erhalten hatten, ſehr eifrig ergeben waren, in den Kai⸗ ſerzeiten denſelben oͤffentlich übten und der Iſts Tauwpel bauten. 4 War einmal der Farrenkopf zum fie. Symbol gemacht, 294 fo ſollte man denken, dieſe Erklaͤrung muͤſſe fie ganz natürlich auf analoge Deutung der uͤbrigen Figuren gefuͤhrt haben. Allein hiervon zog ſie der Krieg und die Mode des Etymologiſirens aus den Namen der Ortſchaften ab. Der Name des Dorfes Belſen kam ihnen gar zu bequem in den Wurf. Belſen wird ihnen Belsheim; Wohnung des babyloniſchen Sonnen— gottes Bel, Baal; die Zwerge des Frontiſpizes ſind ſein Bild, und die Raͤder (Sonnen) der Commentar dazu. Dieſe Meinung iſt auch die der Volkstradition zu Belſen. „Habt ihr den krummen Baal betrachtet?“ fragte mich einer der Bauern. — Doch moͤchte ſie dorthin erſt durch die gelehrte Welt, durch Pfarrer oder Schulmeiſter gekommen ſeyn. Im Nothfall laͤßt ſich zwar auch dieſer Bel auf Aegypten zuruͤckbringen, aber ihn mit dem Iſisdienſt in Verbindung zu ſetzen, möchte doch ſchwer Mit dem Kreuze endlich ſind ſie bald fertig. Auch die⸗ ſes Zeichen iſt aͤgyptiſch. Auf der Iſtsmuͤnze des Domitian erſcheint ein Prieſter der Göttin mit dem Kreuz in der lin ken Hand. — Allerdings finden wir ſchon das Kreuz öfters auf Kunſtdarſtellungen aus dem Kreiſe der Iſts-, Oſtris⸗ und Serapismythen, als Nilſchluͤſſel, als Symbol der Herrſchaft uͤber das befruchtende Waſſerreich. Aber es iſt ein gehenkeltes Kreuz, das aͤgyptiſche Tau; anzuſchauen wie ein lateiniſches T, oben mit einem Henkel. Die Kreuze auf der Belſener Capelle hingegen ſind ehrliche Chriſtenkreuze, und eben ſo wenig das aͤgyptiſche Kreuz, als, wie eine andre noch unpaſſendere Vermuthung war, eine Abbildung von Thors Hammer aus der nordiſchen Mythologie. Auf die andre Frage: wie kommen jene Symbole in die Mauern der Belſener Capelle? ſuchten die Gelehrten verſchie— dene Antworten; ohne es zu einer Entſcheidung zu bringen. Erſt dachten fie, das Ganze koͤnnte wohl ein roͤmiſcher Tempel ſeyn; warfen aber dieſe Hypotheſe wieder weg, weil ſie nicht annehmen zu koͤnnen glaubten, daß die unfoͤrmlichen, ſchlecht ausgearbeiteten Figuren, aus den Haͤnden der Roͤmer kommen ſollten. Dann meinten ſie, es koͤnnte wohl ein heidniſcher, wahrſcheinlich deutſcher Tempel ſeyn; oder noch beſſer: es koͤnnte auf derſelben Stelle ein ſolcher fruͤher geſtanden haben, von den bekehrten Deutſchen aber abgebrochen worden ſeyn, und in der chriſtlichen Kirche, die ſie aus den Mauerſteinen 295 des alten Tempels erbaut, koͤnnten nun jene Bilder zum An⸗ denken Platz genommen haben. Auch dieſe Vermuthungen konnten ihnen jedoch nicht genuͤgen. Sie a im aus ihrem Tacitus, daß die alten Deutfhen ihre Gottheiten für zu groß gehalten, als daß fie ſolche zwiſchen vier Wände eingeſchloſſen; und wenn ein Chriſtentempel aus dem heidniſchen gemacht worden wäre, fo fanden fie es viel natuͤrlicher, daß die Ve— kehrten in ihrem Eifer umgekehrt, die noch brauchbaren Tem- pelwaͤnde haͤtten ſtehen laſſen, die Goͤtzenbilder aber zerſtoͤrt, und nicht wieder hineingeſetzt haͤtten. Auch ſey die Bauart nicht die chriſtliche, beſonders in Hinſicht des Mauerwerkes, das auch bei unſern aͤlteſten Kirchen viel unvollkommener iſt. Endlich ſcheint ſich ihre Meinung, obgleich nicht klar ausge— ſprochen, dahin zu neigen, daß die Steine, einzelne aͤgyptiſch — deutſch — heidniſche Gegenſtaͤnde der Verehrung geweſen, und von den ſpaͤter dahin gekommenen Römern, die allen Re- ligionen in der ihrigen einen Platz goͤnnten, bei der Aufbauung dieſes roͤmiſchen, irgend einer Gottheit geweihten Tempels, den Mauerwaͤnden einverleibt worden ſeyven. Dieſe Hypo: theſe (wenn ſte aus den verwirrten Angaben richtig von uns heraus gefunden worden), ſtuͤtzten ſie auf die Beobachtung, daß die Steine mit den Bildern den uͤbrigen Mauerquadern nicht gleichen, ſondern rauher und ſchwaͤrzlicht ſcheinen. Wenn uns nun erlaubt iſt, eine eigene Hypotheſe aufzu- ſtellen, die wir freilich fuͤr gar nichts weiteres geben wollen, ſo iſt unſre Annahme folgende: Weder Tempel noch Bilder ſind urſprünglich deutſch, ſon⸗ dern roͤmiſch. Was den Tempel betrifft, fo ſtuͤzen wir uns auch auf die herrliche einfache und dennoch große Cultur vor: ausſetzende Bauart. Was die Bilder, fo koͤnnen wir im All⸗ gemeinen nicht recht an deutſche Goͤtzenbilder glauben, und dann kommt noch ein beſondrer Umſtand hinzu, der uns durchaus fuͤr roͤmiſchen Urſprung beſtimmt. Es iſt naͤmlich vor Zeiten, zwiſchen Canſtadt und Waiblingen, bei dem Dorfe Felbach, in einer Weinbergsmauer an einem Huͤgel; auf dem Wege nach Eßlingen, ein hoͤchſt merkwuͤrdiger Stein mit ſym⸗ boliſchen Bildern gefunden worden, die ganz unverkennbar aus dem Kreiſe der Mithrasmythen genommen ſind, und mit den zu Rom befindlichen Mithrasantiken die ſprechendſte Aehnlich⸗ keit, ſowohl in Idee als detaillirter Ausführung zeigen. Nun * vd 296 iſt der Mithras eine alte urperſiſche Gottheit, das Sym⸗ bol des Feuers und der Sonne bei jener Nation. Man wird aber (mag man auch den Lichtdieuͤſt bei allen Nationen noch fo ſehr centraliſiren und auf Eine Quelle zuruͤckfuͤhren) weder annehmen wollen, daß der Sonnen- und Monddienſt der Deutſchen bis aufs Detail ihrer Symbole, wenn ſie welche ge— habt, eine ſolche Aehnlichkeit mit zwei fremden Religionen gezeigt, noch, daß aus beiden Laͤndern, Perſien und Aegyp⸗ ten, Gottesdienſte nach unſrem Deutſchland eingewandert ſeyen. | Hingegen war der perſiſche Mithrasdienſt nicht lange nach dem aͤgyptiſchen Iſisdienſte, im Seeraͤuberkriege des Pompejus nach Rom gekommen, und hatte ſich dort, wie jener, ſehr ſchnell ausgebreitet. Wie natuͤrlich iſt es nun anzunehmen, daß die roͤmiſchen Legionen, die, wie man aus unzaͤhligen Spuren ſieht, im dritten Jahrhundert am Neckar geſtanden ), beide Gottesdienſte, die in Rom damals bis zur Raſerei ge⸗ trieben wurden, hier geuͤbt, und bei langwierigen Standguar⸗ tieren, auch in Kunſt- und Bauwerken ausgeſprochen haben? Man erinnere ſich zum Beiſpiel nur, daß Kaiſer Caracalla ein Iſis⸗ Eingeweihter war, und der Sfis mehrere Tempel er— richtete, und daß er ſich wahrſcheinlich eine zeitlang in Deutſchland bei der Donauarmee aufgehalten, und leſe nun folgende Stelle in unſres trefflichen Pfiſters Geſchichte von Schwaben (I, 47.): „Zwei Jahrzehende unter Severus und Ca— racalla ſtand die ꝛ2ſte Legion am Neckar. Dieſe alte Le⸗ gion war ehemals in Aegypten und im juͤdiſchen Krieg, ſeit dieſer Zeit aber in Gallien, und es ſcheint, die Kaiſer haben das Graͤnzland zum Theil den ausgedienten Soldaten eingegeben. Noch auf der oͤſtlichen Seite vom Neckar hat ein ſolcher Veteran mit feiner Familie „auf eis genem Grund“ einen Tempel errichtet; andre Soldaten von dieſer Legion haben verſchiedene Altaͤre, „dem hoͤchſten Jupiter“, „dem Mars“, „dem Apollo“, „allen Goͤttern und Goͤttinnen“ gewidmet.“ — . Ueberhaupt findet man hier und da im Lande Spuren roͤ⸗ miſcher, nachher von den Alemannen zerſtoͤrter, oder von den bekehrten Chriſtendeutſchen in Kirchen umgewandelter Tem- re) Belſen liegt 2 Stunden vom Neckar. 297 pel: fo in Kuppingen bei Herrenberg (jetzt abgebrochen), fo in Murrhard. (Vielleicht gehoͤrt eine Scheune auf dem Hofe Schwaͤrzloch bei Tübingen, an der ich mancherlei Symbole ge— funden, hieher. Leſe man nun weiter in Sattlers allgemeiner Geſchichte Wuͤrtembergs bei der Abbildung einer der Antiken folgendes: (S. 221): „das letzte (Alterthum) dient den Herrn Gelehrten zu einem Raͤthſel, welches fie aufloͤſen mögen. Auf dem ziemlich großen Kopf hat es zwei Ochſenhoͤrner. Der uͤbrige Koͤrper iſt nicht wohl geſtaltet, und die Arme gleichen faſt zwei Hand— heben, die von den Hoͤrnern bis an die Huͤften reichen. In welchem Ort des Herzogthums Wuͤrtemberg ſolches gefunden worden, kann ich nicht melden. In dem Verzeichniß der Kunſt— kammer aber erinnere ich mich, daß dieſes Bild als ein Fau— nus oder Waldgott eingetragen geweſen. Sollte es aber nicht vielmehr ein Bild des Apis oder Oſiris ſeyn? u. ſ. w. Daß aus Aegypten ein Theil des Goͤtzendienſtes hieher gebracht werden konnte, beweiſen die von Herrn Schoͤpflin im Elſaß gefundenen Ueberbleibſel der aͤgyptiſchen Religion. Die 22fte Legion, welche die Ste in dieſen Landen abgeloͤſet und viele Jahre hier ſich aufgehalten hat, wurde von Kaiſer Au— guſt in Aegypten aufgerichtet, von Veſpaſian zur Belage⸗ rung der Stadt Jeruſalem gebraucht, und endlich an den Rhein zu gehen befehligt. Dieſe kann noch von der aͤgypti— ſchen Religion etwas beibehalten und dieſes Bild als ein Andenken uns hinterlaſſen haben.“ Heut zu Tage kann wohl kein Archaͤolog über jenes Bild im Zweifel ſeyn: Es iſt offen— bar eine Iſis mit dem Kuhkopf und den Monds⸗ hoͤrnern. Endlich findet man nach Pfiſter, aufwaͤrts und abwaͤrts am ganzen Neckar, an der Murr, an der Enz, an dem Kocher uͤberall noch Spuren von roͤmiſchen Waſſerleitungen, Baͤdern, Soldatenhaͤuſern, und andern Anlagen zu Kaſtellen oder Staͤd— ten; zugleich auch viele Steinbilder als Ueberreſte edler Kunſt und als Zeugen einer friedlichen Muſe, die auch roͤmiſche Mythologie dem Genius dieſer Länder näher gebracht hat ). ) Fuͤr das perſiſche Mithras monument konnte die Notiz von Wichtigkeit ſeyn, daß nach Herodian, Alexander 298 Nach allem dieſem denken wir uns die Sache ſo: N Belſen mit den umliegenden Grundſtuͤcken war eine Dove tation und friedliche Niederlaſſung roͤmiſcher Veteranen der zzſten Legion unter Caracalla. Und wirklich hat man vor etwa ſechzig Jahren bei Moͤſſingen und Belſen Heidengraͤber mit Urnen gefunden. Dieſe pflanzten hier den angeerbten aͤgypti— ſchen Gottesdienſt ihrer Legion fort, der ihnen ohnehin von Rom aus als Mode empfohlen war. Sie bauten den aͤgypti⸗ ſchen Geſtirngoͤttern einen Tempel, fie weideten ihnen auf dem benachbarten Berge Farren, und opferten ihnen dieſelbe nach aͤgyptiſcher Weiſe. Merkwuͤrdig iſt in dieſer Hinſicht ein im Innern der Capelle aus der Mauer, da wo ſich der neuere Chor anſchließt, hervorragender Stein, der in einer chriſtlichen Kirche durchaus fremd und bedeutungslos iſt, den aber die Volksſage (denn in Büchern habe ich von die ſem nichts ge= funden), ohne Umſchweife zu dem Steine macht, an den die Farren beim Opfer angebunden worden. Dieſer Spur folgend, vermuthen wir, daß da, wo ſich jetzt der Chor anſchließt, der Haupteingang zum Tempelchen mit der Opferſtelle geweſen; vielleicht mit bedeutendern und reichern, jetzt verlornen Sym— bolen. Das jetzige Frontiſpiz waͤre die Ruͤckſeite mit einer Hinterthuͤr und den übrig gebliebnen Sinnbildern. Den gan—⸗ zen Tempel denken wir uns begreiflich nicht ſpitzig und mit einem Giebeldach, wie jetzt, verſehen, ſondern etwas thurmar— tig in die Hoͤhe gebaut. — Die bald ſtegreichen bald geſchla— genen Alemannen der ſpaͤtern Jahrhunderte, denken wir weiter, kamen, waͤhrend der Kriege (ſelbſt wenn die roͤmiſchen Bewoh— ner die Stätte verlaſſen) nicht an dieſen Gebirgsfleck heruͤber, und ſo blieb das ſchoͤne Tempelchen unzerſtoͤrt. Erſt als das ganze Land Suev-alemanniſch (ſchwaͤbiſch) geworden war, moͤgen dieſe roͤmiſchen Dotationen von den Schwaben eingezo— gen und zu Gemeinde-Guͤtern „Almanden“ gemacht wor⸗ den ſeyn, ein Alemannen ort, das man noch heute jeden Aus genblick im Munde der Bauern hoͤren kann. Dieſes Alemannien kam in der Folge unter fränkiſche Oberherrſchaft, und die Franken, bei welchen ſeit Chlodwigs Severus allerhand furchtbare Krieger aus dem Orient, an den Rhein gegen die Deutſchen fuͤhrte, worunter auch par⸗ thiſche (perſiſche) Pſeilſchuͤtzen. ſ. Pfiſter, a. a. O. 1. S. 51. 299 Taufe das Chriſtenthum Staatsreligion geworden war, fiengen nun an, auch bei den Alemannen, die nach dem aus— druͤcklichen Zeugniß eines damaligen Schriftſtellers nur die Natur verehrten, und alſo bilderloſe Heiden waren, Be— kehrungsverſuche zu machen. Dieſe Bekehrer waren irlaͤndi⸗ ſche Chriſtenprieſter. Sie zogen beſonders durch Franken, in die Schweiz und an den Bodenſee, wo ſie zu Bregenz einen deutſchen Heidentempel (denn bei dieſen ſuͤdlichern, phantaſti— ſchern Alemannen ſcheint ſchon Bilderdienſt beſtanden zu ha— ben), in eine chriſtliche Kirche verwandelten. Dies alles ge— ſchah etwa 600 Jahre nach Chriſti Geburt. Laſſen wir nun einen ſolchen chriſtlichen Miffionar nach Belſen kommen und die dortigen ſchwaͤbiſchen Alemannen bekehren. Er findet den roͤmiſchen Tempel vielleicht ſchon als Ruine, aber doch mit leichter Muͤhe zum chriſtlichen Gottesdienſt wieder herſtellbar, und macht dieſes den Neubekehrten begreiflich. Es wird ans Werk geſchritten. Das Haus muß vor allen Dingen nach nor— diſcher Sitte und dem Beduͤrfniß des Klima's ein Giebeldach erhalten. Zu dem Ende wird auf beiden Laͤngeſeiten von der Hoͤhe genommen: an der Breite aber hinaufgebant, um den Giebel zu vollenden. Dieſe Annahme erleichtert uns die Er— klaͤrung des Kreuzes. Die Bekehrer wie die Bekehrten ha— ben ohne Zweifel Anſtand an den unfoͤrmlichen und ihnen ganz fremden Goͤtzengebildern am obern Theile dieſer Tem— pelſeite genommen. Sie und ſich zu beruhigen, riethen nun jene den Bauenden, bei Vollendung des Giebels uͤber die ab— goͤttiſchen Mißgeſtalten, das chriſtliche Symbol des Kreuzes einzumauern, vielleicht nicht blos als Zeichen des vertriebe— nen Goͤtzendienſtes, ſondern auch um den moͤglichen unheilvol— len Einfluß jener Goͤtzen (Teufel) unwirkſam zu machen. Aus eben demſelben Grunde ward uͤber die Eingangsthuͤr an der Weſtſeite ein Kreuz mit verſchiedenen Zierathen eingemauert. Daß wir heut zu Tage keinen Anſatz im Bau des Giebels bemerken, wird wohl auf Rechnung des Geſchmacks der Umge— ſtaltenden geſetzt werden duͤrfen, die hoffentlich die wenigen Steine des Gipfels nach dem Muſter des alten Baues zuzu— hauen und zuſammenzuſetzen nicht unterlaſſen haben werden. Eben ſo mag es mit dem jetzt von dem Chor verdraͤngten Haupteingang auf der andern Breite des Tempels gegangen ſeyn. Dort denken wir uns auch die bei roͤmiſchen Gebaͤuden © 300 zu erwartenden Inſcriptlonen uͤber der jetzt verſchwundenen Hauptthuͤre, und etwa einen Saͤuleneingang. Um auf die Symbole der roͤmiſchen Gruͤnder zurer zu kehren, und auch für dieſe aͤgyptiſch-roͤmiſchen Skulpturen eine Deutung zu wagen, fo halten wir fie für die aͤgyptiſchen Natur- und Licht= Gottheiten, denen der Tempel geweiht war, und zwar die Farren- oder Kuhkoͤpfe fuͤr die Andeutung der Iſis; die Zwerge für die weltſchoͤpferiſchen Licht- und Feuer - Götter, die in Aegypten hier und da in Verbindung mit der Iſis und in baͤrtiger Zwergsgeſtalt erſcheinen, wie zu Memphis der dort als erſter Gott verehrte Vulkan oder Phtha als baͤrtiger Zwerg auf ſeinem eignen Tempel vorgeſtellt iſt. Namentlich hat unſer Giebelzwerg, beſonders was die Beugung der Arme und Füße betrifft, große Aehn⸗ lichkeit mit dem Zwerg auf einem der aͤgyptiſchen Denkmaͤler, das Creutzer Tab. XVI. 2. giebt, welchen er fuͤr den aͤgypti⸗ ſchen Gott Kneph oder Knuphis, den guten ſchoͤpferiſchen Geiſt, den idealen 190 iris halt ). Auch auf einer Süber⸗ ) Hier die Biken und Anſichten eines Freundes, deſſen Guͤte ich auch die auf nochmalige genaue Betrachtung geſtuͤtzte Beſchreibung der Capelle verdanke: Kommt man von der Weſtſeite, und hat dort die aͤgyptiſche Deutung der Figuren auch nur mit halb glaͤubigem Ohr aufgenommen, ſo muß dieſe Oeffnung aufs neue, aufs lebendigſte erinnern an die Bedeutſamkeit des Oeſtlichen in der aͤgyptiſchen Symbolik. Wenn wir es dahingeſtellt ſeyn laſſen, ob auch hier der Gruß der Sonne mit einem frohen Klang erwiedert worden ſeyn möge, fo iſt doch kaum der Gedanke an eine aſtronomiſche Vorrichtung zu unterdrücken. Jetzt freilich iſt weder von einem Gnomon noch etwas aͤhnlichem eine Spur mehr da: der Strahl fällt auf die angeſtrichene Wand, oder auf Kir⸗ chenſtuͤhle. Eine mehr als zufaͤllige Bedeutung der Oeffnung hatten uns ſchon die Bauern angekuͤndigt, mit der Bemer-⸗ kung, wie ſchoͤn es ſey, wenn Morgens die Sonne herein- falle. Es muß wirklich herrlich ſeyn, denn, wenn wir die im Chor der Kirche angebrachten Fenſter ausnehmen, ſo iſt nichts mehr da, als wie ganz kleine Oeffnungen in der Hoͤhe, die ſo wenig Licht geben, daß, ungeachtet wir beide Kirchthuͤ— ren aufſperrten, doch das Innere nur daͤmmernd erleuchtet war. In der Kirche ſelbſt ſteht ein ganz ſteinerner, ziemlich roh gearbeiteter Altar, der vor einigen Jahren erſt ſehr ge— ſchmacklos angeſtrichen wurde. Daneben iſt ein hervorragen— der Stein in der Wand; an dieſen — erzaͤhlten uns mehrere Belſener Buͤrger — habe man die Farren und Widder ges » — 301 muͤnze, von der Creuzer einen Holzſchnitt giebt, erſcheint ein dem unſrigen aͤhnlicher Zwerg, und. auf der andern Seite ein Ochs. — Daß unſern Zwergen der Bart fehlt, iſt aus der gaͤnzlichen Hnansgeifhntneit der Sculpturen hentai Die * bunden, geſchlachtet, und auf dem Altar dem „Bal“ geop⸗ fert. Dieſe ſetzten hinzu: das Kirchlein ſey das aͤlteſte Ge— 8 bäude „im roͤmiſchen Reich.“ Auf dem Farreuberg haben „die Farren und Buͤffelochſen geweidet: auf einem ausgeſteckten Weg ſeyen ſie herabgefuͤhrt worden.“ Wenn man tief grabe, ſoll man wirklich auf Spuren einer verſenkten Nömerftraße treffen. Fragt es ſich nun vom Alter einzelner Theile: ſo ſind * alterthuͤmlich ohne allen Zweifel, die untere Zwerg -Geſtalt, die obern 4 Steine, die mit Bildern bezeichnet ſind, und die Oeffnung an der Morgenſeite. Einer ſpaͤtern Zeit gehoͤrt an, der ganze Chor der Kirche. Daß an Heidentempel — wenn es nur nicht germaniſche waren, denn dieſe entgiengen wohl felten der Zerſtoͤrung — durch die Glaubensboten in Deutſch— land ein Chor angeſtoßen, und dadurch das Ganze zum chriſtlichen Tempel umgewandelt wurde, iſt bekannt, ſchon durch das nahe liegende ganz gleiche Beiſpiel vom Michels— Berg. Aber die Kreuze? ihre Figur iſt ganz die von chriſt— lichen, namentlich aus fruͤherer Zeit. Das obere wird ſich am leichteſten als ſpaͤter eingeſetzt anſehen laſſen, aus dem ſchon bemerkten Grunde, daß es ganz und gar nicht wie die andern Figuren, dem Ebenmaß folgend, in der Mitte ſteht, ſondern auf der Seite, und dazu noch ſchief. Der Stein, auf 4 dem es iſt, zeichnet ſich ſo wenig als einer der andern durch Farbe oder irgend ein andres Merkmal aus. Veranlaßt durch die Oeffnung gegen Morgen, koͤnnte man der auf der Abend— ſeite, ganz nahe am Giebel befindlichen Oeffnung, eine aͤhn— liche Bedeutung unterlegen wollen. Aber dieſe ſcheint uns zu hoch, und dabei nur durch Herausſtoßen eines Steins entſtanden, etwa das Werk eines chriſtlichen Wiederherſtellers des Gebaͤudes, der die aͤgyptiſche Finſterniß des Innern etwas zu erhellen bemuͤht war. Am ſchwerſten zu erklaͤren iſt das untre Kreuz. Der Platz den es einnimmt, macht es unwaͤhr— ſcheinlich, daß es an die Stelle eines herausgenommenen Steins eingefügt worden ſey. Die Art, wie der Stein mit dem untern Zwerg angefuͤgt iſt, laͤßt kaum zweifeln, daß von jeher ſeine Stelle hier genau uͤber der Thuͤr geweſen ſey. Indeſſen mag vielleicht auch das untre Kreuz, wie die Zie⸗ rathen in der Hoͤhe, deren Alter verdaͤchtig iſt, angefuͤgt wor— den ſeyn, bei der Wiederherſtellung des Gebaͤudes, die ſchon durch die ſchiefe und unterbrochne Neigung des Dachs als eine ſehr kunſtloſe ſich ankuͤndigt, und die, wie ſie ſich fan⸗ den, aͤltere ö vermiſcht mit neu herbeigeſchafften. 302 Rohbeit der letztern aber war von halb barbartfierten Vetera⸗ nern eines deutſchen Heeres wohl nicht anders zu erwarten. Noch ſind die Widderkoͤpfe uͤbrig. Auch dieſe erſcheinen an Kunſtdarſtellungen aus dem Iſts-Kreiſe, und zwar an dem Gott Harpokrates, dem kraftloſeren Sohn der Iſkts und des Dfiris, dem Symbol der Winterſonnenwende (der kraͤftigere Sohn iſt Horus, Symbol der Sowmerſonnenwen⸗ de). Man hat eine aͤggyt. Münze, die den Harpokrates auf einem Widder reitend vorſtellt. Auch auf einem heil. Schiffe in den Sculpturen des Pallaſtes zu Karnat kommt am Vor: der⸗ und Hinter-Theile ein Widderkopf als Verzierung vor. Wollte man nun die unfrigen auf Harpokrates deuten, ſo haͤtten wir die aͤgyptiſchen Gottheiten: Iſis, Harpo⸗ krates, Phtha (für den untern) Kneph (fuͤr den obern Zwerg). Doch dürfen wir bei jenen Gründen unſers Tempels auch in dieſem Fall gewiß keine tiefere naturphiloſophi⸗ ſche Idee und Zuſammenſtellung, ſondern nur den blindeſten, ererbten Goͤtzendienſt annehmen. * Vierter Au han g. Geognoſtiſches, Mineralogiſches und Bota— niſches uͤber die Alb. Von Ne D. Schuͤbler. 1 Gebirgsarten und merkwuͤrdigere Mineralien der Alb. Die wuͤrtembergiſche Alb zeigt in den Produkten des Mi⸗ neralreichs viele Gleichfoͤrmigkeit; ihre Hauptgebirgsart iſt ein dichter gewoͤhnlich gelblich graugefaͤrbter kohlenſaurer Floͤtzbalk— ſtein, der von den neuern Geognoſten Jura-Kalk genannt wur⸗ de, indem dieſelbe Gebirgsart das eigentliche Juragebirge der Schweiz bildet und ſich von da in unſere Gegenden fortſetzt; bei Schaffhaufen iſt dieſe Kalkformation vom Rheinfall durch— brochen, zieht dann von SW nad NO durch ganz Schwaben eine natürliche Scheidewand zwiſchen den Flußgebieten der 303 Donau und des Neckars bildend, und endigt fih zuletzt nord⸗ öſtlich von Wuͤrtemberg im Baleriſchen bei Baireuth. Der gan— ze Gebirgszug wird vonder Schweiz an nach uud nach niedriger, in den ſuͤdweſtlichen Theilen Wuͤrtembergs erreicht er noch in mehreren Gegenden, wie auf dem Heuberg bei Schoͤmberg, Hoͤ— hen von 5000 bis 3100 Pariſer Schuhen und erniedrigt ſich an der nordoͤſtlichen Graͤnze Wuͤrtembergs wie auf dem Albuch bis 2200 und 2000 Schuhe. Die Maͤchtigkeit der Schichten dieſer Gebirgsart betraͤgt nicht ſelten gegen 1000 Pariſer Schuhe, ihr In— neres iſt mit mehreren großen Hoͤhlen durchzogen, in ihren obern Schichten finden ſich in muldenfoͤrmiger Vertiefung haͤu— fig Bohnerze. Der Abfall des Gebirgs iſt gegen Norden be— deutend ſtaͤrker als gegen Suͤden, das tiefere ebenere Land am noͤrdlichen Fuß der Gebirgskette liegt gewohnlich 800, 900 bis 1000 Schuhe tiefer als die obere Flaͤche der Gebirgskette, der Abfall nach Suͤden betraͤgt oft 300, 400 Schuhe weniger, das ganze Donauthal am ſuͤdlichen Fuß der Alb liegt ſchon bedeutend hoͤher als das Neckerthal, die fruchtbarſten Gegen— den und ſchoͤnſten Ausſichten finden ſich daher auch gewoͤhnlich am noͤrdlichen Abhang. Am ganzen noͤrdlichen Fuß dieſer Gebirgskette findet ſich ein gewoͤhnlich blaͤulich ſchwarzer an Verſteinerungen reicher Kalk, welcher von einer vorzuͤglich haͤufig in ihm vorkommenden ver— ſteinerten Meerſchnecke der Vorwelt die Benennung Gryphi— tenkalk erhielt, haͤufig liegt zunaͤchſt uͤber dieſem Gryphiten— kalk unter dem Jurakalk noch ein eigenthuͤmlicher bituminoͤſer Mergelſchiefer, deſſen Schichten auch hie und da mit denen des Gryphitenkalks wechſeln; aus dieſem Schiefer entſpringen die Schwefelquellen von Boll und Reutlingen. — Am noͤrdlichen und vorz. nordoͤſtlichen Abhang der Alb bei Aalen, Waſſeral— fingen und mehrern andern Gegenden findet ſich zwlſchen die— fer Schieferformation und dem Jurakalk noch eine maͤchtige Schichte eines eiſenhaltigen Sandſteins, in welchem der fuͤr Wuͤrtemberg wichtige Thoneiſenſtein vorkommt. — Einige Gegenden der Alb beſitzen Trappgebirgsarten namentlich Va— ſalt, welcher ſich mitten im Jurakalk auf einzelnen Bergen fin— det, wie auf dem Eiſenruͤttel bei 2 Dollingen, Sternenberg bei Offenhauſen und an der Uracher Staige, Vaſalttuff, bei Eh— ningen, Hohenwittlingen, am Abhange von Hohen-Neufen, auf dem e und Juſtberg bei Dettingen und Heb⸗ 304 fifau*); dleſe letztere Gebirgsart füllt oft große Spalten des Jurakalks aus. In dieſen Hauptgebirgsarten finden ſich folgende mehr in untergeordneten kleinen Parthien eingewachſen. a Erdige Foſſilien. n zuweilen in Kugeln und als Geſchiebe im Jura⸗ kalk bei Koͤnigsbronn und Nattheim. Splittriger Hornſtein im Jurakalk bei Gomadingen, Onſtmettingen, Aalen. Calcedonals Verſteinerungsmittel von Seeigeln, und Koral⸗ len im Jurakalk bei Nattheim und Steinheim, im Stuben⸗ thal. Olivin eingewachſen in Körnern im Bafalt der oben be⸗ merkten Gegenden. Muſchliger Augit im Baſalttuff und in loſen Cryſtal⸗ len bei Ehningen in der Dammerde. Trippel im Jurakalk zu Mehrſtetten bei Urach Bolus im Jurakalk mit Bohnerz bei Nattheim. Walkerde neſterweis im Jurakalk bei Urach. Berg milch in den Hoͤhlen der Alb, der Nebelhoͤhle, Falken— ſteiner Hoͤhle, Linkenboldsloͤchlein. und bei Hohenwittlin⸗ gen. 8 Marmor in vielen Gegenden der Alb, der dichte Jurakalk zeigt viele Farbenverſchiedenheiten und nimmt gewoͤhnlich eine ſchoͤne Politur an, er geht vom Gelblichgrauen ins Gelbe, Weiße, Blaͤuliche, Rothe und Braͤunliche uͤber, oft iſt er zugleich baumartig gezeichnet, in einigen Gegenden iſt er roth und weiß bandartig geſtreift, wie bei Böllingen im Oberamt Muͤnſingen; bei Neresheim geht et ſtellen⸗ weis ins Roſenrothe über. Schwarze und ſchwaͤrzlichgraue Marmorarten oft mit eingewachſenen verſteinerten Schnek— ken finden ſich im Gryphitenkalk am Fuß der Alb wie bei Hattenhofen ohnweit Goͤppingen. Kalkſchiefer plattenfoͤrmig an mehreren Orten wie bet „) In Anſehung der nähern geognoſtiſchen Verhaͤltniſſe der Alb zu den übrigen Gebirgsformationen Wuͤrtembergs verweiſen wir auf die 2te Ausgabe von Hrn. Prof. Memmingers Ge- ographie und Statiſtik Wuͤrtembergs. Cotta'ſche RES 1823. und auf deſſen Jahrbuͤcher. a 305 Steinheim im Stubenthal, Blalchſtetten und Kolbingen auf dem Heuberg. Kalkſpath vorzuͤglich in Hoͤhlen und Spalten des Jurakalks theils rein⸗weiß, theils von weingelber Farbe bei Koͤnigs⸗ bronn und Heidenheim und bei Neresheim. Kalkſinter oder faſriger Kalkſtein in Form von Tropfſtei⸗ nen, Roͤhren auch kuollig und nierenfoͤrmig in den Hoͤh— len der Alb. Kalktuff oft mit Pflanzenincruſtakionen und Suͤßwaſſer⸗ ſchnekken bei Urach, Seeburg, Pfullingen, Gönningen. am Fuß der Alb. Erbſ enſtein zuſammengebackene Koͤrner von der Größe ei⸗ ner Hirſe bis Erbſe im Jurakalk bei Neresheim und Eh— krenfels. Nagelkalk oder Duttenſtein am Fuß der Alb im Gryphiten: kalk bei Waſſeralfingen. Brennbare Foffilien. Noch verdienen als Merkwuͤrdigkeit die Gerötle von Granit, Gneis und Glimmerſchie fer erwaͤhnt zu werden, welche ſich in der Dammerde am noͤrdlichen Abhang der Alb auf der oͤſtlichen Seite des Floriansbergs bei Mezingen und auf dem Rangenberg bei Ehningen finden. Pechkohle oder Gagat am Fuß der Alb im Gryphitenkalk neſterweiß in kleinen Parthien bei Göppingen, Balingen, Aldingen ic. Vitriolſchiefer im bituminöſen Mergelſchiefer bei Hef: ſelwang. Torf am Abhang der Alb bet Schopfloch im Ob. Amt Kirche heim und bei Brenz u. Germaringen. Metalle. Schwefelkies eryſtalliſirt und in knolligen unfoͤrmlichen Stuͤcken im Gryphitenkalk und Schiefer am Fuß der Alb in mehreren Gegenden wie bei Voll, Pfullingen, Balingen, Aldingen. Strahlkies in derſelben Formation bet Schemberg, Moͤgg⸗ lingen ıc. Koͤrniger Thoneiſenſtein in mehreren Floͤzen bei Aalen und Waſſeralfingen. Eiſenniere (gelber Thoneiſenſtein) ebendaſelbſt. G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 20 306 Vohnerz dichtes und ſchaliges meiſt in muldenförmigen Ver: tiefungen in den obern Schichten des Jurakalks in vielen Gegenden, wie bei Michelfeld auf dem Herdtfeld, Watt: heim, Oggenhauſen, Ebingen, Trochtelfingen, Willmans dingen, Thalheim auf dem Heuberg, Neuhauſen ob Eck. Graubraunſteinerz bei Ebingen und Trochtelfingen mit Bohnerz und bei Schnaitheim. Verſteinerungen. Die ganze Kette der Alb enthaͤlt eine Menge Ueberreſte verſteinerter Seethiere, welche in der gegenwärtigen Schöpfung groͤſtentheils ganz fehlen und merkwuͤrdige Belege geben, daß die Gebirgskette in den fruͤhern Perioden unſerer Erde lange von dem Weltmeer bedeckt war, wofuͤr auch viele andere Er— ſchelnungen ſprechen. Die wichtigern Verſteinerungen fi ind nach Schlothheims Benennungen folgende: Im Jurakalk Ammoniten (Ammonshoͤrner) in den Arten Ammonites an- nulatus, planulatus, und costulatus, Terebratulithen (Bohrmuſcheln) gleichfalls in mehreren Arten Terebratulithes giganteus bicaniculatus. lacunosus und dissimilis. In den Bohnerzgruben bei Nattheim oft in Calcedon verſteinert. Echiniteu (Seeigeln) Echinites ee undelipticus. Auſternartige Muſcheln, Ostracites christa hastellatus das ſoge⸗ nannte Lorbeerblatt. Mehrere Korallenarten. Fungites infundibuliformis, Hyppurites. radiatus Madreporites, maeandrinus, truncatus, cavernosus, fi- latus, astroites, Tubiporites stalactiticus, Alcyonites manatus. In der Gegend von Giengen und Heidenheim En- erinites mespiliformis (Seelilien) und Gryphites Gigas, In den obern Schichten des Jurakalks im Stuben⸗ thal bei Steinheim Abdruͤcke und Kraͤthe von Fiſchen mit Suͤßwaſſerſchnecken namentlich Helicites sylvestrinus und globositicus. Am nördlichen Abhang der Alb zwiſchen dem Jura⸗ kalk und Eiſenſandſtein oft loſe in einem gelbl. Thon oder in einem rogenſteinartigen Kalk liegend bei Waſſeralfin— gen, Dettingen und am Reifenberg bei Gmuͤnd Ammoni- des macrocephalus, noricus und corona. Belemnites gi- — 307 gantens und canaliculatus. Ostraeites pectiniformis, eduli- formis, crista galli und complicatus (ſogenannte Hahnen⸗ kaͤmme) Serpulites Jumbricalis und gordialis oft auf Belem- niten aufſitzend. Donacites trigonius. Im körnigen Thoneffenfein und Eiſenſandſtein bei Waſſeralfingen und Aalen. Ammonites bifurcatus, Belemnites paxillosus Pleuronectites lae- vigatus (Kompaßmuſcheln) Arcacites corbularius und Tere- Dfaraliche sufflatus, viele kleine Telliniten. In dem jüngern bitumindſen Mergalſchiefer am zug der Alb bei Boll. Belemnites paxillosus (Teufelfinger Luchßſteine) Pentacrinites sub- angularis (die ſogenannte Meduſenpalme) meiſt in Bruch⸗ ſtuͤcken. Algacites granulatus (Meertang) Abdruͤcke und ver⸗ ſteinerte Knochen von großen Fiſchen und Krokotillartigen Thieren wurden fruͤher einige in dieſer Gegend gefunden. Ammonites Amaltheus, annularis und ornatus in Schwefelkies verkießt bei Boll, Gmuͤnd, Valingen. Im Gryphitenkalk am noͤrdl. Fuß der Alb nnd in mehre— ren Gegenden dieſer Formation Ammonites arietis uud co- lubratus, von einigen Zollen bis 2 Schuh Durchmeſſer. Gryphites cymbium (Greifsmuſchel) Myacites afünis, Pleuro- nectites discites. Venulithes islandicus. (Venusmuſcheln) Bucardites hemicardiiformis (Herzmuſcheln) Terebratulithes osteolatus und alatus (Bohrmuſcheln) Mytulites modiolatus und Pinnites diluvianus (Schinckenmuſcheln.) Pentacrinites vulgaris in Bruchſtuͤcken als ſogenannte Sternſteine hier und da aufſitzend. ) 4 mn 2 Merkwuͤrdigere Pflanzen der Alb. Die Alb beſitzt mehrere Pflanzen, welche in den tiefern Gegenden Wuͤrtembergs fehlen oder nur ſelten vorkommen, ) Verſchiedene dieſer Verſteinerungen kommen nicht blos aus⸗ ſchließend in den hier bemerkten Formationen, ſondern auch an deren Graͤnzen in den benachbarten Schichten vor, deren Schichten oft auch ſelbſt an den Graͤnzen der * mit einander wechſeln. 20 * un 308 fie. enthält namentlich mehrere in dem eigentlichen Jura der Schweiz vorkommende Arten: mehrere derſelben kommen vie⸗ len Gegenden der Alb uͤberhaupt gemeinſchaftlich zu, wie ſich dieſes bei der Gleichfoͤrmigkeit der Gebirgsart nicht anders er: warten laͤßt; wir fuͤhren hier die merckwuͤrdigern nach einzel⸗ ven u Fundorten auf, welche haͤuſiger beſucht werden. Lochen und Schaafberg. Sesleria coernlea, Mai — Lysimachia nemorum, Juli. Gentiana verna. Maj — Sanicula europaea. Juli — Astrantia major. Juli — Laserpitium latifolium. Juli — Pyrola secunda, Juni — Arenaria serpyllifolia. Juni — Crataegus Aria. Juni -- Rubus saxatilis, Maj — Ranunculus lanuginosus. Juni — Chei- ranthus erysimoides. Juni — Lotus siliquosus, Juli — Doroni- cum Bellidiastrum. Maj — | 1 Sallmandingen, Gentiana verna, April — Bupleurum longifolium, Juni — B. rotundifolinm. Juni — Caucalis grandiflora. Juni — Anthe- mis tinctoria, August — ’ Farrenberg bei Möffingen. Viola mirabilis. April — Gentiana lutea. Juli — G. verna April — G. cruciata. August — Astrantia major. Juli — Cau- calis grandiflora, Juni — Sp pinnata. Maj — Convallaria verticillata. Maj — Cratægus Aria. Juni — Actæa spicata. Juni — Aconitum Lycoctonum. Juui — Helleborus fetidus, April — Ranunculus lanuginosus, Maj — Anemone hepatica, April — A. ranunculoides. April — Vicia sylvatica. Juni — Doronicum Bellidiastrum. Maj — Cineraria integrifolia. Maj — Centaurea montana. Juni — Serapias palustris (longifolia). Juli — Orchis sambucina, Maj — Carex digitata. April — C. clan- destina. Merz — Equisetum eburneum. April — Roßberg. Sesleria cœrulea. April — Elymus europæus. Juli — Dip- sacus pilosus. Juni — Lysimachia nemorum, Juli — Physalis alkekengi. Juli — Atropa Belladonna. Juli — Phyteuma orbi- culare. Juli — Impatiens nolitangere, Juli — Thesium monta-. num, Juni — Gentiana lutea. Juli — G. verna, April — Bu- pleurum longifolium. Juni — Sanicula europa. Juli — Laser- pitium latifolinm, Juli --- Convallaria verticillata. Maj — Hya- ‚ einthus bosryoides, April — Lilium Martagon. Juni — Adoxa > | 309 mosehatellina. Merz — Euphorbia sylvatiea. Juni — E. dulcis. Juni — Crategns Aria. Juni — Rosa villosa. Juni — Rubus Du katilis. Maj — Actiea spicata. Juni — Aconitum Lycoctonum. Juni — Ihalictrum aquilegifalium. Juni — Helleborus fœtidus. April — Anemone Pulsatilla. Maj — A. ranunculoides. April — Teurium montanum, August — T. chamædrys. August — Stachys alpina. Juni — Orabanehe major. Juni — O. caryo- phillacea. Juni — Digitalis ambigua, Jnli — Alyssum monta- num. Juli — Pholarpi montanum, Maj — Vicia sylvatica, Juni — Trifolium rubens, Juli — Coronilla coronata, Juni — Hip- pocrepis comosa, Juli Lotus siliquosus. Juli — Carduus detlo- ratus, Juni — Chrysanthemum corymbosum. August — Doro- nicum Bellidiastrum. Maj — Hieracium præmorsum. Maj — Inula hirta. Juni — Senecio sarracenicus. Merz — Buphthal- mum salicifolium. Jnni — Orehis pyramidalis. August — Ophris 0 Monorchis. Juli — Serapias ensifolia. Juni — atrorubens. Juni — S. vividiflora. Juli — Scolopendrium officinale, Pfullingen. Lysimachia thyrsiflora. Juli — Bupleurum longifolium. Juli — Oenanthe fistulosa. Juli — Convallaria verticillata. Maj. — Lunaria rediviva. Maj — Teucrium chamæpithys. August, Lichtenſtein und Nebelhoͤhle. Cynoglossum sylvaticum Hanke. Juni — Phyteuma orbicu- lare, Juli — Impatiens nolitangere. Juli — Astrantia major, Juli — Convallaria verticillata. Maj — Lilium Martagon, Juni — Saxifraga Aiz: on. Juni — S. Cotyledon. Juni — Euphorbia sylvatica. Juni — Mesp:lus Amelanchier. Maj — M. Cotoneas- ter. Maj — Rosa cinnamomea. Maj — Rosa pimpinellifolia. Juni — Actæa spicata, Juni — Aconitum Lycoctonum. Juni — Helleborus fœtidus. April — Anemone Pulsatilla. Maj . chis alpina. Juni — Digitalis ambigua, Juni — Lunaria rediviva. Maj — Arabis arenosa et hirsuta. Jun — Sisymbrium strictis- simum, Juni — Coronilla coronata. Juni — Lathyrus hetero- phillus. Juni — Doronium Bellidiastrtum,. Maj — Inula hirtä, Juni — Centaurea montana. Juni — Ophris monorchis, Juni — Serapias lancifolia, Juni — Polypödium Dyopteris, Juni — Cyathea cynapifolia Juni, vn Sistenftein gegen St. Johann zu. Atıopa Belladonna. Juni — Gentiana lutes. Juli — Dian- 310 thus deltoides. Juni — Reseda Luteola. Juni — Rubus gaxati- lis. Juni — Digitalis ambigua. Juni — Vicia dumetorum. Juni — Trifolium ohren; Juni — Astragalus glyciphyllos. Juni — Hypericum hirsutam. Juni — Inula salicifolia, Juni — Satyrium viride. Juni — Ophris Nidus avis. Juni. Holzelfingen. Rhamnus saxatilis. Juni — Mespilus Cotoneaster. Juni — Rosa cinnamomea ß fœcundissima Roth, Juni — Aconitum Ly- coctoeum. Juni — Inula hirta. Juni. Sanct Johann. | Lithospermum oflicinale, Juli — L. purpureo - cœruleum. Juni — Atropa Belladonna. Juni — Gentiana verna, April — Dianthus deltoioles, Juni — Arabis arenosa, Juni — Cardamine Impatiens. Maj — Satyrium viride, Juli. ur ach. Eriophorum angustifolium, Juni — Melica an Maj — Lithospermum purpureo-coeruleum, Juni — Physalis Alkekengi, Juli — Gentiana verna. April — G. lutea. Juli — Caucalis grandiflora. Juni — Allium angulosum, Juni — Lilium Marta- gon. Juni — Rumex scutatus. Maj — Saxifraga Aizoon. Maj — Mespilus Amelahchier, Juni — Aconitum Lycoctonum. Juni — Helleborus fœtidus. April — Thalictrum aquilegifolium, Juni — Anemone Pulsatilla. Maj — A. hepatica. April — Stachis al- Pina. Juni — Draba Aizoon Wahlenberg. April — Dentaria bul- bifera. Juni — Alissum montanum. Juli — Cardamine Impa- tiens. Maj — Hieracium alpesre. Juni — Artemisia Absynthium, Juli — Orchis globosa. Juli — O. sambucina. Juni — Ophris Monorchis. Juli — O. myodes. Juli — O. arachnites, Juli — Polypodium fragile. juli. Teck. Festuca glauca. Juni — Leucojum vernum. April — Saxi- fraga Aizoon. Maj — Serapias rubra. Juni — Helleborus fœti- dus. April — Cypripedium Calecolus. Maj — Taxus baccata, Maj. — Schopfloch. Menyanthes trifoliata. Juni — Drosera rotundifolia. Juni — Vaccinium Vitis-Idæa. Maj — Oxycoccos palustris. Maj — Andromeda polifolia. Maj — Comarum palustre. Juni. 311 Blanbeuren. | Pinquicula vulgaris. Maj — Meliea ciliata. Juni — Gentiana verua. April — Astrantia major. Juli — Bupleurum longifolium. juli — Athamanta Libanotis. August.. — Allium angulosum, Juli — Rumex scutatus. Maj — Dianthus sylvestris. Juni — Gypsophila muralis. August — Saxifraga Tridactylites Maj — Silene rupestris. Juli — Actæa spicata, Juni — Thalictrum aquilegifolium. Juni — Helleborus fœtidus. Aqril — Anemone Pulsatilla. Maj — A, hepatica. April — Teucrium montanum. August — Stachys alpina, Juni — Nepeta Cataria, Juni — Draba Aizoon Wahlenberg, Maj — Hieracium humile, Juni — Carduus defloratus. Juni — Buphthalmum salicifolium, Juni — Centaurea montana. Juni — Apargia incana, Maj — Serapias latifalia. Juli. Heidenheim. Hippuris vulgaris. Juni — Veronica scutellata, Juni — Po- tamogeton densum, Juli — P. lucens. Juli — Campanula specu- lums Juli — Astrantia major, Juli — Caucalis grandiflora, Juni — Cicuta virosa. August — Helleborus feetidus. April — Ane- mone Pulsatilla. Maj — Melittis Melissophyllum. Juni — Oro- banche caryophyllacea, Juni — O. cœrulea. Maj — Lunaria re- diviva. Maj — Turritis glabra. juni — Guaphalium germani- cum, Sept. Roſenſtein bei Aalen. Laserpitium silex. juli — Thalietrum minus. juli. Nebſt mehreren der uͤbrigen hier ſchon erwähnten Albpflanzen. Fuͤnfter Anhang. Berichtigungen und Zuſaͤtze. Zur Beurtheilung der Hoͤhemeſſungen: der Wuͤrtemb. Fuß verhält ſich zum Pariſer wie 560 zu 317. Zum ıften Tage S. 12. L. 7. v. u. 10 ftatt Gre ſpa ch zu leſen: Kreſpach. 312 6 Zu dem sten Tage. S. 39. Linkenboldsloͤchlein. Von dieſer Hoͤhle, von der ich bisher durchaus nichts Naͤ⸗ heres erfahren konnte, erhalte ich noch eben zu rechter Zeit durch die Guͤte eines Augenzeugen, eines der wenigen, die fie ſeit 66 Jahren beſucht haben, folgende Beſchreibung: „Im Fruͤhjahr 180 erfuhr ich in Onſtmettingen, Ba: linger Oberamtes, daß etwa eine Viertelſtunde vom Ort eine Höhle ſich befinde, die man das Linkenboldsloͤchle nenne und welche vor etwa 40 Jahren das letztemal von dem Oberamtmann von Balingen mit einem Buͤrger von Onſtmet⸗ tingen beſucht worden, welch letzterer zum Zeichen, daß er in der Höhle geweſen, eine kleine Arzneyflaſche mit Oel gefüllt, am Ende der Hoͤhle zuruͤckgelaſſen habe. Hierauf aufmerkſam gemacht und bei der Volksſage, daß das muthige Heer (der Teufel) in dieſer Hoͤhle hauſe, erkundigte ich mich nach dem Begleiter des Oberamtmanns, um von demſelben das Nähere über dieſe Höhle zu erfahren; es kam ein Sojähriger Mann und beſchrieb mir die Hoͤhle geuau, wie er dieſelbe vor etwa 40 Jahren geſehen mit der Bemerkung, daß man ſich vor dem Linkenbold gehörig ſchuͤtzen muͤße ) und eine Lei⸗ ter von ohngefaͤhr 40 Sproſſen noͤthig habe, um durch das ſenkrechte Loch in die Hoͤhle kommen zu koͤnnen. Ich fand nun eine Oeffnung von ungefaͤhr 5 Fuß im Durchmeſſer und von einer ſenckrechten Tiefe von ohngefaͤhr 30 Fuß, die unten etwa 10 Fuß tief mit einem Steingewoͤlbe angefuͤllt war (wie es mir ſchien durch nach und nach hinunter geworfene Steine). Hier theilte ſich die Hoͤhle in 2 Aeſte, wovon ich den einen bis auf etwa 800 Fuß Laͤnge verfolgte, wo ich die Flaſche, ganz incruſtirt vorfand. Dieſer Aſt hatte oͤfters eine Breite von 5 bis 8 Fuß und ſinkte ſich immer abwärts; an feinen Wandungen fand ich die ſchoͤnſten Tropfſteine, die ich je in Höhlen geſehen und mehrere klare Quellen. Den andern Aſt konnte ich auf etwa 80 Fuß lang verfolgen, wo die Tropfſteine das Ganze ſo verengten, daß ich kriechen mußte, *) Der Lin kenbold kommt auch im Schwarzwald und im Harzgebirge (hier unter dem Namen Leinbold) als Anführer des Muthesheeres vor, derſelbe, der uns von Sach⸗ ſen aus unter dem Namen Samiel beſucht. ö 313 und nachdem ich dieſelben mit einem Hammer weggeſchlagen hatte, in eine größere Hoͤhlung von etwa 30 Fuß im Durch⸗ meſſer kam, die ſich mit einem kleinen durch mehr als fußdi— cke Tropfſteine verſperrten Loch endigte, zwiſchen deen Oeff-⸗ nungen ich das Licht ſteckte nnd eine weitere Höhle ſah, indie ich mich aber wegen der zu dicken Tropfſteine nicht durcharbei⸗ ten konnte, weil mein Hammer zu klein war. Nur einen jungen Bauernburſchen konnte ich bereden, mir in die Hoͤhle zu folgen, unerachtet mich eine Menge Menſchen bis an die Hoͤhle begleiteten, alle fuͤrchteten den Linkenbold, und als ich hinabſtieg, war ich in ihrer Meinung entweder ein Hexenmeiſter, oder gar des Teufels. Zum aten Tage. S. 60. L. 10. v. unten. Die Stuhl: ftaig führt nicht von Oberhauſen aus, wie der Text ver: muthen laſſen koͤnnte, ſondern von Pfullingen aus, und zwar rechts vom Hauſener Thale uͤber das Gebirge nach der Nebelhoͤhle und nach Lichtenſtein. S. 75. bei der Ausſicht von der Achalm herab iſt der Rech— berg vergeſſen worden, der neben Hohenſtaufen blau uͤber die benachbarten Albwaͤnde hervorragt. Zu dem 5ten Tage. S. 98. die Tropfſteinhöͤhle beim uracher Waſſerthal iſt jetzt (April 1823.) eben durch die vorgeſchrittenen Arbeiten des Tuffſteinbruchs wieder zugaͤnglich, aber auch ſehr verderbt worden. Sie iſt voll der herrlichſten Tropfſteine. Die Steinhauer fanden allerley Alterthuͤmer z. B. Teller darin, die aber leider nicht aufbewahrt worden ſind. ö ö ö S 104 L. 10. Statt: dem wahnſinnigen Grafen Heinrich, dem Vetter Eberhards des Jünger, iſt zu leſen: d. w. G. H. dem Vetter Eberhards des Ael⸗ tern und Bruder Eberhards des Juͤngern. S. 112. Zum Skt. Amandusſtifte oder Moͤnchs⸗ hof zu Urach. Dem Verfaſſer find leider erſt nach faſt vols lendetem Drucke des Wegweiſers zwei mit großem Fleiße ge⸗ arbeiteten Flugſchriften des Herrn Pfarrers M. Gratianus in Hengen bekannt geworden, die er nicht mehr benutzen konnte, auf welche er aber alle Freunde topographiſcher Notizen ver— weist, und die ohne Zweifel in Urach noch vorraͤthig zu finden find. Ihr Titel iſt: ) die Pfarrkirche St. Amandi zu Urach. Am zten Jubelfeſt der Kirchenverbeſſeruug. 1817. 2) Der Moͤnchshof zu Urach. Vergaugen⸗ ; 314 gangenheit und Gegenwart, eine Denkſchrift, veranlaßt durch die Eroͤffnung des neuen K. evang. theol. Seminars in Urach. (Beide ohne Druckort.) f S. 114. Noch find als eine Merkwuͤrdigkeit Urach s die Leinweber zu erwaͤhnen, zumal wenn es mit ihrem Urſprung, wie ihn Friederich Nikolai in ſeinen Sempronius Gun⸗ dibert (S. 25.) erzaͤhlt, ſeine Richtigkeit haͤtte: „Friedrich, Herzog von Wuͤrtemberg bat ſich vor 200 Jahren vom Engli— ſchen König Jacob den blauen Orden des Hoſenbandes aus. Das waͤre laͤngſt vergeſſen. Aber den Ordensgeſetzen zufolge mußte ſich Friedrich in eine Zunft zu London einſchreiben laſ— ſen. Er waͤhlte die Zunft der Leineweber, nahm aber das Ein— ſchreiben für dergeſtalt wichtig, daß er im Ernſte Leineweberet treiben wollte. Daher baute er an einem un fruchtbaren Flecke feines Landes “), zu Urach am Fuße der Wuͤr⸗ tembergiſchen Alpen, Haͤuſer fuͤr Leinweber, deren noch jetzt uͤber 100 daſelbſt wohnen, und ſo iſt das Staͤdtchen noch jetzt im guten Wohlſtand.“ Nikolai hat dieſe Notiz aus Roͤslers Beiträgen (II. S. 247. ff.) und dieſer aus der ſchwaͤbiſchen Chronik von 1786 ent⸗ lehnt. Schade, daß die Data nicht uͤbereinſtimmen. Friedrich er— hielt naͤmlich den Hoſenbandorden erſt am öten Nov. 1602. Die Bleichanlegung aber und die Erbauung von 29 Haͤuſern am aͤuſſern Graben, jedes zu zwei Weberfamilien (eine Baute, die um die ganze Stadt herum fortgeſetzt werden ſollte) fiel een in das J. 1599 laut einer Inſchrift, die wenigſtens im J. 1790 noch am letzten Weberhauſe zu leſen war, folgenden Inhalts: ’ „Friedrich Herzog zu Wuͤrtemberg Hat aufgericht dieß loͤblich Werk Der Weberzunft an dieſer Straſſen Neun und zwanzig Haͤuſer bauen laſſen. Herr Jeſaias Huldenreich N Der fuͤrſtlich Anwald legt desgleich An Peterstag den erſten Stein Im Grund ein Glas mit rothem Wein. Anno Salutis 1599. *) So nennt der Berliner, der unſer Land bereist hatte, dieſes himmliſche Bluͤthenthal! 315 Der Herzog führte anfangs den Handel auf eigne Rech— nung durch feine Beamte; dann aſſocierte er ſich mit 2 Kauf⸗ leuten aus Urach, Muͤller und Schwann; nach einigen Jahren nahm er ſein Kapital zuruͤck und uͤberließ denſelben den Handel, die ſo Stifter der Uracher Webercompagnie wur— den. Nach Muͤllers Tod aſſocierte ſich Schwann mit Kieffer. Im J. 1736 beſtand die Compagnie aus den Handelsleuten Kieffer, Rau, Stuber und Rheinwaldt. Sie erhiel⸗ ten ein Privilegium von Herzog Carl Alexander; und unter der letztern Firma bluͤhte die Compagnie noch im Jahr 1790. Damals wurden jaͤhrlich 7—8000 Stuͤcke Leinwand, jedes von 66 Ellen, verfertigt. Die Weber lernten anfangs von den Schleſtiern, wurden aber bald ſelbſtſtaͤndig, und der Handel lebhaft, ſelbſt ins Ausland, mit der rohen Leinwand nach Ita— lien und der Schweiz, mit der gebleichten nach dem Rheine und Frankreich. Seit geraumer Zeit aber hat ſich die Com— pagnie aufgelöst, und die Theilhaber find theils an andre Orte (z. B. Calw) gezogen, theils vereinzelt in Urach geblie— ben. Die Uracher Weber behaupten jedoch noch heutigen Ta— ges ihren Ruhm. Das ſchoͤne ſteinerne Portal jener ſogenann— ten Weberbleiche, die zwiſchen dem aͤuſſern und innern Thore am Graben angelegt war, ſteht gegenwaͤrtig zwiſchen der Stadtſchreiberei und dem Schloß. Zu S. 119. Seeburg. Im Text iſt angegeben worden, daß die Staͤtte der feſten Burg Seeburg Niemand mehr kenne. Der wohlunterrichtete Loͤbenwirth hat mich kuͤrz— lich eines Beſſern belehrt. Sie ſtand auf dem Huͤgel, der die— ſem Wirthshaus gegenuͤber liegt. Bei deſſen Beſteigung fand ich wirklich unverkennbare Spuren von Gebaͤuden und Graͤben, wenn gleich keine Mauern mehr. Auch heißt der Huͤgel noch ins- gemeine Schloͤßlesberg, und ein aus demſelben aufſteigen— der Fels der Schloͤßlesfels. Gegen über ſoll ein andres Schloͤßchen geſtanden haben. In einem benachbarten Stein— bruch fand vor zwei Jahren ein Mann einen Topf mit einem Deckel ohne Knopf, darin 800 roftige Silber muͤnzen, von der Groͤße eines Groſchen, ohne Inſchrift; auf der einen Seite hatten ſte ein Kreutz, auf der andern eine offne Hand. Eine beſondre Merkwuͤrdigkeit beſitzt Seeburg ſeit dem Merz dieſes Jahrs ald an einer ziemlich geraͤumigen neu⸗ entdeckten 316 Hoͤh le, N x die am Fuße des Schloͤßlesberges liegt, an dem man ſchon vorher andre Ritzen und Löcher kannte. Vor kurzem nämlich kaufte ſich ein Maurermeiſter, Namens Lamparter, hier ein Gaͤrtchen, um in dem tuffſtein reichen Boden (dieß iſt der Haupterwerbszweig des armen Doͤrfchens, das nur 48 Buͤrger zaͤhlt) Steine zu graben. Kaum aber hatte er die Arbeit angefangen, als er mitten in dem Tuffſteinlager auf einen, wie es ſcheint, von Menſchenhand eingelegten Sand- ſtein ſtieß, nach deſſen Hinwegnehmung er anſtatt der ge— hofften Steine die anfangs unwillkommne Entdeckung einer be= deutenden Hoͤhle machte. Seitdem hat er eine bequeme Treppe hinabgefuͤhrt, und die bereits aufgeregte Neugierde der Rei⸗ ſenden entſchaͤdigt ihn mit reichlichen Trinkgeldern fuͤr ſeine getaͤuſchte Hoffnung. Die Hoͤhle iſt naͤmlich allerdings ſehens⸗ werth, obgleich weder was Groͤße, noch was Mannigfaltigkeit betrifft, Jemand ein Nebelloch erwarten darf. Sie unterſchei⸗ det ſich von den übrigen größern Höhlen der Alb dadurch, daß ſie nicht im dichten Kalk der Alb, ſondern im Kalktuff in einem engen Thal der Alb Liegt, fie iſt 118 wuͤrtemb. Schuhe lang, ihre größte Breite beträgt 2 7 und größte Höhe 57 Schuhe; fie iſt in ihrem Innern nicht mit den gewöhnlichen dichten zapfenaͤhnlichen Tropfſteinen beſetzt, ſondern mit etwas regelmäßig traubig gebildetem lockrem Kalktuff blaͤtterartig aus⸗ gekleidet, in einer Ecke der Hoͤhle findet ſich eine kanzelartige Erhöhung, die gleichfalls regelmäßig mit dieſem Tuffſtein be= haͤngt iſt. Stalaktiten hingegen finden ſich durchaus keine. Das Ganze gleicht einem hohen gewoͤlbten Saal. Im Hinter- grund beſteht der Boden aus kaͤsfoͤrmigen Laiben vom feinſten Thon, wie von Menſchenhand geſtampft. In der Höhle fand man eine Menge friſcher (nicht verſteinerter) Knochen von Hausthieren: Ziegenkoͤpfe, Hundsgebiſſe (wenn es nicht Wolfs⸗ knochen ſind) und andre Knochen offen da liegend. Da der oben genannte und mehrere an der obern Woͤlbung der Hoͤhle eingelegte weiſſe Sandſteine es hoͤchſt wahrſcheinlich machen, daß die Hoͤhle vor Zeiten gebaut und offen war, ſo fragt ſich, ob jenes Vieh nicht bei Zerſtoͤrung der Burg von den Schloßbe— wohnern dorthin gefluͤchtet, in der Verwirrung zuruͤck gelaſſen, und zu Grunde gegangen ſey, oder ob Wölfe ihre Beute dort⸗ hin geſchleppt haben. Herr Profeſſor Schuͤbler hat die Hoͤhle 517 vor wenigen Tagen (April 1825) auf Auftrag der Regierung unterſucht und man ſieht einem ausfuͤhrlichen Berichte daruͤ— ber entgegen. — Zu einer ſchoͤnen und vollſtaͤndigen Beleuch⸗ tung der Höhle beduͤrfte man 6— 8 Fackeln. Aeſthetiſche und gelehrte Nachbarn haben ihr bereits den Namen Bertha— hoͤhle geſchoͤpft; denn die letzte Bewohnerin des Schloſſes ſoll ſo geheißen haben *); der gemeine Bauer aber nennt ſie ſchlechtweg: das Hanneſen Loch, von ihrem Beſtitzer. Die: fer hat in feines Hauſes Keller ſchon laͤngſt einen unter ir⸗ diſchen Gang entdeckt, der nach dem Schloſſe gefuͤhrt zu ha⸗ ben ſcheint. a ' Da die Höhle die Zahl der Beſucher von Seeburg ver: mehren und ihren Aufenthalt verlängern koͤnnte, fo iſt zu be— merken, daß man im Löwen zu Seeburg neben guter Be: dienung auch Nachtlager findet. Zum 5ten und 6ten Tage. (Falkenſteiner Hoͤhle. S. 121.) Die Grabenſtaͤtter Bauern behaupten, in ihr liege ein Schatz Goldes, groß wie ein Ofen; fie koͤnneu ihn erheben, aber Ei— ner muß daruͤber das Leben laſſen, darum beſchifften ſte die Höhle etwa 20 J. unter Anfuͤhrung eines Greifen mit folder Lebensgefahr, daß fie ſich oft nur durch Hinaufklettern an die oberſten Felswaͤnde retten konnten. — Urſprung der Lauter. S. 153. Hier graben die Schlattſtaller, weil fie wiſſen, daß „der Seeburger Muͤllerknecht“ von der andern Seite des Ge— birgs her (vielleicht vom Falkenſtein) eingedrungen und auf ei⸗ nen Klumpen Goldes geſtoſſen iſt; er hat ihn ausgehauen und mitgenommen, die Axt iſt ihm aber ſtecken geblieben. Mit dem Gold hat er ſich eine Grafſchaft in der Schweitz gekauft. Zum ö6ten Tage. S. 158. Dippoldsburg. Da die⸗ fer Name in der Geſchichte der Kammerboten aus Schwaben, die ich anderswo poetiſch bearbeitet habe, vor: kommt, ſo verſetzt Cruſius einen Theil des Schauplatzes ) Oßwald Gabelkover erzählt naͤmlich bei Erufius, daß er nichts von Freiherrn, wohl aber von Edeln von Seeburg wiſſe; daß namentlich noch zwiſchen 1396 und 1599 eine Bertha von Seeburg, ihr Bruder Jo⸗ hannes und deſſen Kinder Craffto, ein Geiſtlicher, Eli⸗ ſabeth und Margareth (dieſe damals unverheirathet) gelebt haben. Er habe nur noch ein Ueberbleibſel vom Schloß und von Mauern, nebſt einem Thurm, der auf einem Felſen ſteht (offenbar dem Schloͤßlesfelſen) gkſehen. 318 dieſer Geſchichte hieher. Auch fpätre und moderne Erzähler ſcheinen dieß gethan zu haben, wie ich denn die Geſchichte erſt kuͤrzlich aus dem Munde meines Wirthes zu Urach gehört. habe, der ſte auch ins Lenninger Thal ſetzte, mir aber die Quelle nicht nennen konnte. Ohne allen Zweifel aber lag jenes Dippoldsburg im All gau, wo die ganze Ge— ſchichte ſpielt, obgleich ſich dort keine Ruine dieſes Namens mehr findet. Zu den Andeutungen über die Donauſeite. S. 270. L. 20. Hornſtein, ſchoͤnes, altes Schloß; noch nicht Ruine; wenigſtens iſt eine Seite mit zwei ſtattlichen Thuͤr⸗ men noch unzerfallen. Das Ganze von koloſſaler Geſtalt. Zum Schluſſe geben wir noch die Hauptpunkte an, von welchen aus der Ferne der Wandrer das ſchoͤne Albgebirge zu Ahnung oder Erinnerung am vortheilhafteſten uͤberſchauen kann: Von Stuttgart aus: vor Degerloch links von der Chauſſée; von einigen Stellen des Haſenbergsz dieſſeits Syllenbuchs. — Von Tübingen aus: auf dem Steine⸗ berg; bei Waldhauſen; vom Oeſterberg; auf der Wurmlinger Capelle; oberhalbe u ſten au. — Von Eß⸗ lingen aus: auf der Burg (theilweife); auf dem Zoll⸗ berg; vom Jaͤgerhaus; bei Ruͤdern, bei der Cathari⸗ nenlinde; auf dem Rothenberg. — Von Nuͤrtingen aus: zwiſchen Oberenſingen und Wolfſchlugen vor dem Wald; zwiſchen Wolfſchlug en und Sielmingen an der Linde — Von Kirchheim aus; auf der Schuſterburg; auf der Hahnwaide; oberhalb Koͤngen. — Oberhalb Neckarthailfingen, zwiſchen dieſem Dorf und Groͤzin⸗ gen (einer der ſchoͤnſten Standpunkte, beſonders wegen des Neckars). — Von Herrenberg aus: auf der Burg; auf Roſeck; zu Sindlingen (von dieſen 3 Punkten nur, etwa von der Achalm an, die obre Alb). — Von den meiſten hoͤ— hern Punkten des wuͤrtembergiſchen Schwarzwalds, als: auf der Burg von Nagold; oberhalb Heiterbach; oberhalb Hirſchau u. ſ. w. Eben ſo auf dem Welzheim er Wald. — Im Remsthal: von Buch aus. — Von Ludwig s- burg: vor dem Salon. — Vom Wunnenſtein bei Bott: war. — Von den Loͤwenſteinerbergen. — Von den Gip⸗ 1 0 Strombergs. — Vom Katzenbuckel im Ode u⸗ wald. 5 Reg iſter über das Merkwuͤrdigſte. A. Aach, Fluͤßchen. 276. Aalen, Stadt. 246. Achalm, Berg und Ruine. 74. ff. Aichelberg, Dorf, Berg, einge⸗ gangene Burg. 192. f. Albuch 231. Altenburg (die) 853. Alterthuͤmer, roͤmiſche. 49. 58. 95. 94. 151. 282, 298. Anblick der Alb. 1 — 4. Andeck, Ruinen. 52. Anhauſen, Kloſter 282. Aufhauſen, Dorf 179. Ausſich ten im Allg. 7. 8. B. Backofenfelſen. 39. Bahlingen, Stadt. 14. ff. Baldeck. Ruine, 116. f. Bartholomaͤ, Dorf. 282. Baundelteich (Botan.) 274. Beißwanger Capelle. 236 ff. Belſen. Capelle. 48, 292. ff. Bettelmannshoͤhle. 275. Betzgenrieth, Dorf. 95. Beurener Fels. 124. f. (Note.) Bickishauſen, Dorf und Ruine. 275. a Bitz, Dorf (Ausſicht). 38, Blau, Fluß. 277. fe: Blaͤſiberg 8 Blaͤſibad. 12. 13. Thal 279. Blaubeuren, Stadt und Kloſter. 277. f. Bluͤthe. 9. Boͤllath, Berg. 30, Boller Bad. 191. ff. 193. f. Breitenſtein, Fels. 156. Brenz, Fluͤßchen. Thal. 281. f. Bruͤhlhof bei Hechingen. 14. Brunnen-Loch, Höhle, 66. Brun⸗ nenhaus bei Guͤterſtein. 92. Buch, Dorf, Ausſicht. 268. Buſſen, Berg. 276. g Buttenhauſen, Dorf. 275. Buzerbad. 48. C. Charakter der Alb. 1 — 8. D. Deggingen, Dorf. 179 Dettingen, Dorf. Bluͤthe. 149. Dizenbach, Dorf, Sauerbrunnen, 177. f. N Dippoldsburg, Ruine. 138. f. Dobel, Berg. 15. 18. E. Ebingen, Stadt. 34. ff. Ries Echo's 97. 101. 168. Edelmannswinkel (Burg). 23. Ehingen, Stadt, 277. Ehningen, Dorf. Handel. 83. ff. Elſach, Bach, 121. Waſſerfall. ebendaſ. ö Elchingen, Kirche. 281. Ehrenfels, Schloß, Höhle. 275. Erkenberg, Berg. 150. 167. 190. Erms, Fluß. 229. Eſelsburg, Ruine. 281. Eyach, Fluß. 27. ff. 35. Eybach, Dorf und Gut. 180. F. Falkenſtein, Hoͤhle. Ruine 281. 317. Farrenberg. 50. f. Feldberg. 23. Filder, (Gegend.) 7. 8. Fils, Fluß. 170. ff. 179. 186. Fiſchburg, Thal. 120. 121. f. Floriansberg. 95. Fohlenhoͤfe bei Urach. 88. Marbach u. Offenhauſen. 271. ff. 5 G. Gaiſenthal, Spindelnthal. 179. Gaiskanzel, Fels. 24. Gaisſpitzberg. 65. | Gansloſen, Dorf. 173. 177. Geiſſelſtein, Fels. 183. Geißlingen, Stadt. 182. Berg ſtraße. 183. Gelber Fels. 145. f. Geldloch 65. Gerhauſen, Dorf und Ruine. 279. Giengen, Dorf, Inſchrift. 186. Giſſenſtein, Berg. 65. Glasthal. 276. fi Gmuͤnd, Stadt. 248. ff. Ge werbe, Tracht. u. ſ. w. 252. Geſchichte. 285. ff. Goͤnningen, Dorf, Handel. 58. Goͤnningers-Hoͤhle. 96. Göppingen, Stadt. 196. ff. Gotteszell, Zuchthaus. 251. Grabenſtetten, Dorf. 121. 132. Grabenſt. Höhle. ebend. 317. Graͤblesberg 30. — er Höhle 30. Grafenberg, Dorf. 95. Graveneck, Jagdſchloß. 65. 27% Greifenſtein, Schloß. 65. Greſpach, Hofgut. 12. Gruibingen, Dorf. 191. f. Gruͤne Berg (der) 187. Gruͤner Fels. 87. 88. Gundelfingen, Hohen⸗ und Nie⸗ der: Ruinen. 275. Guͤterſtein, Kloſter. 89. ff. Guttenberg, Dorf. 135. f. H. Hackenfels. 30. Hackenbrunnen 33. Hauſen am Thann. 24. Haus, das große und das kleine, Hoͤhlen. 240. 243. Hayingen, Staͤdtchen. 275. 277. Heidenloch, Höhle. 219. 219. Heimenſtein, Höhle und Fels. 159. ff. Hechingen, Stadt. 15, ff. Heidenheim, Stadt. 282, denloch. ebend. . Heilbrunn bei Reutlingen 85. Helfenſtein, Ruine 180. 181 f. Grafen v. Helfenſt. — 181. f. — 248. Hei⸗ Regiſter. Herbrechtingen, Kloſter. 282. Herrgottstritt, Fels. Sage. 235. ff. Herrlingen, Dorf und Sgloz. * 279. Heubach, Staͤdtcheu. 232. f. Heuberg. 20. Hiltenburg, Ruine. 177. Hirſchberg. 27. (Sage davon) 28. Höhlen: 29. 39. 65. 66. 96. 98. 181. 118. 145. 146. 159. f. 165. . 240. 242. 243. 275. 277. 312. 316. f. 282. Hohenſtadt, Ausſicht. 175. Hohenſtaufen 202. ff. Berg 209. f. Dorf 208. f. Hohenſtein, Berg. 187. Ausſicht. Hohenzollern 41. ff. (Sage da⸗ von.) 28. Hdollenloch, Hoͤhle. 96. Honau, Dorf. Straße. 64. Hornberg. 27. f Hornſtein, Ruine. 317. Hunderſingen, Dorf und Ruine. 275. F. Jebenhauſen, Dorf. Judenko⸗ lonie. 195. Jorgenberg. 69. f. K. | Killer, Fluß. Killerthal. 38. f. Kirchheim an der Teck, Stadt. 150 ff. Kleinengſtingen. 65. Klingenſtein, Ruine. 279. Kolberg, Dorf. 5. Koͤnigsbronn, Kloſter, werk. 282. Köngen, Dorf, roͤm. Alterthuͤ⸗ mer. 150. f. | Eiſen⸗ Kornbuͤhel; Berg. 51. Krebsſtein, Hof. 135. u Lautrach, Fluͤßchen, Grund. 279. Dorf. 279. Lauter, Name mehrerer Fluͤſſe, 1) 1327 f. 134. f. 149. 2) 244. 5) 271. ff. 276. ff. 4) 279. Lauterburg, Dorf und Nuine, 244. ff. oder Lauterſtein, Rui⸗ ne. 279. Lautern, Dorf, 242. 279. Lautlingen, Dorf. 55. — r Thal 27. ff. 85 Lenningen, Dorf, Ober⸗ 137. Unter: 158. Lenningerthal. 135. 135. ff. Sage 159. ff. Lichtenſtein, Schloß. 65. ff. ' Limburg, Berg. 150. 156. 190. Lindach, Fluͤßchen. 167. ff. Waſſerfall. 16g. Linkenboldslöchlein, Höhle, 512. 59. Lochen, Berg. 11. 18. ff. Lo⸗ chenfels und Löchenſtein. 19. Lochengrund 24. Lochenhof. 24. Lorch, Kloſter und Dorf. 259, ff. M. Maͤgdleinsfels. Sage. 72. Maiſenburg, Ruine. 275. Mannſperg, Ruine. 15% | Marbach, Hauptgeſtuͤtte 272. f. Marchthal, Unter⸗Ober⸗(Klo⸗ ſter) 276. f. Margarethenhauſen, Kloſter 35. Meſſelberg (der) 188. Metzingen, Marktflecken. 95. Mineralwaſſer. 25, 65. 85. 195. 195. 199. Regiſter. Mi'öͤſſingen, Dorf. 52. f. Muͤnſingen, Stadt. 219. Muͤnſ. Straße. ebend. Muſchenwang, Ruine. 27). N. Nebelhoͤhle. 59. ff. Neidlingen, Dorf. 160. 167. f. Neidl. Thal. 160. 167. f. Waſſerfall. 169. Neufen, Hohenneufen, Feſtungs⸗ Ruine. 124. ff. Sage 1531. Staͤdtchen 126. 1351. Nuͤrtingen, Stadt. 267. O. Oberhauſen, Schloß. 25. Dorf. / 64. Ochſenwang, Weiler. 155. f. Oedenthurm (der bei Geißlingen) i 180. Offenhauſen, Dorf. ehem. Klo⸗ ſter. 271. f. Ofterdingen, Dorf. 13. Onſtmettingen, Dorf. (Hohle) 39.312. Ortbuch, Berg. Ausſicht. 273. f. Owen, Staͤdtchen. 148. f. Plettenberg. 22. ff. Pfaͤhlhof. 120. Pfullingen, Stadt. 75. f. R. Ramsperg, Burgſtall. 187. f. Rauber, Ruine 138. f. Rechberg, Schloß. 221. ff. Berg. 229. ff. Sage. 229. Rechtenſtein, Burg. 277. Neichenftein, Burg, 277. Reiſſenſtein, Ruine. 162. ff. Reutlingen, Stadt. 79. ff. Riedhalden, Sauerbrunnen, 23. Riedlingen, Stadt. 276. 4 Roſenſtein, Berg. 251. f. 232. ff. Rotach, Bach. Waſſerfall. 183. Roͤthelbad. 183. Roßberg. 56. ff. Dettinger Roß⸗ berg. 96. Ruſſenſchloß. 279. S Salmandingen, Dorf. 51. — er Capelle. 51. Sankt⸗Johann, Jagdſchloß. 87. Sattelbogen, Gebirg. 94. f. Saubad. 138. Schlatkſtall, Dorf. 132. Seeburg, Dorf. 119. — er Thal 116. ff. 315. Sennerwaldhof mit Waſſerfall. 24. Schaafberg. 24. ff. Schalksburg. 16. 31. Sage von ihr 28. 32. Schalksbach. 32. Scharfenſtein, Ruine. 187. Scheuer, Höhle, 242. Schillerloch, Höhle. 118. Schilzburg, Schloß. 275. Schlichem, Fluͤßchen. 21. Schmicha, Fluͤßchen. 54. 38. Schmichen, Fluͤßchen, Thal. 277. Schopfloch, Dorf. 155. Schorndorf, Stadt. 267. Sibyllenloch, Höhle. 145. Sontheimer Erdloch, Hohle. 27% f. Sdflingen, Reichsabtei. 279. Sperberseck, Ruine. 154. Regiſter. } Stahleck, Ruine. 64. Staufenberg⸗ Lautlingen, Ruine. 34. \ Staufeneck, Burg. 188. 204. ff. Steinlach, Fluß. — er Tracht , ff. Steußlingen, Schloß. 277. Sternenberg, Berg. 271. Straßberg, Dorf. 38. Schloß. ebend. Sulzburg, Ruine. 138. Suͤſſen, (Groß: und Klein-) Dorf. 188. Teckberg. 142. ff. Teck, Ruine 145. ff. Herzoge von Teck. 147. f. Tegelberg. 186. Teufelsklinge. 241. Thierberg (der). 34. Thieringen, Dorf. 21. Torfgrube. 158. Trackenſtein, (Unter⸗) 176. Waſ⸗ ſerfall. ebend. (Ober⸗) 177. Tuͤrkheim, Dorf. 179. Turnberg, der — 192. Tyrolerberge. 21. 96. 274. 276. U. Ueberkingen, Bad. 179. f. Ulm, Stadt. 279. ff. — er Muͤn⸗ ſter. 280. Unterhauſen, Dorf. 64. Unterkochen, Eiſenwerk. 246. Urach, Stadt. 110. 122. 313. ff. L er Thal ge. f. 96. — er Waſ⸗ ſerfall. 97. ff. Feſtung. 101. ff. Grafen von Urach. 115. Urſulenberg. 70. ff. | V. Vogeſen. 21. 23. N Vorarlberger und Schweitzer Alpen. 25. 96. 250. 274. 276. Vrena Beutlinsloch, Höhle, 146. Waͤſcher⸗Schloͤßchen und Waͤſchen⸗ beuren. 219. f. 214. Waldhof. 25. Waſſeralfingen, Eiſenwerk. 246. Waſſerfaͤlle. 24. 31. 98. 114. 121. 169. 176. 185. Waſſerſtein, Hohle. 118. Wenzelſtein (Ruine) 25. Wenz⸗ lau, Hof. 24. Weilheim, Stadt. 190. f. Weiſenſtein Dorf. 180. Werenwag, Ausſicht. 271. Weſterſtetten, Ruine. 177. Wielandſtein, Ruine. 135. 136. f. Wiblinger Kirche 281. Wieſenſtaig, Stadt und Herr⸗ ſchaft. 170. ff. Wimſener Muͤhle. 275. Wittlingen, Ruine. 116. f. Wittſtaig, Weiler. 275. Wolfsloch, Hoͤhle. 29. Wuͤrtingen, Dorf. 6g. 3. Zeit der Albreiſen. 9. Zillhaͤuſer Waſſerfall. 51. Zwiefalten, Stadt und 276. Dorf. In der J. B. Metzle r' ſchen Buchhandlung in Stuttgart een und in allen Buchhandlungen Deutſchlands zu haben: ba Walter's allgemeines deutſches Gartenbuch, od. neue, gemeinnuͤtzliche und vollſtaͤndige, praktiſche Anleitung zur Anlegung und Behandlung der Luſt⸗, Küchen: und Baum⸗ Gärten. Zwey Bände mit 5 Kupfern. Dritte, völlig um⸗ gearbeitete, vermehrte und verbeſſerte Anftage: gr. 8. 49 Bogen. 1820. Preis 3. fl. 36 kr. gut gebund. 3 fl. 54 kr. Der erſte Band enthaͤlt den Blumen⸗ Garten, gibt zuerſt die noͤthige Auskunft uͤber Anlegung und Lage eines Blumen-Gar⸗ tens, Verbeſſerung des Bodens, taugliche Erde fuͤr Scherbenpflan⸗ zen, Umgraben, Miſt⸗, Lohe⸗ und Laubbeete, Erziehung und Saͤen des Samens, Verſetzen, Begieſen, Ueberwintern, Treiben, Stopper, Stecklinge und Ableger, kuͤnſtliche Befruchtung, Ausrotten des Un⸗ krauts und der Inſekten, Blumentoͤpfen. ſ. w.; dann werden die peren⸗ nirenden, die Sommer-, Zwiebel⸗, Knollen⸗, ͤKlauen⸗, Scherben-Blumen⸗ Gewaͤchſe, Blumenſtraͤuche, auslaͤndiſche Holzarten und Baͤume ein⸗ zeln aufgeführt, beſchrieben und ihre Cultur und Behandlung gez zeigt, wobei alle neuere beliebte Pflanzen vorkommen; auch iſt ein Flor⸗ oder Blumen⸗Calender beygefuͤgt. — Der zweite Band be⸗ handelt zuerſt den Kuͤchen-Garten, deſſen Lage und Anlegung und geht die Cultur der Kuͤchengaͤrten-, der gebraͤuchlicheren Ge⸗ wuͤrz⸗ und Arzneygewaͤchſe einzeln durch, geht hierauf zum O bſt⸗ garten uͤber, beſchreibt deſſen Lage, Boden und Anlegung, Baum⸗ ſchule, Veredeln, Verſetzen der Obſtbaͤume, Behandlung der hoch- ſtaͤmmigen, Erziehung, Setzen und Schnitt der Zwergbaͤume, Bez handlung der Obſt⸗Orangeriebaͤumchen, Treiben der Oyoſtbaͤume, Obſtſorten, Mittel gegen Krankheiten, ſchaͤdliche Thiere und Wun⸗ den der Bäume, Ueber die monatlichen Arbeiten im Blumen⸗, Kuͤchen⸗ und Obſtgarten iſt jedem ein Calender beigegeben; bei jeder Pflanze iſt ſowohl der late in iſche als der deutſche Na⸗ me angefuͤhrt und den Beſchluß machen ein lateiniſches und ein deutſches Regiſter. — Durch Vollſtaͤndigkeit und ſeine deutlichen und beſtimmten Anweiſungen zur Behand⸗ Inng jeder einzelnen Pflanze zeichnet ſich dieſes Gartenbuch vor den bereits exiſtirenden aufs vortheilhafteſte aus und auch manche ganz neue Erfahrungen findet man hier niedergelegt. Auch wer nichts von der Gaͤrtnerey verſteht, kann alle Geſchaͤfte, Ope⸗ rationen und Handgriffe, die dem Gärtner vorkommen, nach der ger nauen und faßlichen Anleitung, die er hier für jeden Fall findet, allein und ohne Huͤlfe eines Lehrers leicht verrichten. Fur unſere Gegenden hat das Walt er'ſche Gartenbuch uͤberdies die weiteren Vortheile, daß die Anweiſungen zu Behandlung der Pflanzen nach unſerm Clima eingerichtet und gerade dieſem ange meſſen ſind, auch keine andere, als bei uns allgemein verſtaͤnd⸗ liche Ausdrucke und Namen vorkommen; beide Vorzuͤge koͤnnen Garz tenbuͤcher des Auslands fuͤr uns nicht beſitzen, und gewiß wird kein Freund der Gaͤrtnerey die Auslage fuͤr dieſes Werk bereuen, deſſen Preis zugleich für 49 Dructbogen und 5 Kupfer ſehr billig iſt. & 2 233 / Ban, used er eee, z „ ae 2 5 F Ftultgart > in den IB Meezlerschen Buchhandtung. 4 Aue e. „ iehog Imrbitech Ae Alen peer. 2 N hug en. 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